So überhaupt keine Begabung für Mitte

(„Das erste Anzeichen wirklicher Liebe ist bei einem jungen Mann Schüchternheit, bei einem jungen Mädchen Kühnheit.“ sagte einst Victor Hugo, es muss Sommer gewesen sein, er lehnte ans Fenster und blickte hinaus. Sein Gegenüber, es war wahrscheinlich eine Frau, vielleicht trug sie ein Sommerkleid, dachte wohl, dass er gar nicht schüchtern wirke und überlegte sich dann, ob er es als kühn empfand, dass sie ohne Anmeldung bei ihm aufgetaucht war. Wahrscheinlich empörte sich die Frau auch ein bisschen darüber, dass Victor ihr damit andeutete, dass er glaube, sie sei in ihn verliebt, er hingegen teile diese Gefühle nicht.)

Schon wieder ein Anfang einer Geschichte. Wer weiss, wie ich sie hätte ausgehen lassen, wenn ich sie zu Ende geschrieben hätte. Ich habe sie aber nicht zu Ende geschrieben und werde sie auch nie zu Ende schreiben. Warum? Manchmal gibt es kein „Warum“ und das ist genau der Haken an der Sache. Mittlerweile glaube ich sowieso, dass ich mich besser für Anfänge eigne – und das nicht nur bei Geschichten auf Papier. Wer wollte es nicht? Unbeschwertheit leben. Am Anfang ist alles leicht. (Obwohl ich die Tendenz habe, auch Anfänge schwer zu gestalten. Wahrscheinlich als Ausgleich zum nicht existierenden Mittelteil.) Das würde dann im obigen Geschichten-Beispiel so aussehen:

(… Wahrscheinlich empörte sich die Frau auch ein bisschen darüber, dass Victor ihr damit andeutete, dass er glaube, sie sei in ihn verliebt, er hingegen teile diese Gefühle nicht. Sie machte also einen Schritt auf ihn zu, (er schaute noch immer aus dem Fenster und sah diese plötzliche Bewegung nicht) stiess mit beiden Armen kräftig zu, die Scheibe splitterte, Victor sah sich erschrocken und ungläubig zu der Frau um, taumelte, versuchte sich festzuhalten, was ihm nicht gelang und fiel. Das Geräusch, das er machte, als sein 92 Kilogramm schwerer Körper auf dem Kopfsteinpflaster aufschlug, erinnerte die Frau an das Krachen und Knirschen eines gefällten Baumes.)

So ist das also. Ein Anfang und gleichzeitig ein Ende. Es stellt sich also die Frage: Warum anfangen, wenn ich keine Begabung für Mitte habe? Wer kauft schon ein Buch (oder lebt ein Leben), das keinen gehaltvollen Inhalt hat? Eben. Niemand.

4 Gedanken zu “So überhaupt keine Begabung für Mitte

  1. Ganz bestimmt ist das nicht das Ende des Romans. Es ist ein Cliff-Hanger. So wie dies:

    Sie wusste, dass sie es Überwindung kosten würde, dass das Wasser kalt sein und der Brunnen dunkel, und dass sie mehr Geduld beweisen müsste, als sie aufzubringen bereit gewesen war. Mehr Überwindung als sie damals für Victor über den schmalen Grat klettern und die Spalte am Sellerjoch überspringen musste. Viel mehr Geduld als sie mit diesem Langweiler viele Jahre gehabt hatte. Also atmete sie tief ein und sprang im fahlen Licht der untergehenden Herbstsonne in das schwarze Nichts. Viel früher als erwartet tauchte sie ein und glitt herab, während die Kälte des Wassers bereits ihren Herzschlag schwer und die Gedanken langsam werden liess. Sie öffnete die Augen, neugierig, ob das schwache Tageslicht noch durch das Wasser oberhalb schimmern würde, doch sie war bereits zu tief, als sie einen Zustand größter Verwunderung empfand.

  2. oh! jetzt möchte ich aber wissen, wie das weitergeht, mein lieber teufel. vielleicht so?:

    Das Wasser war nämlich nicht schwarz, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es war dunkel, ja. Aber die Dunkelheit war von einer samtenen Eleganz, die sie erstaunte. Und während sie sank, immer tiefer und tiefer sank und die Kühlheit angenehm zu werden begann, versuchte sie sich das Bild der grünen Wiese vor Augen zu führen, wie sie es immer tat, wenn sie sich in Geduld üben musste. Jene grüne Wiese, die sie so liebte und die sie lieben gelernt hatte, noch bevor der Langweiler in ihr Leben getreten war. Sie empfand keine Angst, noch nicht mal Furcht. Sie liess also ihre Gedanken grasgrün werden und als sie auf den Grund des Brunnens sank, streckte sie ihre Arme aus und fühlte neugierig den moosigen Boden. Mit Leichtigkeit fand sie dann in der Brunnenwand den Griff der beschriebenen Tür und drückte die Klinke runter…

    Jetzt Du!

  3. Na gut 🙂

    Überraschend leicht sprang die Tür aus ihrem Schloss, und die Wassermassen kamen unvermittelt in heftige Bewegung, als sie in die Öffnung hineingesogen wurde. Die vollkommene Stille war einem tosenden Lärm gewichen, sie wurde herumgewirbelt, sah Dunkelheit, sah Lichter, kämpfte nun panisch gegen den Wunsch tief einzuatmen. Vergebens. Schmerzhaft schluckte sie eine große Menge Wasser, wollte husten, konnte nicht, die Stirn schmerzte, der ganze Brustkorb schien plötzlich wie zementiert als sie auftauchte. Zwei Hände rissen sie nach oben aus dem gurgelnden Wasser, eine dritte schlug ihr auf die Brust, bis sie große Mengen von Wasser hustete.

    Der Hals schmerzte noch eine ganze Weile bis in tief in die Lungen hinein, jedoch war sie nun trocken und warm. Sie hatten ihre Kleider genommen und sie in trockene Decken eingewickelt, und wäre es nicht vollkommen dunkel gewesen, hätte sie sicher geborgen gefühlt. Aber sie wusste, dass es keinen Weg zurück geben würde.

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