Tanztee

Ein Tänzchen gefällig?

Ein Tänzchen gefällig?

Die Herbstsonne schien und liess die Welt in prächtigen Farben erscheinen. So bezaubernd und so endlich kann die Welt nur an einem schönen Herbsttag sein. Sie setzte sich auf eine Bank, nahe des Wassers und schloss die Augen. Das letzte Mal Sonne tanken, bevor sich die Zeit in Schneegestöber dreht. Als sie die Augen öffnete, hatte sich ein älterer Herr neben sie auf die Bank gesetzt. Er sah aus, als ob er zur Kirche gehen wolle – akurat, ein Bisschen altmodisch. Er schien zu merken, dass sie ihn gedankenverloren betrachtete, blickte aber weiter geradeaus. Dann begann er zu sprechen. Leise, sie verstand ihn nicht. Sie zog die Augenbrauen hoch, wollte zu einer höflichen Frage ansetzen, da räusperte er sich und sprach lauter: „Es wird Ihnen nicht entgangen sein. Verzeihen Sie mir, dass ich trotzdem davon anfange. Sie haben Zeit, ja?“ Er wartete ihr verblüffte Antwort nicht ab und sprach weiter. „Ich sass heute morgen in der Strassenbahn, es war früh, die Sonne begann erst zögerlich zu scheinen. Sie müssen wissen, die letzte Nacht habe ich schlaflos verbracht, die Dunkelheit hat mir auf den Brustkorb gedrückt, als läge eine schwarze Katze auf mir. Ich sass also in der Strassenbahn und betrachtete die Menschen, die frischen Schrittes ihrem Alltag entgegeneilten. Da es ein schöner Tag zu werden schien, waren die meisten Schritte fröhlicher, frischer. So, als ob der Tag Potential hätte, Gutes zu bringen. Ich sah also all die Menschen, die gingen oder standen und war sehr froh. Ich war froh, denn es bewies mir, dass das Leben weitergeht. Dass nach jeder Nacht der Tag kommt. Unwiderrufbar. Sie mögen jetzt denken, dass das eine herrlich unkreative Erkenntnis ist, denn jeder weiss, dass nach der Nacht der Tag folgt.“ Sie nickte, denn sie wusste nicht, was sie sonst hätte tun sollen. Auf die Uhr zu blicken, hätte sie als Unhöflichkeit empfunden. Sie schlug das eine über das andere Bein und beliess es beim Nicken. „Sie werden bestimmt ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Nach einer Düsternis ist der neue Tag ein Geschenk. Wenn alles weiter geht, wenn jeder tut, was er immer tut. Wenn Sie dann vergessen vom Treiben am Rande stehen und Ihrer Verblüffung nicht Ausdruck verleihen können, weil es keinen angemessenen Ausdruck gibt… Als ich dann am Bellevue aus der Strassenbahn stieg und die Strassenbeleuchtung ausschaltete – wie sie das jeden Morgen automatisch tut, wenn es Zeit ist für Auf- oder Untergang – hätte ich weinen mögen vor Glück. Der Umstand, dass ich sah, wie just in dem Moment die künstlichen Lichter ausgingen, weil sie nicht mehr gebraucht wurden, schien mir ein so glücklicher, dass mich eine durchdringende Fröhlichkeit überkam. Wie gesagt, Mademoiselle, es wird Ihnen nicht entgangen sein, Sie sitzen neben einem Kinde. Und wäre es angemessen, würde dieses Kind Sie zum Tanze auffordern und danach würde es Ihnen einen Tee spendieren.“ Er lächelte und blickte noch immer geradeaus. Die Vorstellung von Tanz und Tee schmeichelte ihr und sie lächelte ebenfalls. Er drehte den Kopf zu ihr, sah sie mit erstaunlich wachen Augen an und nickte. „Es war mir ein Fest, Mademoiselle. Ich empfehle mich.“ Er stand auf, strich sein Jacket glatt und ging.

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