Wundersame Tage

Es gibt sie. Die sehr seltsamen und wundersamen Tage in unserer Leben. Und meistens geschehen sie dann, wenn man sie unter keinen Umständen erwartet. Es ist so, dass man immer mal wieder über sein Leben nachdenken sollte. Man sollte sich immer mal wieder fragen: Soll ich leben oder eben nicht leben? Weil diese Freiheit ja eben zum Leben gehört. Die aktive Entscheidung, ob man sein soll oder nicht. (Sein oder nicht sein, dass ist hier die Frage.)
Heute war also so ein Tag, ich habe mich sehr ernsthaft gefragt, ob ich sein soll. Am besten funktioniert das, wenn gewisse Komponenten gegeben sind. Man nehme also vorgängig eine gute Diskussion, die einen zum Denken anregt (so wie ich heute die Drehbuchentwurf-Diskussion für einen Kurzfilm). Man nehme möglichst garstiges oder aber extremes Wetter, wie grosse Hitze, sehr starker Regen oder gar Sturm (oder so wie bei mir heute Schneefall und grosse Kälte). Man nehme ein zwei Schluck Alkohol (oder so wie ich heute drei Glas Weisswein). Man gehe dann also nach der sehr anregenden Diskussion durch möglichst unpersönliche Räume (oder so wie ich heute durch drei verschiedene Bahnhöfe, Rolltreppe rauf, Treppe runter, Gänge entlang, an Geleisen vorbei). Man höre möglichst lustige oder aber starke Lieder mit viel, viel, viel Beat. Man sehe in viele Gesichter fremder Menschen. Und dann – genau dann – frage man sich: Will ich leben? Will ich wirklich leben? Man sitzt dann also in einem Bahnhof, später am Abend, ganz allein und trinkt ein Bier (weil man gerade den Zug verpasst) und beantwortet diese sehr ernsthafte Frage. Und heute, heute habe ich gelächelt. Nein, ich habe gegrinst und habe die Frage mit „Ja!“ beantwortet. Und als ich mir die Frage beantwortet habe, passierte das kleine Wunder im Alltag. Hört: Ich ging also mit der Zuversicht von jemandem, der gerade „Ja!“ gesagt hat, durch den Bahnhof und bog ich in den Bahnsteig ein, wo mein Zug fuhr. Der Zug war soeben eingefahren, ich ging einen Wagen entlang, weil ich erst in den zweiten Wagen einsteigen wollte – warum auch immer. Ich blicke also hoch, zum Oberdeck des Wagens und da schaut mich ein Mann an, direkt und klar. Ich hab mir nicht viel dabei gedacht, vielleicht sowas wie: „Oh, kenn ich den?“ Reflexartig hebe ich die Hand und winke ihm zu. Er winkt zurück, ich steige ein und setze mich zu ihm ins Abteil und frage: „Kennen wir uns?“ Er sagt: „Ich weiss es nicht.“ Ich blicke ihn an und lache: „Nein, wir kennen uns nicht.“ Und dann reden wir und finden es sehr schade, dass ich bald aussteigen muss und er fragt, ob ich noch etwas vorhabe und ob wir was trinken gehen und ich entgegne: „Nein, ich hab nichts mehr vor und ja, lass uns was trinken gehen.“ Wir tun also Gesagtes und reden und lachen und verstehen uns sehr gut. Ich begleite ihn zwei Stunden später wieder auf den Zug und er sagt, er möge meine Nase. Es gibt sie. Die sehr seltsamen und wundersamen Tage in unserer Leben. Und meistens geschehen sie dann, wenn man sie unter keinen Umständen erwartet. Gute Nacht!

2 Gedanken zu “Wundersame Tage

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