Ohne rechten Zugang

Und hier mein Text, den ich für den Lehrgang geschrieben hab:

Ohne rechten Zugang
Abwechselnde Monologe in 3 Szenen

1. Szene
In den Bergen, auf der Terrasse eines Berghotels, früher Morgen

Sie:
Spiel für mich! Deine Hände gehören zu mir. Ich bin glücklich und überrascht, dir gerade hier zu begegnen. Ich bin nicht überrascht, dir zu begegnen, ich wusste, dass es passieren würde, unsere Welt ist manchmal klein.

Er:
Dein Blick. Er war mir unangenehm.
Es war mir unangenehm dich zu bemerken, weil ich dachte, dass es nichts Aussergewöhnliches ist, dich zu bemerken.

Sie:
Ich zweifle nicht.

Er:
In den Bergen spiele ich gern. Wo sich dicke Unterländer von den Strapazen ihres Unterländerlebens erholen. Ich mag das Atmen hier. Ich mag, dass mir der Alkohol zu Kopf steigt, auf den ich im Unterland gänzlich verzichte. Hier drängen sich Empfindungen auf, die mir fremd sind. In den Bergen aber scheinen mir diese notwendig oder zumindest passend.

Sie:
Die Luft ist grau, es ist kalt, du wickelst mich in deinen Mantel, dein Geruch nah an meinem Gesicht.

Er:
Der Horizont war heute weit und der Himmel blau. Daran glaub ich. Ich sehe den Himmel und ich fühle den Horizont. Manchmal möchte ich dahin gehen, wo der Himmel aufhört, doch ich denke, auch da bin ich nicht gern.

Sie:
Deine guten Jahre – mögen sie noch lange dauern. Du wirst zu Recht getragen und bist bestimmt auch zu Recht Eminenz. Gross und gelassen und fürsorglich und klar. Und wenn du mit deinen Augen, deinen hellen, offenen, verwunderten Augen, durch das Land reist und auf Menschen und Orte und Orte in Menschen triffst, dann bist du wohl auch Glück für andere.

Er:
Wie ich mich fühle? Mit allen Gründen gesegnet, glücklich zu sein, doch gerade ohne rechten Zugang zum Glück.

Sie:
So ist das bei mir: Ich möchte mir kein Leben mehr ohne deine Hände vorstellen.

Er:
Die Gedanken an Dich schwirren, ordnen sich zu keiner Formation, wollen nur gedacht-gefühlt, nicht gesagt werden. Wir dürfen das, ich weiss. Geschlafen habe ich kaum, getrunken viel. Jetzt suche ich, aus der Schwäche eine Tonlage zu gewinnen. Heute wäre es schön, den Tag in Deine Augen hinein zu wissen und danach an Dich gelehnt einzuschlafen. So ist das heute. Du lächelst?

Sie:
Ich finde mich in deinen Armen wieder. Und ich wundere mich über die Leichtigkeit dieser Geste. Ob jede Unsicherheit bei Dir in eine Umarmung mündet?

Er:
Ich freue mich auf das Gefühl, ich habe es noch in mir, Du bist freigebig. Ich sehe Dich in Pullovern.

Sie:
Hinter uns an der Wand weiss ich deinen Namen. Er kündigt das vergangene Konzert an. Es ist mir, als sei dein Namenszug ein Überbleibsel aus einer schwarz-weissen Zeit. Du bist gross und ich gewinne Grösse durch dich.  Bei dir hat es Platz für mich. Ich möchte dir Tee aufsetzen, du trinkst bestimmt keinen Kaffee. Ich möchte dir das Klavier aufklappen, dir die Noten umblättern, ich möchte dich leise begleiten, du müsstest mich kaum bemerken. Du stellst bloss fest, dass es angenehmer ist.

Er:
Was ist schon Liebe?

Sie:
Schläfst du überhaupt jemals?

Er:
Ich weiss es nicht.

Sie:
Ich hab deinen Geruch in den Kleidern, an den Fingern, in der Nase. Du riechst gut an mir. Ich möchte mich für immer an den Tag erinnern, an dem ich dich in der Nase trug – stolz.

Er:
Du bist nicht ganz oft froh, aber manchmal heiter, aufgehellt und manchmal entgrenzt, nie hysterisch und manchmal unendlich bedürftig und mangel-behaftet, so etwa.

Sie:
Als wär’s ein Geheimnis, als wär es unser glückliches Geheimnis. Ich möchte dir leicht sein.

Er:
Katzenaugen. In diesem trüben Licht hast du Katzenaugen. Das klingt abgenutzt, ich weiss. Ganz für mich möcht ich aber denken: Katzenaugen.

Sie:
Erlaubst du mir, dich zu lieben? Es ist nicht leicht zuzulassen, dass sich jemand um einen sorgt. Ich stelle mir vor, dass du die Verantwortung nicht gerne trägst. Deine Einsamkeit. Seltsamerweise habe ich eine genaue Vorstellung von deiner Einsamkeit. Als ob ich sie begleitet hätte. Als ob ich dich gesehen hätte im Einsam-Sein.

Er:
Ich brauche häufig jemanden, der mir erlaubt, verrückt zu sein.

Sie:
Die rote Farbe meiner Fingernägel splittert langsam ab, wie die Farbe einer Hausfassade, an der der Verkehr unablässig vorbeizieht.
Deine Augenbrauen bilden einen perfekten Bogen zu deiner Nase, dein Mund liegt beruhigt da, so als wüsste er, dass er das Ende darstellt.

Er:
Du bist schön.

Sie:
Dich schön zu nennen wäre leichtfertig. Ich nenne dich schön und bin mir meiner Unzulänglichkeit bewusst.

Er:
Ich bin mir nicht sicher, ob ich begreife.

Sie:

Du siehst einen an und es ist, als ob der helle Mond scheint und Falter tanzen.

2. Szene
Auf der Hardbrücke, Abend

Er:
Ich stelle mir vor, Du sitzt da und verstehst mich.

Sie:
Was, wenn unsere Wünsche wahr werden? Was, wenn wir nicht mehr getragen von der Sehnsucht? Was, wenn wir uns dick und fett und müde gegenüber treten?

Er:
Das ist eine Grund-Tonlage bei Dir, die Melancholie unter der Vitalität, der überbordenden, gerne ausufernden. Wir teilen da, auch da. Und doch blicke ich manchmal gebannt in Deinen Schrecken.

Sie:
Ob ich Zeitverschwendung bin? Für dich, den ich aufgehalten habe? Deine Reise zum blauen Horizont habe ich unterbrochen, deine Hand genommen, dich vom Weg weggeführt, dich geliebt.

Er:
Du bist ein so eigenes Eiland in meinem Leben. Dein kluges Gesicht. Deine Leiblichkeit. Deine Art, die Atmosphäre zu füllen. Dein Lächeln.

Sie:
Siehst du die Häuser dort drüben? Sie erinnern mich an dich. Der du mich begehrst.
Heute.
Diese Häuser sind gross und gleichmütig. Und abends, wenn der Tag fällt, dann wirken sie wie Beschützer. Grosse, graue Mauern.

Er:
Plötzlich. Glücklich.

Sie:
Diese Woche war mir, als ob ich mein Herz in der Hand tragen würde.
Als ich im Dunkel der nächtlichen Wochenend-Räume den Kopf hob, strich mir der Wind zärtlich, belanglos und fordernd über das Haar. Mein Herz fühlte sich leicht und warm an in meiner linken Hand. Diese Woche war mir, als ob ich dein Herz in meiner Hand tragen würde.

Er:
Du begegnest meiner Gleichgültigkeit mit Herzlichkeit. Ich bin erstaunt.

Sie:
Spiel für mich unser Lied. Bitte. Spiel es noch einmal für mich.
Deine Hände auf den Tasten. So stelle ich mir die Unendlichkeit vor. Mein Atem geht langsamer. Ich bin ruhig.

Er:
Dieser Augenblick, unser Augenblick. Ich stelle mir gerne vor, wie du mit achtzig mit der Zeitung in der Hand vom Sofa aufstehst.

Sie:
Ich weiss, dass du zu mir gehörst. Und ich möchte auch zu dir gehören. Doch es fühlt sich gerade fremd an. Alles fühlt sich fremd an.

Er:
Ich gefalle mir mit dir an meiner Seite. Es ist richtig.

Sie:
Glaubst du, dass du mich je so lieben wirst, wie du deine Einsamkeit liebst?

Er:
Hier auf dieser Brücke, wo alles grau in grau, fühle ich mich geborgen. In deinen Worten, in deiner Liebe.

Sie:
Als wäre es eine farbige Kulisse, die uns umgibt.

3. Szene
In der Küche

Er:
Ich liebe dich.

Sie:
Was ist schon Liebe?

Er:
Ich möchte dich immer lieben.

Sie:
Zum ersten Mal kann ich richtig sehen. Als sei mein Leben eine Landkarte, die ich nur zu lesen brauche. Ich wollte, es gäbe keinen Zwischenraum zwischen unseren beiden Körpern. Ich wollte, wir ständen ganz dicht beieinander, so dicht, dass nichts zwischen uns kommen kann.

Er:
Dich behindern ist das Letzte, was ich möchte. Du sollst den Blick frei haben auf die Welt. Ich möchte dir nah sein.

Sie:
Meine Zukunft ist ein Gemälde. Dieses Gemälde habe ich zuunterst im dunklen Schrank verstaut. Darauf – in Öl gemalt – Zitronen, die unter Fichten liegen. Dich kann ich darauf nicht erkennen.

Er:
Bist du müde?

Sie:
Ich gebe mir Mühe.

Er:
Ich möchte, dass unser Zusammentreffen nicht zufällig war. Ich glaube an den Zufall. Doch daran möchte ich nicht glauben. Ich möchte glauben, dass wir für immer sind und dass unser Zusammentreffen einen Sinn ergibt.

Sie:
Jetzt, da ich dir Tee aufsetze, bin ich müde. Jetzt, da ich die Möglichkeit habe, dir Tee aufzusetzen, möchte ich nicht mehr.

Er:
Ich liebe dich mit allem. Ich liebe deine Unterschiedlichkeit.

Sie:
Du hast alles gefressen, aber mich gefressen hast du nicht.

Er:
Sag doch, bist du müde?
Im Moment existiere ich noch. Wie soll ich je beiseite treten? Ich verstehe nichts und verstehe doch alles. Heute erinnere ich mich an dich und an uns und ich lächle.

Sie:
Ich könnte dich schütteln. Ich möchte dir die Tasse aus der Hand schlagen, dich anschreien – doch auch dazu fehlt mir die Kraft.
Du lächelst? Du lächelst und ich werde erdrückt von diesen grauen Mauern.

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