Sah den Mond zerbrechen, fuhr stundenlang Bahn

In den ersten Sekunden des Glücksjahrs 2010

In den ersten Sekunden des Glücksjahrs 2010

Auch wenn man es sich zu verkneifen versucht: Ende Jahr zieht man irgendwie immer Bilanz. 2010 habe ich Anfang des Jahres „Glücksjahr“ genannt. Und wenn man weiss, wie fragil und flüchtig Glück sein kann, möchte ich demütig sein und sagen: Ja, ich habe Glück erfahren. Glück im Kleinen, Glück im Unglück, Glück so filigran, einer dünnen Eisschicht ähnlich. So wenden wir uns also 2011 zu und widmen dem unbekannten Jahr in aller Zuversicht dieses Gedicht:

Rezept
(Mascha Kaléko)

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Und so meine Bilanz: 2010 – ein seltsames Jahr. Ich zog aus und kam heim. Fühlte mich geborgen und gelassen. Erfuhr Freundschaft und sah, wie sich Freundschaft entzweite. Mochte mich leiden und fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Trieb mich in Welten rum, erwachte in Hotelzimmern – mit Sonne im Gesicht und allein. Schlug die Augen auf neben Augen und fühlte weder Nähe noch Distanz. Mir kam die Liebe abhanden, mein Herz und doch bin ich frohen Mutes. Sah den Mond zerbrechen, fuhr stundenlang Bahn, hörte Musik und zeichnete Linien auf meine blassen Arme. Sah meine Hände zittern, schrieb Briefe und zerriss die Antwort, lief durch lange Gänge, hörte die Vögel zwitschern, machte mich rar und sah die Schiffe am Horizont. Ich lachte viel, mit Schalk im Blick, hörte Geschichten und fand mich in Dramen wieder. Liebte das Theater und kam zu spät, verhielt mich idiotisch und bot mein Hilfe an. Sass unter Linden, blickte über grüne Hügel und war immer und immer wieder mörderisch glücklich. So lernte ich also das kleine Glück und wenn ich nächstes Jahr heiter den Zaun flicke, werde ich wohl froh sein um die Fähigkeit zum kleinen Glück.

Nun wünsch ich euch allen frohe Weihnacht – seid glücklich und die Liebe nicht vergessen, nie die Liebe vergessen, Freunde.

Ein Gedanke zu “Sah den Mond zerbrechen, fuhr stundenlang Bahn

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