Mit Haut und Haar

Es gibt Situationen, in denen möchte man so viel sagen, so unendlich viel sagen, man bleibt jedoch stumm.
Es kreist im Kopf, man beginnt seine innere Rede mal an einem Ende und dann am anderen, man merkt jedoch, dass man nicht ans Ziel kommt, dass man, egal, wo man beginnt, immer an den Ausgangspunkt wiederkehrt. Also bleibt man stumm und lächelt. Die innere Stimme erklärt, führt aus, widerspricht, schreit, streitet, flüstert, fleht. Das, was man aber laut ausspricht ist dann jedoch lediglich ein: „Ja, ja, und du so?“

Es gibt aber auch die Momente, wo ganz wenige Worte genügen und alles ist gesagt. Gerade habe ich so einen Satz gelesen. Das ist so ein Satz, der einen glücklich macht. Weil er grösser ist, als der Satz selbst. Weil er eine Offenbarung ist. Das ist also einer dieser glückseligen Momente, in denen sich die ganze Schönheit der Kunst auftut und einen verschlingt.

Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein.
(Leïla Slimani: All das zu verlieren)

Dieser Satz beschreibt so gut ein Gefühl. Er widerspiegelt das Gefühl, die Beherrschung verlieren zu wollen, weggerissen zu werden, der Gefahr ausgesetzt, ausgesaugt, gefressen, mit Haut und Haar verschlungen werden.

Komme was wolle, die Fluten reissen mich mit, der Tag mag zu Ende gehen, meine Kraft tut das nicht. Die Hitze ist mein Motor, das unerkennbare, goldene Glitzern am Horizont meine Hoffnung, die unsteten Sanddünen mein Halt. Das Tosen der Wellen verschlingt jedes Geräusch, meine Schreie, meinen Gesang, mein Gelächter. Ich möchte mich hingeben, mich den Wogen versprechen, schwimmen, gleiten, untergehen. Meinen Atem verstummen lassen, die Geister vertreiben, von mir Besitz nehmen lassen – ganz und gar.

Gerade weil ich zur Gattung Mensch gehöre, der gerne die Kontrolle behält, ist doch gerade bei mir die Sehnsucht nach Kontrollverlust schwindelerregend gross.

Schwindel ist etwas anderes als Angst vor dem Fall. Schwindel bedeutet, dass uns die Tiefe anzieht und lockt, sie weckt in uns die Sehnsucht nach dem Fall, eine Sehnsucht, gegen die wir uns dann erschrocken wehren. […] Man könnte auch sagen, Schwindel sei Trunkenheit durch Schwäche. Man ist sich seiner Schwäche bewusst und will sich nicht gegen sie wehren, sondern sich ihr hingeben. Man ist trunken von der eigenen Schwäche, man möchte noch schwächer sein, man möchte mitten auf einem Platz vor allen Augen hinfallen, man möchte unten, noch tiefer als unten sein.
(Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)

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