Versuch einer Ode an Gazelle

Am Freitagabend, als ich sehr erschöpft von einer sehr anstrengenden Arbeitswoche Richtung Opernhaus ging, um dort das grandiose Ballett „Bella Figura“ anzuschauen, roch ich ihn das erste Mal, den Frühling. Ich weiss, es ist bloss ein Vorbote, es wird nochmal kalt werden, doch das, was diese Tage riechbar ist, dieses Auftauen des Bodens, diese etwas wärmere Luft, löst in mir ein Gefühl von Aufbruch, Glück und unfassbarer Zuversicht aus. Und auch etwas, was sich wie Verlangen nach Wanderlust, sehnsüchtiges Innehalten, furchtvolles Vertrauen anfühlt. Als ob ich ein Schiff besteigen würde, welches mich quer über den Atlantik führen wird, worauf ich seit Jahren hingearbeitet habe, jetzt aber, da ich die blanken Bretter hoch zum Schiff beschreite, fühle ich plötzlich eine innere Zerrissenheit, als ob ich wieder umdrehen wollen würde, nach Hause gehen, auch wenn es das zu Hause längst nicht mehr gibt.

Seit ein paar Tagen versuche ich mich in Worten über „Gazelle“. Gazelle ist ein Mensch, den ich vor ein paar Monaten besser kennenlernte, der mich fasziniert, da er was ganz sonderbares an sich hat. Es will mir nicht ganz gelingen, da Gazelle in einer sehr eigentümlichen Weise nicht ganz fassbar ist. Er ist einer dieser Menschen, der beim Gegenüber innert kürzester Zeit grosses Wohlbefinden, noch grössere Nähe und viel Vertrauen auslöst. Es passiert also, dass man Gazelle beim ersten Treffen bereits sein Leben ausbreitet, wie man eine Landkarte auf dem Tisch ausbreitet. Ohne Bewusstsein darüber, dass man Gazelle ja gar nicht kennt. Man könnte ihn mit einer Art Raubtier vergleichen, dessen Waffe aber ein Gift ist, ein irisierender Nebel, der beim Opfer das Gefühl von Wohlgefallen und Behagen auslöst. Gazelle kann einem also den Hals umdrehen und man würde dabei glücklich lächeln.

Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? Weshalb umfasst du mich so sehr mit Freundlichkeit und Nähe, wenn doch Dein Wunsch ist, mich auf Distanz zu halten? Wenn Du doch willst, dass Dir niemand zu nahe kommt, wenn Du doch in Wirklichkeit kein Interesse an Vertrautheit hast? Als ob Du sagen wollen würdest, „Du kannst Dich gerne vollständig vor mir ausziehen, ich aber meinerseits ziehe noch eine Regenjacke über all meine Schichten an, das ist meine Form der Blösse“.

Ich versuche immer mal wieder den Nebel wegzuwischen und dahinter zu blicken. Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? In den seltenen Momenten, in denen mir das gelingt, sehe ich noch viel seltsameres. Verlorenheit, Stärke, Macht, Beherrschtheit, Durchsetzungskraft, Schmerz, kindlicher Lebenshunger, trainierte Seelenruhe, stoisches Selbstbewusstsein gepaart mit einer glühenden, zerstörerischen und liebreizenden Verletzlichkeit, die ich so noch nie gesehen habe. Das erste Mal, als ich all dies einen kurzen Augenblick wahrnehmen durfte, war ich mich nicht mehr sicher, ob ich Gazelle mag. Es war einigermassen bedrohlich und es hat mich (natürlich) sehr neugierig gemacht. Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? Jetzt, da ich mich daran gewöhnt habe, ab und zu hinter den Vorhang zu blicken, weiss ich, dass ich Gazelle mag, dass es aber auch fragil ist, dass es wohl noch tausend Schichten gibt, die ich nicht sehe, nicht kenne, vielleicht auch nie kennenlernen werde, dass ich mich auf Überraschungen gefasst machen muss. Gazelle macht es mir also nicht einfach, er wird sogar etwas kratzbürstig, wenn er merkt, dass man versucht mehr über ihn zu erfahren. Um so ungewöhnlicher, dass Gazelle es zulässt, dass ich versuchen darf, ihn kennenzulernen.

Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? Dazwischen aber – und dies bringt Gazelle ihren Namen ein – diese tänzelnde Fröhlichkeit, diese grazile Verspieltheit, dieses ansteckende Lachen, diese charmante Leichtigkeit, diese ehrliche Zugeneigtheit, diese komplizenhafte Zartheit.
Ja, ich mag Gazelle, ich mag Gazelle sehr.

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