So schwer

Mein Herz ist so schwer, man müsste es auf Diät setzen.

Was für ein Leben! Ich sitze in einer Samstagnacht zu Hause und denke vor mich hin. Und heute Abend weiss ich, was „schweren Herzens“ bedeutet.
Ich versuche meine Ausgelaugtheit und meine Trauer irgendwie durchzustehen. Aber es gelingt mir nicht. Es gelingt mir so gar nicht. Wenn es mit geliebten Menschen zu Ende geht, dann kann man sich nicht helfen. Es gibt keine Hilfe, für nichts. Da ist nur die Uhr, die ohrenbetäubend vorwärtsgeht, da ist nur Rauch in meiner Lunge, da ist nur der eigene Körper, der tröstlich funktioniert. Man klammert sich an die kleinste Hoffnung, man denkt: „Wunder geschehen, jederzeit. Warum nicht auch jetzt?“
Die Wahrscheinlichkeit ist klein. Aber sie ist da. Und trotzdem fühle ich mich verloren. So entsetzlich verloren. Es ist kalt geworden. Es bleibt nicht viel. Was man kann: Da sein für die andern Menschen um einen rum. Versuchen die Kälte, die die andern bisweilen befällt etwas aufzuwärmen. Das Leben so zu nehmen, wie es ist. Stoisch. Vorwärts gehen. Kleine Schritte zu machen und zu wissen, dass diese kleinen Schritte Grosses bedeuten. Nicht zu verzweifeln. Schlafen. Viel schlafen. Bedürfnisse formulieren und versuchen nicht daran zu ersticken.

Mein Herz ist schwer. Würde man es aus einem Flieger werfen, es würde ganze Landstriche zerstören.
BFF hat mal gesagt, dass es sich – wenn es so viel Scheisse regnet – nicht lohnt alles immer gleich aufzuwischen. Da ist auch Wut. Unverständnis. Hört das denn nie auf? Ist es denn nicht endlich genug? Das nützt alles nichts. Es ist so, wie es ist. So bete ich also vor mich hin: Lass es mich durchstehen, bitte lass es mich durchstehen. Und wie es erst den anderen gehen muss!

Mein Herz ist schwer. Wäre es ein Säugetier, es wäre wohl ein Wal.
Auch bin ich dankbar. Für die Zuwendung und die Zugeneigtheit. Für die netten kleinen Dinge, die manchmal aus überraschender Richtung kommen. Ich bin dankbar für meine Familie. Wer hätte das gedacht: Es ist eine sehr gute Familie. Ich bin dankbar für meine Freunde. Denn sie sind es wirklich: Freunde. Ich bin dankbar für die stundenlangen Gespräche, die mir helfen, diese Zeit zu überstehen. Ich bin dankbar für meine Fertigkeit mit mir selbst umzugehen. Ich bin dankbar für meine Beweglichkeit. Dafür, dass ich annehmen kann – aus welcher Richtung die Hilfe auch immer kommen mag.

Mein Herz ist schwer. Würde man es wägen wollen, man bräuchte eine LKW-Waage.
Trauer ist körperlich spürbar. Man glaubt, man leide an einem Herzfehler.
So denke ich also vor mich hin, in einer Samstagnacht. Dann streiche ich mir übers Haar und flüstere mir selbst zu: Alles wird gut. Irgendwann wird alles gut.
Mein Königreich für einen Cila.
(Cila ist türkisch und bedeutet, im übertragenen Sinne, dass man das Getränk wechselt. Man sagt also sowas wie: „Lasst uns einen Cila machen!“ und meint damit, dass man von Bier auf Schnaps wechselt. Würde man das Wort übersetzen wollen, dann würde es wohl „Farbwechsel“ bedeuten. Ich hab das Wort kurzerhand übernommen und brauche es jetzt für alle Weltenwechsel.)

Mein Herz ist schwer. Es gibt keine Worte dafür.

Eines deiner Lieblingsgedichte – es ist so passend, man würde sich am liebsten ausgestreckt auf die Erde legen und weinen:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse)

3 Gedanken zu “So schwer

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