Buchstabe an Buchstabe

A ship in port is safe, but that's not what ships are built for.

A ship in port is safe, but that’s not what ships are built for.

Sich aufgrund von äusseren Umständen so unsäglich intensiv und lang mit seinem eigenen Arsch beschäftigen zu müssen, macht müde und sprachlos. Ich verlor für eine unerträglich lange Zeit meine Fähigkeit zu schreiben. Das ist wie wenn ein Fischer an Land bleiben muss, weil das Geld fehlt, um sein Schiff zu reparieren. Er muss sich also mit Botendiensten über Wasser halten. Ihm fehlt das Meer. Ihm fehlt die Sonne, der Sturm, die Nacht, die hinter dem Horizont auftaucht und das Ende seines Arbeitstages verkündet.

Ich war also ein Fischer ohne Schiff. Meiner Fähigkeit mich auszudrücken beraubt. Du glaubst nicht, wie langweilig das ist! Wie gefangen man sich fühlt! Das eine ergibt das andere und ehe man es sich versieht, ist man depressiv, ohne Lebensinhalt und führ ein gänzlich uninteressantes Leben. Da versteht man plötzlich auch die Menschen, die ihr Mittagessen auf Facebook posten. Aufregenderes gibt der Tag nicht her.

Nun denn. Ich habe viel gelernt. Oft Angst gehabt. War täglich traurig. Nun aber fühle ich die Kraft zurückkehren. Die Stärke. Mein Körper bewegt sich wieder und damit auch mein Geist. Frühlingserwachen!

Und zögerlich reihe ich Buchstabe an Buchstabe. Auf dass es diesmal gut gehen möge!

PS: Ich hoffe, all meine Freunde mögen mir meine Sprachlosigkeit verzeihen. Mein Schweigen.
Die Nacht war lang.

Lektionen in Demut

Seit 14 Tagen habe ich nur noch ein halbes Gesicht. 14 Tage ist es her, seit ich mein Gesicht verlor. Gestern Abend habe ich diesen Umstand zum ersten Mal kurz vergessen. Man glaubt ja immer, dass einem so was nicht passiert. Dass man gefeit ist von Krankheit und Schmerz. So lange glaubt man das, bis man mitten drin hockt und es nicht fassen kann. Das unangenehmste am Umstand, dass ich nur noch ein halbes Gesicht habe, ist, dass ich „manuell“ blinzeln muss und wer schon mal versucht hat, lange nicht mehr zu blinzeln, weiss, wie schmerzhaft ein nicht mehr selbstständig blinzelndes Auge ist. In den letzten 14 Tagen habe ich mich gefühlt, als wäre ich in eine Waschmaschine geraten und das einzige, was ich tun konnte war, einfach versuchen mitzudrehen und nicht zu verzweifeln. Es ist ein Albtraum, mein persönliches, kleines Horrorkabinett.

Lektionen in Demut also. Im letzten halben Jahr habe ich vom Leben persönlich zugeschnittene Lektionen erhalten. Wer mich verflucht hat, war ein Meister seines Fachs. Aber – und würde es nicht so scheisse aussehen, müsste man dieses „aber“ in Punktgrösse 27 schreiben – ich lasse mich nicht unterkriegen. Gut. Da war viel, viel Tod und Trauer. Da war Krankheit und Schmerz. Da war Ohnmacht und Verzweiflung. Da war Einsamkeit und Angst. Da war Verwirrung und Kadaver. Trotzdem habe ich keinen Grund zu klagen. Denn alles verfaulend Schlechte bringt auch Schönheit hervor. Gerade – zwischen Trauer und Verzweiflung – mag ich das nicht immer sehen. Verständlich. Ich freue mich aber wie ein kleines Kind auf mein Gesicht. Auf den Moment, wenn es zurückkehrt. Und es wird zurückkehren. Zusammen mit dem Frühling. Tut mir leid, Leute, es wird wohl noch ein, zwei Wochen dauern, bis der Frühling kommt, dann wird er aber einen fulminanten Auftritt haben. Ich freue mich auf den See, auf Sommerwiesen, auf mein Lachen, das breit über beide Gesichtshälften geht. Ich freue mich auf Küsse und Wein und Gesang und ja, auch Weiber. Ich freue mich auf meine Freunde, auf den Wind, auf Sommerregen.

Ach, und noch was, liebes Leben: Das war jetzt genug. Ok? Keine Beerdigungen mehr, keinen Tod, keine Krankheit, keine Trennung, keinen Schmerz und keine Erfolglosigkeit. Haben wir uns verstanden? Gut. Herzlichen Dank.

Wie der Dolch die Hand

“ (…) ohne dass wir gewusst hätten, in welchem Augenblick noch wer es hatte verschwinden lassen, den Blick anzogen wie der Dolch die Hand oder der Magnet das Eisen, dermassen, dass, als eine der beiden Zahnbürsten in der letzten Nacht, die ich dort verbrachte, fehlte die Keramik und die Fliesen und die Kacheln sich mit dem Granatrot der Zahnbürste färbten, die dortgeblieben war, und diese Farbe vereinnahmte sogar das Schwarz des Necessaires, das ich auf dem gläsernen Bord liess, damit es nach dem Fortgang irgendeine Veränderung gab oder Trauer in dem Badezimmer herrschte, das so leer und so weiss war (…)“ (Javier Marias: Der Gefühlsmensch)

Es gibt Bilder oder Textstellen, die für ein ganzes Spektrum an Gefühlen stehen. Sie sind wie eine Identitätskarte für einen Zustand. Diese Textstelle habe ich das erste Mal in der Karibik gelesen. Ich sass am Strand und schaute aufs Meer. Ich erinnere mich ganz genau an dieses Leseerlebnis. Ich las diesen unendlich langen Satz, blickte auf, sah das hellblaue Wasser und weinte. Nicht wegen der Geschichte. Sondern wegen der Schönheit der Sprache. Und seit da steht diese Textstelle für etwas. Und ich teste sie immer mal wieder an Menschen. Wie reagiert jemand darauf? Meistens reagieren die Menschen nicht. Weil: All das, was für mich dahinter steht, ist für andere nicht erfahrbar.

Wenn ich also zu jemandem sage: „Ich will nicht wie ein Idiot sterben“, dann bekenne ich mich zu einem Gefühl. Wenn ich sage: „Wie der Dolch die Hand“, dann bekenne ich mich zu einem ganz anderen.
Hach, komplizierte Arzi-Farzi-Menschen…

One-Week-Stand

Alleh hopp! Kopfsprung ins Thema.

Alleh hopp! Kopfsprung ins Thema.

Ich denke nicht daran, schlapp zu machen. Das wär ja noch schöner. Bin gerade ziemlich erkältet, haue mir Schmerzmittel rein und verbringe seltsam zeitlose Tage. Heute Abend haben wir Firmenjubiläum und es gibt natürlich – wie immer vor solchen Anlässen – noch die eine oder andere Notfallübung. Aber was soll’s. Im Moment kann mir das alles nichts. Ich habe ein Schutzschild, bin zu müde, zu verwirrt, zu erfüllt.

Und dann hab ich da noch dieses Experiment. Sozusagen ein Selbstversuch. Ich hätte nie gedacht, dass dieser funktioniert. Aber dafür sind Experimente ja da, nicht wahr? Dass man zu überraschenden Ergebnissen kommt.

Da bleibt einem nicht viel anderes übrig – weil man es sich schuldig ist – als zuzulassen, schauen, was das alles mit einem macht und so Zen-mässig aufs Beste hoffen. Ich bin zuversichtlich.

„Halte immer an der Gegenwart fest. Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.“ (Goethe)

Dass Augenblicke manchmal ewig dauern und die Ewigkeit nur einen Augenblick, wissen wir. Wenn ich wünschen könnte, dann würde ich mir wünschen, dass diese Ewigkeit vielleicht zwei, statt nur einer Woche dauert. Ok. Sagen wir drei.

Raus!

Eigentlich wäre ich ja jetzt in Berlin. Bin ich aber nicht. Voller Überraschungen, das Leben. Und ich nehme es, wie es genommen werden will. (Hihi. Das klingt jetzt ziemlich anzüglich. Na, egal.)

Letzthin wurde ich gefragt, wohin man in Zürich so gehen kann. Das werde ich immer mal wieder gefragt. Und finde die Frage ziemlich schwierig. Weil in dem Moment wo ich gefragt werde, fällt mir partout nix ein. Darum hier meine Zürich-Lieblings-Liste. (Natürlich niemals abschliessend, denn mir fällt auch jetzt nicht alles ein.)

  • Café Bar Plüsch (Da arbeiten meine grossartigen Freundinnen und es ist schon darum einen Besuch wert. Im Plüsch hab ich schon ganze Nächte verbracht. Redend, lachend, mit mir im Reinen.)
  • Berta Bar (Sehr süss. Und der Ida-Platz ist sowieso ein zauberhafter Platz. Und von der Berta Bar kann man direkt ins Calvados und von da direttissima in die Schlaufe. Was mich auf den nächsten Ort bringt:)
  • Meyers (Ins Meyers geht man immer am Schluss. Nach dem schlimmen Date, nach der Party, nach der Bar XY, nach dem „gemütlichen“ Treffen mit den Nachbarn, nach Allem. Im Meyers gibts Toast und Trost. Und ganz nebenbei lernt man nette Bündner kennen.)
  • Nordbrückli (Da arbeiten meine anderen grossartigen Freundinnen. Und der Raucherraum ist sehr gemütlich. Bei schönem Wetter kann man draussen sitzen und auf die Bahngleise schauen. Im Nordbrückli hab ich schon Vorstellungsgespräche geführt, bin von Frauen geküsst worden, hab zu tief ins Glas geschaut.)
  • Kern (Einfach gut. Dann, wenn man keine Lust auf das ganze Züzi-Zeugs hat.)
  • Mars Bar (Die Mars Bar, das alte Luder. Kann einem in den Arsch treten und im nächsten Moment die schönste Liebeserklärung ever machen. Man sollte sich also in Acht nehmen.)
  • Helsinki (Besser nicht am Wochenende gehen. Besser Sonntags oder Donnerstags. Dies gilt wohl aber für alle Orte in Zürich. Ansonten: Im Helsinki fühlt man sich eigentlich immer wohl. Und wenn man sich kurz mal nicht wohl fühlt: Einfach nach draussen gehen, unters Vordach sitzen, eine Zigarette rauchen und das schöne Schiff vom Bogen 33 anstarren. Der Helskinki Klub ist meine zweite Heimat.)
  • Gonzo (Lässt sich so beschreiben: Schattenreiche Zwischenwelt. Aber überraschenderweise eigentlich immer gut.)
  • La Catrina (Klein aber fein. Haben oft Konzerte und meist sympathisches Publikum. Im La Catrina hab ich alte Freunde getroffen, eine Eifersuchtsattacke überstanden, sehr gelacht und gute Gespräche geführt.)
  • Aufm Kies (Vor allem im Sommer. Im Kino Xenix spielen sie immer sehenswerte Filme. Aufm Kies war alles schon da. Von Liebe über Abneigung, bis hin zu grosser Langeweile. Das Kies ist ein Spiegel.)
  • Ziegel (Die Beiz der Roten Fabrik. Am See und sehr gemütlich. Feines und günstiges Essen. Halt so richtig Hippie-mässig.)
  • Les Halles (Da geh ich hin, wenn ich Moules et frites essen möchte. Im Les Halles hab ich schon das Flaschenspiel mit Fremden gespielt, bin auf dem Sofa verhockt, hab wilde Feste gefeiert und draussen dem Regen beim Fallen zugesehen.)
  • El Lokal (Im El Lokal hab ich Hochzeitsfeiern miterlebt, hab Fussball geschaut, bin draussen an der Shil gesessen, hab Geburtstag gefeiert, Konzerte genossen, bin sehr glücklich gewesen.)
  • Moods (Im Moods hab ich mal ein grandiose Balkan-Party erlebt. Was hab ich getanzt! Und Konzerte hab ich da schon genossen – wahnsinn. Im Moods ist es warm. Da dringt die Welten-Kälte selten ein.)
  • Meine Lieblingsorte, um zu Essen sind: Volkshaus, Restaurant Bürgli, Gartenhof und Kobal Curry & Café.
  • Und zuletzt: Fürs zweite Date empfehle ich als Treffpunkt dringend den Lindenhof. Dort kann man über die Stadt gucken, sich über Touristen lustig machen oder aber auf den Schaukeln sitzen und Zirkuspferden lustige Kunststücke beibringen.)

Zürich ist eine grossartige Stadt. Auch wenn die übrigen Schweizer immer das Gegenteil behaupten. Es braucht ein paar Tage, bis man sich wohl fühlt. Fühlt man sich aber wohl, ist es die beste Heimat, die man haben kann. Das, was den Zürchern fehlt, ist einzig ein Bisschen mehr Distanz zu sich selbst. Übrigens etwas, was jedem gut tun würde.

Bonjour Tristesse

„Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit.“ (Francoise Sagan: Bonjour Tristesse)

Das obige Zitat habe ich auf dem Blog von Sencillez gefunden, es ist der erste Satz des Buches. Heute ging ich, während ich einen zu grossen Pullover trug, der mir hinunter rutschte und meine Schulter freigab, durch die angebrochene Zeit und plötzlich kam mir der tödlichste aller Gedanken: Was wäre, wenn es jetzt zu Ende wäre, wenn das alles gewesen wäre? In meinen Ohren sang Soko. Und gerade als Soko die schwermütig leichte Zeile sang: „I will never love again“ überkam sie mich, die Dankbarkeit.

Wenn dies nun also alles gewesen wäre, dann wäre ich für die Momente dankbar. Als ich im Stroh lag, vom Geruch meiner ersten grossen Liebe umhüllt, als ich das erste Mal das Meer sah, als die blauen Bälle sich im Wasser des Pools spiegelten. Als ich in der Karibik im Regen stand, meine Haut noch warm von der Sonne. Als ich mit meiner Jugendfreundin so sehr lachte, dass ich vom Heuboden fiel. Als ich auf dem Bundeshausplatz geküsst wurde, als die Sonne im Norden unterging und als die Linden die Stadt in ihren umfassend süssen Geruch tauchten. Als ich all die kleinen verrückten Augenblicke erlebte, die mich noch heute Kichern machen. Als ich aus der Gosse aufstand und erstarkte. Als der Schnee schmolz und ich meiner Schönheit gewahr wurde. All diese Anfänge, die ich gelebt habe und deren aller Enden. Als ich ganz plötzlich Erfolg hatte und das Unwohlsein meiner Kindheit hinter mir liess. Und all die tausend Sekunden, die ich aufs Matterhorn starrte und so ergriffen war, wie ich es bisweilen nur bei der Lektüre oder in Museen bin.

Riechst du es? Es liegt Veränderung in der Luft. So sehr, dass ich vor Schreck am liebsten auf der Türschwelle stehen bleiben würde.

Schiffsmädchen

Heute Abend habe ich Kartoffeln geschält. Im Akkord. Jetzt könnte ich mich auf einem Schiff bewerben. Diese Woche ist psychisch und physisch unendlich anstrengend. Ich bin müde. So richtig tief müde. Jetzt, als ich nach Hause fuhr, war mir schlecht und ich versuchte meine Handgelenke am Haltegriff im Tram zu kühlen. Morgen nun also Beerdigung. Morgen nun also Vorpremière. Zwei Dinge – beide gross, beide wichtig. Das eine sehr traurig, das andere so schön. Ich weiss noch nicht, wie ich diesen Tag hinter mich bringen werde. Aber ich bin zuversichtlich, dass beides gut wird. Der Freitag, 13. April 2012 wird aber definitiv in meine Geschichte eingehen.

Heute auch das: Meine Freunde sind grossartig. Dann, wenn man zu fallen droht, wird man aufgefangen. Ich bin dankbar. Die Dankbarkeit überstrahlt jede Müdigkeit. Meine Freunde springen, ohne mit der Wimper zu zucken, ein. Helfen, sind da, organisieren, bringen Ideen, denken mit, geben mir das Gefühl, dass alles viel weniger schlimm ist. Manchmal frage ich mich, wie ich meiner Dankbarkeit jemals angemessen Ausdruck verleihen kann.