Gekommen um zu bleiben

Ich sitze in einer fremden Wohnung, eine, die genau so ist, wie eine fremde Wohnung sein muss. Hinreichend fremd, seltsam vertraut, angenehm warm – so eine, wo einem das Herz aufgeht. Ich sitze also hier, bin ein Bisschen krank, meine Glieder schmerzen und doch bin ich innerlich ruhig.
Badana sagte letzthin mal, sie würde gern aus sich selbst auswandern. Diese Wohnung fühlt sich an, als wär sie der beste Ort, um zu rasten, für einen aus sich selbst Ausgewanderten. Und in einer Ecke meines Seins ist diese Wohnung auch Heimat für mich. Ankommen, bleiben, wachsen. Ich bin gerade gern, wo ich bin.

Das alles ist so anders. Anders, als alles zuvor. Ich sterbe tausend Tode und fürchte mich fürchterlich. Wenn Glück fassbar wäre, würde ich es jetzt in große Marmeladegläser einmachen, sie in den Keller stellen für schlechte Zeiten.
Es war nicht vorgesehen heimzukehren. Nun aber, da ich schon mal da bin, kann ich auch bleiben. Das nennt man dann wohl eine gelungene Überraschung.
xoxo

Notizen für Z.

Es sind die kleinen Dinge, die uns ausmachen, nicht wahr? Du öffnest das Tor des Ostens, senkst deinen Kopf matt auf das Kissen. Es riecht nach Fluss und ich flüstre zaghaft deinen Namen. Die Nacht erzählt deine ganze Geschichte. Die Morgenstunde aber legt einen Schleier auf das Kopfsteinpflaster. Ich möchte mich vor dir verbeugen, vor dem, was du getan und vor den Orten, die du hinter dir gelassen hast. Manchen Menschen, die deine Wege kreuzten, die ich nicht mal mit Namen kenne, an denen ich auf der Strasse arglos vorbeigehen würde, möchte ich die Faust ins Gesicht schlagen. Manchen aber möchte ich danken. Es sind die kleinen Dinge, nicht wahr? Und während du schläfst versuche ich zu verstehen, woher du kommst. Das Glänzen in deinen Augen, wenn du von deinen Leidenschaften sprichst, ist ein Geschenk. Es macht mir Mut und gibt mir Zuversicht. Deine langen Finger, die oft plötzlich in der Bewegung inne halten, dann für Sekunden in der Luft stehen bleiben, sind wie Boten einer fernen Zukunft. Du schiebst deine Arme unter das Kissen und von der Strasse dringt der neue Tag hinein. Ich bin mir sicher, dass deine Sicherheit tiefe Wurzeln schlägt. Es ist die Art, wie du über deine Gedanken sprichst. Du betrachtest das Leben mit Nachsicht. Die Unvollkommenheit nimmst du hin, als wäre sie ein kleines Kind, das es nicht besser weiss. Dein Handeln macht mich zu einem besseren Menschen und auch das verzeihst du mir. Ich ziehe meine Knie nah an den Körper, umschlinge sie mit den Armen und während du dich zur Seite drehst, zünde ich mir eine Zigarette an. Das Licht hat sich verändert, die Nacht hat sich soeben auf ihrem Totenbett ausgestreckt. Jemand lädt einen Lastwagen aus und ich frage mich, ob es Socken, Gurken oder Lampen sind. Es sind die kleinen Dinge, die uns ausmachen, nicht wahr? Deine Fröhlichkeit konkurrenziert deine Ernsthaftigkeit nicht. Und dein Lachen ist bezaubernd. Wenn du gehst, dich durch die Tür bückst, verstehe ich deine Klarheit, als ob sie greifbar wäre. Du hast die Gabe meine Bedenken vom Tisch zu fegen, so, dass mich ihre Lächerlichkeit nicht trifft. Würde ich dir danken wollen, ich wüsste nicht wie. Du atmest regelmässig und ich trete ans Fenster und fürchte mich vor dem Moment, da die Sonne hinter den Häusern aufgeht. So, als ob die Sonne dein Erwachen und damit das Ende darstellt. Ich strecke meine Hand aus und streiche dir die Haare aus dem Gesicht. Du erinnerst mich an die Ewigkeit des Augenblicks.

Es ist, wie es ist

Heute hab ich die Stadt zu meinem Wohnzimmer gemacht. Es war so ein Tag, an dem alles geschah. So viel Leid und so viel Freud. Wie sehr sich die Emotionen die Waage halten können! Da ist der Schock über die Endlichkeit. So sehr, dass ich mir verbitte darüber zu schreiben. Nur so viel: Es ist unendlich traurig. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Dann – der Schock saß mir tief in den Knochen – ging ich raus und die Stadt begegnete mir mit so viel Wärme und Geborgenheit, ich hätte weinen mögen. Wir standen unter einem Fenster und riefen einer Freundin Namen, so, als wären wir Kinder auf dem Land.

Irgendwann am Nachmittag lag ich auf dem Sofa eines Freundes und lauschte seinem Klavierspiel. Unglaublich schön.

Und jetzt, jetzt bin ich bei Zauberlehrling, esse halbrohen Tintenfisch, lausche der Musik von Badana und fühle mich wohl. So sehr wohl, dass ich mich – angesichts der Umstände – dafür schäme. Und ich vermisse dich. Du hast gesagt: so ist das Leben. Und ich sage: Ja und nein. Ja und nein. Ja und nein. Manchmal muss man die Zwischenwelt, die sich auftut, wahrnehmen. So sehr es schmerzt. Man MUSS sie wahrnehmen.

Der Abend horcht an den Scheiben

Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot.

Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot.

Letzthin hab ich mit einem dicken Edding das Sprichwort „Sicherheit ist des Unglücks erste Ursache“ auf einen Tisch geschrieben. Es war Nacht und vom Fenster her wehte kühle Luft herein. Und als ich so schrieb, der Edding quitschte über das Holz, wusste ich, dass dies einer der wenigen Augenblicke ist, in dem ich (und ich mir) voll und ganz und in aller Unausweichlichkeit sicher bin.

„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“ (Joachim Ringelnatz)

Es gibt verschiedene Formen des Glücks. Diese Form gerade ist eine, die mich sprachlos macht. Ich möchte sagen: Zum Glück. Zum Glück hab ich diesen Blog zu schreiben begonnen. Zum Glück hab ich den Arzt damals nicht geheiratet. Zum Glück bin ich am Leben geblieben. Zum Glück.

Ein Tor geht irgendwo
draussen im Blütentreiben.
Der Abend horcht an den Scheiben. (…)
(Rilke)