Masel tov!

Manchmal erwächst aus Leid etwas Schönes. Als hätte man ein kleine Flocke auf den staubtrockenen, vergifteten Boden geworfen und als wäre dann, plötzlich, ein Jahr später etwas daraus entstanden. Unmerklich, langsam. Durch die Erde gekämpft, hochgewachsen und dann erblüht. Man mag es mit Staunen und Zittern betrachten.

Ich sage nicht, dass ich die Zeit mit Größe und Gleichmut überstanden hätte. Das habe ich nicht.
Ich sage nicht, dass ich mit Zuversicht in die Zukunft blicke. Das tue ich nicht.
Ich behaupte nicht, dass ich meine Angst und meine Sorgen losgeworden bin – über Nacht. Das bin ich nicht.
Ich befinde mich nicht jetzt hier und sage: Endlich Licht! Das sage ich nicht.
Auch sehe ich nicht plötzlich die Schönheit wieder. Oh, nein, das tue ich nicht.
Trotzdem erkenne ich diesen Anflug von Verwunderung. Dieses ungläubige: Wirklich? Ist DARAUS etwas erwachsen? Wie kann das sein? Wie, zur Hölle, ist das möglich?

Alles kommt und alles geht. Oder in meinem Fall gerade: Alles geht und alles kommt. Masel tov!

Laienhaft vernäht

Wollherz

Heartfelt by Sarah Mandall

„Warum er traurig war? Vielleicht, weil die Welt sich enttäuschend ausnahm, sobald man erkannte, wie dünn ihr Gewebe war, wie grob gestrickt die Illusion, wie laienhaft vernäht ihre Rückseite. Weil nur Geheimnis und Vergessen es erträglich machten.“

(Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“)

Dann bleibt wohl bloss: Fake it! Damit die laienhafte Naht unsichtbar werde. Schauspiel ist und bleibt die beste Lösung.

Wenn man sich bis zum Boden verbeugt, sieht man seine Füsse und vielleicht zwischen seinen eigenen Beine hindurch die Bühne auf dem Kopf.
Ich blicke auf den See. In letzter Zeit habe ich oft auf den See geblickt. Im Spital, als du tot auf dem Bett lagst – lächelnd und ich mich von dir abwandte und durchs Fenster den von dir so geliebten Zürisee sah. Ein Seebub warst du. Und letzten Freitag, am Leichenmahl, stand ich auf dem Steg, der kälter werdende Frühlingsregenwind zerzauste mein Haar und der See so unruhig wie ich. Wären da die Arme nicht gewesen, die mich hielten, ich hätte springen mögen. Heute, da die Bäume noch keine Blätter tragen, sehe ich von meinem Balkon glitzernd das Wasser durch die Äste hindurch. Letzten Samstag sass ich oberhalb des Bellevues auf einer Strassenbank und genoss das zweifelhafte Vergnügen in der Öffentlichkeit still zu weinen. Auch da sah ich den See, diesmal von der anderen Seite. Da ich jetzt all die Punkte auf einer unsichtbaren Karte markiere, die mir in letzter Zeit den Blick auf’s Wasser freigaben, kommt es mir seltsam vor, wie sehr Begleitung der Zürisee in den entscheidenden Augenblicken war.

Was nützt es, nach dem Warum zu fragen? So sind wir, wir gehen ganz und gar zu Grunde und erheben uns wieder. Oder wie Badana heute in ihrer grandiosen Schlüsse-Liste unter Punkt 4 schrieb:

„4. Mehr Sex, Kino, Schlaf, BBC Radio, Früchte, schmale Bücher, Stille, frische Luft und viel klares Wasser aus sauberen Gläsern.“

Wohlan, denn.

Auf ein erdbeer-gelassenes 2013!

Happy New Year! Auf ein omnierfolgreiches und erdbeer-gelassenes 2013!

Ich bin zurück. Und doch noch irgendwie nicht. Das war ein sehr schöner Monat auf der Insel. Abenteuer und Lebensgeister inklusive. Und dann kam der Tag, an dem die Farbe zu wechseln hatte. So Weltenwechsel fallen mir grundsätzlich schwer. Wahrscheinlich, weil ich mich mit Haut und Haar in die jeweilige Aktuelle gebe. Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein, es ist schön hier. Und dann hab ich doch ab und zu Heimweh. Ich kann’s nicht recht erklären…

Es gab da einen Moment, ich war mit meinen neu gewonnen Freunden in einem Nachtclub, da hab ich auf die Szenerie geschaut und musste innerlich lachen. Da tanzten ein Palästinenser, ein Libyer, eine ukrainische Nachtclubtänzerin und ein Türke neben mir. Es war eine seltsam interessante Gruppe. So eine, die man wohl nur im Ausland trifft, da, wo jeder auf sich selbst gestellt ist und sich nicht ins Innere seines Schneckenhauses zurückziehen kann. Eine grossartige Zeit.

Und dann Heimkommen, Weihnachten, Silvester und Shizzle.

Ach ja, drei Dinge noch:

„Ein Kuss ist eine Sache, für die man beide Hände braucht.“
(Mark Twain)

„Don’t go around saying the world owes you a living. The world owes you nothing. It was here first.“
(Mark Twain)

„I don’t give a damn for a man that can only spell a word one way.“
(Rate!)

The Artist Is Present

Day 2, Portrait 22: "The Artist is Present" Marina Abramovic MoMA - New York

Sie blickt uns an und wir heulen: Day 2, Portrait 22: „The Artist is Present“ Marina Abramovic MoMA – New York

Gestern bin ich – nachdem mich meine Abendverabredung versetzt hatte – ins Kino gegangen. Allein. Da war dieser Film, den ich schon lange sehen wollte: „Marina Abramović: The Artist Is Present„. Ich sass also im Kino neben einer Frau, die nach abgestandenem Alkohol roch und meine Füsse waren kalt. Und dann, dann hat mich dieser Film erwischt. Ich habe während fast zwei Stunden durchgeheult. Das Geräusch der Tränen, die auf meine Hosen tropften, war hörbar – ähnlich wie ein Herzschlag. Ich habe geheult und geheult. Nicht, weil es ein trauriger Film ist, im Gegenteil. Es ist ein schöner, interessanter Film. Aber traurig? Nein. Ich war wohl ergriffen. Und habe mich gefragt: In was für einer Welt leben wir, wo sich eine Künstlerin auf einen Stuhl setzen kann und nichts weiter tun kann, als ihr Publikum anzublicken und alle drehen durch? Dem Gegenüber in die Augen sehen und es wird verrückt. Entweder verrückt vor Liebe oder vor Erkenntnis, keine Ahnung.
Es braucht also lediglich ein Bühne (also Aufmerksamkeit) und jemand, der einem ins Gesicht schaut. So lange, wie man möchte. 40 Minuten, 50 Minuten, 7 Minuten – whatever. Da schaut einem also jemand an und das reicht. Es reicht, um sich im Spiegel zu erkennen, um zu lieben, um zu hassen, um zu fühlen. Wir leben in einer sehr armen Welt. So unglaublich arm, dass wir jemanden, der es wagt, uns ins Gesicht zu sehen, zu Gott erheben. Das ist gefährlich, Leute. Und so nötig.

Genau so muss Kunst sein, nicht wahr? Genau so. Wenn man sie anblickt, müssen wir uns selbst entgegenblicken. Mir ging es das erste Mal bei einem Gemälde von Schmidt-Rotluff so. Und dann bei einem von Klee. Und dann bei einem von Dix. Und dann kam ein Satz von Goethe hinzu und dann einer von Brecht. Wenn man mal ein Gefühl für sich selbst in Kunst hat, entdeckt man Welten. Arm diejenigen, die es nie erfuhren.

Einfach grossartig, ich könnte schon wieder heulen.

(Ach ja, hier der Link zu allen Porträts von Leuten, die ihr gegenüber sassen. )

Zukunftsbild

Sie sitzt am Meer. Es ist ein kalter Wintertag im Dezember. Das Meer an der Küste von England ist ruhig und kalt. Es hat geschneit und eine feine Schneeschicht überzieht den Steinstrand. Sie ist warm eingepackt und liest. Dann blickt sie auf und der Horizont ist es, der sie an ihn erinnert. Seit drei Wochen ist dieser famose Ort nun ihre vorübergehende Heimat. Sie hat sich gut eingewöhnt und mag die Wintersee. Sie mag es, hier zu sein. Und sie mag es, ihn zu vermissen. Es sind die kleinen Zwischenräume, die das Vermissen ausmachen. Sie erinnert sich – während sie den Horizont anstarrt, als ob es in der Ferne etwas zu erkennen gäbe, als wäre da eine Nachricht, eine Zeile mitten in den Himmel geschrieben – gerne an die Monate zuvor. An sein Bett und an die schlaflosen Nächte, an sein Lachen und seinen kritischen Blick. Sie erinnert sich gern an seine unausgesprochene Zugeneigtheit und an seine Selbstverständlichkeit. In dieser Selbstverständlichkeit liegt viel Wärme. Wenn sie an die ersten Tage ihrer Bekanntschaft denkt, lächelt sie. Sie lächelt darüber, dass sie es anfangs Spiel genannt hatten und dass das Spiel selbst es war, das gewonnen hat, das sie überlistet hatte. Sie kramt ihr Handy aus der Tasche und schaut auf die Uhr. Bald fünf. In dreissig Minuten wird sie sich auf den Weg machen, um mit der Familie zu Abend zu essen. Die kleine Tara wird sie wieder löchern.
Wie ist er so?
Was tut er?
Was tut er gerade jetzt?
Welche Augenfarbe hat er?
Und die Haare?
Liebt er dich?
Bist du sicher?
Sie mag Tara. Sie mag ihre Fragen. Obwohl es immer wieder die selben sind. Seit einigen Wochen hat sie einen Schulschatz und ist unendlich neugierig. Und Tara scheint es zu mögen, dass sie jeweils zurückfragt. Es ist ihr tägliches Abendspiel, das dann irgendwann vom Vater unterbrochen wird.
Iss jetzt, Tara. Lass sie doch mal in Ruhe.
Dann schauen sich Tara und sie an, grinsen verschworen und widmen sich ihrem Teller.

Es wird langsam dunkel, der Horizont sinkt in die Dämmerung. Sie blinzelt und reibt sich die kalten Knie, macht ein Eselsohr ins Buch – sie mag keine Buchzeichen -, verstaut es in ihrer Tasche, zündet sich eine Zigarette an. Der Rauch passt zum dunstigen Wintertag. Jetzt, gerade jetzt, würde sie ihm gerne gegenüber stehen auf seinem Balkon. Sie wie immer an die Wand gelehnt und er an die Brüstung. Sie würde ihn gern mit dem Blick ansehen, der sich automatisch einstellt, wenn sie zu ihm hinaufschaut, in seine grünen Augen. Sie würde gern geküsst werden, gern seine Nase betrachten, die mal gebrochen war und etwas schief ist.

Das Vermissen stellt sich immer ein, wenn es still ist und sich unaufgeregte Wintertage zu Ende neigen. Was er wohl macht? Gerade jetzt? Er wird im Büro von seinem Tisch aufstehen, vielleicht kurz aus dem Fenster sehen (sie weiss nicht, ob sein Büro Fenster hat oder Türen, ob einen Teppichboden oder Bilder an den Wänden), er wird für einen Augenblick ihren Geruch vermissen, ihren Mund, ihre Bewegung, die sie immer macht, kurz bevor sie sich zu ihm hinneigt, um ihn zu küssen.