Minibar

Heute sass ich nach meiner monatlichen Blutabnahme an der Tramhaltestelle, die Beine in der Sonne, der Kopf nach hinten gelehnt im Schatten, Musik auf den Ohren. Es war warm, die Luft aber war kalt. Ich schloss die Augen, genoss die kalte Luft, die Sonne, die meine Beine wärmte und war mal wieder höllisch glücklich.

Wie heute mein eventuell zukünftiger Chef am Telefon sagte: Es geht um die kleinen Dinge, man kann die Welt nicht retten, viele kleine Dinge ergeben aber auch was Grosses.

Hast Du es heute schon probiert? Die Augen zu schliessen und Dich an einen Ort zu denken, der glücklich macht? Bei mir war das heute ein Hotelzimmer mit Minibar (nicht so ne krämerisch traurige Minibar, sondern ne verblüffend grosszügige Minibar). Wenn man aus der Tür auf die Terrasse tritt, erstreckt sich vor einem die blaue karibische See. Es ist ruhig, man hört die Wellen und den Wind in den Palmen. Es ist warm und die Luft ist feucht. Man atmet also dieses grossartige Äquator-Klima, diese wundervolle Süsse in der Luft, gespickt mit dem Salz des Meeres. Man blickt auf Blau in Blau und überlegt sich, ob man jetzt schon schwimmen gehen soll oder erst später.
Abends dann tanzt man in der Strandbar am Meer zu eigenartiger Musik und singt leise in seltsamen Sprachen.

Die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler

RegennebelDieser Ort hier ist irgendwie magisch. Die Aussicht ist grün und regennass und hinreissend. Man blickt hinunter ins Tal, dort wo das Leben stattfindet, wo Autos fahren und Lichter brennen. Hier aber auf dem Berg, in der Kluft ist alles ruhig. Es ist noch dunkel, das Licht jedoch drückt bereits über den Horizont. Es wird kein schöner Tag mit Sonne und Wärme. Es wird ein „Forks“-Tag. Doch gerade diese Wolken, die klare Luft, der Regen und die Nebelschwaden, die sich durch die schwarzen Bäume drücken, machen diesen Tag zum Ausdruck meines inneren Zustands. Wetter ist sowieso eine ganz famose Art der Ausdrucksweise. In manchen Fällen, wenn das Wetter so gar nicht mit dem inneren Zustand übereinstimmt, kann es anstrengend sein. Liebeskummer im Hochsommer zum Beispiel. Ätzend.

Hier oben ist man weit weg von der Welt. Hier oben ist man irgendwie auch weg von sich selbst und von seinem Leben. Alles verschwindet unter einer Wolkendecke, verblasst im nassen Nieselnebel. Man atmet aus, atmet ein, bekommt kurz Panik, dass einem alles entgleitet, atmet aus, atmet ein, versucht das lose Ende des Gefühls zu fassen, atmet aus, atmet ein, versucht sich zu erinnern, atmet aus, atmet ein, fällt in sich selbst zurück, atmet aus, atmet ein und nimmt es an. Abstand und Vergessen sind vielleicht gut. Meistens bringt uns Distanz ja näher zu uns selbst zurück. Die Geduld wohnt im Tessiner Nebel.

Nervengift

Er trug seinen Anzug. Eigentlich aus einer Not heraus, er hätte lieber Jeans und ein Sakko getragen, hatte jedoch keine sauberen Jeans mehr zu Hause. Er trug also seinen Anzug und stand jetzt mit dem Schlüssel in der Hand vor dem Bürogebäude, nahm den letzten Zug von seiner Zigarette, warf sie auf den Boden und drückte sie mit der Schuhspitze aus. Eigentlich sah es die Empfangsdame gar nicht gern, wenn vor dem Bürogebäude geraucht wurde, geschweige denn, dass die Zigarette auf dem Boden landete, es war aber so früh morgens, dass noch niemand am Empfang war. Er fühlte sich rebellisch und seine schlechte Laune wurde etwas aufgehellt. Als er den Lift betrat, roch er das Parfum von Marion. Sie arbeitete in der Marketingabteilung, war weder besonders hübsch noch besonders intelligent, hatte jedoch diese ganz spezielle Form der sexuellen Attraktivität, die – wie er vermutete – Männer sofort wahrnehmen, Frauen jedoch nicht bemerken (nicht mal Marion selbst). Er überlegte sich im ersten Stock auszusteigen, um ein kurzes Gespräch mit Marion zu führen, ein Bisschen zu flirten. Er mochte es, wie überrascht sie jeweils war, dass er nett zu ihr war, es gab ihm Aufwind. Heute aber entschied er sich dagegen, er musste sich konzentrieren. Auf seiner Etage traf er auf Mark, der wie immer grauenhaft gut gelaunt war und natürlich wieder einen Schwatz halten wollte. Mit etwas zu gereiztem Unterton in der Stimme, schüttelte er ihn ab, betrat sein Büro und schloss die Tür. Er ärgerte sich kurz darüber nicht jovialer mit Typen wie Mark umgehen zu können, wischte aber auch diesen Gedanken weg und startete seinen Laptop.

Er hatte die Spinne nicht bemerkt, die jetzt langsam von der Lehne seines Bürostuhls auf sein Sakko stieg und nach oben zu seinem Nacken wanderte. Er bemerkte lediglich einen stechenden Schmerz im Nacken, als er mit der Hand reflexartig an seinen Hals griff. Die Spinne fiel auf den Boden, er stiess einen spitzen Schrei aus und sprang auf. Er sah wie die Spinne Richtung Plastikpflanze in der Ecke krabbelte. Sie war relativ klein. Er rieb sich den Hals. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! An einem Tag wie heute konnte er keine Ablenkungen brauchen. Er überlegte sich, ob er die Spinne verfolgen und töten sollte, er setzte sich aber wieder und starrte in seinen Laptop. Er hatte wirklich besseres zu tun gerade!

Das Gift griff das Nervensystem schnell an. Als er vom Stuhl fiel, schlug er sich den Kopf an der Tischkante an und blutete. Er lag über eine Stunde bewusstlos in seinem Büro, bis er gefunden wurde. Marion würde später auf der Beerdigung zu Mark sagen, sie hätte sich noch kurz überlegt bei ihm im Büro vorbeizuschauen, Gott sei Dank hätte sie das nicht getan! Wie die tödliche Trichternetzspinne in sein Büro gekommen war, konnte nie ermittelt werden.

Notiz an mich selbst

Es ist kalt in meiner Küche. Meine wunderbare Küche. Es ist Winter und ich möchte gern den Sommer, den Frühling zurück. Ich freue mich auf die erste Nachricht von Häschen, die etwa so lauten wird: „Schirmchendrink!“ oder „Riechst du es, der Frühling naht!“. Darum also: Notiz an mich selbst:

  • Tanzen!
  • Nachts durch den Wald laufen und sich sehr fürchten
  • Erdbeeren, Himbeeren, Blaubeeren
  • Nach dem Joggen mit allen Trainingsklamotten in den See springen
  • Abends auf dem Rücken in der Wiese liegen, den erdigen Geruch in der Nase und lange Gespräche führen
  • Fahrrad fahren, über Bordsteine springen
  • Den Pulli zu Hause vergessen und doch nicht frieren
  • Dachterrassen-Party
  • Alle Fenster der Wohnung öffnen, im Bett liegen und den Sommergeräuschen lauschen
  • Morgens um 6 nur in ein Badetuch eingewickelt über die Steine zum See staksen
  • Mit dem süssen Duft der Linden in der Nase deinen Geburtstag feiern
  • Schüchtern das Kies betreten und nach seinen Freunden Ausschau halten
  • Den nassen Bikini über die Wäscheleine hängen
  • Morgens um 7 aus dem Zug steigen und bereits schon die Sonnenbrille tragen müssen
  • Den Geruch von Sonne auf fremder Haut
  • Zu Hause keine Hosen tragen müssen, weil warm genug
  • Mit alten Zügen irgendwo auf der Welt fahren, wo sich die Fenster öffnen lassen, Fahrtwind im Gesicht
  • Entspannte und glückliche Menschen auf den Strassen (mit viel zu wenig an)
  • Offene Schuhe tragen
  • Eine Nachricht von Häschen bekommen: „Sommer feiern!“

Buchstabe an Buchstabe

A ship in port is safe, but that's not what ships are built for.

A ship in port is safe, but that’s not what ships are built for.

Sich aufgrund von äusseren Umständen so unsäglich intensiv und lang mit seinem eigenen Arsch beschäftigen zu müssen, macht müde und sprachlos. Ich verlor für eine unerträglich lange Zeit meine Fähigkeit zu schreiben. Das ist wie wenn ein Fischer an Land bleiben muss, weil das Geld fehlt, um sein Schiff zu reparieren. Er muss sich also mit Botendiensten über Wasser halten. Ihm fehlt das Meer. Ihm fehlt die Sonne, der Sturm, die Nacht, die hinter dem Horizont auftaucht und das Ende seines Arbeitstages verkündet.

Ich war also ein Fischer ohne Schiff. Meiner Fähigkeit mich auszudrücken beraubt. Du glaubst nicht, wie langweilig das ist! Wie gefangen man sich fühlt! Das eine ergibt das andere und ehe man es sich versieht, ist man depressiv, ohne Lebensinhalt und führ ein gänzlich uninteressantes Leben. Da versteht man plötzlich auch die Menschen, die ihr Mittagessen auf Facebook posten. Aufregenderes gibt der Tag nicht her.

Nun denn. Ich habe viel gelernt. Oft Angst gehabt. War täglich traurig. Nun aber fühle ich die Kraft zurückkehren. Die Stärke. Mein Körper bewegt sich wieder und damit auch mein Geist. Frühlingserwachen!

Und zögerlich reihe ich Buchstabe an Buchstabe. Auf dass es diesmal gut gehen möge!

PS: Ich hoffe, all meine Freunde mögen mir meine Sprachlosigkeit verzeihen. Mein Schweigen.
Die Nacht war lang.

Lektionen in Demut

Seit 14 Tagen habe ich nur noch ein halbes Gesicht. 14 Tage ist es her, seit ich mein Gesicht verlor. Gestern Abend habe ich diesen Umstand zum ersten Mal kurz vergessen. Man glaubt ja immer, dass einem so was nicht passiert. Dass man gefeit ist von Krankheit und Schmerz. So lange glaubt man das, bis man mitten drin hockt und es nicht fassen kann. Das unangenehmste am Umstand, dass ich nur noch ein halbes Gesicht habe, ist, dass ich „manuell“ blinzeln muss und wer schon mal versucht hat, lange nicht mehr zu blinzeln, weiss, wie schmerzhaft ein nicht mehr selbstständig blinzelndes Auge ist. In den letzten 14 Tagen habe ich mich gefühlt, als wäre ich in eine Waschmaschine geraten und das einzige, was ich tun konnte war, einfach versuchen mitzudrehen und nicht zu verzweifeln. Es ist ein Albtraum, mein persönliches, kleines Horrorkabinett.

Lektionen in Demut also. Im letzten halben Jahr habe ich vom Leben persönlich zugeschnittene Lektionen erhalten. Wer mich verflucht hat, war ein Meister seines Fachs. Aber – und würde es nicht so scheisse aussehen, müsste man dieses „aber“ in Punktgrösse 27 schreiben – ich lasse mich nicht unterkriegen. Gut. Da war viel, viel Tod und Trauer. Da war Krankheit und Schmerz. Da war Ohnmacht und Verzweiflung. Da war Einsamkeit und Angst. Da war Verwirrung und Kadaver. Trotzdem habe ich keinen Grund zu klagen. Denn alles verfaulend Schlechte bringt auch Schönheit hervor. Gerade – zwischen Trauer und Verzweiflung – mag ich das nicht immer sehen. Verständlich. Ich freue mich aber wie ein kleines Kind auf mein Gesicht. Auf den Moment, wenn es zurückkehrt. Und es wird zurückkehren. Zusammen mit dem Frühling. Tut mir leid, Leute, es wird wohl noch ein, zwei Wochen dauern, bis der Frühling kommt, dann wird er aber einen fulminanten Auftritt haben. Ich freue mich auf den See, auf Sommerwiesen, auf mein Lachen, das breit über beide Gesichtshälften geht. Ich freue mich auf Küsse und Wein und Gesang und ja, auch Weiber. Ich freue mich auf meine Freunde, auf den Wind, auf Sommerregen.

Ach, und noch was, liebes Leben: Das war jetzt genug. Ok? Keine Beerdigungen mehr, keinen Tod, keine Krankheit, keine Trennung, keinen Schmerz und keine Erfolglosigkeit. Haben wir uns verstanden? Gut. Herzlichen Dank.

Wie der Dolch die Hand

“ (…) ohne dass wir gewusst hätten, in welchem Augenblick noch wer es hatte verschwinden lassen, den Blick anzogen wie der Dolch die Hand oder der Magnet das Eisen, dermassen, dass, als eine der beiden Zahnbürsten in der letzten Nacht, die ich dort verbrachte, fehlte die Keramik und die Fliesen und die Kacheln sich mit dem Granatrot der Zahnbürste färbten, die dortgeblieben war, und diese Farbe vereinnahmte sogar das Schwarz des Necessaires, das ich auf dem gläsernen Bord liess, damit es nach dem Fortgang irgendeine Veränderung gab oder Trauer in dem Badezimmer herrschte, das so leer und so weiss war (…)“ (Javier Marias: Der Gefühlsmensch)

Es gibt Bilder oder Textstellen, die für ein ganzes Spektrum an Gefühlen stehen. Sie sind wie eine Identitätskarte für einen Zustand. Diese Textstelle habe ich das erste Mal in der Karibik gelesen. Ich sass am Strand und schaute aufs Meer. Ich erinnere mich ganz genau an dieses Leseerlebnis. Ich las diesen unendlich langen Satz, blickte auf, sah das hellblaue Wasser und weinte. Nicht wegen der Geschichte. Sondern wegen der Schönheit der Sprache. Und seit da steht diese Textstelle für etwas. Und ich teste sie immer mal wieder an Menschen. Wie reagiert jemand darauf? Meistens reagieren die Menschen nicht. Weil: All das, was für mich dahinter steht, ist für andere nicht erfahrbar.

Wenn ich also zu jemandem sage: „Ich will nicht wie ein Idiot sterben“, dann bekenne ich mich zu einem Gefühl. Wenn ich sage: „Wie der Dolch die Hand“, dann bekenne ich mich zu einem ganz anderen.
Hach, komplizierte Arzi-Farzi-Menschen…