Zauberzwerg

Hier noch mein Gewinner-Text vom Arosa-Humorfestival für alle, die den noch lesen möchten.

Geschätzte Verleger, liebe Autorinnen und Autoren

Genug ist genug! Irgendwann muss Schluss sein! Das Fass ist übergelaufen.
Ich wende mich an Sie mit diesem offenen Brief, denn den Leiden der jungen
Buchhändler muss endlich ein Ende gesetzt werden. Bücher, die schon zu lange unter den falschen oder viel zu verwirrenden Titeln
gehandelt werden, müssen endlich umbenannt werden! Warum nur heisst „Der Zauberberg“ noch immer „Der Zauberberg“ wenn die Kundschaft doch richtigerweise schon längst den „Zauberzwerg“ verlangt?
Und weshalb heisst Max Frisch nicht längst Max Frischer? Das ist doch viel
zugänglicher und die Kundschaft könnte es sich auch endlich merken und wir
Buchhändler müssten nicht länger belehrend sein. Apropos Max Frisch(er):
Eine Kundin verlangte letzthin richtigerweise „Den Homosexuellen Farmer“.
„Homo Faber“ ist sowieso ein viel zu seltsamer Titel. Neu sollte es auch
„Mein Name sei Gallenstein“, „Der Mensch erscheint im Holzgespähn“ und „Die
Reise nach Hongkong ohne Sinn“ heissen. Vielen Dank.

Da wir gerade dabei sind, es gibt noch weitere viel zu schwierige und unpraktische
Buchtitel, die der Umbenennung bedürfen, da diese die Kundschaft zu sehr
verwirren: Aus „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ muss „Die verlorene
Ehe der katholischen Kirche“ werden. Aus „Frl. Smillas Gespür für Schnee“
muss „Frau Müllers Gefühl für den Winter“ oder aber „Fräulein Müller und
der Schnee von Gestern“ werden. Aus „Sofies Welt“ muss „Softies Welt“ oder
aber „Stefanies Traum“ werden. Aus „Die satanischen Verse“ muss „Die satirischen
Verse“ werden. Sehen Sie denn nicht ein, dass das die Kunden – von denen
sie ja schliesslich leben –  lieber schnörkellose und bescheidenere Buchtitel
wünschen?

Und weshalb – um Gottes Willen – prangt noch immer Bruce Chatwin als Urheber
der „Traumpfade“ auf dem Buchdeckel? Meine Kunden wissen längst, dass Bruce
Willis der Autor dieses wunderbaren Romans ist! Und der „Herr der Ringe“
ist nun mal von Tolstoi – auch wenn Ihr, liebe Verleger und geschätzte Autoren,
nicht müde werdet das Gegenteil zu behaupten. Wenn der Kunde „Das Parfum
von Grisham“ möchte, warum lasst Ihr ihn nicht? Spielt es denn eine Rolle?
Lieber Herr Süskind, seien Sie nicht kleinlich! Warum möchten Sie Ihren Erfolg
partout nicht mit Herrn Grisham teilen?
Die „Weihnachtsgeschichte“ mag ja Dickens geschrieben haben. Die Kunden möchten
aber lieber „Die Weihnachtsgeschichte von Darwin“. Wann lernt Ihr endlich,
auf die Kundenwünsche einzugehen?

Wenn eine arme, verwirrte Schülerin „Nazis in Dortmund“ von Rudolf Hess lesen
möchte, dann lasst sie doch! Hauptsache das Kind liest! Muss es denn unbedingt
„Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse sein? Ein Schüler, der „Bion“ oder
„Brion“ verlangt, sollte nicht „Hiob“ aufgedrückt bekommen. Seid doch nicht
so verbohrt! Ihr wart doch auch mal jung!

Lieber Pascal Mercier, warum in die Ferne schweifen? Das Gute liegt so nah!
Ihr „Nachtzug nach Lissabon“ hätte auch „Nachtflizzer nach Bellinzona“ heissen
können –  unseren Kunden hätte das genügt.

Liebe Herren Reisebuchverleger, wann lernen Sie endlich die Reiseführer befriedigend
zu beschriften? Eine Kundin bemerkte letzte Woche richtig, dass wenn sie
gewusst hätte, dass Ibiza eine Insel ist, wäre sie nie dorthin gereist. Wäre
das auf dem Reiseführer gestanden, hätte das der guten Dame viel Ärger erspart
und sie hätte den Reiseführer nach der Reise auch nicht zurückgeben müssen.
Dass gute Mädchen in den Himmel kommen und böse überall hin, wissen wir längst.
Wann endlich erscheint „Gute Mädchen kommen immer“?
Und dass das medizinische Wörterbuch „Pschyrembel“ nicht längst „Psychobembel“
heisst, lässt auf einen unglaublich elitären Verleger schliessen, denn anders
ist dieses neunmalkluge und abgehobene Verhalten nicht zu erklären.

Wenden möchte ich mich auch noch an Frau Johanna Spyri. Liebe Frau Spyri,
Sie mögen ja tot sein. Die Welt dreht sich trotzdem weiter! Wann erkennen
Sie endlich, dass es in den Bergen keine Geissen mehr gibt und demnach der
Geissenpeter lieber Mountainbike fährt? Ihr Buch hätte schon lange umgeschrieben
werden müssen! Die Kunden möchten in Peter längst den sportlichen Ingenieurssohn
sehen.

Wie Sie sehen, müssen wir Buchhändler tagaus tagein zwischen euch eigensinnigen
Autoren, Verlegern und den konsternierten Kunden vermitteln. Müssen täglich
Zeuge sein, wie die Kunden verloren durch die Buchhandlung irren und einfach
nicht finden, was sie sich wünschen. Ein Trauerspiel! Und das alles nur,
weil Ihr unglaublich stur seid!

Auf die Dauer kann das nicht gut gehen. Wir Buchhändler hoffen, dass Sie
der Kundschaft zuliebe bald ein Einsehen haben und auf mein Anliegen eingehen
werden. Denn auch uns wäre sehr geholfen; wir die ewigen Mittler zwischen
Ihnen und Ihren hochfliegenden, vergeistigten Werken und der irritierten
und verunsicherten Leserschaft.

Mit der dringenden Bitte um schnelles Umsetzen meines Anliegens und mit freundlichen
Grüssen,
Ihre Buchhändlerin S. aus Z.

 

6 Gedanken zu “Zauberzwerg

  1. Diesen Text kann man jetzt auch hören 😉

    [audio src="http://sterne-mond-und-sonne.de/mond/SabineSpengler_GesprochenVonWillemsen.mp3" /]

    MP3, ca. 6,5 MB

    Viel Spass!

    Der Fantasmus.

  2. Sehr geehrte Frau Spengler,

    ich habe soeben Ihren Text gelesen und gehört und finde ihn hinreißend. Wirklich wunderbar! Ein großes Kompliment dafür! Ich bin heute erstmalig hier und freue mich, dieses Blog entdeckt zu haben.

    Mit freundlichen Grüßen

    PS: Wie ist es Ihnen gelungen, Roger Willemsen als Lesenden zu gewinnen?

  3. hallo silentrose!
    vielen dank für das schöne kompliment! ich hatte mit diesem text einen schreib-wettbewerb gewonnen und der gewinn war, dass ein profi (also roger willemsen in meinem fall) den text an einer abendveranstaltung anlässlich des arosa humorfestival vorliest. das war natürlich ausserordentlich schön für mich, denn gibt es einen besseren „vorleser“ als roger willemsen? wohl kaum. 🙂
    herzliche grüsse!

  4. Hallo,

    herzlichen Glückwunsch zum Sieg! Oh ja, Roger Willemsen als Vorleser eines eigenen Textes zu haben ist schön.
    Ich bin mit meinem Glückwunsch zwar etwas spät dran – sehe, dass der Eintrag vom Feber stammt – aber was Schweizer Schreibwettbewerbe betrifft, bin ich absolut unterinformiert. Man möge mir mein österreichisches Unwissen verzeihen 🙂

    So, nun lese ich mir Ihren entzückend verfassten Text nochmals durch. Er gefällt mir wirklich sehr gut. Aber ja, ich hör‘ eh schon auf mit den Komplimenten 😉

    Freundliche Grüße,
    silentrose

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