Manchmal träume ich schwer

Gestern hab ich einen guten Freund besucht, nennen wir ihn Gustavo. Gustavo ist Bildhauer und wohnt in einem Haus zwischen einer Schnellstrasse, einem Weizenfeld und einem Wald. Als ich da aus dem Auto gestiegen bin, fühlte ich mich in eine andere Welt versetzt. Da stehen Grabsteine gegen die Strasse hin und hinter dem Haus beginnt der Wald wo man Rehe sehen kann und der Fuchs täglich seine Runde dreht. Der Himmel ist weit und grau und der Wind zeichnet seltsame Formen ins Weizenfeld. In der Dämmerung hab ich mir die Steine angesehen und sie ehrfürchtig mit den Fingern berührt. Sie waren kalt und rochen nach Unendlichkeit.

Wir haben Wein getrunken und geraucht und wie stumme Zeugen erhoben sich Zypressen vor dem Fenster. Wenn ich gekonnt hätte, ich wäre dort geblieben – für immer. Ich hätte vorbeifahrende Lastwagen gezählt, mir Namen für die Wildtiere ausgedacht, ich hätt auf dem Dachboden gesessen und das Licht betrachtet, ich hätte mich neben die Steine gesetzt und eine Zigarette geraucht, ich hätte die Adern im Marmor mit den Adern meines Handrückens verglichen.
Ich konnte aber nicht bleiben. So wie ich noch nie bleiben konnte.

Manchmal träume ich schwer,
und dann denk‘ ich, es wär‘
Zeit zu bleiben und nun ganz was andres zu tun.
So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war.

Dass man mich kaum vermisst, schon nach Tagen vergisst,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht. Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein‘ oder andren im Sinn

Fragt mich einer, warum ich so bin, bleib‘ ich stumm,
denn die Antwort darauf fällt mir schwer.
Denn was neu ist wird alt und was gestern noch galt,
stimmt schon heut‘ oder morgen nicht mehr.

(Hannes Wader – „Heute hier morgen dort“)

Man nennt mich flatterhaft und was weiss ich…

Gestern war ich gegen Abend bei Peter und wir haben auf der Dachterrasse Prosecco getrunken und die Aussicht, die war so:

Abendsonne!

Abendsonne!

Wunderschön, nicht wahr?

Das Pfingstwochenende war irgendwie crazy – mal wieder, mal wieder. Wir gehen nicht näher darauf ein, das wäre rufschädigend.

Ich habe „Man nennt mich flatterhaft und was weiss ich…“ von Edgardo Cozarinsky gelesen. (Passt.)
Und Peter hat mir ein paar Bücher geschenkt. „Silvester bei Stalin“ von Boris Schumatsky hab ich auf der Heimfahrt zu lesen begonnen. Gefällt mir sehr gut!

Monde und Jahre vergehen. Doch…

Nun gut. So sieht sie also aus die Realität. Die Büro-Montag-Arbeit-Sitzungs-NachFerien-Realität. Von Weitem betrachtet also alles ganz blöd und langweilig und ziemlich harzig. So gehen wir also rein in die kleinen Dinge. Die, die versteckt unter Steinen verborgen leuchten. Die, die man im Rinnstein findet, dort, wo das Abwasser bei Regenfall sich seine Wege bahnt. Und siehe da! Wir haben heute kleine Alltagslichter gefunden. Nämlich folgende:

  • Meine Bürobezugsperson ist heute traurig (sehr traurig). Und da bin ich mit ihm Mittagessen gegangen und es war trotz der Traurigkeit schön. Ich mag ihn einfach.
  • Felix sieht heute wahnsinnig gut aus und er hat mich zum Lachen gebracht.
  • Ich treffe heute vielleicht einen lieben Freund (den ich viel zu lange nicht gesehen habe) und geniesse die Vorfreude.
  • Ein Projekt nimmt langsam Formen an und ich mag die Formen, die es annimmt und kann zufrieden sein.

Abgesehen von den kleinen Freuden vermisse ich Berlin sehr. Berlin ist eine bezaubernde Stadt. Man kann sich ihr hingeben und wird Tage später ausgespuckt, man reibt sich verwundert die Augen und kann auf bunte Abenteuer zurückblicken. Berlin ist garstig und hässlich und wunder-, wunderschön. Berlin atmet man ein und fühlt sich in eine andere Welt versetzt. In nur 7 Tagen hab ich Geschichten gelauscht, Dinge betrachtet, Musik gehört, Menschen getroffen, Bilder angesehen (stete und unstete) und bin nun randvoll mit Eindrücken. Hach.

Nun gut. „Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch.“ (Franz Grillparzer)

So geniesse ich die Erinnerung an den Moment. Und versuche mein gfrässiges Herz im Zaum zu halten. (hahahahahahahahaha!)

Leb wohl, Berlin, mit deinen frechen Feuern

2
Bald muß ich dich verlassen, mein Berlin.
Muß wieder in die öden Städte ziehn.
Bald werde ich auf fernen Hügeln sitzen.
In dicke Wälder deinen Namen ritzen.

Leb wohl, Berlin, mit deinen frechen Feuern.
Lebt wohl, ihr Straßen voll von Abenteuern.
Wer hat wie ich von eurem Schmerz gewußt.
Kaschemmen, ihr, ich drück euch an die Brust.

3
In Wiesen und in frommen Winden mögen
Friedliche heitre Menschen selig gleiten.
Wir aber, morsch und längst vergiftet, lögen
Uns selbst was vor beim In-die-Himmel-Schreiten.

In fremden Städten treib ich ohne Ruder.
Hohl sind die fremden Tage und wie Kreide.
Du, mein Berlin, du Opiumrausch, du Luder.
Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.

Alfred Lichtenstein

O du Berlin, du bunter Stein, du Biest

Gesänge an Berlin
(Alfred Lichtenstein)

1
O du Berlin, du bunter Stein, du Biest.
Du wirfst mich mit Laternen wie mit Kletten.
Ach, wenn man nachts durch deine Lichter fliesst
Den Weibern nach, den seidenen, den fetten.

So taumelnd wird man von den Augenspielen.
Den Himmel süsst der kleine Mondbonbon.
Wenn schon die Tage auf die Türme fielen,
Glüht noch der Kopf, ein roter Lampion

Kastanienallee

Kastanienallee

Ich freu mich so auf Berlin! Ich freu mich auf Berlin, wie ich mich auf einen alten Freund freue, den ich lange nicht mehr gesehen habe.
Jahahahahahahahaha!

Lektionen in Demut

Am Wochenende hab ich ein paar Geister der Vergangenheit getroffen. Ähnlich wie in der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Es gab da Momente, da fühlte es sich an, als hätte man so ne Flüssigkeit in mein Herz gespritzt. So ne Flüssigkeit, die das Herz schockgefriert. Und dann so seltsam anfühlen lässt. Ich stand da also in Lokalen, die nicht mehr verraucht waren und drarussen war Regen und mein Herz war also so einbisschen gummig und weisslich und die ganzen Gerüche und Worte und Hände und vielleicht auch die Lippen, die waren alle irgendwie künstlich. Benno (oder hiess er Björn?  Oder Bruno? Oder Baldrian?) sagte, es gebe da so ein Lied von Trio. Das hiesse „Sabine Sabine Sabine“. Als ich mir das Lied dann anhörte, fand ich das grad sehr passend und unglaublich lustig. Hochmut, aber, kommt vor dem Fall und ich will mich in Demut üben, denn das einzige, was man mit einem schockgefrorenen Herzen tun kann, ist, den Verstand zu schärfen und sich in Demut zu üben. Oder aber mutig sein, denn wie Fontane sagt: „Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“

Lektionen in Demut von Thomas D.:

Du hast die Wahl ob hier das Paradies oder die Hölle ist
Denn du bist Schöpfer deiner Welt obwohl du Teil von ihr bist
Du trägst Verantwortung für Alles was in deinem Leben geht
und auch ein Stück vom Herzen eines Jeden der dir nahe steht
Und wenn du dich dennoch fühlst wie jemand der alles verloren hat
und Gott für alles die Schuld gibst nur weil er dich geboren hat
Dann wird es Zeit, dass dich endlich jemand am Kragen packt
Dich schüttelt und dir sagt, dass er’s nur einmal sagt