Seines Herzens, das verfettet war.

Heute Abend hab ich ein Spiel gemacht. Ich hab mein Schulgedichtbuch zufällig irgendwo aufgeschlagen. Folgendes:

Erich Kästner

Nächtliches Rezept für Städter

Man nehme irgendeinen Autobus.
Es kann nicht schaden, einmal umzusteigen.
Wohin, ist gleich. Das wird sich dann schon zeigen.
Doch man beachte, daß es Nacht sein muß.

In einer Gegend, die man niemals sah
(das ist entscheidend für dergleichen Fälle),
verlasse man den Autobus und stelle
sich in die Finsternis. Und warte da.

Man nehme allem, was zu sehen ist, Maß.
Den Toren, Giebeln, Bäumen und Balkonen,
den Häusern und den Menschen, die drin wohnen.
Und glaube nicht, man täte es zum Spaß.

Dann gehe man durch Straßen. Kreuz und quer.
Und folge keinem vorgefaßten Ziele.
Es gibt so viele Straßen, ach so viele!
Und hinter jeder Biegung sind es mehr.

Man nehme sich bei dem Spaziergang Zeit.
Er dient gewissermaßen höheren Zwecken.
Er soll das, was vergessen wurde, wecken.
Nach zirka einer Stunde ist’s soweit.

Dann wird es sein, als liefe man ein Jahr
durch diese Straßen, die kein Ende nehmen.
Und man beginnt, sich seiner selbst zu schämen
und seines Herzens, das verfettet war.

Nun weiß man wieder, was man wissen muß,
statt daß man in Zufriedenheit erblindet:
daß man sich in der Minderheit befindet!
Dann nehme man den letzten Autobus,
bevor er in die Dunkelheit verschwindet …

Hammer, oder? Kästner ist einfach gut…

Am Wochenende kam mir die Handtasche abhanden. So, wie anderen die Liebe oder der Job abhanden kommt. Und jetzt bin ich seit Tagen damit beschäftigt alle Karten und Ausweise zu erneuern. Und das Handy! Das Handy. Man kann sich nicht vorstellen, wie unsäglich mühsam das alles ist. Seit Tagen bin ich nun also nicht wirklich erreichbar. Heute hat mich Izzie sogar in die Bar, in der ich mit Martilli was trinken war, angerufen. Der Barkeeper war sehr zuvorkommend und lachte in sich hinein. Ist mir schon sehr lange nicht mehr passiert, dass mir ein Barkeeper freundlich das Telefon überreicht.

Nun nehme ich also irgendeinen Autobus, um mein Herz zu entfetten. Wünsch mir Glück. Erreichbar bin ich morgen wieder. Gute Nacht!

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