Hamstern

Sommerglas

Ich starre in den absurd blauen Himmel. Mein Balkon ist mit einer eigentümlichen Blütenstaubschicht überzogen, die man beim besten Willen nicht wegkriegt. Es hat seit 42 Tagen nicht mehr geregnet. Die Birke im Garten gegenüber lässt ihre Blätter hängen, wie Schulkinder den Kopf nach einer Standpauke ihrer Lehrerin. Es riecht grüner als früher und die Eiswürfel in meinem Glas klingen wunderlich melodisch.

Der Sommer ist eingezogen und es lässt mich eigenartig kalt. Ist das noch Langeweile oder bereits Stumpfsinn?

Wenn man. Küsse bloss. hamstern könnte.

I've never stopped loving you

It’s now or never

Heute habe ich im Radio ein Interview mit der Virologin Alexandra Trkola gehört, das war sehr interessant, obwohl man ja annehmen könnte, dass man langsam aber sicher genug vom Corona-Virus gehört hat. Gegen Ende des Interviews meint der Moderator lapidar: „So lange die Kur nicht schlimmer ist als die Krankheit…“ Was eine extrem dämlich Aussage ist, da man letztendlich nie sagen kann, ob die Kur schlimmer ist als die Krankheit. In der momentanen Situation sowieso nicht.

So eine Aussage kann nur jemand von sich geben, der nie ernsthaft krank war. Da mir diese Erfahrung leider zuteil wurde, kann ich sagen, dass die Kur immer schlimmer ist als die Krankheit, wenn man den Moment betrachtet. Jedes Medikament – und ich spreche nicht einfach von einer Schmerztablette – ist im Augenblick, in dem man es nimmt, schlimmer als die Krankheit. Denn von der Krankheit selbst, nimmt man in ganz vielen Augenblicken weniger wahr. Die Medikation aber, die spürt man. Und wie man die spürt!

Man stellt sich das immer so einfach vor. Man denkt, man wird krank und dann stirbt man. Der Weg aber, der zwischen dem Beginn der Krankheit und dem Tod liegt, ist ein sehr langer, sehr hässlicher, sehr mühseliger. Er ist zehrend, gespickt mit vielen Nebenwirkungen, viel Leid und viel Schmerz. Und ob „die Kur“ wirklich schlimmer war als die Krankheit selbst, kann man schlussendlich erst ganz am Ende beurteilen. Den ganzen langen Weg über, weiss man es schlichtweg nicht.

Was würdest Du tun? Den Weg gehen, in der Hoffnung, dass Du die Krankheit überwindest? Oder Dich vom ersten Moment ins Messer stürzen?
Du gehst den Weg. Man geht ihn immer.

Dass man den Weg geht, ist gut. Dass man am Anfang des Weges nicht weiss, wie steinig ebendieser ist, ist auch gut. Sonst würde man ihn nicht gehen. Und so ist es mit allen Krisen des Lebens. Überwindet man dann die Krise, ist man ganz erstaunt, dass man sie durchgestanden hat.

Wir werden auch diese Krise überwinden. Das Gute daran ist, dass einem jede Krise und jede Krankheit auf das Wesentliche zurückwirft. Was ist mir wichtig? Wohin gehöre ich? Wen liebe ich? Was wünsche ich mir? Das sind ganz kleine Sachen. Aber wie wir ja wissen: Das Glück liegt in den kleinen Dingen. Und ein bisschen Demut schadet nie.

Seid fröhlich. Seid stark. Seid freundlich. Wir haben nur dieses eine Leben.

It's now or never

Bei mir zu Hause an der Wand: Pop Music Wisdom trifft auf Franz Gertsch.

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch…

Meine Ohren schmerzen, ich hab eine Erkältung. Erkältungen sind ziemlich langweilig. Man liegt da, versucht zu lesen und schläft dabei immer wieder ein. Dieses Halbschlafdelirium geht mir ziemlich auf die Nerven. Aber kein Wunder, die letzte Woche war streng, hab mir etwas zu viel vorgenommen und der Freitagabend endete dann nach einem feucht-fröhlichen Oktoberfest in einem Club namens „Mausefalle“, wo mich normalerweise keine zehn Pferde reinkriegen würden. Was mal wieder beweist, dass gute Gesellschaft auch den hässlichsten Ort irgendwie erträglich macht.

Mir wurde gesagt, ich sei anstrengend und ich frage mich, welchen Teil von mir genau anstrengend ist und in welcher Weise. Ist es der offene, rastlose Teil, der mit x fremden Menschen spricht und nicht zur Ruhe kommt? Oder der Selbstzerstörerische, der das Gegenteil von dem macht, was er wirklich will, nur um zu verschleiern, was er wirklich will, um nicht verletzt oder enttäuscht zu werden, was dazu führt, dass man verletzt oder enttäuscht wird, weil die Gegenüber ja nicht annehmen können, dass man das Gegenteil macht? Und so weiter und so fort… Oder was ganz anderes, worauf ich nicht kommen kann, da es mein blinder Fleck ist?

Was noch mehr nervt, als ne Erkältung, ist ne Erkältung und offene Fragen. Hopp, abgesoftetes und unterdrücktes Immunsystem, gib Gas, ich mag nicht krank sein. Hopphopp!

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch…“ (Woody Allen)

Theater!

Ich spiele gerade Theater. Jeden Abend Aufführung. Jeden Abend der Geruch von eingehocktem Schweiss in alten Kostümen. Und natürlich: Jeden Abend Lampenfieber und Adrenalin.

Love is a smoke made with the fume of sighs;
Being purged, a fire sparkling in lovers‘ eyes;
Being vexed, a sea nourished with lovers‘ tears;
What is it else? A madness most discreet,
A choking gall, and a preserving sweet.
(William Shakespeare: The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet)

Ich hatte eine wundervolle Woche Ferien. Habe fast ein Künstlerleben geführt. Morgens ausschlafen, dann an die Sonne, Dinge erledigen, Freunde treffen und Abends Aufführung. Hätte nach meinem Geschmack durchaus länger dauern können.

Heute habe ich im Park „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani gelesen. Durchdringend, sezierend und ehrlich.

Zudem schreibe ich an einer Art Geschichte, die sich anfühlt, als würde sie etwas Grösseres werden. On verra…

Mögliche Schönheit

Das Licht im Zimmer, das sie Bibliothek nennt, einzig weil sich darin alle Bücher befinden, was natürlich noch lange nicht das Wort Bibliothek rechtfertigt, ist noch schummrig. Dort aber, wo sich ihr Lesesessel befindet, fällt es hell auf die weissen Seiten des Buches, welches sie gerade verschlungen hat. Sie lässt das Buch auf ihre nackten Beine sinken, streicht mit den Fingern über das Papier, blättert gedankenverloren von Seite zu Seite, liest die unterstrichenen Stellen noch einmal, findet jedoch den einen Satz, der das Gefühl ausdrücken würde, nicht mehr. Unentschlossen nimmt sie den Schutzumschlag, den sie gestern entfernt und achtlos auf den Boden geworfen hatte, legt ihn ums Buch, öffnet es erneut und riecht daran. Sie versucht darüber nachzudenken, ihre Gedanken verhaken sich aber beim Versuch, schweifen ab. Sie mag dieses Gefühl der ungerechtfertigten Ungeduld nicht, dieses Warten auf etwas, was sie niemals in Worte zu fassen vermag, was nie geschehen wird, dieses Warten auf ein grosses Nichts.

Sie legt das Buch zur Seite, lässt den Kopf in den Nacken sinken, betrachtet die weisse Decke, die Bilder an der Wand, die Zierkissen auf dem Gästebett. Sie riecht den nächtlichen Regen, der noch in der Luft hängt, den Holzboden, den Geruch von Büchern, die mit feinem Staub bedeckt sind. Sie nimmt das zweite Buch, welches sie sich fürs Wochenende zu lesen vorgenommen hat, dreht es in der Hand, betrachtet die jungfräulichen Seiten, liest den Klappentext, liest den ersten Satz: „Der Tag, an dem Paula feststellt, glücklich zu sein, ist ein Sonntag im März.„. Sie kann sich jedoch nicht durchringen weiterzulesen, zu gross ist die Angst, dass sie das Gefühl vom gerade gelesenen Buch verlieren wird. Sie möchte das Gefühl auskosten, die Gedanken denken, von denen sie nicht weiss, ob sie richtig sind.

Es ist ruhig im Haus, in ihrer Wohnung. Noch ist niemand wach. Noch knarzt es nicht, noch ist kein Laut zu hören. Sie mag die morgendliche Stille, die sich anfühlt wie ein liebender Vater, der einem im Schlaf das Haar zurückstreicht und die heruntergerutschte Decke hochzieht. Sie möchte wütend sein, sie möchte Trauer empfinden, doch sie fühlt nichts von alledem. Sie fühlt viel mehr Neugierde, diese fröhliche Form der Neugierde, dieses kindliche, forschende Interesse, dieses Verlangen nach Antworten, nach dem Sezieren von Empfindungen, gepaart mit einem Anflug von Abscheu, welcher man empfindet, wenn man ein Loch im Dreck gräbt, um glänzende Schätze zu bergen, jedoch nie sicher sein kann auf Regenwürmer zu treffen.

Das Licht hat jetzt den ganzen Raum erfasst, die Farben werden deutlicher, sie betrachtet das Bild an der Wand, welches das Porträt eines ihr unbekannten Mannes zeigt, ein Freund hat es gemalt und ihr geschenkt, auf ihr Bitten hin, da ihr der Ausdruck des Mannes gefallen hat, dieses gespielte Desinteresse, dieser Blick zur Seite, die starken, blossen Arme verschränkt vor seiner Brust. Es ist ein grosses Bild, fast lebensgross, sie weiss noch, wie sie es von den Bergen in die Stadt transportiert hat. Im Zug ist es umgekippt und hätte fast einen Pudel erschlagen, glücklicherweise war ein Herr mit strengen Gesichtszügen gegenwärtig genug, um es mit schneller Bewegung aufzufangen. Sie hatte sich entschuldigt und hielt es dann fast zwei Stunden mit geröteten Wangen im übervollen Zug fest, so, dass danach ihre Arme und Finger noch tagelang schmerzten. Davon zeugt heute aber nichts mehr. Stumm hängt es an der Wand und blickt tadelnd auf sie hinunter.

Sie nimmt einen Schluck vom x-ten Kaffee, die Kirchenglocken beginnen zu läuten. Sie steht auf, geht in die Küche und holt sich drei Erdbeeren, die sie jetzt durch ihre Finger dreht. Sie riecht daran, möchte den beerig-grünen Duft in sich aufnehmen, geniessen. Sie beisst hinein, ihr Mund wird vom süssen Saft geflutet, sie blinzelt und atmet. Woher kommt dieser Wissensdurst, diese Neugierde, dieses unaufhaltsame Verlangen nach der Lösung von nicht vorhandenen Rätseln? Kann man etwas, das gar nicht existiert, entschlüsseln? Man erkennt immer Muster, auch da, wo gar keine sind, denkt sie sich und blickt auf ihre kalten Füsse. Ihre Haut ist weiss und bleich, sie hat schon lange keine Sonne mehr gesehen. Plötzlich, mit der Wucht einer Abrissbirne, sehnt sie sich nach der Sonne, nach Wärme. Sie schliesst die Augen und lächelt.

Dieses Hin und Her, das sich niemals nur auf sich selbst beschränkt, sondern immer das Versprechen eines anderen Lebens ist, das Versprechen möglicher Schönheit und Zärtlichkeit.
(Leïla Slimani: All das zu verlieren)

Der Tag, an dem Paula feststellt, glücklich zu sein, ist ein Sonntag im März.
(Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall)

Wie eine gekochte Kartoffel

Meine erste Woche in Schottland fühlt sich an wie ein halbes Jahr. Getrunken hab ich viel, geschlafen wenig. Die Menschen, die mir begegneten, waren reizend, sie haben mir viel erklärt über Schottland und die Beziehung zu England. Über Sagen und Mythen, aber auch davon, wie es ist, hier zu leben, zu arbeiten. Wie es ist, hier ein Auskommen zu finden als Künstler oder Musiker. Und wie immer, wenn man in einem fremden Land unterwegs ist, lernt man auch Menschen kennen, die ebenfalls fremd sind. Man erkennt sich, wird voneinander angezogen. So habe ich auch erfahren, wie es ist, in Frankreich Kunst zu studieren (nicht so einfach) oder aber wie man Ski fährt in Utah (sehr einfach).

Heute also ist der erste Tag, an dem ich geschlafen habe, nichts tue, nachdenke, Worte auf farbige Zettel schreibe und alles wieder verwerfe. Denn mein Hirn fühlt sich an wie eine gekochte Kartoffel. Mehlig, müde und träge. Das ist immer so, wenn man viel erlebt und dann plötzlich eine Pause hat, fällt, die Müdigkeit fühlt, wie sie über einen hereinbricht, wie Wellen am Strand. Ich weiss das und versuche es zu nehmen. Trotzdem ist das Gefühl strapaziös. Heute Abend findet zum Glück ein Konzert statt, welches mich zwingen wird das Haus zu verlassen, die Haare zu einem Pony zu binden, so fest, dass der Wind dagegen nicht ankommt und mit jedem Schritt wird es leichter werden, behände dem Montag entgegen.

Flughäfen

Ich mag fliegen nicht, jedoch mag ich Flughäfen. Man begegnet Menschen, die sich ausserhalb ihrer Komfortzone befinden, sich nervös, freudig, genervt, aufgeregt bewegen und plötzlich zu reden beginnen. Man erhält kurze Einblicke in Leben, in Wahrheiten. Und weil man sich hier bloss flüchtig begegnet, ein paar Stunden später ist man bereits auf der ganzen Welt vestreut, teilt man vorbehaltloser seine Geschichten. Trifft man jemanden, den man kennt, auf einem Flughafen, ist die Begrüssung freudiger, offener. Ungläubig schreit man „Was? Du hier!“ quer durch die Halle und man fühlt sich dabei fast so, als hätte man eine fremde Insel entdeckt fern der Heimat.

Flughäfen sind das Sinnbild für Freiheit, Sicherheit und Möglichkeiten.

„Wohin fliegst du heute? Woher kommst du? Sind dort die Hügel grün?“ möchte man fragen. Man lächelt leise und versucht nach vorne zu denken und die Erinnerung hinter sich zu lassen.

Der Kaffee aus dem Becher ist zu heiss gebrüht, schmeckt seltsam fremd, hinter mir spricht jemand in einer mir unbekannten Sprache mit seinem Kind. Der Himmel ist wolkenverhangen, man hofft auf das Ausbleiben des Gewitters.

Ich denke mich an den Ort, den ich nicht kenne, der bald meine Wirklichkeit sein wird. Liegen dort die Steine ebenfalls aufeinander? Haben dort die Leute auch Grübchen, wenn sie lachen? Riecht es nach Moos und Torf?

Scheppernd wird darauf hingewiesen, man solle sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen.

Ein Mann eilt an mir vorbei. Er scheint sich beeilen zu müssen, um an einen Ort zu kommen, der vielleicht schöner ist oder blauer. Wird er bald das Meer riechen? Ich weiss es nicht.