Du

Du. Meine Heimat. Mein Heimkommen, mein Lachen, mein Ein und Alles. Auf dir beruht alle Freude, du bist die Grundlage für mein Glück. Ohne dich hätte ich nichts geschafft. Du bist da. Du schreist nicht, du jammerst nicht, du begegnest mir ungerührt. Du lässt mich los und lässt mich heimkehren. Du setzt mir keine Grenzen, du brauchst mich nicht für dein Glück. Du bindest mich nicht. Du verfolgst mich nicht. Du wartest nicht.

Du. Du bist mein Haus, mein Alltag, mein Licht. Du stehst für Wärme und Geborgenheit. Du bist Komplize und Freund. Du bist alles, was ich denken kann. Weil es dich gibt, kann ich im Galopp durch Zeiten reiten, kann Prinzessinnen aus Türmen retten, kann durch reissende Flüsse schwimmen, kann Drachen töten, kann gegen die ganze Welt antreten. Du lässt mich gehen.

Wenn ich zerzaust, entkräftet aber mit leuchtenden Augen glücklich heimkehre, öffnest du mir die Tür und lachst.

Du.

I’ve been through the desert on a horse with no name

Setz dich. Konzentrier dich. Atme.
Nimm dir einen Stift, wähle eine Farbe, vor dir liegt leeres Papier.
Schliess die Tür, stell beide Füsse auf den Boden, drück den Rücken durch.
Lass Licht ins Zimmer, nimm einen Schluck kaltes Wasser aus einem sauberen Glas.
Atme. Schliess die Augen und horch in dich hinein. Versuch das Gefühl einzufangen, das lose Ende zu erhaschen. Was genau ist es? Lass dich tiefer sinken.
Nicht aufgeben. Hör deinem Herz zu, wie es schlägt. Denk dich noch tiefer, lass die Gedanken nicht abschweifen. Lass Bilder aufsteigen. Wie genau fühlt es sich an? Beschreib es, versuch es zu umreissen. Atme.

Es ist, als ob ich Fruchtgelée gegen eine kalte Eisentüre geworfen hätte und nun dabei zusehe, wie sich die rote gallertartige Konsistenz langsam zum Boden hin bewegt. Zäh, eine Spur hinterlassend, wabernd, tropfend, klebend und dennoch nicht haftend.

Es ist, als ob ich einen Tag lang – ich bin früh morgens bei Sonnenaufgang gestartet – einen Berg hochgelaufen bin. Ich bin ausser Atem und meiner Kraft beraubt oben auf dem Gipfel angekommen, habe der Kuppe entgegengefiebert und dann, als der Berg den Blick freigibt, sehe ich… nichts. Nebel. Oder Bäume. Oder Wolken. Aber nichts, was die Anstrengung hätte rechtfertigen können. Und es wird mir klar, dass ich den Weg mehr hätte geniessen sollen, dass ich mehr hätte innehalten sollen, denn auf dem Weg gab es schöne Punkte, die ich aber zu hastig hinter mir gelassen habe, weil ich den Gipfel erreichen wollte. Ich frage mich jetzt, warum. Denn niemand hat mir eine Aussicht versprochen.

Es ist, als ob man ins Leere tritt. Als ob es nichts zu hoffen, zu freuen, nichts zu sehnen gäbe. Es ist, als hätte ich auf etwas gewartet, das nicht existiert. Man kann beim besten Willen nicht sagen, worauf genau.

Es ist, als ob man das lose Ende des Fadens einfach nicht zu fassen kriegt. Als würde es einem entgleiten. Durch die Finger rinnen. Abfliessen, in Luft auflösen. Und ich frage mich, ob es das alles wert ist. Ob ich selbst überhaupt einen Wert habe. Ob da nicht einfach Leere ist. Ob man ein Echo hören, wenn man hineinrufen würde. Ob es hohl ist, ob es überhaupt jemals etwas enthalten hat.

Es ist, als ob man Feuerwerk oder Inferno erwartet hätte, da aber nur Stille ist. Sprachlosigkeit und Stille.
Man fragt sich, ob man stark ist. Ob man stark genug ist. Ob man gegen das Nichts gefeit ist. Im All hört dich niemand schreien.

Setz dich. Konzentrier dich. Atme. Fokus würde helfen.

Die Nacht in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.

Es war viel Betrieb am Bahnhof. Sie fühlte sich wohl an solchen Orten. Sie konnte in der Menge untergehen, fühlte sich so weniger ausgesetzt, weniger beobachtet. Sie ging nun schon seit einer Stunde ziellos umher, wartete ab und zu ein paar Minuten auf einem Bahnsteig, ging dann weiter, immer in Bewegung, nahm nie den selben Weg. Der Bahnhof war recht gross und es gab viele Möglichkeiten sich unauffällig zu bewegen. Niemand würde Verdacht schöpfen, sie war bloss eine Reisende, die ihren Zug erwischen musste, die etwas einkaufen wollte, die jemanden abholt, die auf jemanden wartet. Sie trug ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, hatte eine Sonnenbrille auf und ihr langer, grauer Mantel reichte bis zu ihren Knöcheln. Bloss ein Stadtmädchen, das ein Ziel hatte, das beschäftigt an einem Samstagvormittag seinen Besorgungen nachging.

Noch eine Stunde. Noch eine Stunde in der sie sich etwas entspannen konnte, ein Hauch von Normalität fühlte. Gerade war sie auf dem Weg zum Kiosk in der hintersten Ecke des Bahnhofs, um Zigaretten zu kaufen. Nicht, dass sie rauchte, aber ein Stadtmädchen könnte ja durchaus rauchen, es fühlte sich plausibel an. Sie hatte vor, danach vor den Bahnhof zu den Rauchern zu stehen. Plötzlich tauchte vor ihr aus dem Gewimmel ein Hund auf, ein Terrier, der seine Leine hinter sich herzog und im Zickzack den Beinen der Menschen auswich. Ohne nachzudenken, hob sie den Fuss und stand auf die Leine. Der Hund jaulte, wie erstarrt blieb sie stehen. Dann sah sie den Mann, der auf sie zu rannte, ganz ausser sich. Sie versuchte eine Entscheidung zu treffen. Einfach weitergehen? Das würde aber jetzt wohl mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ein paar Menschen waren stehengeblieben. Sie blieb also wie angewurzelt auf der Leine stehen, der Mann hatte sie nun erreicht, rief Dankesworte und den Namen des Hundes. Er beugte sich keuchend zum Hund, nahm die Leine, zog daran.
„Sie können jetzt loslassen, vielen Dank!“
Sie bewegte sich etwas zu hektisch, fast sprang sie weg von der Leine. Der Mann sah zu ihr auf mit Verwunderung im Ausdruck. Sie sah, dass er schöne Augen hatte, helle Augen.
Sie murmelte: „Keine Ursache, schönen Tag“ und wollte weitergehen, so als wäre sie etwas knapp in der Zeit, der Mann jedoch rief ihr hinterher, machte einen Satz und berührte sie am Arm. Sie zuckte zusammen.
„Vielen Dank! Das war sehr nett von Ihnen, sehr aufmerksam, Crystal ist eben noch jung, wenn man nicht aufpasst… Er reisst sich immer los… Vielen Dank, dass sie ihn aufgehalten haben!“
Er lachte und sah sie an. Sie versuchte so gelassen wie möglich zu wirken und lachte ebenfalls. Etwas zu künstlich, sie konnte aber nicht anders.
„Kein Problem, junge Hunde, müssen noch lernen, ist doch klar. Ich muss jetzt aber leider weiter, mein Zug…“
Er sah noch immer direkt in ihr Gesicht, sie war einmal mehr heilfroh, dass sie ihre Sonnenbrille aufgesetzt hatte. Crystal zerrte an der Leine und kläffte. Der Mann löste seinen Blick und sah zum Hund.
Sie drehte sich um, hob kurz die Hand, rief ein paar Abschiedsworte über ihre Schulter und ging dann in der Menge unter.

D Chatz gaat uf Walliselle

Letzte Woche ist mal wieder wahnsinnig viel passiert, es scheint, als lebte ich gerade drei Leben gleichzeitig. Es ist schwierig sich an alles zu erinnern, so wie man sich erinnern sollte. Sorgfältig. Deshalb – liebes Hasenherz der Zukunft – hier die Liste der Kalenderwoche 13:

  • Sonntag: Ein langer, schöner Tag Improvisationstheater. Rrrrrrrrrrrrrendering! Formvollendet, formschön. Sket-ching!
  • Montag: Präsentation eines privaten Projekts. Zustimmung und Anerkennung.
  • Dienstag: Ein unvermuteter Abend mit Fussballmatch, Bier und zwei sehr speziellen Gesprächen. Über Liebe und Anziehung den den ganzen Kram. Das erste Gespräch war sehr warm, sehr versöhnlich und entwaffnend offen. Das zweite Gespräch war überraschend, relativ kalt und dennoch mit einem gewissen Unterton versehen. Im Stil von: Ich zeige Dir mein kaltes Herz und obwohl es kalt ist, ist es dennoch mein Herz.
  • Mittwoch: Ein verblüffend schöner Abend. Mit Hipster-Bar, Sushi-Dinner und Jazz-Konzert. Dieser Abend hat mal wieder gezeigt, dass sich Andersartigkeiten und Klischees doch überwinden lassen. Mit Offenheit und Neugierde ist alles möglich.
  • Donnerstag: Ein wunderschöner Tag mit meinem Herrn Neffen am See. Picknick, Glacé und gaaaaanz viel rennen. Danach ein ganz anderer und dennoch sehr netter Abend. Spröder als Mittwoch – erstaunlicherweise. Aber auch hier gilt: Mit Zuneigung überwindet man sogar heikle Glaubensfragen. Dass ich an den Zufall und das Chaos glaube und keinen Sinn erkennen kann, ist nicht einfach zu akzeptieren für jemanden, der spirituell veranlagt ist.
  • Freitag: Herzerfrischende Therapie-Stuhl Session im Büro. Danach ein lustiger und unverhoffter Spaziergang nach Wallisellen bei schönster Frühlingsluft. (Aazelle, Bölle schelle, d Chatz gaat uf Walliselle, chunt si wider hei, hät si chrummi Bei, piff, paff, puff und du bisch ehr und redlich duss.) Danach endlich: Heimkommen. Mit grosser Wärme empfangen werden. Lachen, Spaghetti-Plausch und lange schlafen.
  • Samstag: Ein echt guter und sehr schwerer Escape Room im Technorama Winterthur. Danach Winterthur von seiner schönsten Seite: Draussen sitzen, Sonne tanken, seltsame Biere trinken, rumspinnen und doch gute Gespräche führen. Krönender Abschluss war dann die Einweihung von Häschens Terrasse.

In diesem Sinne: Auf eine neue Woche, ein Hoch auf Woche 14!

Applaus, Applaus!

Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte.“ (Christian Morgenstern)

Die Ballettaufführungen im Zürcher Opernhaus haben einen speziellen Charakter. Und ich spreche jetzt nicht nur von den Stücken selbst, die meistens wirklich grosse Klasse sind. Nein, ich spreche von der Stimmung des Publikums. Ich mag besonders den Schlussapplaus. Der ist immer, immer, immer tragend, lang und irgendwie ehrlich. Eigentlich müsste man nur schon deswegen eine Vorstellung ansehen gehen, um dieses aus dem Dunkel aufsteigende Tosen, dieses Entzücken, diese pure Vitalität zu spüren. Meistens weine ich ab der Schönheit schon während der Vorstellung, am Schluss weine ich mit Sicherheit. Die alte Dame, welche jetzt schon seit geraumer Zeit den Platz neben mir einnimmt, schaut mich dann immer wissend und irgendwie mütterlich besorgt von der Seite an.

Gestern sass ich nach der Arbeit auf dem Sechseläutenplatz, wo die Sonne abends sehr lange scheint und wo die Menschen auf den Stühlen, auf dem Boden, auf der Treppe sitzen. Wir tranken ein Büchsenbier, rauchten Zigaretten und gepaart mit der Sonne hatte dieser Augenblick etwas anrührendes, etwas versöhnliches, liebreizendes, graziles, anmutiges. Wäre man es nicht längst, man hätte sich in diesem Moment in das Leben verlieben können.

Danach hatte ich exakt 45 Minuten Zeit, um nach Hause zu kommen, mir ein Ballett-taugliches Kleid überzuwerfen, mit zitternden Fingern Nylons überzustreifen, Heels und einen Mantel zu schnappen und den gleichen Weg zurück zu hasten. Fünf Minuten bevor die Vorstellung begann, war meine Reihe bereits komplett. Da sich mein Platz in der Mitte befindet, musste die halbe Reihe aufstehen. Ein distinguierter Herr meinte dann auch ziemlich belustigt: „Sie können doch nicht so spät eintreffen mit diesem Platz!“ Die ganze Reihe lachte, ich errötete. Als es dann Dunkel wurde und die Musik erklang, roch ich, dass meine Haut diesen wunderbaren Geruch von der Sonne angenommen hatte – endlich Frühling!

Ballett Zürich: Nijinski

Ballett Zürich: Nijinski

Minibar

Heute sass ich nach meiner monatlichen Blutabnahme an der Tramhaltestelle, die Beine in der Sonne, der Kopf nach hinten gelehnt im Schatten, Musik auf den Ohren. Es war warm, die Luft aber war kalt. Ich schloss die Augen, genoss die kalte Luft, die Sonne, die meine Beine wärmte und war mal wieder höllisch glücklich.

Wie heute mein eventuell zukünftiger Chef am Telefon sagte: Es geht um die kleinen Dinge, man kann die Welt nicht retten, viele kleine Dinge ergeben aber auch was Grosses.

Hast Du es heute schon probiert? Die Augen zu schliessen und Dich an einen Ort zu denken, der glücklich macht? Bei mir war das heute ein Hotelzimmer mit Minibar (nicht so ne krämerisch traurige Minibar, sondern ne verblüffend grosszügige Minibar). Wenn man aus der Tür auf die Terrasse tritt, erstreckt sich vor einem die blaue karibische See. Es ist ruhig, man hört die Wellen und den Wind in den Palmen. Es ist warm und die Luft ist feucht. Man atmet also dieses grossartige Äquator-Klima, diese wundervolle Süsse in der Luft, gespickt mit dem Salz des Meeres. Man blickt auf Blau in Blau und überlegt sich, ob man jetzt schon schwimmen gehen soll oder erst später.
Abends dann tanzt man in der Strandbar am Meer zu eigenartiger Musik und singt leise in seltsamen Sprachen.

Verliebt oder nur müde?

Nach diesem wunderbaren Tag voll Sonnenschein, Luft, Licht und Schlaf, lese ich mein altes Tagebuch. Ein Eintrag vom 21. März 1996 lautet so: „Bin ich verliebt oder nur müde? Ein obskures Gefühl auf jeden Fall. Und doch ist es mir heute gut ergangen. Ich habe Glück erfahren.

Es ist spannend, sich so durch die Jahre zu blättern. An viele Dinge habe ich keine Erinnerung mehr. Wer zum Teufel ist Alain? Und wer Eleonore? Würde ich dies Menschen auf der Strasse erkennen? Würde ein flüchtiges Gefühl von Vertrautheit in mir aufsteigen? Oder würde nichts in mir nachklingen? Ich lebe in einer kleinen Stadt. Sicher begegne ich täglich Menschen, die ich mal gekannt habe, die mir mal vertraut waren, deren Namen ich kannte. Oder sind diese Menschen alle ausgewandert? Eleonore lebt heute vielleicht auf einer Farm in Chile. Vielleicht blickt sie jetzt gerade zum Himmel auf, sieht die Wolken ziehen und fragt sich vielleicht, was mit diesem Mädchen ist, das sie mal gekannt hat, an dessen Namen sie sich jedoch nicht erinnern kann. Alain vielleicht lebt in Paris und hat gerade seine drei Kinder ins Bett gebracht. Ihnen ein Buch vorgelesen und betrachtet sie jetzt lächelnd im Schlaf. Vor dem Fenster zieht der nie ablassende Verkehr vorbei, er ist müde. Oder doch verliebt?