Spiegelneuronen, spiegelneurotisch

Pfaeffikersee

Der Pfäffikersee heute

Sie sah sich im Spiegel an. Ihre hellbraunen Augen waren etwas gläsern, sie glänzten seltsam. Die Lippen waren rot – röter als normal – kam sie doch gerade von draussen aus der Kälte. Sie hatte lange in der Kälte gestanden, ihre Nase, Finger und Füsse waren noch immer kalt. Sie schaute sich nicht oft eingehend im Spiegel an. Sie hatte noch nie den Zugang zu diesen Eigenschaften gehabt, die man gemeinhin Frauen zuschrieb. Sie empfand ihr Äusseres als anstrengend. Sie betrachtete ihre Nasolabialfalten – sie kannte das Wort einzig und allein daher, dass ihre Arbeitskollegin diese hatte aufspritzen lassen und die letzten Wochen darüber geredet hatte. Die Linke war ausgeprägter als die rechte. Das lag am Unfall, den sie vor ein paar Jahren gehabt hatte. Sie sah die Veränderung, die seit daher ihr Gesicht heimgesucht hatte, noch immer gut. Alle anderen Menschen sahen es nicht. Ihre Nase war an den Flügeln etwas gerötet, die Wangen rosig, als hätte sie Sport getrieben. Ihre Haut war relativ ebenmässig, sie hatte noch nie grosse Hautprobleme gehabt, noch nicht mal als Teenager. Sie rümpfte ihre zu kurz geratene Kartoffelnase (wie ihre Grossmutter zu sagen pflegte), legte den Kopf schief, kräuselte die Stirn und fragte sich, ob sie wohl von einem Fremden noch knapp in die Kategorie „hübsch“ eingestuft werden würde oder eher in die Kategorie „normal“. (Oder vielleicht doch in „speziell“?) Sie konnte es beim besten Willen nicht beurteilen. „Wie seltsam!“, dachte sie sich, löschte das Licht und ging zu Bett.

Ihr Spiegelbild betrachtete sie, wie sie sich in die Augen sah. Die kurzen Momente, wo es etwas zu tun hatte, genoss es heimlich sehr. Es wusste, dass es nicht für’s Geniessen oder für die eigene Befriedigung jedweder Art da war. Es war ein Spiegelbild und ein Spiegelbild spiegelte, e basta. Es wunderte sich zeitweise darüber, dass es diese Form von Bewusstsein hatte, ihm war klar, dass das nicht normal war. Eigentlich aber war es ihm egal, was der Grund dafür war, es freute sich einfach ob der Zerstreuung. Es hätte nicht damit gerechnet, dass so spät Abends noch etwas passieren würde, sie war jedoch ins Bad gekommen, hatte das Licht angemacht und sich vor den Spiegel gestellt. Sowas tat sie sonst nie! Und nun betrachtete sie sich schon eine ganze Weile. Die Augen wanderten von Augen über Nase zum Mund und wieder zurück. Das Spiegelbild spiegelte zuverlässig, war aber ganz nervös. Was wohl der Grund für dieses intensive Betrachten war? Das Spiegelbild sah jeweils nur einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben, es hatte also keine Ahnung. Es mochte nun auch keine Vermutungen anstellen, es gab sich ganz und gar seiner Aufgabe hin. Und wieder bemerkte es, wie schön ihre Augen waren. Seit dem Unfall war das linke Auge etwas weniger ausdrucksstark wie früher, was das Spiegelbild sehr wohl bemerkte, es fand jedoch die Augen nach wie vor sehr besonders. Sie sah irgendwie süss aus, lebendig und – das Spiegelbild suchte nach einem geeigneten Wort – vital. Es war einmal mehr sehr zufrieden, dass es gerade hier seiner Aufgabe nachgehen durfte. Ein letzter Blick und dann löschte sie das Licht. Das Spiegelbild verschwand seufzend in der Dunkelheit.

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