Ohne Körper und ohne Geist

Sie waren drei Monaten – um genau zu sein, zwei Monaten und 24 Tage – zusammen. Sie hatten einen etwas drückenden Abend verbracht, er hatte gesagt, er sei nicht sicher, ob sie bei ihm übernachten könne, er sei sich seiner Gefühle nicht ganz klar. Sie hatte ihn angesehen, so als würde sie versuchen ihn nicht anzusehen. Sie nickte. Er dachte, er hätte die Überhand, er könnte sich am nächsten Tag melden und sie würde mit banger Stimme seinen Anruf entgegennehmen. Sie würde lachen, ganz ausser sich, wenn er ihr mitteilen würde, er sei sich nun doch (einigermassen) sicher. Stattdessen beantwortete sie seinen Anruf nicht. Er dachte sich nichts dabei und versuchte es abends wieder. Auch da – nichts. Nur ihre seltsam helle Stimme auf dem Anrufbeantworter. Er hängte auf, schreib stattdessen eine Nachricht. Gespielt cool, aber süss – wie er fand. Er sah, dass sie die Nachricht zweiundvierzig Minuten später gelesen hatte. Und antwortete nicht.
Er dachte, sie sei vielleicht noch etwas eingeschnappt, da er sie am Abend zuvor um dreiundzwanzig Uhr alleine heimgehen liess. Er dachte, sie würde wohl versuchen ihn etwas zappeln zu lassen. Er ging früh schlafen, um am nächsten Tag fit zu sein, er wollte zum Sport. Morgens hinterliess er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, um ihr zu sagen, dass er zum Sport ginge und sie doch nachher auf ein Frühstück bei ihm vorbeischauen solle. Er hatte am Tag zuvor eingekauft. Sie hatten das schon einige Male so gemacht. Er ging zum Sport und wenn er nach Hause kam, sass sie schon auf den Stufen vor seinem Haus und rauchte. Er mochte das Bild von ihr, wie sie auf ihn wartet. Doch an diesem Tag fand er die Treppe leer vor. Er war sehr erstaunt darüber. Sie hatte auch keine Nachricht hinterlassen. Er schrieb erneut. Diesmal etwas stinkig aber doch versöhnlich. Sie las seine Nachricht diesmal erst drei Stunden später. Keine Reaktion. Da kam bei ihm das erste Mal Panik auf. Eine Panik, die ihn seit da begleitete.

Er stellte fest, dass er nicht genau wusste, wo sie wohnt. Sie waren immer bei ihm gewesen, da er fand, dass er ihre Mitbewohnerin noch nicht kennenlernen wolle. Ausserdem hätten sie bei ihm ihre Ruhe. Er musste zugeben, dass er es auch angenehmer fand, er fühlte sich einfach sicherer in seiner gewohnten Umgebung. Sie hatte ihm das Haus, wo sie wohnte, beim vorbeifahren mal gezeigt, doch er war sich nicht sicher, welches es genau war. Er hatte also keine Adresse. Nur eine Telefonnummer. Sie hatten auch nie Profile oder ähnliches ausgetauscht. Er fand das irgendwie postmodern lässig sich eben ohne das ganze digitale Drum und Dran anzunähern. Sie hatte nie danach gefragt. Als er nun zu suchen anfing, stellte er fest, dass er mit ihrem Vor- und Nachnamen nach der Nadel im Heuhaufen suchte. Sie hatte eine Allerweltsnamen. Zudem gab es eine halbwegs berühmte Snowboarderin mit dem selben Namen. Er suchte gründlich und fand nichts. Er schrieb erneut, diesmal ehrlich verzweifelt. Er rief an, mehr als einmal. Sie antwortete nicht. Er stellte fest, dass es immer länger ging, bis sie seine Nachrichten gelesen hatte. Manchmal dauerte es sogar Tage.

Er machte sich Sorgen, verfiel in eine tiefe Angst, dass jemand ihrer Familie die Nachrichten las, ihn jedoch nicht kannte. Und sie derweil im Spitalbett um ihr Leben kämpft. Doch er kam von dieser Erklärung ab. Wenn jemand anderer seine Nachrichten lesen würde, dann würde er irgendwann antworten. Auch, dass sie ihr Handy verloren haben könnte, verwarf er, da sie ja wusste, wo er wohnt.

Er fuhr mit dem Fahrrad frühmorgens zu dem Haus, von dem er dachte, dass es das ihrige sei. Niemand mit ihrem Namen war dort angeschrieben. Er suchte auch die Klingeln von den umliegenden Häusern ab, fand jedoch nichts. Er lungerte an einer Ecke rum, in der Hoffnung, sie würde aus einem der Häuser kommen, um zur Arbeit zu gehen. Sie kam aus keinem Haus.

Dann begann er damit, jeden Abend die Bar zu besuchen, in der sie sich kennengelernt hatten. Zudem alle anderen Orte, an die er sich erinnerte, über die sie mal erzählt hatte. Er rief auch bei der grossen Firma an, bei der sie arbeitete. Man sagte ihm, man gäbe keine Auskünfte über Mitarbeiter, als sich herausstellte, dass es verschiedene Mitarbeiterinnen mit dem selben Namen gab und er die Frage nach der genauen Abteilung nicht beantworten konnte.

In seltenen Fällen wich die Panik vollkommen der Wut. Diese Momente waren sehr befreiend, sie schmerzten weniger. Eine schmucklose Ratlosigkeit hatte sich in seinen Körper eingegraben. Seine Haut wurde mit den Tagen und Wochen grauer. Er konnte nicht verstehen, was passiert war, warum sie nicht mit ihm sprach. Anfänglich hatte er sich zurückgehalten mit den Anrufen und Nachrichten. Dann kam eine Phase der Raserei. Er rief sie ununterbrochen an. Zwei Tage später war die Nummer tot. Nun konnte er nicht mal mehr ihre helle Stimme auf dem Band hören. Er hätte sich am liebsten die eigene Faust ins Gesicht gepfeffert, war es doch das einzige, was ihm geblieben war.

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