Minibar

Heute sass ich nach meiner monatlichen Blutabnahme an der Tramhaltestelle, die Beine in der Sonne, der Kopf nach hinten gelehnt im Schatten, Musik auf den Ohren. Es war warm, die Luft aber war kalt. Ich schloss die Augen, genoss die kalte Luft, die Sonne, die meine Beine wärmte und war mal wieder höllisch glücklich.

Wie heute mein eventuell zukünftiger Chef am Telefon sagte: Es geht um die kleinen Dinge, man kann die Welt nicht retten, viele kleine Dinge ergeben aber auch was Grosses.

Hast Du es heute schon probiert? Die Augen zu schliessen und Dich an einen Ort zu denken, der glücklich macht? Bei mir war das heute ein Hotelzimmer mit Minibar (nicht so ne krämerisch traurige Minibar, sondern ne verblüffend grosszügige Minibar). Wenn man aus der Tür auf die Terrasse tritt, erstreckt sich vor einem die blaue karibische See. Es ist ruhig, man hört die Wellen und den Wind in den Palmen. Es ist warm und die Luft ist feucht. Man atmet also dieses grossartige Äquator-Klima, diese wundervolle Süsse in der Luft, gespickt mit dem Salz des Meeres. Man blickt auf Blau in Blau und überlegt sich, ob man jetzt schon schwimmen gehen soll oder erst später.
Abends dann tanzt man in der Strandbar am Meer zu eigenartiger Musik und singt leise in seltsamen Sprachen.

Verliebt oder nur müde?

Nach diesem wunderbaren Tag voll Sonnenschein, Luft, Licht und Schlaf, lese ich mein altes Tagebuch. Ein Eintrag vom 21. März 1996 lautet so: „Bin ich verliebt oder nur müde? Ein obskures Gefühl auf jeden Fall. Und doch ist es mir heute gut ergangen. Ich habe Glück erfahren.

Es ist spannend, sich so durch die Jahre zu blättern. An viele Dinge habe ich keine Erinnerung mehr. Wer zum Teufel ist Alain? Und wer Eleonore? Würde ich dies Menschen auf der Strasse erkennen? Würde ein flüchtiges Gefühl von Vertrautheit in mir aufsteigen? Oder würde nichts in mir nachklingen? Ich lebe in einer kleinen Stadt. Sicher begegne ich täglich Menschen, die ich mal gekannt habe, die mir mal vertraut waren, deren Namen ich kannte. Oder sind diese Menschen alle ausgewandert? Eleonore lebt heute vielleicht auf einer Farm in Chile. Vielleicht blickt sie jetzt gerade zum Himmel auf, sieht die Wolken ziehen und fragt sich vielleicht, was mit diesem Mädchen ist, das sie mal gekannt hat, an dessen Namen sie sich jedoch nicht erinnern kann. Alain vielleicht lebt in Paris und hat gerade seine drei Kinder ins Bett gebracht. Ihnen ein Buch vorgelesen und betrachtet sie jetzt lächelnd im Schlaf. Vor dem Fenster zieht der nie ablassende Verkehr vorbei, er ist müde. Oder doch verliebt?

Kinder des Zufalls

Ich lese gerade „Kinder des Zufalls“ von Astrid Rosenfeld. Das Buch ist im neuen und absolut super-fantastischen Kampa Verlag erschienen. Ich mag dieses Buch sehr, ich mag die Figuren, auf die kurz ein Licht fällt, die in ihren Beweggründen und Gedanken so fassbar sind, man könnte meinen, sie seien keine Figuren. Es ist ein Zigeunerherz-Buch, ein Buch über Suchende, die gar nichts finden mögen, ein Buch über Geschichte und Zeit und wie Fäden zusammenlaufen und sich dann verlieren. Ein Buch darüber, wie der Zufall Menschen zusammenführt, sie eine kurze Zeit ein Leben (eine Ewigkeit) teilen lässt, eine Ewigkeit, die Wahrheit ist, momentane ganze Wahrheit und dann durch Zufall wieder aus­ei­n­an­der­drif­ten lässt. „Aller Abschied ist grausam.

Noch bin ich da, noch stehe ich hier, noch bin ich da. Der Tag zieht langsam auf, die Vögel singen, noch bin ich da. Der Kiesweg erstreckt sich vor mir, die Luft ist kalt. Die düsternen Gedanken verfliegen, bei jedem Schritt knirscht der Boden unter meinen Füssen. Ich gehe schneller, mir ist klamm. Beim Tor bleibe ich stehen, blicke zurück an den Ort, wo ich gerade noch stand. Ich drehe mich um, sehe hinunter ins Tal, der Tag zieht langsam auf, die Vögel singen, ich bin gespannt, was der Zufall als nächstes vor meine Türe legen wird. Aller Abschied ist grausam.

Die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler

RegennebelDieser Ort hier ist irgendwie magisch. Die Aussicht ist grün und regennass und hinreissend. Man blickt hinunter ins Tal, dort wo das Leben stattfindet, wo Autos fahren und Lichter brennen. Hier aber auf dem Berg, in der Kluft ist alles ruhig. Es ist noch dunkel, das Licht jedoch drückt bereits über den Horizont. Es wird kein schöner Tag mit Sonne und Wärme. Es wird ein „Forks“-Tag. Doch gerade diese Wolken, die klare Luft, der Regen und die Nebelschwaden, die sich durch die schwarzen Bäume drücken, machen diesen Tag zum Ausdruck meines inneren Zustands. Wetter ist sowieso eine ganz famose Art der Ausdrucksweise. In manchen Fällen, wenn das Wetter so gar nicht mit dem inneren Zustand übereinstimmt, kann es anstrengend sein. Liebeskummer im Hochsommer zum Beispiel. Ätzend.

Hier oben ist man weit weg von der Welt. Hier oben ist man irgendwie auch weg von sich selbst und von seinem Leben. Alles verschwindet unter einer Wolkendecke, verblasst im nassen Nieselnebel. Man atmet aus, atmet ein, bekommt kurz Panik, dass einem alles entgleitet, atmet aus, atmet ein, versucht das lose Ende des Gefühls zu fassen, atmet aus, atmet ein, versucht sich zu erinnern, atmet aus, atmet ein, fällt in sich selbst zurück, atmet aus, atmet ein und nimmt es an. Abstand und Vergessen sind vielleicht gut. Meistens bringt uns Distanz ja näher zu uns selbst zurück. Die Geduld wohnt im Tessiner Nebel.

Angsthasen

Bald hab ich ein paar Tage Ferien. Einerseits freue ich mich sehr darauf, andererseits bin ich gerade so unter Strom, dass ich nicht ganz genau weiss, was passieren wird, wenn ich zur Ruhe komme. Wahrscheinlich werde ich krank. Das wäre der Klassiker.

Vielleicht aber auch nicht, vielleicht lerne ich fliegen. Oder aber ich lerne mehr als drei Sätze auf Russisch. Oder ich schlafe vier Tage durch. Vielleicht, vielleicht aber begegne ich einer Hexe, die mir beibringt, wie man unwissende Wesen verzaubert.

E. hat gestern Abend, als wir in der Kino-Bar sassen und Bier tranken, gesagt: Wir sind alle so dämlich, so unendlich dämlich. Wir haben alle Wünsche und Sehnsüchte und setzen uns einfach nicht dafür ein. Wir sind alle – alleallealle – so unvergleichlich bekloppte Angsthasen, würde man nicht mittendrin stecken, könnte man glatt daran verzweifeln.

Johann Heinrich Füssli: Nachtmahr

Johann Heinrich Füssli: Nachtmahr

Nervengift

Er trug seinen Anzug. Eigentlich aus einer Not heraus, er hätte lieber Jeans und ein Sakko getragen, hatte jedoch keine sauberen Jeans mehr zu Hause. Er trug also seinen Anzug und stand jetzt mit dem Schlüssel in der Hand vor dem Bürogebäude, nahm den letzten Zug von seiner Zigarette, warf sie auf den Boden und drückte sie mit der Schuhspitze aus. Eigentlich sah es die Empfangsdame gar nicht gern, wenn vor dem Bürogebäude geraucht wurde, geschweige denn, dass die Zigarette auf dem Boden landete, es war aber so früh morgens, dass noch niemand am Empfang war. Er fühlte sich rebellisch und seine schlechte Laune wurde etwas aufgehellt. Als er den Lift betrat, roch er das Parfum von Marion. Sie arbeitete in der Marketingabteilung, war weder besonders hübsch noch besonders intelligent, hatte jedoch diese ganz spezielle Form der sexuellen Attraktivität, die – wie er vermutete – Männer sofort wahrnehmen, Frauen jedoch nicht bemerken (nicht mal Marion selbst). Er überlegte sich im ersten Stock auszusteigen, um ein kurzes Gespräch mit Marion zu führen, ein Bisschen zu flirten. Er mochte es, wie überrascht sie jeweils war, dass er nett zu ihr war, es gab ihm Aufwind. Heute aber entschied er sich dagegen, er musste sich konzentrieren. Auf seiner Etage traf er auf Mark, der wie immer grauenhaft gut gelaunt war und natürlich wieder einen Schwatz halten wollte. Mit etwas zu gereiztem Unterton in der Stimme, schüttelte er ihn ab, betrat sein Büro und schloss die Tür. Er ärgerte sich kurz darüber nicht jovialer mit Typen wie Mark umgehen zu können, wischte aber auch diesen Gedanken weg und startete seinen Laptop.

Er hatte die Spinne nicht bemerkt, die jetzt langsam von der Lehne seines Bürostuhls auf sein Sakko stieg und nach oben zu seinem Nacken wanderte. Er bemerkte lediglich einen stechenden Schmerz im Nacken, als er mit der Hand reflexartig an seinen Hals griff. Die Spinne fiel auf den Boden, er stiess einen spitzen Schrei aus und sprang auf. Er sah wie die Spinne Richtung Plastikpflanze in der Ecke krabbelte. Sie war relativ klein. Er rieb sich den Hals. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! An einem Tag wie heute konnte er keine Ablenkungen brauchen. Er überlegte sich, ob er die Spinne verfolgen und töten sollte, er setzte sich aber wieder und starrte in seinen Laptop. Er hatte wirklich besseres zu tun gerade!

Das Gift griff das Nervensystem schnell an. Als er vom Stuhl fiel, schlug er sich den Kopf an der Tischkante an und blutete. Er lag über eine Stunde bewusstlos in seinem Büro, bis er gefunden wurde. Marion würde später auf der Beerdigung zu Mark sagen, sie hätte sich noch kurz überlegt bei ihm im Büro vorbeizuschauen, Gott sei Dank hätte sie das nicht getan! Wie die tödliche Trichternetzspinne in sein Büro gekommen war, konnte nie ermittelt werden.

No, you still don’t like to leave

Heute war ein schwieriger Tag. In der Nacht hat mich eine echt fiese Variante des Alptraums heimgesucht, der mich seit ich denken kann begleitet. Das Gefühl danach ist hässlich. Und verfolgt mich meist den ganzen Tag. Zudem war ich etwas psychokatrig von der letzten Woche. Keine gute Kombination.

Ich habe am Morgen also gemalt und meinen schwermütigen Gedanken nachgehangen. Dann wurde ich an den Pfäffikersee kutschiert, hatte während der Fahrt ein gutes, aber schwieriges Gespräch, was auch noch seinen Teil zur verzwickten Stimmung beitrug. Zuletzt dann noch eine Nachricht im Postfach, die ich nicht einordnen konnte und die sich verklausuliert angefühlt hat. Dann – als ich alleine war und mir die wunderbarste Frühlingssonne ins Gesicht schien – hab ich mich dagegen entschieden. Ich habe einen tiefen Atemzug genommen, hörbar ausgeatmet und hab mich für Heiterkeit entschieden. Manchmal muss man Dinge hinter sich lassen. Einfach aufhören. Einfach loslassen.

Später dann bin ich auf den Lindenhof rauf, hab über die Stadt geblickt, hab diese innere Wärme aufsteigen fühlen. Meine Füsse haben zur Musik gewippt und ich fühlte wie sich ein Grinsen über meinem Gesicht ausbreitet. Ich habe mir vorgestellt, wie ich bald mit jemandem hier oben ein interessantes Gespräch führen werde. Ich hatte keine bestimmte Person vor Augen. Es war mehr so ein Gefühl der Zuversicht, dass irgendjemand gern mit mir auf dem Lindenhof sitzen wird und wir ein angeregtes Gespräch führen werden. So eins, wo man lacht und ein bisschen streitet und dann gedankenverloren über die von der Abendsonne beschienene Stadt blickt und sagt „Du hast natürlich Recht. Wie immer hast Du Recht.“. Und der andere ein Geräusch der belustigten Zustimmung von sich gibt und seine Augen ebenfalls über die Stadt streifen lässt im Wissen, dass das ein guter Abend ist.

Hasenviech - ohne Humor

No, you still don’t like to leave, before the end of the show