Lektionen in Demut

Seit 14 Tagen habe ich nur noch ein halbes Gesicht. 14 Tage ist es her, seit ich mein Gesicht verlor. Gestern Abend habe ich diesen Umstand zum ersten Mal kurz vergessen. Man glaubt ja immer, dass einem so was nicht passiert. Dass man gefeit ist von Krankheit und Schmerz. So lange glaubt man das, bis man mitten drin hockt und es nicht fassen kann. Das unangenehmste am Umstand, dass ich nur noch ein halbes Gesicht habe, ist, dass ich „manuell“ blinzeln muss und wer schon mal versucht hat, lange nicht mehr zu blinzeln, weiss, wie schmerzhaft ein nicht mehr selbstständig blinzelndes Auge ist. In den letzten 14 Tagen habe ich mich gefühlt, als wäre ich in eine Waschmaschine geraten und das einzige, was ich tun konnte war, einfach versuchen mitzudrehen und nicht zu verzweifeln. Es ist ein Albtraum, mein persönliches, kleines Horrorkabinett.

Lektionen in Demut also. Im letzten halben Jahr habe ich vom Leben persönlich zugeschnittene Lektionen erhalten. Wer mich verflucht hat, war ein Meister seines Fachs. Aber – und würde es nicht so scheisse aussehen, müsste man dieses „aber“ in Punktgrösse 27 schreiben – ich lasse mich nicht unterkriegen. Gut. Da war viel, viel Tod und Trauer. Da war Krankheit und Schmerz. Da war Ohnmacht und Verzweiflung. Da war Einsamkeit und Angst. Da war Verwirrung und Kadaver. Trotzdem habe ich keinen Grund zu klagen. Denn alles verfaulend Schlechte bringt auch Schönheit hervor. Gerade – zwischen Trauer und Verzweiflung – mag ich das nicht immer sehen. Verständlich. Ich freue mich aber wie ein kleines Kind auf mein Gesicht. Auf den Moment, wenn es zurückkehrt. Und es wird zurückkehren. Zusammen mit dem Frühling. Tut mir leid, Leute, es wird wohl noch ein, zwei Wochen dauern, bis der Frühling kommt, dann wird er aber einen fulminanten Auftritt haben. Ich freue mich auf den See, auf Sommerwiesen, auf mein Lachen, das breit über beide Gesichtshälften geht. Ich freue mich auf Küsse und Wein und Gesang und ja, auch Weiber. Ich freue mich auf meine Freunde, auf den Wind, auf Sommerregen.

Ach, und noch was, liebes Leben: Das war jetzt genug. Ok? Keine Beerdigungen mehr, keinen Tod, keine Krankheit, keine Trennung, keinen Schmerz und keine Erfolglosigkeit. Haben wir uns verstanden? Gut. Herzlichen Dank.

3 Gedanken zu “Lektionen in Demut

  1. Ääh… hüstel… Und wenn dann dein Gesicht wieder da ist und der Frühling auch, bekommen wir dann auch mal wieder etwas Zeit für uns und für das Leben?

    • Das Leben findet hier und jetzt statt. Darfst dich nur nicht unterkriegen lassen, auch wenn alle Umstände dagegen sprechen. Schau die Blumen im Park an, der Frühling findet statt, auch wenn leicht versteckt, schliesslich ist Ostern, Suchen ist angesagt.
      Und – plötzlich ist Sommer!

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