Jahrtausend Universen lang

Gestern hab ich mal was „Normales“ gemacht. Es wurde Zeit endlich mal etwas zu tun, das ganz normale Leute so tun an einem Montagabend. Ich ging also ins Kino. (Meine Arbeitskollegen bestätigten mir, dass es sich bei einem Kinobesuch um eine normale Freizeitaktivität handelt. Ausser man hat Kinder, dann geht man auch nicht mehr ins Kino, sagte man mir.) Wir schauten den Film „Der Verdingbub„. Der Film hat mir gut gefallen. Obwohl ich danach schon ziemlich traurig war. Damit die Traurigkeit einigermassen verflog, schauten wir zu Hause auch gleich noch eine DVD. Nämlich „Poem„. Als ich diesen Film damals im Kino sah, verschlug er mir die Sprache. Ein Wahnsinns Film. Eigentlich sind es ja kleine Kurzfilme, die bildnerisch Gedichte untermalen.

Heute Morgen dann im Stadtbus Winterthur geschah folgendes: Ich wollte zuvorderst neben dem Fahrer in den Bus einsteigen. Die Tür ging zu, rammte meine Schultern und klemmte mich ein. Vor Schreck habe ich zum Busfahrer „Oh, Entschuldigung!“ gesagt. Der Busfahrer wandte seinen Kopf in Zeitlupentempo träge in meine Richtung, sah mit milchigen Augen durch mich hindurch, drückte in aller Ruhe den „Türe auf!“-Knopf und wandte sich wieder nach vorne, ohne ein Wort, ohne mit den Wimpern zu zucken.
Da ich nicht Auto fahre, habe ich bis jetzt alle meine Reisen – und das waren nicht wenige – mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bestritten. Und egal in welchen öffentlichen Verkehrsmitteln der Welt, ob in Zürich, Berlin, London, Barcelona, Zagreb, in der Karibik, in Montreal, ja sogar in den halsbrecherischen Marshutkas in der Ukraine, hab ich niemals so unhöfliche, missmutige und unpünktliche Fahrer erlebt wie in Winterthur. Ich fahre nun seit bald fünf Jahren jeden Tag Bus hier. Und es ist Horror. Manchmal denke ich, dass die irgendwie ein Team-Problem haben. Irgendwas ist da faul. Das Management gibt immer mal wieder verzweifelt Neuerungen raus (im Moment: „In Stosszeiten fahren die Busse im 5-Minuten-Takt!“), doch die dringen irgendwie nie ganz zur Basis. Sie geben sich Mühe, ja. Aber irgendwie ist da der Wurm drin. Vielleicht sollten die alle Mal miteinander in den Wald gehen und Bäume umarmen. Würde helfen.

Ich sass also dann mit schmerzender Schulter verschreckt im Bus und erinnerte mich an ein Gedicht aus eben diesem Film (Poem). Dieses Gedicht hätte ich dem Busfahrer am liebsten ins Gesicht geschrien. Es geht so:

Alles

Könnten doch alle wie Nomaden wandern

Könnten doch alle wie Nomaden wandern

Weite im Kopf
Im Herzen Welten
Die Füsse auf der Erde
Will ich in die Wolken

Mein Unglück
unbeständig wie das Glück

Werfen möchte ich mich in diesen Wandel
Tanzen und reiten im Augenblick

Könnten doch Alle, alleallealle
Glücklich sein!
In allen Welten, zu allen Zeiten
Jahrtausend Universen lang

Könnten doch Alle
wie Nomaden wandern,
wandernwandern
immer weiterziehen

Vogel werden
Himmel sein
Schwimmend ein Meer
frei und offen für Jeden

(Antonia Keinz)

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