Unter Huflattich begraben

Gestern war ein sehr seltsamer Tag. Einerseits mein letzter Arbeitstag vor meinen Ferien – was immer auch grossen Stress und viel Organisationsaufwand bedeutet – andererseits war ich seltsam durchlässig, empfindlich. Das gemeine daran, wenn man durchlässig ist, ist, dass die Menschen um einen rum das irgendwie riechen und immer noch einen oben drauf geben. Da hab ich zum Beispiel einem Freund gesagt (der gerade sehr traurig war, weil etwas Schlimmes passiert war): „Soll ich zu Dir kommen? Brauchst Du mich?“ Worauf er antwortete: „Darauf hab ich – ehrlich gesagt – keine Lust.“ Dieses schnöde „keine Lust“ hat mich verletzt. Weil meine Frage ein Freundschaftsangebot war, eines, das ich im vollen Bewusstsein drum, dass es sein könnte, dass er davon Gebrauch macht und ich um elf Uhr abends trotz unglaublicher Müdigkeit und eben Durchlässigkeit eine Stunde mit dem Zug zu ihm fahren müsste, gemacht habe. Nun. Von diesen Situationen gab es gestern einige. Mein Chef zum Beispiel liess mich beispiellos im Regen stehen, was mich dazu brachte mein Vertrauen in Frage zu stellen, mehr noch, fast an eine Verschwörung zu glauben.

Als ich dann heute Morgen aufgewacht bin, noch immer müde im Bett lag und über die Ereignisse des gestrigen Tages nachdachte, da empfand ich Scham und Ekel. Dann aber, als ich am Bellevue aus der Strassenbahn stieg und Badana auf der anderen Strassenseite stehen sah, mit ihren Kopfhörern auf und ihren schönen Lippen und den Locken und ich zu ihr rüber winkte und auf sie zu hüpfte, da hab ich all die Dinge und schlechten Gefühle weggewischt, „achwas!“ gesagt und „duspinnstdoch!“ und „zumglückhastduferien!“ und war in dieser reinen und unaufgeregten Form glücklich, die so viel schöner ist, als das aufgeregte Glück.

Ach ja. Gestern Abend war ich noch bei Gilg – sein Haus anschauen. Er lebt auf einem Hügel im Wald. Wir sind spazieren gegangen und haben Walderdbeeren gepflückt und dann lagen wir in der Wiese rum. Das war der einzige Moment gestern, in dem ich mich komisch wohl fühlte und den ganzen Mist gedanklich unter Huflattich und Sauerampfer begrub.

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