Ich ruf dich an

Es gibt da ein Lied von „Blumentopf„, das geht so:

Ich würd gern ewig mit Dir reden
doch ich muss jetzt leider gehen,
muss Morgen früh raus, und es ist schon drei vor Zehn
Aber kein Problem
Wir holen’s nach, ich ruf Dich an.

Gestern ist mir das so ergangen. Und ich hab mich dafür geschämt.

Es gibt Menschen, die mir mal so richtig was bedeutet haben. Sie haben mir ein Geschenk gemacht, sie haben meine Zeit (und mein Bett und mein Lachen und mein Reisen und mein Verzweifeln) geteilt. Da war Nähe und grosses Vertrauen. Da war der Wille sich trotz der Andersartigkeit nicht zu verlassen. Da waren Gefühle, da war Wohlwollen da war Verständnis. Und dann, eines schönen Tages, trifft man sich, um diesen Willen, sich eben nicht zu verlassen, Rechnung zu tragen und … Das ist, wie wenn man plötzlich ins Leere tritt. Und knickt.
Ich reibe mir verwundert die Augen. Wo, zum Henker, ist das alles hin? Die Neugierde, die Fröhlichkeit? Ich weiss es nicht. Vielleicht geschmolzen mit dem Schnee?

Ich habe mich gefühlt, wie ein Schiffspassagier, der sich in seiner Kajüte daran erinnert, dass der Steg doch ganz nett ist und die Kirche oben am Hang so schön im Sonnenlicht glänzt. Der Schiffspassagier geht also an Deck und weder Steg noch Kirche am Hang sind noch da, alles ist verschwunden, nur die raue See, die sich auftut und Wellen, vielleicht eine Möwe.

Erich Kästner mit seiner sachlichen Romanze kam mir in den Sinn:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Wenn mich ein Mensch langweilt, dann ist mir das gar nicht recht. Ich versuche die Langeweile zu vertreiben, erzähle Geschichten. Gestern aber dachte ich mir: Vielleicht langweile ich mein Gegenüber genauso. Und ich glaube, es war so. Ich war zum Schreien langweilig. Ich konnte die Hürde nicht überwinden. Hatte die Leichtigkeit nicht, um anzuknüpfen.
Das „wir hören uns“ zum Schluss, hab ich nicht erwidert. Nicht, weil es wichtig gewesen wäre, nicht weil ich die Floskel ohne weiteres hätte als Floskel nehmen und zurückgeben können. Manchmal bin ich einfach detailverliebt. Ein scheiss Pedant. Manchmal ist mir die Ehrlichkeit in den kleinen Gesten wichtig. Das war dann der Zeitpunkt, wo wir uns nicht gelangweilt haben. Abschiede haben halt wirklich was für sich. So wie Anfänge auch. Wie hat d. damals zitiert, um darauf hinzuweisen, dass ich ihn nicht angerufen habe, wie eben so dahergesagt?: „Als das Telefon nicht klingelte, wusste ich, dass du es warst.“ (Dorothy Parker)

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