That tomorrow would be as yesterday

Ich habe gerade die Dokumentation „Searching for Sugar Man“ gesehen. Eine fantastisch wahre Geschichte über den amerikanischen Musiker Sixto Rodriguez, der in den USA keinen Erfolg hatte, jedoch aber in Südafrika ein Superstar war – ohne es zu wissen. Hör Dir „Lifestyles“ an und achte auf den Text. Ich bin neu auch Rodriguez-Fan.

„Night rains tap at my window
Winds of my thoughts passing by
She laughed when I tried to tell her
Hello only ends in goodbye“
(Rodriguez: Lifestyles)

Diese Zeilen passen sehr gut zu einem Karfreitag, nicht wahr? Vor allem zu einem regnerischen Karfreitag, der ganz unwiederbringlich was von „Hello only ends in goodbye“ hat.

goodbye

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Boah. Das war eine echte Durststrecke.

Es kam mir vor, als wäre ich in den kanadischen Wäldern irgendwo auf einem Trampelpfad unterwegs und hätte jenes Bild nach wochenlangem Wandern entdeckt. Der Moment, wo alle Zuversicht aus dem Körper verschwindet. So lange man unwissend war, konnte man sich einreden, dass die Waldbeiz um die nächste Ecke auftauchen werde. Ganz bestimmt.

Meine Krankheit dauert ein Jahr.
Natürlich. Es ist schon fast wieder gut. Man sieht schon fast nichts mehr. Die Folgen werde ich aber – sagen die Ärzte – erst nächsten Frühling ganz überwunden haben. Wenn überhaupt.

Wenn man, wie ich, ein Mensch ist, der nicht gerade mit Geduld gesegnet ist und sich grundsätzlich für unverwundbar hält, ist das dann doch irgendwann ziemlich einschneidend.

Aber ja. Ich weiss. Ich jammere hier rum und sollte eigentlich glücklich sein. Denn: Es geht mir gut. Nicht mehr so gut wie früher, aber es geht mir gut.

Eugen hat sich letzte Woche an einem Bild über mich versucht: Er sagte, es komme ihm vor, als wäre ich eine Nomadin, die unter den Sesshaften aufgewachsen ist und darum ihre Nomaden-Identität stets ein Bisschen verschleiert, nicht immer dazu steht. Weil die Sesshaften Angst vor den Nomaden hätten – das liege in der Natur der Sache, alle Sesshaften haben immer Angst vor den Nomaden. Darum werden diese auch verteufelt. Und wenn er mich über mich selbst reden höre, komme es ihm vor, als hätte ich die Sichtweise der Sesshaften übernommen und versuchte diese auf mich zu übertragen, was natürlich nicht gelinge. Ich solle gefälligst anfangen, mich zu fragen, was zu mir gehöre und was einfach nur Adaption sei. Er wolle das ganze ja nicht romantisieren (was er natürlich trotzdem tat), er wolle einfach sagen, dass Nomade sein was Gutes sei und ganz schön cool.

Ich musste bizz lachen. Geholfen hat’s jedoch. Hier bin ich wieder.

Once upon a time

Broken Things

Broken Things

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Mädchen, das mitten im Leben stand. Es war einmal. Manchmal kommt mir mein Leben vor, als wäre es vorbei. Ich sitze in der Küche – oder am Strassenhang – und bin wie neben mir. Ihr redet? Ich antworte nicht. Was für eine absolute, absurde Situation.

Vielleicht geht es um Ohnmacht. Vielleicht um Angst. Vielleicht um Bewegungslosigkeit. Vielleicht auch um viel profaneres. Langeweile? Mutlosigkeit? Vielleicht auch darum, nicht geliebt zu werden. Nicht geliebt und verstanden. Darum geht es immer. In allen Kriegen, in allen Ausweglosigkeiten.

Manchmal geschehen Dinge, die geschehen gar nicht. Aber weil sie in uns drin geschehen, geschehen sie irgendwie doch. Und wenn sie geschehen sind, ist es sehr schwer, sie ungeschehen zu machen. Das Problem ist dabei, dass es sehr schwierig ist, ihrer habhaft zu werden, da sie weder geschehen sind, noch nicht geschehen sind. Das ist dann irgendwann eine Glaubenssache.

Wo bin ich stehen geblieben? Leider nirgendwo.

If

Kennst Du das Gedicht von Kipling? „If“? Nein? Es geht so:

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;
If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don’t deal in lies,
Or being hated, don’t give way to hating,
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

If you can dream – and not make dreams your master;
If you can think – and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;
If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ‚em up with worn-out tools:

If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;
If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: ‚Hold on!‘

If you can talk with crowds and keep your virtue,
‚ Or walk with Kings – nor lose the common touch,
if neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;
If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds‘ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And – which is more – you’ll be a Man, my son!

Es war eines der Lieblingsgedichte von Seebub. Ich hab es in den letzten Monaten immer mal wieder gelesen. In den dunklen Tagen, wenn man der Verzweiflung seeeeeeeeeeeeeehr nahe ist, ist es schwer dieses „Hold on!“. Ich kann immerhin meinen Mundwinkel wieder etwas heben. Millimeter um Millimeter um Millimeter um Millimeter. Und weil gerade die Verzweiflung die grösste Geisteskraft gebiert, hier die „Schlüsse-Liste“:

  1. Süss ist es, allem Ungemach entflohen zu sein.
  2. „Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.“ (Konfuzius)
  3. Aufstehen, sich den Staub von den Hosen klopfen, den Blick nach Vorne richten und ohne ein Wort gehen, ist Statement genug.
  4. Fake it!
  5. Noch nicht gestorben zu sein, ist das grösste verdammte Glück auf Erden.
  6. Wohin ich auch gehe, es werden grüne, lange Gräser am Strassenrand wachsen.
  7. Liebe ist das gefährlichste Abenteuer überhaupt. Dagegen sind Bungee Jumping, Kriegstourismus und wilde Tiere einen Dreck.
  8. Der Glaube an’s Chaos ist so verwirrend wie auch befreiend.
  9. Wann, wenn nicht jetzt?
  10. Gesundheit ist ein wahnsinnig wertvolles Gut.
  11. Alleine am Küchentisch zu sitzen und sehr rauchigen Whisky zu trinken, hat etwas versöhnliches.
  12. Wohin ich auch gehe, die langen Gräser werden sich sanft im Wind bewegen.
  13. Dumm sein, ist sehr frustrierend.
  14. Nimm alles, alles, alles Schöne in Dir auf und wiege es in Deinem Herzen.
  15. Dein Hirn ist verdammt genial.
  16. Auch kleine Schritte sind Schritte.
  17. Die grösste Gabe von uns Menschen ist die Fähigkeit zu adaptieren.
  18. Alles, was einem zum Lächeln gebracht hat, darf man nicht bereuen.
  19. Nichts ist sicher.
  20. Wehe dem, der mich begehrt.

Nun wünsche ich Dir, geneigter Leser, einen schönen Abend. Und vergiss nicht: Ehre, wem Ehre gebührt. In diesem Sinne: Zum Wohl.

Am Sterbebett

Das Gestern ist fort - das Morgen nicht da. Leb' also heute! (Pythagoras)

Das Gestern ist fort – das Morgen nicht da. Leb‘ also heute! (Pythagoras)

Gestern bin ich an dein Sterbebett geeilt. Während ich eilte, habe ich versucht nicht darüber nachzudenken, Distanz zu gewinnen, in mich hinein zu hören. Als ich dann neben dir am Bett sass und du stöhntest und zu husten versuchtest und wütend warst und auch irgendwie erzürnt über die Schmerzen und das Leben, dass dir kein einfaches Ende beschert, habe ich versucht mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss, du zu sein, wie du gelacht hast und gerannt bist und wie du Liebe gemacht hast. Es ist mir in gewissen Momenten gelungen, dich zu sehen, dich wahrzunehmen und Abstand zu gewinnen zu deinem jetzigen Nicht-Sein. Zwischen deinen Büchern habe ich ein Buch über das Warten gefunden, das ich gelesen habe, weil ich dachte, dass es passt. Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass es nicht die beste Lektüre war. Ich hätte lieber Kriminalgeschichten gelesen, von denen du einige hast.

Dein Sterben für ein paar Stunden zu begleiten, hat mich traurig gemacht und dann, wenn du wütend warst und mich angeschnauzt hast, dann war die Trauer verflogen. Es war plötzlich normal. Sterben gehört zum Leben dazu, auch wenn wir – gerade wir – es auszublenden suchen. Dein Sterben hat mich auf mich selbst zurückgeworfen. Natürlich! Es sind immer die Fugenmomente, die Situationen am Rand des Daseins, die uns auf uns selbst zurückwerfen. Heftig und gnadenlos. Es hat mich müde gemacht, so sehr auf mir selbst zu kleben. Es hat mich erschöpft. Mein Schlaf war dann auch traumlos und kurz.

Viel zu früh bin ich erwacht, habe geflucht und den Schlaf trotzdem nicht mehr gefunden. Ich bin dann – ohne mein Pyschi auszuziehen – in meine Stiefel gestiegen, hab den Mantel umgeworfen, mir eine Flasche Wasser gefüllt und bin runter zum See. Da sass ich, hörte Musik und versuchte klarer zu werden. Der See war spiegelglatt, die Sonne ging hinter den Bergen auf, das Bild war von grandioser Schönheit. Mein Atem ging ruhiger und ich habe versucht eine Entscheidung zu treffen. Habe versucht die Ängste und Befürchtungen hinter mir zu lassen. Mein Leben beschert mir gerade ein Geschenk. Es liegt an mir, es anzunehmen. Und was, wenn du lange schon tot sein wirst, wenn ich in ein paar Jahren Blumen auf dein Grab lege und mich verfluchen werde für diese Vorwärtsbewegung? Was, wenn ich bereue? Was, wenn ich eines Tages zeternd zu sterben versuche und weiss, dass das alles nicht richtig war? Ja, dann… Ja, dann…

Egal was kommt, am Ende ist es so, dass wir hinter unserer Sehnsucht zurückgeblieben sein werden.

There’s an earthquake coming

Nun bin ich bereits wieder einige Zeit zurück aus den Ferien. Wie ich vorausgesehen habe: Kopenhagen ist grossartig. Ich liebe diese Stadt. Sie fühlt sich wie heimatliche Fremde an. Besonders mag ich an Kopenhagen den Himmel, die Strassen, die Menschen (sie lächeln einem an – auch die Frauen – wahnsinn), die Sprache, die unaufgeregte Gelassenheit. Diese Ferien haben sehr gut getan und mir neuen Mut geschenkt. (Das mit der Veränderung tut auch gar nicht weh und ich habe mich bereits darin eingerichtet, die Angst war also unbegründet.)

„Menschliches Glück stammt nicht so sehr aus grossen Glücksfällen, die sich selten ereignen, als vielmehr aus kleinen glücklichen Umständen, die jeden Tag vorkommen.“ (Benjamin Franklin)

In den Ferien habe ich auch einige Bücher gelesen:

Es war richtig toll, mal wieder Buch um Buch zu lesen.

Jetzt, da ich wieder zurück bin und durch meinen wunderlichen Alltag eile, versuche ich die Kopenhagen-Fähigkeiten nicht zu verlieren. Ich lächle also Menschen an. Auf der Strasse, im Café, am Konzert. Und teilweise funktioniert das sogar. Die Menschen lächeln zurück. Das macht dann so richtig gute Laune. Im Ohr hab ich „Chicken Bones“ von John Grant. Da muss ich beim hören sowieso immer Grinsen.

Dann verweht, was uns bedrückt

Und plötzlich war da ein Hasenviech.

Und plötzlich war da ein Hasenviech.

„Aus meiner tiefsten Seele zieht mit Nasenflügelbeben ein ungeheurer Appetit nach Frühstück und nach Leben.“ (Joachim Ringelnatz)

Heute habe ich – als ich vom Bahnhof die Treppe hochhetzte – eine Entdeckung gemacht. (Siehe Bild.) Das war eine sehr schöne Überraschung. Sein Hasenviech plötzlich so öffentlich zu sehen. Da war wohl jemand kreativ. Sehr schön.

Überhaupt. Seit so schönes Wetter ist, fühlt sich das Leben anders an. Alles ist leichter. Man mag eher verzeihen und ist ein Bisschen weniger wütend. (Nicht wahr, Igor?)

Gestern als ich im Rimini sass und das erste Mal dieses Jahr ins Flussbad-Wasser schaute, stiess ich mit meinen fabelhaften Freundinnen auf den Piratensommer Reloaded an. Ein guter Moment: Es wird Sommer.

Wenn im Sommer (Otto Bierbaum)

(…) Dann verebbt, was uns bedroht,
dann verweht, was uns bedrückt,
über dem Schlangenkopf der Not
ist das Sonnenschwert gezückt.
Glaube nur, es wird geschehn!
Wende nicht den Blick zurück!
Wenn die Sommerwinde wehn,
werden wir in Rosen gehn,
und die Sonne lacht uns Glück!