Wo der Donner grollt und Dinge verschwinden

Während meinen Ferien hab ich mich durch den Enquist gekämpft. War ziemlich anstrengend. Dieser fast schon religiöse Wahnsinn, dem „der Untersucher“ im Lauf des Buches anheimfällt, ist streckenweise kaum aushaltbar.  Dann hab ich „Der Vampir von Ropraz“ gelesen. Hat mir sehr gut gefallen! Ausserdem gelesen und für gut befunden: „Frühstück bei Tiffany„, „Parasiten-Person“ und „Die Schule der Frauen„. Einzig mit „Der Sommer ohne Männer“ hatte ich etwas Mühe (haha!). Ganz lustig und erstaunlich warmherzig fand ich „Das Ghetto-Sex-Tagebuch„.

Ein Zitat aus „Frühstück bei Tiffany“ hat mich sehr an mich in meinem diesjährigen Frühling erinnert: „Verlieben Sie sich nie in ein wildes Geschöpf, Mr. Bell“, riet Holly ihm. „Das war Docs Fehler. Er hat immer wilde Geschöpfe nach Hause geschleppt. Einen Habicht mit einem verletzten Flügel. Einmal einen ausgewachsenen Rotluchs mit einem gebrochenen Bein. Aber man darf sein Herz nicht an wilde Geschöpfe verlieren: je mehr man es tut, desto stärker werden sie. Bis sie stark genug sind, in den Wald zu laufen. Oder auf einen Baum zu fliegen. Dann auf einen höheren Baum. Dann in den Himmel. So werden Sie enden, Mr. Bell. Wenn Sie nicht aufpassen und sich in ein wildes Geschöpf verlieben. Am Ende stehen Sie da und schauen in den Himmel. (…) Viel Glück: und glaub mir, liebster Doc – es ist besser, in den Himmel zu schauen, als dort zu leben. Solch ein leerer Ort; so trüb. Bloss ein Land wo der Donner grollt und Dinge verschwinden.“

Heute habe ich von Sabine Dörlemann, Verlegerin des Dörlemann Verlags, eine Mail bekommen, dass Sir Patrick Leigh Fermor verstorben ist. Traurig. Ich mag seine Bücher. Der Schlusssatz des Mails hat mich sehr traurig gemacht und gleichzeitig irgendwie hoffnungsfroh. Als ob gerade die Traurigkeit unendlich viel grössere Schönheit bergen würde: „Möge die Erde ihm leicht sein.“

Letzte Woche – als mich der Arbeitsalltag wieder einholte und die Müdigkeit Tag für Tag schwerer wog – hab ich unterwegs gerne die Gesichter der Menschen betrachtet, die zufällig an mir vorübergingen. Die kleinen Bewegungen – das leise Zucken der Mundwinkel, das Entgleisen der Augenpartie, die Hand, die gedankenverloren auf das Knie trommelt, der für Sekunden durchgedrückte Rücken, die Zähne auf der Unterlippe – haben mich sehr fasziniert. Ich habe mich gefragt, wer von diesen Menschen gerade glücklich ist und wer morgen nicht mehr sein wird. Und etwas wusste ich: Man muss sehr gesund sein, um Menschen so genau ansehen zu können. Man muss ausgeruht sein und froh.

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