Aurevoir

Ich möchte Deinen Ton hören, morgens, wenn ich auf den Zug warte, abends an der Bushaltestelle oder aber, wenn – wie gestern – meine Freunde bei mir sind und ich während ich lache Dein Gesicht sehe. Ja, ich erinnere mich gut an diesen ersten Augenblick. Damals in der Arvenstube, wo Du mich angesehen hast mit dieser Wärme, die Dein Blick auszeichnet. Mir ist bewusst, dass Du der bist. Der, der für und von Begegnungen lebt. Der Welten auftut und sie wieder verschliesst. Der abhandenkommt und plötzlich auftaucht. Der spielend erobert und erobern lässt. Es ist mir bewusst, dass Du diese Sätze (solche wie: „Diese Begegnung ist nicht wie jede“) oft hörst und für Dich sind diese Begegnungen normal – natürlich immer mit dem Wissen um Unvergleichbarkeit jeder Begegnung. Und wenn Dein Gegenüber im so-was-ist-mir-noch-nie-passiert angekommen ist, bist Du schon Meilen weiter. Das alles weiss ich und wenn ich Dich beobachte, wie Du Dich unbeobachtet fühlst, wenn die Menschen nah bei Dir stehen, wenn Du sprichst und denkst und Hände schüttelst und sich ab und an ein Lächeln auf Deinem Gesicht ausbreitet, das immer auch die Augen erreicht, dann lache ich ein Bisschen in mich hinein. Da steht er also. In Deinem Stehen und Lächeln erreichst Du mein Herz und – was vielleicht aussergewöhnlicher ist – meine flatterhafte Seele.
„Es passt zu uns, exterritorial zu sein, zu schreiben, was man nicht schreibt, zu machen, was man nicht macht, diese Kühnheit, sie war noch unausgewickelt, immer unser Milieu, und nun stehen wir wieder mitten darin und leben. “

Sollte meine Stimme die ewigen Jagdgründe erreichen, dann möchte ich einzig dies übermitteln: Aus tiefstem Herzen und mit grosser Freude – Du sollst leben. Aurevoir!

Zur Erinnerung

Taming a sea horse

Jetzt, da die schrecklichen Meldungen täglich zunehmen und ich bei der Zeitungslektüre regelmäßig in Tränen ausbreche, so viel Gewalt, so viele Absurditäten, frage ich mich immer wieder wohin ich werde fliehen werden. Wohin wird es mich verschlagen, wenn sich die Schlinge zuziehen wird, wenn die Gewalt meine Heimat überzieht? Nach Peking? Nach Riad? Nach Qatar? Auf den Mond?

Natürlich, auch das ist bloß ein Gedankenspiel, eine Schwarzmalerei, befeuert von meinen schwierigen letzten drei Jahren, von denen ich mich viel langsamer erhole, als jemals geträumt. Immerhin, es scheint vorwärts zu gehen, jeden Tag nur ein Zehntelmillimeterchen, langsam sehe ich aber mir selbst wieder ähnlich. Zumindest dem Bild, welches ich von mir selbst im Kopf habe. (Die Möglichkeit, dass dieses noch weniger der Wahrheit entspricht, als meine momentane Realität, ist relativ groß.)

Und dann werde ich gewahr, dass es mich nur gibt, weil es die letzte tobende Katastrophe, welche die Weltbühne erschütterte, gegeben hat. Ohne zweiten Weltkrieg wäre ich nicht auf der Welt. Oder zumindest mit größter Wahrscheinlichkeit nicht. Gut, ich wäre wohl auch nicht auf der Welt, wenn die Tanzparty in diesem schicken Hotel damals samstags statt freitags stattgefunden hätte. 

Resultierend daraus – aus dem ganzen Leid und der persönlichen Qual – ergibt sich eine so immens große Dankbarkeit, dass es mir immer mal wieder den Atem aussetzt. Ich bin einfach wahnsinnig dankbar. Und versuche das alles so sehr zu genießen, ich könnte tagelang heulen, so sehr genieße ich. 

Gerade befinde ich mich auf dem Weg nach Innsbruck. Wofür, frage ich mich, könnte ich je dankbarer sein, als für diesen Moment, jetzt, da ich mich auf dem Weg nach Innsbruck befinde.

  
Ich glaub, irgendwann bleibt mir das Herz stehen, ab dieser Dankbarkeit. 

Masel tov!

Manchmal erwächst aus Leid etwas Schönes. Als hätte man ein kleine Flocke auf den staubtrockenen, vergifteten Boden geworfen und als wäre dann, plötzlich, ein Jahr später etwas daraus entstanden. Unmerklich, langsam. Durch die Erde gekämpft, hochgewachsen und dann erblüht. Man mag es mit Staunen und Zittern betrachten.

Ich sage nicht, dass ich die Zeit mit Größe und Gleichmut überstanden hätte. Das habe ich nicht.
Ich sage nicht, dass ich mit Zuversicht in die Zukunft blicke. Das tue ich nicht.
Ich behaupte nicht, dass ich meine Angst und meine Sorgen losgeworden bin – über Nacht. Das bin ich nicht.
Ich befinde mich nicht jetzt hier und sage: Endlich Licht! Das sage ich nicht.
Auch sehe ich nicht plötzlich die Schönheit wieder. Oh, nein, das tue ich nicht.
Trotzdem erkenne ich diesen Anflug von Verwunderung. Dieses ungläubige: Wirklich? Ist DARAUS etwas erwachsen? Wie kann das sein? Wie, zur Hölle, ist das möglich?

Alles kommt und alles geht. Oder in meinem Fall gerade: Alles geht und alles kommt. Masel tov!

Sonntags im Büro

Bed of Books

Bed of Books

Am Sonntag im Büro träumt man sich in andere Welten, möchte gerne überall lieber sein. Man träumt sich ins Bett zurück wo Träume wahr werden – lesend, denkend. Man träumt sich an einen Ort, der möglichst weit von sich selbst entfernt ist, weil das Selbst gerade Zähne zeigt und zu eng ist, wie Hosen, die nicht mehr passen, weil man sich über Monate von Osterhasen aus Schokolade ernährt hat, sich selbst belügend, es werde wohl keine Konsequenzen haben.

Wenn ich könnte, würde ich gerne eine Reise machen nach Argentinien. Zum Beispiel. In Buenos Aires direkt vom Flughafen in die „El Ateneo Grand Splendid“ fahren, dort Stunden verbringen, immer wieder zur Decke blicken und beim Anblick der Engel lächeln.

El Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires

El Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires

Wenn ich könnte, würde ich gern Ferien von mir selbst nehmen. Mich kurz verlassen. So, wie man Pflanzen bei einer Woche Urlaub zu Hause lässt, ihnen genügend Wasser gibt, die Läden zur Hälfte schliesst, dass sie nicht zu sehr der Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind und mit dem Wissen, dass sie noch genau so da sein werden, wenn man wiederkommt.

Sonntags ist das Büro ein Ort, wo Träume wahr werden können, weil sie Raum haben, sich zu entfalten, weil sie die Luft einnehmen und singend – einem Echo gleich – den Klang wieder- und wiedergeben. Sonntags aber ist das Büro auch ein Ort, wo man mit seinen Träumen das Zeitliche segnet, weil die Wirklichkeit keinen Platz hat, sich zu festigen und so tatsächlich obsolet wird.

Unangemeldeter Buchbesuch

Heute hab ich Krautreporter unterstützt, mir ein Jahresabo von „Hohe Luft“ besorgt und werde bald zum Kiosk tingeln und ein Exemplar von „Reportagen“ kaufen. Das ist also, wenn man Hunger hat. Hunger nach Geist und Barbarei, nach Anmut und Arabesken.

Gestern lag ein neues Buch bei mir im Briefkasten. Ich habe keine Ahnung mehr, wann und warum ich es bestellte. Es war da. Einfach so. Natürlich könnte es sein, dass es auch einfach entschieden hat, da zu sein. Bei mir. Ein Buch mit eigenem Kopf. Es heisst „Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra“ von Robin Sloan.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt am 20. März darüber:

„Eine gewiefte Parodie auf Fantasy-Abenteuer, eine amüsante Reportage aus der Welt der kalifornischen Tekkies, eine spitze Satire der Allmachtsphantasien von Google.“

Not bad, not bad. Thanks for dropping in, you’re very welcome.

So Long, and Thanks for All the Fish

Linde

Eine einsame Linde auf einem Hügel im Sommer mit Kühen.

Heute bin ich in einen eiskalten Brunnen gehüpft, um mich abzukühlen. Mit all meinen Kleidern an. Lustig war, dass ich eine weisse Leinenhose trug und der Heimweg dann bizz peinlich war. Jänu.

Meine Welt ist eine andere geworden. Wenn ich polemisch wäre, würde ich eine Aufzählung machen. In diesem Stil:
Ich hab eine Sucht aufgegeben, mein Job trieb mich in den Wahnsinn, mir wurde erneut eine Krankheit diagnostiziert und ich bin noch immer nicht frei von Angst. Diese korinthenkackig kleinkarierte Angst, die mich verstummen lässt und mir das Leben so grau schattiert, matt und neblig macht.

So mach ich also mit mir selbst einen Deal: Alle zwei bis drei Tage lass ich sie hinter mir, die Angst. Und hoffe, dass sich ab und an was in mein Blickfeld schiebt, das der Aufmerksamkeit würdig ist.

Heute zum Beispiel: Die Linden! Endlich liegt ihr süsser Duft in der Luft!

That tomorrow would be as yesterday

Ich habe gerade die Dokumentation „Searching for Sugar Man“ gesehen. Eine fantastisch wahre Geschichte über den amerikanischen Musiker Sixto Rodriguez, der in den USA keinen Erfolg hatte, jedoch aber in Südafrika ein Superstar war – ohne es zu wissen. Hör Dir „Lifestyles“ an und achte auf den Text. Ich bin neu auch Rodriguez-Fan.

„Night rains tap at my window
Winds of my thoughts passing by
She laughed when I tried to tell her
Hello only ends in goodbye“
(Rodriguez: Lifestyles)

Diese Zeilen passen sehr gut zu einem Karfreitag, nicht wahr? Vor allem zu einem regnerischen Karfreitag, der ganz unwiederbringlich was von „Hello only ends in goodbye“ hat.

goodbye