The Artist Is Present

Day 2, Portrait 22: "The Artist is Present" Marina Abramovic MoMA - New York

Sie blickt uns an und wir heulen: Day 2, Portrait 22: „The Artist is Present“ Marina Abramovic MoMA – New York

Gestern bin ich – nachdem mich meine Abendverabredung versetzt hatte – ins Kino gegangen. Allein. Da war dieser Film, den ich schon lange sehen wollte: „Marina Abramović: The Artist Is Present„. Ich sass also im Kino neben einer Frau, die nach abgestandenem Alkohol roch und meine Füsse waren kalt. Und dann, dann hat mich dieser Film erwischt. Ich habe während fast zwei Stunden durchgeheult. Das Geräusch der Tränen, die auf meine Hosen tropften, war hörbar – ähnlich wie ein Herzschlag. Ich habe geheult und geheult. Nicht, weil es ein trauriger Film ist, im Gegenteil. Es ist ein schöner, interessanter Film. Aber traurig? Nein. Ich war wohl ergriffen. Und habe mich gefragt: In was für einer Welt leben wir, wo sich eine Künstlerin auf einen Stuhl setzen kann und nichts weiter tun kann, als ihr Publikum anzublicken und alle drehen durch? Dem Gegenüber in die Augen sehen und es wird verrückt. Entweder verrückt vor Liebe oder vor Erkenntnis, keine Ahnung.
Es braucht also lediglich ein Bühne (also Aufmerksamkeit) und jemand, der einem ins Gesicht schaut. So lange, wie man möchte. 40 Minuten, 50 Minuten, 7 Minuten – whatever. Da schaut einem also jemand an und das reicht. Es reicht, um sich im Spiegel zu erkennen, um zu lieben, um zu hassen, um zu fühlen. Wir leben in einer sehr armen Welt. So unglaublich arm, dass wir jemanden, der es wagt, uns ins Gesicht zu sehen, zu Gott erheben. Das ist gefährlich, Leute. Und so nötig.

Genau so muss Kunst sein, nicht wahr? Genau so. Wenn man sie anblickt, müssen wir uns selbst entgegenblicken. Mir ging es das erste Mal bei einem Gemälde von Schmidt-Rotluff so. Und dann bei einem von Klee. Und dann bei einem von Dix. Und dann kam ein Satz von Goethe hinzu und dann einer von Brecht. Wenn man mal ein Gefühl für sich selbst in Kunst hat, entdeckt man Welten. Arm diejenigen, die es nie erfuhren.

Einfach grossartig, ich könnte schon wieder heulen.

(Ach ja, hier der Link zu allen Porträts von Leuten, die ihr gegenüber sassen. )

2 Gedanken zu “The Artist Is Present

  1. Danke schön, liebe Sabine. Ich vermisse Dich immer wieder mal ein bisschen. Manchmal auch mehr und dann wieder fühle ich mich ganz einfach verbunden. Ganz einfach. So. HerzGruss Anita

    • Danke dir herzlich für deinen schönen Worte, liebe Anita. Auch ich vermisse dich und ich denke, es wäre an der Zeit mal einen Kaffee trinken zu gehen, falls du magst. Ich schreib dir ne Mail. 🙂

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