There will be no miracles here

There will be no miracles here

There will be no miracles here

Heute hatte ich ein langes Gespräch mit Dudi und sie sagte, wobei ich ihr rechtgeben muss, dass es Dinge gibt, die man nicht erklären muss, die einfach so sind und wenn man ab und zu in sich hineinhorcht und keine eindeutige Antwort zurückbekommt, dann soll man es einfach lassen. Ich fand das gerade irgendwie beruhigend. Man kann Dinge auch „zerdenken“. Wir glauben heutzutage ja nicht mehr an Wunder und wenn es welche geben sollte, dann wahrscheinlich irgendwo im Urwald oder neben einer dicken Eiche auf dem Feld. Also da, wo ich mich selten aufhalte. Ich halte mich mehr in Büros oder in öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Wenn ich ein Wunder wäre, würde ich da auch nicht auftauchen. Ist nämlich ziemlich öde. Wenn ich ein Wunder wäre, würde ich mich allgemein ziemlich weit fern halten von Menschenansammlungen. Vielleicht würde ich einem Reh geschehen oder einem Hund. Einem Dackel vielleicht. Aber ich bin kein Wunder, noch nicht mal ein Fräuleinwunder. Nun, wollen wir den Montagabend mal nicht zerdenken, sonst fällt er noch auseinander.

Musik!

Heute habe ich in der NZZ am Sonntag ein Interview mit Stefan Kölsch gelesen. Er ist Musiker und Neurowissenschafter. Im Interview erklärt er, warum uns Musik von Tieren unterscheidet und was Musik auszumachen vermag.

Während meiner Krankheit konnte ich keine Musik mehr hören. Also, ich konnte schon Musik hören, sie ist einfach nicht mehr zu mir durchgedrungen. Ich nahm sie als störend wahr, sie erreichte mich nicht. Als ich dann das erste Mal wieder Lust auf Musik hatte und sie mich auch emotional berührte, war das wie ein Wunder. Seit da gehe ich nirgends mehr hin ohne meine Kopfhörer. Ich kann mir gerade ein Leben ohne Musik nicht mehr vorstellen. Sie beschützt mich und unterstreicht mein Glück.

Stefan Kölsch sagt auf die Aussage des Interviewers „Menschen, die an Depression leiden, empfehlen Sie die Songs der Beach Boys.“ :
Mag sein, dass Depressiven manchmal traurige Lieder helfen, um sich in ihren Gefühlen verstanden zu fühlen. Aber spätestens nach dem dritten Song sollte man zu positiv gestimmter Musik übergehen – auch wenn man sich dafür einen Ruck geben muss. In sehr vielen Fällen hilft fröhliche Musik nämlich, die eigenes Stimmung aufzuhellen. Fröhliche Musik kann die sogenannte Hippocampus-Formation stimulieren: eine Struktur, in der bis ins hohe Alter neue Gehirnzellen gebildet werden können. Das hält das Hirn jung, flexibel und fit.

Lustigerweise habe ich in einer Phase des fiesesten Liebeskummers wirklich Beach Boys gehört. Ich habe sogar meine damalige Arbeitskollegin, welche mit mir ein Büro geteilt hat, dazu gebracht jeden Tag zu Beginn, in der Mitte und gegen Schluss des Tages den Song „Wouldn’t it be nice“ laut aufzudrehen, mitzusingen und dazu rumzuhopsen. Muss ein seltsames Bild gewesen sein, waren die Wände doch aus Glas. Aber es hat geholfen. Und wie es geholfen hat!

Du

Du. Meine Heimat. Mein Heimkommen, mein Lachen, mein Ein und Alles. Auf dir beruht alle Freude, du bist die Grundlage für mein Glück. Ohne dich hätte ich nichts geschafft. Du bist da. Du schreist nicht, du jammerst nicht, du begegnest mir ungerührt. Du lässt mich los und lässt mich heimkehren. Du setzt mir keine Grenzen, du brauchst mich nicht für dein Glück. Du bindest mich nicht. Du verfolgst mich nicht. Du wartest nicht.

Du. Du bist mein Haus, mein Alltag, mein Licht. Du stehst für Wärme und Geborgenheit. Du bist Komplize und Freund. Du bist alles, was ich denken kann. Weil es dich gibt, kann ich im Galopp durch Zeiten reiten, kann Prinzessinnen aus Türmen retten, kann durch reissende Flüsse schwimmen, kann Drachen töten, kann gegen die ganze Welt antreten. Du lässt mich gehen.

Wenn ich zerzaust, entkräftet aber mit leuchtenden Augen glücklich heimkehre, öffnest du mir die Tür und lachst.

Du.

nicht allein

Alle sind leise, wenn du vom Dunkel sprichst
Die Welt verstummt, nur der Mond zieht seine Bahn
Wohin, wenn nicht dahin
Wo die Blumen blühen
Warum, wenn nicht darum
Wasser, das vom Felsen fällt

Du bist nicht allein
Heute nicht
und morgen
Möchten wir nicht alle, dass sich der Nebel lichtet?
Uns drehen, wie der Mond auf seiner Bahn
Im nächtlichen Zwielicht tanzen
Keine Zäune, keine Mauern

Alles ist still, wenn du vom Dunkel sprichst
Die Vögel am Himmel, die Wolken, der Wind
Ein Fuss vor den andern
Keine Spuren im Schnee
Nur Blicke, die sich zu Boden neigen
Mein Schatten für die Ewigkeit

Ohne Körper und ohne Geist

Sie waren drei Monaten – um genau zu sein, zwei Monaten und 24 Tage – zusammen. Sie hatten einen etwas drückenden Abend verbracht, er hatte gesagt, er sei nicht sicher, ob sie bei ihm übernachten könne, er sei sich seiner Gefühle nicht ganz klar. Sie hatte ihn angesehen, so als würde sie versuchen ihn nicht anzusehen. Sie nickte. Er dachte, er hätte die Überhand, er könnte sich am nächsten Tag melden und sie würde mit banger Stimme seinen Anruf entgegennehmen. Sie würde lachen, ganz ausser sich, wenn er ihr mitteilen würde, er sei sich nun doch (einigermassen) sicher. Stattdessen beantwortete sie seinen Anruf nicht. Er dachte sich nichts dabei und versuchte es abends wieder. Auch da – nichts. Nur ihre seltsam helle Stimme auf dem Anrufbeantworter. Er hängte auf, schreib stattdessen eine Nachricht. Gespielt cool, aber süss – wie er fand. Er sah, dass sie die Nachricht zweiundvierzig Minuten später gelesen hatte. Und antwortete nicht.
Er dachte, sie sei vielleicht noch etwas eingeschnappt, da er sie am Abend zuvor um dreiundzwanzig Uhr alleine heimgehen liess. Er dachte, sie würde wohl versuchen ihn etwas zappeln zu lassen. Er ging früh schlafen, um am nächsten Tag fit zu sein, er wollte zum Sport. Morgens hinterliess er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, um ihr zu sagen, dass er zum Sport ginge und sie doch nachher auf ein Frühstück bei ihm vorbeischauen solle. Er hatte am Tag zuvor eingekauft. Sie hatten das schon einige Male so gemacht. Er ging zum Sport und wenn er nach Hause kam, sass sie schon auf den Stufen vor seinem Haus und rauchte. Er mochte das Bild von ihr, wie sie auf ihn wartet. Doch an diesem Tag fand er die Treppe leer vor. Er war sehr erstaunt darüber. Sie hatte auch keine Nachricht hinterlassen. Er schrieb erneut. Diesmal etwas stinkig aber doch versöhnlich. Sie las seine Nachricht diesmal erst drei Stunden später. Keine Reaktion. Da kam bei ihm das erste Mal Panik auf. Eine Panik, die ihn seit da begleitete.

Er stellte fest, dass er nicht genau wusste, wo sie wohnt. Sie waren immer bei ihm gewesen, da er fand, dass er ihre Mitbewohnerin noch nicht kennenlernen wolle. Ausserdem hätten sie bei ihm ihre Ruhe. Er musste zugeben, dass er es auch angenehmer fand, er fühlte sich einfach sicherer in seiner gewohnten Umgebung. Sie hatte ihm das Haus, wo sie wohnte, beim vorbeifahren mal gezeigt, doch er war sich nicht sicher, welches es genau war. Er hatte also keine Adresse. Nur eine Telefonnummer. Sie hatten auch nie Profile oder ähnliches ausgetauscht. Er fand das irgendwie postmodern lässig sich eben ohne das ganze digitale Drum und Dran anzunähern. Sie hatte nie danach gefragt. Als er nun zu suchen anfing, stellte er fest, dass er mit ihrem Vor- und Nachnamen nach der Nadel im Heuhaufen suchte. Sie hatte eine Allerweltsnamen. Zudem gab es eine halbwegs berühmte Snowboarderin mit dem selben Namen. Er suchte gründlich und fand nichts. Er schrieb erneut, diesmal ehrlich verzweifelt. Er rief an, mehr als einmal. Sie antwortete nicht. Er stellte fest, dass es immer länger ging, bis sie seine Nachrichten gelesen hatte. Manchmal dauerte es sogar Tage.

Er machte sich Sorgen, verfiel in eine tiefe Angst, dass jemand ihrer Familie die Nachrichten las, ihn jedoch nicht kannte. Und sie derweil im Spitalbett um ihr Leben kämpft. Doch er kam von dieser Erklärung ab. Wenn jemand anderer seine Nachrichten lesen würde, dann würde er irgendwann antworten. Auch, dass sie ihr Handy verloren haben könnte, verwarf er, da sie ja wusste, wo er wohnt.

Er fuhr mit dem Fahrrad frühmorgens zu dem Haus, von dem er dachte, dass es das ihrige sei. Niemand mit ihrem Namen war dort angeschrieben. Er suchte auch die Klingeln von den umliegenden Häusern ab, fand jedoch nichts. Er lungerte an einer Ecke rum, in der Hoffnung, sie würde aus einem der Häuser kommen, um zur Arbeit zu gehen. Sie kam aus keinem Haus.

Dann begann er damit, jeden Abend die Bar zu besuchen, in der sie sich kennengelernt hatten. Zudem alle anderen Orte, an die er sich erinnerte, über die sie mal erzählt hatte. Er rief auch bei der grossen Firma an, bei der sie arbeitete. Man sagte ihm, man gäbe keine Auskünfte über Mitarbeiter, als sich herausstellte, dass es verschiedene Mitarbeiterinnen mit dem selben Namen gab und er die Frage nach der genauen Abteilung nicht beantworten konnte.

In seltenen Fällen wich die Panik vollkommen der Wut. Diese Momente waren sehr befreiend, sie schmerzten weniger. Eine schmucklose Ratlosigkeit hatte sich in seinen Körper eingegraben. Seine Haut wurde mit den Tagen und Wochen grauer. Er konnte nicht verstehen, was passiert war, warum sie nicht mit ihm sprach. Anfänglich hatte er sich zurückgehalten mit den Anrufen und Nachrichten. Dann kam eine Phase der Raserei. Er rief sie ununterbrochen an. Zwei Tage später war die Nummer tot. Nun konnte er nicht mal mehr ihre helle Stimme auf dem Band hören. Er hätte sich am liebsten die eigene Faust ins Gesicht gepfeffert, war es doch das einzige, was ihm geblieben war.

Entscheidungsmuster

Was ich gestern ganz vergessen habe: Falls Du mal einen neuen Duft brauchst und keine Lust auf einen Supermarkt-von-der-Stange-Parfum hast, Du zufällig in Zürich bist und Dich zudem noch echt gut beraten lassen möchtest, dann geh dahin: Süskind Store. Ein echt super Laden mit super Leuten. Wenn Du mal Deinen eignen Duft kreieren möchtest oder einfach mal mit dem Mischen von Düften experimentieren willst, dann gibt es hier die Möglichkeit. Und wenn Du dann einen Workshop bei Till aussuchst, dann kann nix mehr schiefgehen. (Till ist nämlich einfach grossartig!)

Mein Vater schrieb mir vorgestern eine Mail. Du musst wissen, dass ich selten Kontakt zu ihm habe, da er immer irgendwo auf der Welt unterwegs ist und ein flatterhaftes Zigeuner-Herz sein eigen nennt. Er schreibt, dass wir oft in Mustern existieren und diese nicht hinterfragen und unsere Entscheidungen aus diesen Mustern heraus treffen, obwohl es sich anschicken würde diese Muster – gerade vor wichtigen Entscheidungen – zu hinterfragen. „Ich jedenfalls habe rückblickend auf so viele Jahre, enorm viele falsche Entscheide getroffen.“ Mich hat diese Mail gefreut. Ich lese darin auch sowas wie Bedauern, was ich nachvollziehen kann, was aber eigentlich gar nicht nötig ist. Wir machen alle Fehler. Das einzige Wichtige ist nur, wie wir heute damit umgehen. Ich hab dann zurückgeschrieben: „Du hast Recht, es ist nur nicht immer ganz einfach, wenn man mitten im Strudel der täglichen Kleinigkeiten steckt. Jeder ist fehlerhaft, das ist ja auch gar nicht schlimm. Hauptsache man trägt sein Herz immer mal wieder offen und versucht mit den Möglichkeiten, die sich gerade bieten, behutsam umzugehen.

In diesem Sinne, auf ein behutsames 2019, auf dass es mit Glück und Kraft gesegnet sein wird!

onions

One day I gonna make the onions cry

Laufmasche

Es war der Weihnachtstag und sie hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, Geschenke einzupacken, sich zurechtzumachen, das Kleid auszusuchen, welches sie heute Abend wird tragen werden und der Vorspeise – eine Gemüseterrine – den letzten Schliff zu geben. Sie war nervös, denn sie wusste, dass er da sein würde. Er war der Mann ihrer Cousine und sie waren sich im Sommer das erste Mal begegnet. Es hatte harmlos begonnen, sie war schliesslich seit Jahren ungebunden und war sich der eine oder andere Flirt, auch mit verheirateten Männern, gewohnt. Ihre Cousine hatte sie dann gemeinsam zur Tankstelle geschickt, um Bier zu holen. Er hatte sie bei der Hand genommen, um sie über die Strasse zu ziehen. Es war eine einfache Geste, eine sehr kleine Geste, jedoch eine sehr vertraute. Dadurch hatte diese Geste etwas höllisch subversives, vereinbarendes, zementierendes, dass sie in dem Moment begriff, dass man sogar kleinste Gesten nicht mehr zurücknehmen kann, wenn sie in der Welt, dann leben sie ein Eigenleben. Auf dem Rückweg war ihr die Tüte mit dem Bier gerissen, sie lachten sehr, waren auch schon etwas angesäuselt, sie ging auf die Knie, er folgte ihr, beim aufstehen hielt sie sich an ihm fest und er küsste sie auf den Mund. Es war ein überraschend sanfter Kuss, sie hätte erwartet, dass er ungestümer küssen würde. Sie küssten sich lange und ihr wurde schwindelig. Sie setzten sich auf eine Parkbank und waren sprachlos. Sie redeten nicht. Auf dem Weg zurück wusste sie, dass das kein Ausrutscher war, keine schnelle Nummer, kein Fehler. Es war tiefer, würdevoller und vor allem sicher.

Ihren Gedanken nachhängend, setzte sie sich aufs Bett, streifte ein Strumpfhosenbein über ihren Fuss, betrachtete den schimmernden Stoff, die roten Nägel ihrer Füsse, die durch das feine Schwarz der Strumpfhose einen eigentümlich mysteriösen Charakter annahmen und streckte ihr Bein in die Luft. Sanft rollte sie die Nylons über ihre Waden, übers Knie, dann stand sie auf und rollte den Stoff – so vorsichtig es ihr nur möglich war – über ihre Oberschenkel nach oben. Sie hatte sich überlegt, ob sie halterlose Strümpfe wählen sollte, sie mochte die Vorstellung. Sie hatte die Idee aber verworfen, es war ein Weihnachtsfest und sogar ihr schien das etwas zu gewagt.

Zwei Tage später hatte er sie angerufen. Seine Stimme am Telefon klang fremd, kühl, distanziert. Sie dachte, er würde ihr sagen, dass er das nicht gewollt hat und ihr vorschlagen, es zu vergessen. Sie war erstaunt, dass er stattdessen ein Essen vorschlug. Nur sie zwei, um zu reden. Das war jetzt fast auf den Tag genau fünf Monate her und sie war einmal mehr erstaunt, dass sie kein schlechtes Gewissen hatte, dass sie reinen Herzens war. Es war grotesk und unendlich seltsam, aber es war da. Sie hatte es wegzuwischen versucht, sie hatte es auszulöschen versucht. Aber es war da.

Als sie in die Küche eilte, um die Gemüseterrine aus dem Kühlschrank zu holen, merkte sie nicht, wie eine kleine Unebenheit der Türschwelle eine Masche ihrer Strumpfhose beschädigte. Es war noch nicht sichtbar, aber es würde sichtbar werden und war unausweichlich. Die Masche würde sich einen Weg nach oben bahnen, würde über ihre Schenkel wandern und für alle sichtbar einen Makel darstellen, einen Fauxpas, den es – ab der Sekunde wo sie ihn feststellen werden wird – sofort zu beheben galt.