Vormittagsgesten

Der König ist tot, lang lebe der König

Der König ist tot, lang lebe der König

Das war die traurigste Geste seit langem, die heute Morgen aus jeder Faser meines Körpers sprach. Da war der lange und unbewegte Blick, da waren meine Schultern, die zu meinem Kinn zeigten, da war mein Gang, der gleichmässig und langsam und zum Schluss dieses Nicken, das klein war aber eindringlich, dieses langgezogene Nicken, das Gesicht nicht ganz zugewandt. Ich habe schon lang keine so traurige Geste mehr durch meinen Körper gehen sehen. Und wie immer, wenn man abschliesst und dabei Abschied nimmt, fühle ich dieses Surren in mir, das von Sehnsucht spricht und von Langeweile. Zurück also in mein altes Leben? Nein. Man kehrt nie zurück. Man gleicht sich vielleicht an, man versucht den Himmel von Gestern zu erkennen, merkt aber bald, dass das Licht verändert, dass die Strassen ein bisschen mehr nach Links geneigt – im Grunde ist heute alles anders. Richtiger wäre: Zurück also in eine ungewisse Zukunft? Denn das ist sie, ungewiss. Wenn man ein paar Stunden, Tage vielleicht, die Hoffnung hatte, Heimat zu finden, dann ist das Ungewisse kälter und irgendwie auch schmerzlicher. Nun brauche ich ein paar Tage, um mich zurückzugewinnen. Die Lust und die Vorfreude und das kindliche Vergnügen, wenn ich an das Ungewisse der Zukunft denke. Und dann – noch ein paar Tage später – gewinne ich wohl auch die Hoffnung zurück, dass es ein Gegenüber gibt, das das Spiel versteht, das sich ausdrücken kann. Ein Gegenüber, das nicht von mir verlangt, langgezogene Gesten zu machen, um abzuschliessen, das meine Fähigkeiten Distanz zu fühlen nicht beanspruchen muss. Weil: Ja, ich kann es gut. Ich kann es sogar zu gut. Ich bin Profi darin und jedem, dem meine Fähigkeiten willkommen sind, weil er selbst in diesem Bereich unzureichend oder aber sogar schwach, möchte ich verfluchen, denn es langweilt mich. Es langweilt mich so sehr, dass ich daran denke Aquarelle zu malen oder Pferde zu züchten. Ich wünsche mir (und ich weiss, dass man vorsichtig sein soll mit seinen Wünschen), dass da jemand ist, der Offenheit besitzt, der sein Herz offen trägt und mit Klarheit auf Ungewissheit reagiert. Und in dieser ganzen Offenheit und Klarheit auch das Spiel versteht, der Neugierde nicht abgeneigt ist. Ich suche den König in dieser Disziplin und mühe mich derweil mit Schachspiel-Bauern ab. Mir ist bewusst, dass es diesen König vielleicht gar nicht gibt oder wenn doch, dass er gerade in einem andern Spiel verpflichtet.

Im eigentlichen Spiel – diese Königsdisziplin – geht es nämlich in keiner Weise um Nähe und Distanz. (Die Bauern glauben immer, es gehe um das Spiel von Nähe und Distanz.) In einem richtigen Spiel, eins, das beide gewinnen können, ist die Grundlage ultimative Nähe. Diese Form von Nähe, die in unseren Breitengraden fast ausgestorben, die Nähe, die wir aus Büchern kennen und sie für unwirklich halten. Die nichts-kommt-zwischen-uns-Nähe, die alle-für-einen-und-einer-für-alle-Nähe, diese unumstössliche Nähe, die keine Distanz zulässt. Und mit dieser Grundlage, die sozusagen das Spielbrett darstellt, lässt es sich in ungeahnte Räume vordringen und jeder ist sicher. Denn ein Spiel (und darum heisst es „Spiel“ und nicht „Krieg“) muss Spass machen und darf niemanden verletzen. Die Bauern aber spielen unermüdlich das Nähe-Distanz-Spiel (oder muss ich sagen: den Nähe-Distanz-Krieg?), metzeln links und rechts Mitspieler runter und lachen fürchterlich, wenn literweise Blut fliesst und glauben, sie hätten damit etwas gewonnen. Was bleibt ist ein Schlachtfeld und Menschen zurück, die dank diesen Verletzungen (die sie ja nicht mal zeigen dürfen, denn es war ja nur ein „Spiel“) noch viel weniger Nähe aufbauen können, als am Anfang ihres Lebens. Und diese blutenden Mitspieler werden zu Bauern und sie sinnen auf Rache und die nächsten „Spiele“ gewinnen sie, denn sie sind ja nicht blöd und so weiter und so fort.

So hoffe ich, dass mir in meiner Zeit, die auf Erden mir gegeben ist, ein König begegnet, der begriffen hat, dass Gewalt nichts in einem Spiel zu suchen hat, der mit mir die gefährlichsten Abenteuer erlebt, deren Gefahr aber von aussen und nie von innen kommt.

Der König ist tot, lang lebe der König.

2 Gedanken zu “Vormittagsgesten

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