Sonntags im Büro

Bed of Books

Bed of Books

Am Sonntag im Büro träumt man sich in andere Welten, möchte gerne überall lieber sein. Man träumt sich ins Bett zurück wo Träume wahr werden – lesend, denkend. Man träumt sich an einen Ort, der möglichst weit von sich selbst entfernt ist, weil das Selbst gerade Zähne zeigt und zu eng ist, wie Hosen, die nicht mehr passen, weil man sich über Monate von Osterhasen aus Schokolade ernährt hat, sich selbst belügend, es werde wohl keine Konsequenzen haben.

Wenn ich könnte, würde ich gerne eine Reise machen nach Argentinien. Zum Beispiel. In Buenos Aires direkt vom Flughafen in die „El Ateneo Grand Splendid“ fahren, dort Stunden verbringen, immer wieder zur Decke blicken und beim Anblick der Engel lächeln.

El Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires

El Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires

Wenn ich könnte, würde ich gern Ferien von mir selbst nehmen. Mich kurz verlassen. So, wie man Pflanzen bei einer Woche Urlaub zu Hause lässt, ihnen genügend Wasser gibt, die Läden zur Hälfte schliesst, dass sie nicht zu sehr der Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind und mit dem Wissen, dass sie noch genau so da sein werden, wenn man wiederkommt.

Sonntags ist das Büro ein Ort, wo Träume wahr werden können, weil sie Raum haben, sich zu entfalten, weil sie die Luft einnehmen und singend – einem Echo gleich – den Klang wieder- und wiedergeben. Sonntags aber ist das Büro auch ein Ort, wo man mit seinen Träumen das Zeitliche segnet, weil die Wirklichkeit keinen Platz hat, sich zu festigen und so tatsächlich obsolet wird.

I’m not here right now.

„You ask me what life is? It is like asking what a carrot is. A carrot is a carrot, and nothing more is known.“
(Chekhov in einem Brief an Olga.)
Gerade aus sich selbst verreist.

Gerade aus sich selbst verreist.

Ich befinde mich ja seit einigen Tagen auf der Insel. Ferien. Ganz allein. Und das für vier lange Wochen. Es ist schon eigentümlich, wenn man so ganz auf sich selbst gestellt ist, was man da alles macht und denkt. Ich geniesse es. Lustigerweise hab ich mich noch keine Sekunde allein gefühlt. Auf der anderen Seite, bin ich irgendwie auch froh, wenn ich wieder zu Hause bin. Es fühlt sich wie Heimweh an. Vielleicht ist das so, wenn man sich in ein Abenteuer stürzt, wenn man etwas wagt und dabei unglaublich viel lernt – das macht auch müde und man weiss plötzlich wie viel Glück man hat, ein zu Hause zu haben, in das man gerne zurückkehrt, Freunde zu haben, die man von der ersten Sekunde an schmerzlich vermisst.

Hier auf der Insel ist es wahnsinnig kalt. Alle um mich herum sagen immer:
Aber bei dir, in deiner Heimat, ist es doch auch kalt, du müsstest dir das doch gewohnt sein!
Die Kälte hier aber ist eine ganz andere. Und vor allem: Das mit der Isolation in den Häusern haben sie also echt nicht im Griff. Man kann heizen so viel man will, die Räume werden nicht warm. So schlafe ich also jede Nacht mit Wollmütze. Nun gut, gschäch nüt schlimmers.
Es ist kurios, die ersten paar Tage, wenn alles neu ist und man niemanden kennt, dann fühlt es sich an, als wäre man in eine Waschmaschine geraten, die gerade schleudert. Man kann nichts anderes tun, als einfach mitzumachen und nicht zu sehr dagegen halten zu wollen. Mit der Zeit gewöhnt man sich dann daran und hat sich und die Umgebung etwas mehr im Griff.
„The sea has neither meaning nor pity.“ (Nochmal Chekhov)

Spielen am Sonntag

Schön, oder?

Schön, oder?

Sonntage sind seltsame Tage. Sie plätschern so vor sich hin, die Sonne geht auf und bald darauf wieder unter und dazwischen liegt braches Land, mit dem man irgendwie wenig anzufangen weiss. Man schläft und geht dann durch den Regen, man isst etwas, nimmt vielleicht eine Kopfwehtablette, schaut einen Film und geht wieder schlafen. Es gibt an Sonntagen zuweilen ganz kleine Momente, wo das Licht aufblitzt. Spielen am Sonntag also:

  • Im Starbucks schöne, fremde Namen auf den Kaffeebecher schreiben lassen. Heute bei mir:
    „Wie heisst du?“ – „Ellie“ – „Wie?“ – „E L L I E“
  • Wetten, die das ganze Leben verändern, eingehen und verlieren.
  • Mit dem „Buch der Antworten“ an den Küchentisch kommen, seine WG-Gschpändli in aufforderndem, dringlichen Ton fragen: „Hast Du eine Frage?“ (Und dann insistieren, bis sie eine Frage stellen.)
  • Jeden Fingernagel in einer andern Farbe anmalen.
  • Auf dem Rücken auf seinem Bett liegen, die Stuckdecke anstarren und sich lustige Zukunftsgeschichten ausdenken.
  • Komische Katermenüs kochen. Rösti mit Späzli und Ketchup oder so.
  • Neue Wörter aus anderen Dialekten lernen. Wie zum Beispiel „Grättimaa“ oder „Teigmanndli“.
  • Sich verlieben.

Alles wird gut, Kleines

Ich mag solche Nächte, die sich anfühlen wie eine gelebte Woche. Wenn man durch die Dunkelheit geht und einem die Sterne ihr Muster in den Rücken brennen – unbemerkt. Ich mag den Tag, wie er aufgeht, nach einer verlebten Nacht. Wenn alles dem neuen Tag weicht und man weiss: Es ist noch nicht vorbei. Ich hab eine Begabung für Nächte. Der Trennungsschmerz zwischen mir und eben einer solchen Nacht, ist unangenehm aber leider nicht vermeidbar. Würden wir den Schmerz scheuen, würden wir die Nacht niemals geniessen können. Mir ist schwindlig. Denn nach der Nacht (und es ist kein Zufall, dass ich gerade in dieser Nacht so losgelassen habe) kommt der Tag. Der andere Tag. Der, der nicht aufgeht. Sondern der, der da ist. Plötzlich. Hell und gleissend. Der einem mitreisst, vor dem man sich nicht verstecken kann. Eigentlich würde ich ja gern nicht hingehen, morgen. Ich würde mich in Dunkelheit flüchten wollen und in Unwissenheit. Weggehen, nicht wiederkommen, nichts wissen, nichts wollen, kein guter Mensch sein. Aber etwas in mir drin verbietet es mir. Etwas in mir drin weiss, dass ich werde hingehen müssen, dass ich all das Bauchweh und die Nervosität werde aushalten müssen. Dass ich mich an der Erinnerung an die Dunkelheit festhalten werde, um den leuchtenden Tag zu überstehen.  Auch so kann es sein. Dass der Schatten nicht der Angstauslöser ist, sondern das Licht. Hinaustreten, Verantwortung übernehmen. Gar nicht mal so einfach.

In diesen Momenten – zum Glück kommen sie selten vor – habe ich Sehnsucht nach zwei Armen, die mich umschlingen. Nach einer gigantischen Bettdecke, die zwischen meinem Kopf und der Welt für Jahre zum liegen kommt. Dann hab ich Sehnsucht nach einer tiefen Männerstimme, die sagt: „Alles wird gut, Kleines, alles wird gut.“

Kaddisch

Das waren jetzt die seltsamsten 24 Stunden seit langem… Was mir alles passiert ist! Man sagt, ich hätte Gott beleidigt und er macht mich jetzt fertig. So, als wäre gestern nach kurzem, traumlosen Schlaf, als ich die Augen öffnete, ein Schalter umgelegt worden. Der Tag war so unglaublich seltsam, dass es mich nicht erstaunte, als mir mein Weinglas aus der Hand fiel und sich in tausend Scherben über den Boden verteilte. Die Nachricht von meinem Vater, die zu knapp für seine Verhältnisse war, kam zum Schluss. Er schrieb: „Ich kann dich nicht erreichen. Ruf mich an.“

Meine Grossmutter war eine sehr lustige Frau. Eine sehr eigenständige, dickköpfige und fröhliche Person. Der man aber die Abgründe anmerkte. Sie sprach nicht über das wirklich wichtige. Sie erzählte viele Geschichten, aber die wirklich wichtigen Dinge liess sie aus.
Möge ihr die Erde leicht sein.

El malej Rachamim, schochen baMromim,
hamze Menuchah nechonah,
tachat Knafej haSch’chinah,
beMaalot Keduschim, Tehorim veGiborim,
keSohar haRakia mas’hirim. (…)

Es ist besser auszubrennen, als langsam zu verblassen.

(Obiges Zitat ist übrigens von Cobain.) Fauler Sonntag. Wäsche zusammenlegen, dabei ein Hollywood-Film schauen, Kaffee trinken (literweise) und versuchen nicht nachzudenken. Fauler Sonntag.

Gestern hab ich von ElfElf den Kopf gewaschen bekommen, die wiederrum von mir die Leviten gelesen bekam. Die Party, an der wir waren, war die schrecklichste seit langem und dennoch hab ich mehr gelacht als sonst.
Zudem bin ich stolz auf mich. Es gibt doch diese Muster: Man begeht in gewissen Situationen immer die selben Fehler. Klar, die Situationen sind mal so und mal so und man erkennt sie nicht gleich, als die „gemusterten“. Und dann plötzlich, kurz bevor es zu spät ist, taucht das Muster aus dem Dunkel auf. Päng. Und dann weiss man: Entweder ziehe ich die Notbremse genau jetzt oder ich bin verloren. Gemein ist natürlich, dass man die Notbremse so überhaupt nicht ziehen will, weil man (einem Süchtigen gleich) unglaublich gerne würde weitermachen wollen. Man belügt sich und macht sich etwas vor und denkt: „Ach, was. Is doch alles ganz harmlos.“ Ist es natürlich nicht. Ganz und gar nicht. Ich hab sie also gezogen, die Notbremse. Ist mir gar nicht leicht gefallen. Aber ich kenne mich. Langsam aber sicher kenne ich mich. Und du musst wissen, dass ich ziemlich gewitzt sein kann. Ich kenne viele Tricks und jede Geheimtür. Damit ist aber Schluss. Jetzt leide ich einige Zeit und muss mir immer wieder vergegenwärtigen, dass der Fehler, den ich unweigerlich begangen hätte, ein grosser gewesen wäre. Einer, der mich viel hätte kosten können. Die andere Stimme ist laut, wohl war. Die, die sagt: Wer weiss, vielleicht wäre es kein Fehler. Vielleicht wäre es sogar extrem gut. Vielleicht wäre es genau richtig. Und dann denke ich weiter und weiter und weiss, dass es genau richtig ist, wie ich es gemacht habe. Das erste Mal. Das erste Mal lasse ich mich nicht treiben. (Und wer mich kennt, weiss, dass das Gewalt gleich kommt.) Schlussendlich kann ich nur mir selbst etwas vorwerfen. Man wird immer nur so behandelt, wie man es zulässt.

Gestern hab ich mit einem Clown (und es war wirklich einer) ein seltsames Gespräch geführt. Er sagte: „Tatsache ist, dass man zwar mit dem Herzen „ja“ und „nein“ sagen kann. Mit dem Willen hingegen kann man nur „nein“ sagen, niemals „ja“.“

Nun also lass ich den faulen Sonntag, fauler Sonntag sein, gehe ab unter die Dusche, brezle mich auf und dann geht’s raus ins nächste Abenteuer. Eine neue Linie, die sich über meinen Körper zieht. Auf dass die alten verblassen mögen.

„Tue soviel Gutes, wie du kannst, und mache so wenig Gerede wie nur möglich darüber.“
(Charles Dickens)

Was zu uns kommt

„So ist das Leben und so muss man es nehmen: tapfer, unverzagt und lächelnd, trotz allem.“ (Rosa Luxemburg)

Es ist Sonntagabend, ich höre „Video Games“ von Lana del Rey und sitze (wie könnte es anders sein) im Zug. Ich habe Ferien. Das ist gut. Viel zu lange hab ich keine mehr gehabt. Ich freue mich und bin auch etwas bang. Hier riecht es ein Bisschen nach Sellerie. Ich mag den Geruch von Sellerie nicht besonders. Viel lieber mag ich den Geruch von Tiefgaragen, Zermatt oder von tiefer Nacht.

Und ich bin glücklich. Was für ein nerviges, schwieriges und großartiges Jahr das war. Ich blicke auf meine Hände und betrachte meine Fingernägel, die sich tiefrot in der Fensterscheibe spiegeln. Wie Blut, denke ich. Heute ist ein Tag an dem fremde Menschen viel zu nah an mir vorbeigehen. So, dass ich, vorhin auf dem Bahnsteig, immer einen Schritt zurück machen musste. Als ob sie überprüfen wollten, ob ich die bin, die nach Sellerie riecht. Ich rieche an meinem Pulli und bin mir nicht sicher.

Gerade hab ich Aarau passiert und der Elvetino-Mann riecht nach Nägeli. Nun denn. Besser als… Du weißt schon. Letzte Woche hatte ich ein Zwiegespräch mit meinem Herzen. Ich hab es angehalten zu schweigen und ihm versprochen, dass es später, dann wenn ich Ferien hätte, sprechen dürfe. Und jetzt, da ich Zeit habe und nichts gegen eine Auseinandersetzung hätte, schweigt es. Mehr noch: es ist alles gesagt. Wie schnell sich Dinge verändern können! Ich staune immer wieder.

„Das Abenteuer ist etwas, das seinem Wesen nach zu uns kommt, etwas, was uns wählt und nicht erst gewählt wird.“ (G. K. Chesterton)