Mögliche Schönheit

Das Licht im Zimmer, das sie Bibliothek nennt, einzig weil sich darin alle Bücher befinden, was natürlich noch lange nicht das Wort Bibliothek rechtfertigt, ist noch schummrig. Dort aber, wo sich ihr Lesesessel befindet, fällt es hell auf die weissen Seiten des Buches, welches sie gerade verschlungen hat. Sie lässt das Buch auf ihre nackten Beine sinken, streicht mit den Fingern über das Papier, blättert gedankenverloren von Seite zu Seite, liest die unterstrichenen Stellen noch einmal, findet jedoch den einen Satz, der das Gefühl ausdrücken würde, nicht mehr. Unentschlossen nimmt sie den Schutzumschlag, den sie gestern entfernt und achtlos auf den Boden geworfen hatte, legt ihn ums Buch, öffnet es erneut und riecht daran. Sie versucht darüber nachzudenken, ihre Gedanken verhaken sich aber beim Versuch, schweifen ab. Sie mag dieses Gefühl der ungerechtfertigten Ungeduld nicht, dieses Warten auf etwas, was sie niemals in Worte zu fassen vermag, was nie geschehen wird, dieses Warten auf ein grosses Nichts.

Sie legt das Buch zur Seite, lässt den Kopf in den Nacken sinken, betrachtet die weisse Decke, die Bilder an der Wand, die Zierkissen auf dem Gästebett. Sie riecht den nächtlichen Regen, der noch in der Luft hängt, den Holzboden, den Geruch von Büchern, die mit feinem Staub bedeckt sind. Sie nimmt das zweite Buch, welches sie sich fürs Wochenende zu lesen vorgenommen hat, dreht es in der Hand, betrachtet die jungfräulichen Seiten, liest den Klappentext, liest den ersten Satz: „Der Tag, an dem Paula feststellt, glücklich zu sein, ist ein Sonntag im März.„. Sie kann sich jedoch nicht durchringen weiterzulesen, zu gross ist die Angst, dass sie das Gefühl vom gerade gelesenen Buch verlieren wird. Sie möchte das Gefühl auskosten, die Gedanken denken, von denen sie nicht weiss, ob sie richtig sind.

Es ist ruhig im Haus, in ihrer Wohnung. Noch ist niemand wach. Noch knarzt es nicht, noch ist kein Laut zu hören. Sie mag die morgendliche Stille, die sich anfühlt wie ein liebender Vater, der einem im Schlaf das Haar zurückstreicht und die heruntergerutschte Decke hochzieht. Sie möchte wütend sein, sie möchte Trauer empfinden, doch sie fühlt nichts von alledem. Sie fühlt viel mehr Neugierde, diese fröhliche Form der Neugierde, dieses kindliche, forschende Interesse, dieses Verlangen nach Antworten, nach dem Sezieren von Empfindungen, gepaart mit einem Anflug von Abscheu, welcher man empfindet, wenn man ein Loch im Dreck gräbt, um glänzende Schätze zu bergen, jedoch nie sicher sein kann auf Regenwürmer zu treffen.

Das Licht hat jetzt den ganzen Raum erfasst, die Farben werden deutlicher, sie betrachtet das Bild an der Wand, welches das Porträt eines ihr unbekannten Mannes zeigt, ein Freund hat es gemalt und ihr geschenkt, auf ihr Bitten hin, da ihr der Ausdruck des Mannes gefallen hat, dieses gespielte Desinteresse, dieser Blick zur Seite, die starken, blossen Arme verschränkt vor seiner Brust. Es ist ein grosses Bild, fast lebensgross, sie weiss noch, wie sie es von den Bergen in die Stadt transportiert hat. Im Zug ist es umgekippt und hätte fast einen Pudel erschlagen, glücklicherweise war ein Herr mit strengen Gesichtszügen gegenwärtig genug, um es mit schneller Bewegung aufzufangen. Sie hatte sich entschuldigt und hielt es dann fast zwei Stunden mit geröteten Wangen im übervollen Zug fest, so, dass danach ihre Arme und Finger noch tagelang schmerzten. Davon zeugt heute aber nichts mehr. Stumm hängt es an der Wand und blickt tadelnd auf sie hinunter.

Sie nimmt einen Schluck vom x-ten Kaffee, die Kirchenglocken beginnen zu läuten. Sie steht auf, geht in die Küche und holt sich drei Erdbeeren, die sie jetzt durch ihre Finger dreht. Sie riecht daran, möchte den beerig-grünen Duft in sich aufnehmen, geniessen. Sie beisst hinein, ihr Mund wird vom süssen Saft geflutet, sie blinzelt und atmet. Woher kommt dieser Wissensdurst, diese Neugierde, dieses unaufhaltsame Verlangen nach der Lösung von nicht vorhandenen Rätseln? Kann man etwas, das gar nicht existiert, entschlüsseln? Man erkennt immer Muster, auch da, wo gar keine sind, denkt sie sich und blickt auf ihre kalten Füsse. Ihre Haut ist weiss und bleich, sie hat schon lange keine Sonne mehr gesehen. Plötzlich, mit der Wucht einer Abrissbirne, sehnt sie sich nach der Sonne, nach Wärme. Sie schliesst die Augen und lächelt.

Dieses Hin und Her, das sich niemals nur auf sich selbst beschränkt, sondern immer das Versprechen eines anderen Lebens ist, das Versprechen möglicher Schönheit und Zärtlichkeit.
(Leïla Slimani: All das zu verlieren)

Der Tag, an dem Paula feststellt, glücklich zu sein, ist ein Sonntag im März.
(Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall)

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