Ich bin so jung, und die Welt ist so alt.

Otto Dix: Flanders

Otto Dix: Flanders

Otto Dix – einer meiner Lieblingsmaler – hat mal gesagt: „Der Maler ist das Auge der Welt.“ Wenn man seine Bilder betrachtet, die oft vom ersten Weltkrieg handeln, dann wird das Entsetzen plötzlich greifbar. Ganz ohne Worte. Wie da die Landschaft unter dem Kriegsächzen erwacht! Wie die Würmer über Leichen herfallen! Man kann das Grauen förmlich riechen.

Dinge mit ein paar Pinselstrichen zu erzählen, ist eine grosse Gabe, finde ich, die ich keine Begabung für Malerei habe. Einmal stand ich vor einem Gemälde von Klee und empfand plötzlich eine tiefe Trostlosigkeit. Es war ein sehr blaues Gemälde, das Fische unter Wasser darstellte. Die Tiefe und Unergründlichkeit, das dieses Gemälde ausstrahlte, riss in mir einen Abgrund auf. Ganz selten passiert es, dass mich Kunst so ergriffen macht, dass mir die Tränen kommen. Ich stand also da vor diesem Gemälde von Klee und weinte. Mitten im Museum.

Paul Klee: Fische

Paul Klee: Fische

Mit 16 Jahren passierte mir das das erste Mal. In Berlin in der Ausstellung „Entartete Kunst“ – eine Ausstellung über die Maler, die im 2. Weltkrieg als „entartet“ galten. Ich war eine Woche lang in Berlin und besuchte diese Ausstellung jeden Tag. Und jeden Tag sah ich mir dieses Gemälde von Schmidt-Rotluff an. Da war ein Weg, am Ende des Weges ein Haus und über allem stand ein Mond. Ich starrte und starrte und starrte. Sieben Tage lang. Und da wurde mir klar, dass diese Ausdrucksform grossartig ist. Dass Kunst immer berühren muss (egal ob negativ oder positiv). Es kann etwas noch so kunstvoll oder genial sein, löst es keine Emotionen aus, ist es für die Katz. Kunst ist immer körperlich. Höre ich Musik und die Melodie löst in mir einen körperlichen „Hüpfer“ aus, der in den Schläfen beginnt, einem Schauer ähnlich über das Gesicht in die Brustgegend läuft, dann im Magen endet und zum Schluss Tränen in die Augen treibt, weiss ich, dass mich die Melodie für immer berühren wird.
Und genau so gibt es Gemälde, Sätze in der Literatur oder aber Momente im Theater, etc. die diese Reaktion auslösen. Im Grunde könnte man sagen: Mich schaudert – es ist gut.

„Ich bin so jung, und die Welt ist so alt.“
(Leonce in Leonce und Lena von Georg Büchner)

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