Die Zeit ist eng geworden

Gerade hänge ich im x-ten Skype Meeting fest. Jemand spricht in meine Ohren, in meinen Kopf, in mein Hirn. Die Grenzen zwischen meinem Daheim und meinem Büro verschwimmen, mein Arbeitsweg vom „Office“ zum Sofa ist genau 18 Schritte lang, ich hab ihn ausgemessen. Gerade überlege ich mir, was ich am nächsten Wochenende unternehmen soll. Puzzle im Bad? Jonglieren in der Küche? Schach im Schlafzimmer? Tanzen im Treppenhaus? Lesen im Flur? Oder vielleicht versuche ich auch etwas ganz abgefahrenes, wie zum Beispiel einen Abenteuerausflug zum Dachboden?

Die kleinen Überraschungen sind sozusagen die Strohhalme, an denen wir uns festklammern. Ich habe eine Zeichnung meines Neffen per Post erhalten. Sie stellt Bahn- und Buslinien dar, die Sehnsucht nach Freiheit glimmt auch in den kleinsten Köpfen.

Was mir an dieser Isolations-Homeoffice-MyHomeIsMyCastle-Gedöns am meisten erstaunt ist, dass ich weniger Zeit für mich selbst habe also vorher. Die Zeit ist eng geworden, die Räume kleiner. Ich weiss gar nicht, wo meine Tage bleiben, ich habe das grosse Bedürfnis mich zu Hause einzuschliessen (oder besser gerade: alles andere auszuschliessen), die Bettdecke über den Kopf zu ziehen und für mindestens 3 Tage zu schlafen. MINDESTENS. Ich glaub, ich brauch Ferien von der Welt.

Bahn- und Buslinien

Bahn- und Buslinien, Wasserfarbe auf Papier

Ich muss gestehen…

Wisst ihr, es gibt seltsame Phänomene in einem jeden Leben. Glück gebiert zum Beispiel immer Glück. Es braucht bloss einen kleinen Funken, der ein ganzes Feuer entfachen kann. Heute morgen um 5 haben ich mit einem Strassenputzer gesprochen. Morgens um 5 spricht sowieso jeder mit jedem. Nicht, weil um diese Uhrzeit freundlichere oder offenere Menschen unterwegs wären. Nein, bloss weniger. Der blosse Umstand, dass man so früh wach ist und der andere auch, bringt einem dazu freundliche Worte zu wechseln. Nachdem ich also ein sehr herzliches und lustiges Gespräch mit dem Strassenputzer geführt habe und danach auch noch eine Zigarette mit der Tramchauffeuse rauchte und mit ihr ebenfalls ein paar Liebenswürdigkeiten austauschte, war ich seltsam aufgeräumt und heiter. Diese Heiterkeit begleitete mich den ganzen Tag. Ich will damit sagen, dass es seltsam wenig braucht, um aus etwas sehr Kleinem etwas sehr Grosses zu machen.

Ich mag, dass es Leute gibt, die Kurse in Zivilcourage geben und ich mag es noch viel mehr, dass Menschen diese Kurse besuchen. Ich mag, dass es Menschen gibt, die Veranstaltungen organisieren, wie zum Beispiel die Porny Days, die Sexualität und Pornografie aus der Schmuddelecke befreien und für Offenheit und Andersartigkeit einstehen. Ich mag all die Künstler, die tagtäglich auf der Bühne stehen, um ihr Publikum zu unterhalten und es vielleicht sogar zum nachdenken anregen. All die Theatermacher, all die Musiker, alle Schauspieler, all die Autoren und Verleger, die das alles nicht für Geld tun. Weil es aus einem inneren Bedürfnis entsteht, aus Leidenschaft, weil sie nicht anders können.

Ich mag es freundlich zu sein. Offen. Herzlich. Es kommt meist um ein hundertfaches zurück. Vielleicht ist das meine Begabung. Menschen glücklich zu machen und dabei selbst glücklich zu sein. Sozusagen dein kleines persönliches Theater.

Und falls du mir Manipulation vorwirfst: Würdest du den selben Vorwurf gegenüber einem Künstler erheben, der zum Beispiel auf der Bühne steht und dich mit Musik berührt? Der in dir ein Gefühl auslöst? Mir wird oft die Frage nach der Echtheit gestellt und genauso wie ein Schriftsteller kann ich sagen: Es ist alles wahr und alles echt.

Ain’t no sunshine when she’s gone

Alles dreht sich um Abschied. Um Blätter, die fallen, um den Winter, der einzieht. Welche Worte müssen noch gesagt werden, welche Gesten ausgeführt? Und welche eben nicht? Weil Stille manchmal besser ist, weil wir uns heute und hier verabschieden ohne grosse Worte, ohne Wünsche, ohne Tränen, ohne, ohne, ohne…

Wenn ich an das letzte Jahr zurückdenke, dann lache ich über das ganze Gesicht und gleichzeitig erfüllt sich jede Faser mit Wehmut. Was für ein aussergewöhnliches Jahr! Meine Kreativität ist zurückgekehrt, meine Kraft, mein Mut. Und das alles ist auch für ein ganzes Jahr geblieben, ich kann es kaum fassen. Wie schnell es vorüberging! Kalter Herbst, eisiger Winter, grauer Vorfrühling, regnerischer Frühling, heisser Sommer, lästiger Spätsommer…

Kann man wirklich ein ganzes Jahr einfach nur glücklich sein? Durch und durch fast schon unerträglich glücklich? Man kann. Und wie man kann!

Don't talk just kiss

„Don’t talk just kiss“ Pop Music Wisdom, Love Edition (Erhältlich zum Beispiel im Buchsalon vom Kosmos in Zürich.)

 

Schläft ein Lied in allen Dingen

Als ich ihm im diffusem Licht der Bar gegenübersitze, draussen regnet es in Strömen, entschliesse ich mich ihn zu mögen. Ich bin lange unentschlossen gewesen, er hat etwas Glattes an sich, was bei mir per se Mistrauen auslöst. Diese glatte Schönheit, hinter die man nicht blicken darf, die einem den Blick versperrt für die Abgründe, für die Untiefen des Charakters, die einem Sonnenschein vorgaukelt, wo doch eigentlich Nebel ist. Ich mag abgründige Menschen, solche mit viel Ambivalenz, die einen Kampf austragen -tagtäglich. Es gibt einfach viel mehr Möglichkeiten einzuhaken. Viel mehr Möglichkeiten, da das Gegenüber um seine Unzulänglichkeiten weiss.

Was bringt mich also dazu, ihn zu mögen an diesem regnerischen Mittwochabend in einer Bar? Natürlich, es ist Alkohol im Spiel. Das ist aber nicht der Grund, ich vergebe meine Zuneigung schon lange nicht mehr leichtfertig. Nicht, dass ich klüger wäre als früher, mir ist einfach schneller langweilig. Vielleicht ist es das Aufblitzen der Unsicherheit, der Kampf um Haltung? Nein, ich glaube es ist die Herzlichkeit. Diese verletzliche Herzlichkeit, die man tagtäglich vergeblich in vordergründig netten Menschen sucht. Wenn sie einem dann begegnet und dazu noch von so unerwarteter Seite, ist es ein Geschenk.

Was für eine erfrischende Kombination! Äusserliche Schönheit gepaart mit dieser verletzlichen Herzlichkeit. Als hätte man einen Löwen vor sich, der sich freundlich und zaghaft Antilopen nähert.

Draussen schlägt der Regen gegen die Scheibe, ein paar verwelkte Blätter treiben über den Asphalt, es wird langsam Nacht. Er sieht an mir vorbei an die nackte, goldgelb gestrichene Wand und sein Gesicht drückt flüchtige Erschöpfung aus. Der Barkeeper räuspert sich, Zeit zu gehen.

Es ist vielleicht einfach nur dieser Augenblick, Honey.

Der Stockenten-Deal

Ich habe grossen Respekt vor Menschen, die mit fremden Menschen sprechen. Die den Mut aufbringen in Kontakt zu treten. Es klingt immer so einfach: Sag Hallo! Aber es ist nicht einfach. Es braucht Mut. Gerade ist es mir wieder passiert. Jemand hat mich angesprochen. Hat den Schritt gewagt. Man ist versucht über diese Person zu lachen, es klein zu machen. Aber ich finde, dass Mut ästimiert werden sollte. Also, warum nicht?

Ein nettes Wort, ein Kompliment, ein Dank, ein Lächeln. Es kostet nichts. Ist aber viel Wert. Und kommt x-fach zurück.

Erste Schritte und kleine Gesten sind wohl die Stockenten unter den Dingen, die man so tun kann. Unterschätzt, übersehen.

Vielleicht sollten wir übrigen Enten endlich den Stock aus dem Arsch nehmen und etwas weniger verklemmt sein, etwas fröhlicher und grosszügiger in unserem Tun. Was kostet es uns, im Tram jemandem Platz zu machen, die Tür aufzuhalten, einen schweren Koffer zu tragen, zu fragen, ob wir helfen können, ob jemand einen Kaffee will, ob es jemandem gut geht, zuzuhören, seinen eigenen Scheiss hinten anzustellen? Eben. Nichts.

Wir machen also folgendes: Wir machen morgen alle mal ne Stockente und schauen mal, was so passiert. Deal? Deal!

There will be no miracles here

There will be no miracles here

There will be no miracles here

Heute hatte ich ein langes Gespräch mit Dudi und sie sagte, wobei ich ihr rechtgeben muss, dass es Dinge gibt, die man nicht erklären muss, die einfach so sind und wenn man ab und zu in sich hineinhorcht und keine eindeutige Antwort zurückbekommt, dann soll man es einfach lassen. Ich fand das gerade irgendwie beruhigend. Man kann Dinge auch „zerdenken“. Wir glauben heutzutage ja nicht mehr an Wunder und wenn es welche geben sollte, dann wahrscheinlich irgendwo im Urwald oder neben einer dicken Eiche auf dem Feld. Also da, wo ich mich selten aufhalte. Ich halte mich mehr in Büros oder in öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Wenn ich ein Wunder wäre, würde ich da auch nicht auftauchen. Ist nämlich ziemlich öde. Wenn ich ein Wunder wäre, würde ich mich allgemein ziemlich weit fern halten von Menschenansammlungen. Vielleicht würde ich einem Reh geschehen oder einem Hund. Einem Dackel vielleicht. Aber ich bin kein Wunder, noch nicht mal ein Fräuleinwunder. Nun, wollen wir den Montagabend mal nicht zerdenken, sonst fällt er noch auseinander.

Musik!

Heute habe ich in der NZZ am Sonntag ein Interview mit Stefan Kölsch gelesen. Er ist Musiker und Neurowissenschafter. Im Interview erklärt er, warum uns Musik von Tieren unterscheidet und was Musik auszumachen vermag.

Während meiner Krankheit konnte ich keine Musik mehr hören. Also, ich konnte schon Musik hören, sie ist einfach nicht mehr zu mir durchgedrungen. Ich nahm sie als störend wahr, sie erreichte mich nicht. Als ich dann das erste Mal wieder Lust auf Musik hatte und sie mich auch emotional berührte, war das wie ein Wunder. Seit da gehe ich nirgends mehr hin ohne meine Kopfhörer. Ich kann mir gerade ein Leben ohne Musik nicht mehr vorstellen. Sie beschützt mich und unterstreicht mein Glück.

Stefan Kölsch sagt auf die Aussage des Interviewers „Menschen, die an Depression leiden, empfehlen Sie die Songs der Beach Boys.“ :
Mag sein, dass Depressiven manchmal traurige Lieder helfen, um sich in ihren Gefühlen verstanden zu fühlen. Aber spätestens nach dem dritten Song sollte man zu positiv gestimmter Musik übergehen – auch wenn man sich dafür einen Ruck geben muss. In sehr vielen Fällen hilft fröhliche Musik nämlich, die eigenes Stimmung aufzuhellen. Fröhliche Musik kann die sogenannte Hippocampus-Formation stimulieren: eine Struktur, in der bis ins hohe Alter neue Gehirnzellen gebildet werden können. Das hält das Hirn jung, flexibel und fit.

Lustigerweise habe ich in einer Phase des fiesesten Liebeskummers wirklich Beach Boys gehört. Ich habe sogar meine damalige Arbeitskollegin, welche mit mir ein Büro geteilt hat, dazu gebracht jeden Tag zu Beginn, in der Mitte und gegen Schluss des Tages den Song „Wouldn’t it be nice“ laut aufzudrehen, mitzusingen und dazu rumzuhopsen. Muss ein seltsames Bild gewesen sein, waren die Wände doch aus Glas. Aber es hat geholfen. Und wie es geholfen hat!

Du

Du. Meine Heimat. Mein Heimkommen, mein Lachen, mein Ein und Alles. Auf dir beruht alle Freude, du bist die Grundlage für mein Glück. Ohne dich hätte ich nichts geschafft. Du bist da. Du schreist nicht, du jammerst nicht, du begegnest mir ungerührt. Du lässt mich los und lässt mich heimkehren. Du setzt mir keine Grenzen, du brauchst mich nicht für dein Glück. Du bindest mich nicht. Du verfolgst mich nicht. Du wartest nicht.

Du. Du bist mein Haus, mein Alltag, mein Licht. Du stehst für Wärme und Geborgenheit. Du bist Komplize und Freund. Du bist alles, was ich denken kann. Weil es dich gibt, kann ich im Galopp durch Zeiten reiten, kann Prinzessinnen aus Türmen retten, kann durch reissende Flüsse schwimmen, kann Drachen töten, kann gegen die ganze Welt antreten. Du lässt mich gehen.

Wenn ich zerzaust, entkräftet aber mit leuchtenden Augen glücklich heimkehre, öffnest du mir die Tür und lachst.

Du.

nicht allein

Alle sind leise, wenn du vom Dunkel sprichst
Die Welt verstummt, nur der Mond zieht seine Bahn
Wohin, wenn nicht dahin
Wo die Blumen blühen
Warum, wenn nicht darum
Wasser, das vom Felsen fällt

Du bist nicht allein
Heute nicht
und morgen
Möchten wir nicht alle, dass sich der Nebel lichtet?
Uns drehen, wie der Mond auf seiner Bahn
Im nächtlichen Zwielicht tanzen
Keine Zäune, keine Mauern

Alles ist still, wenn du vom Dunkel sprichst
Die Vögel am Himmel, die Wolken, der Wind
Ein Fuss vor den andern
Keine Spuren im Schnee
Nur Blicke, die sich zu Boden neigen
Mein Schatten für die Ewigkeit

Ohne Körper und ohne Geist

Sie waren drei Monaten – um genau zu sein, zwei Monaten und 24 Tage – zusammen. Sie hatten einen etwas drückenden Abend verbracht, er hatte gesagt, er sei nicht sicher, ob sie bei ihm übernachten könne, er sei sich seiner Gefühle nicht ganz klar. Sie hatte ihn angesehen, so als würde sie versuchen ihn nicht anzusehen. Sie nickte. Er dachte, er hätte die Überhand, er könnte sich am nächsten Tag melden und sie würde mit banger Stimme seinen Anruf entgegennehmen. Sie würde lachen, ganz ausser sich, wenn er ihr mitteilen würde, er sei sich nun doch (einigermassen) sicher. Stattdessen beantwortete sie seinen Anruf nicht. Er dachte sich nichts dabei und versuchte es abends wieder. Auch da – nichts. Nur ihre seltsam helle Stimme auf dem Anrufbeantworter. Er hängte auf, schreib stattdessen eine Nachricht. Gespielt cool, aber süss – wie er fand. Er sah, dass sie die Nachricht zweiundvierzig Minuten später gelesen hatte. Und antwortete nicht.
Er dachte, sie sei vielleicht noch etwas eingeschnappt, da er sie am Abend zuvor um dreiundzwanzig Uhr alleine heimgehen liess. Er dachte, sie würde wohl versuchen ihn etwas zappeln zu lassen. Er ging früh schlafen, um am nächsten Tag fit zu sein, er wollte zum Sport. Morgens hinterliess er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, um ihr zu sagen, dass er zum Sport ginge und sie doch nachher auf ein Frühstück bei ihm vorbeischauen solle. Er hatte am Tag zuvor eingekauft. Sie hatten das schon einige Male so gemacht. Er ging zum Sport und wenn er nach Hause kam, sass sie schon auf den Stufen vor seinem Haus und rauchte. Er mochte das Bild von ihr, wie sie auf ihn wartet. Doch an diesem Tag fand er die Treppe leer vor. Er war sehr erstaunt darüber. Sie hatte auch keine Nachricht hinterlassen. Er schrieb erneut. Diesmal etwas stinkig aber doch versöhnlich. Sie las seine Nachricht diesmal erst drei Stunden später. Keine Reaktion. Da kam bei ihm das erste Mal Panik auf. Eine Panik, die ihn seit da begleitete.

Er stellte fest, dass er nicht genau wusste, wo sie wohnt. Sie waren immer bei ihm gewesen, da er fand, dass er ihre Mitbewohnerin noch nicht kennenlernen wolle. Ausserdem hätten sie bei ihm ihre Ruhe. Er musste zugeben, dass er es auch angenehmer fand, er fühlte sich einfach sicherer in seiner gewohnten Umgebung. Sie hatte ihm das Haus, wo sie wohnte, beim vorbeifahren mal gezeigt, doch er war sich nicht sicher, welches es genau war. Er hatte also keine Adresse. Nur eine Telefonnummer. Sie hatten auch nie Profile oder ähnliches ausgetauscht. Er fand das irgendwie postmodern lässig sich eben ohne das ganze digitale Drum und Dran anzunähern. Sie hatte nie danach gefragt. Als er nun zu suchen anfing, stellte er fest, dass er mit ihrem Vor- und Nachnamen nach der Nadel im Heuhaufen suchte. Sie hatte eine Allerweltsnamen. Zudem gab es eine halbwegs berühmte Snowboarderin mit dem selben Namen. Er suchte gründlich und fand nichts. Er schrieb erneut, diesmal ehrlich verzweifelt. Er rief an, mehr als einmal. Sie antwortete nicht. Er stellte fest, dass es immer länger ging, bis sie seine Nachrichten gelesen hatte. Manchmal dauerte es sogar Tage.

Er machte sich Sorgen, verfiel in eine tiefe Angst, dass jemand ihrer Familie die Nachrichten las, ihn jedoch nicht kannte. Und sie derweil im Spitalbett um ihr Leben kämpft. Doch er kam von dieser Erklärung ab. Wenn jemand anderer seine Nachrichten lesen würde, dann würde er irgendwann antworten. Auch, dass sie ihr Handy verloren haben könnte, verwarf er, da sie ja wusste, wo er wohnt.

Er fuhr mit dem Fahrrad frühmorgens zu dem Haus, von dem er dachte, dass es das ihrige sei. Niemand mit ihrem Namen war dort angeschrieben. Er suchte auch die Klingeln von den umliegenden Häusern ab, fand jedoch nichts. Er lungerte an einer Ecke rum, in der Hoffnung, sie würde aus einem der Häuser kommen, um zur Arbeit zu gehen. Sie kam aus keinem Haus.

Dann begann er damit, jeden Abend die Bar zu besuchen, in der sie sich kennengelernt hatten. Zudem alle anderen Orte, an die er sich erinnerte, über die sie mal erzählt hatte. Er rief auch bei der grossen Firma an, bei der sie arbeitete. Man sagte ihm, man gäbe keine Auskünfte über Mitarbeiter, als sich herausstellte, dass es verschiedene Mitarbeiterinnen mit dem selben Namen gab und er die Frage nach der genauen Abteilung nicht beantworten konnte.

In seltenen Fällen wich die Panik vollkommen der Wut. Diese Momente waren sehr befreiend, sie schmerzten weniger. Eine schmucklose Ratlosigkeit hatte sich in seinen Körper eingegraben. Seine Haut wurde mit den Tagen und Wochen grauer. Er konnte nicht verstehen, was passiert war, warum sie nicht mit ihm sprach. Anfänglich hatte er sich zurückgehalten mit den Anrufen und Nachrichten. Dann kam eine Phase der Raserei. Er rief sie ununterbrochen an. Zwei Tage später war die Nummer tot. Nun konnte er nicht mal mehr ihre helle Stimme auf dem Band hören. Er hätte sich am liebsten die eigene Faust ins Gesicht gepfeffert, war es doch das einzige, was ihm geblieben war.