Karotten

You ask “What is life?” That is the same as asking “What is a carrot?” A carrot is a carrot and there’s nothing more to know. 
(Anton Chekhov — Letter to his wife, Olga Knipper Chekhov, 20. April 1904)

Vor mir liegen ein paar Karotten. Es sind mehr als fünf Stück, vielleicht sieben. Es könnten auch acht sein, es ist nicht ganz einfach abzuschätzen. Im Dämmerlicht meiner Küche wirken sie nicht orange, eher braun. Ich frage mich, ob sie süss sind oder bitter. Es sind verhältnismässig kleine Karotten, ich tippe daher auf süss.

Ich möchte Dir von Lysander erzählen, der hat so eine Mauer um sich aufgebaut. Der lässt niemanden wirklich an sich ran. Das erzeugt beim Gegenüber ein seltsames Gefühl, da man sich nie ganz sicher sein kann, da man vermutet, er verberge etwas. So ein gefühlsmässiges Schielen. Ich habe ihn gefragt, warum das so sei, was er denn zu verbergen suche. Er hat mir geantwortet, er würde einfach ungern andere an sich ranlassen, alles von sich zeigen. Er hätte vor einigen Jahren schlechte Erfahrungen gemacht und deshalb wolle er nicht mehr viel von sich preisgeben.
Mit meiner Frage habe ich ihn überrascht, ja, gar überrumpelt. Und plötzlich, durch meine unverhoffte Frage, mit der er so gar nicht gerechnet hat, in diesem Moment sah ich auf seinem Gesicht dieses durchscheinende Glimmen, diese ganz spezielle Form der Trauer, diese erschütternde Beherrschtheit, diese kraftvolle Desillusionierung und dann darunter, nur für eine Sekunde, sah ich die Verletzbarkeit, diese Form der Verwundbarkeit, die von aussergewöhnlicher Anmut ist. Ich habe mich gefragt, ob man es ihm jemals begreiflich machen kann, wie schön, wie gross und wie stark seine Verletzlichkeit ist und wie unnötig seine Abschottung.

Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, du wärst aussergewöhnlich mutig. Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, Du wärst nie verzagt. Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, Du würdest diese Mauer aus Sarkasmus und Zähheit ablegen. Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, Du würdest Dich ausgesprochen mögen.

Vor mir liegen ein paar Karotten. Es sind mehr als fünf Stück, vielleicht sieben. Es könnten auch acht sein, es ist nicht ganz einfach abzuschätzen. Im Dämmerlicht meiner Küche wirken sie nicht orange, eher braun. Ich frage mich, ob sie süss sind oder bitter. Es sind verhältnismässig kleine Karotten, ich tippe daher auf süss…

Spiegelneuronen, spiegelneurotisch

Pfaeffikersee

Der Pfäffikersee heute

Sie sah sich im Spiegel an. Ihre hellbraunen Augen waren etwas gläsern, sie glänzten seltsam. Die Lippen waren rot – röter als normal – kam sie doch gerade von draussen aus der Kälte. Sie hatte lange in der Kälte gestanden, ihre Nase, Finger und Füsse waren noch immer kalt. Sie schaute sich nicht oft eingehend im Spiegel an. Sie hatte noch nie den Zugang zu diesen Eigenschaften gehabt, die man gemeinhin Frauen zuschrieb. Sie empfand ihr Äusseres als anstrengend. Sie betrachtete ihre Nasolabialfalten – sie kannte das Wort einzig und allein daher, dass ihre Arbeitskollegin diese hatte aufspritzen lassen und die letzten Wochen darüber geredet hatte. Die Linke war ausgeprägter als die rechte. Das lag am Unfall, den sie vor ein paar Jahren gehabt hatte. Sie sah die Veränderung, die seit daher ihr Gesicht heimgesucht hatte, noch immer gut. Alle anderen Menschen sahen es nicht. Ihre Nase war an den Flügeln etwas gerötet, die Wangen rosig, als hätte sie Sport getrieben. Ihre Haut war relativ ebenmässig, sie hatte noch nie grosse Hautprobleme gehabt, noch nicht mal als Teenager. Sie rümpfte ihre zu kurz geratene Kartoffelnase (wie ihre Grossmutter zu sagen pflegte), legte den Kopf schief, kräuselte die Stirn und fragte sich, ob sie wohl von einem Fremden noch knapp in die Kategorie „hübsch“ eingestuft werden würde oder eher in die Kategorie „normal“. (Oder vielleicht doch in „speziell“?) Sie konnte es beim besten Willen nicht beurteilen. „Wie seltsam!“, dachte sie sich, löschte das Licht und ging zu Bett.

Ihr Spiegelbild betrachtete sie, wie sie sich in die Augen sah. Die kurzen Momente, wo es etwas zu tun hatte, genoss es heimlich sehr. Es wusste, dass es nicht für’s Geniessen oder für die eigene Befriedigung jedweder Art da war. Es war ein Spiegelbild und ein Spiegelbild spiegelte, e basta. Es wunderte sich zeitweise darüber, dass es diese Form von Bewusstsein hatte, ihm war klar, dass das nicht normal war. Eigentlich aber war es ihm egal, was der Grund dafür war, es freute sich einfach ob der Zerstreuung. Es hätte nicht damit gerechnet, dass so spät Abends noch etwas passieren würde, sie war jedoch ins Bad gekommen, hatte das Licht angemacht und sich vor den Spiegel gestellt. Sowas tat sie sonst nie! Und nun betrachtete sie sich schon eine ganze Weile. Die Augen wanderten von Augen über Nase zum Mund und wieder zurück. Das Spiegelbild spiegelte zuverlässig, war aber ganz nervös. Was wohl der Grund für dieses intensive Betrachten war? Das Spiegelbild sah jeweils nur einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben, es hatte also keine Ahnung. Es mochte nun auch keine Vermutungen anstellen, es gab sich ganz und gar seiner Aufgabe hin. Und wieder bemerkte es, wie schön ihre Augen waren. Seit dem Unfall war das linke Auge etwas weniger ausdrucksstark wie früher, was das Spiegelbild sehr wohl bemerkte, es fand jedoch die Augen nach wie vor sehr besonders. Sie sah irgendwie süss aus, lebendig und – das Spiegelbild suchte nach einem geeigneten Wort – vital. Es war einmal mehr sehr zufrieden, dass es gerade hier seiner Aufgabe nachgehen durfte. Ein letzter Blick und dann löschte sie das Licht. Das Spiegelbild verschwand seufzend in der Dunkelheit.

Sie lesen diesen Beitrag auf eigene Gefahr!

Nach zwei sehr spezifischen Tagen im Tessin, die leicht und lustig waren, war ich gestern Abend nach gefühlten drei Stunden Schlaf am Zürcher Philosophie Festival. An einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Freie Liebe – und andere feuchte Träume“. Ich dachte, vielleicht würde die Gefahr bestehen, dass ich einschlafe. Dem war ganz und gar nicht so. Nicht, dass der Grund dafür Melanie Winiger oder Stefan Zweifel gewesen wären, die waren ziemlich langweilig. Ganz und gar nicht langweilig war Svenja Flasspöhler. Ich kann nur sagen: Wow. Ich hätte ihr trotz Müdigkeit, trotz Konzentrationssprung, trotz der Ablenkung durch die anderen Teilnehmer stundenlang zuhören können. Bei der Diskussion ging es dann auch um Erotik und Prüderie. Svenja sagte, dass sie die Bewegung zu einem gewissen Konservatismus der heutigen Jugend (Heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen, Baum pflanzen, beziehungsweise Geburtsbaum aufstellen, etc.) nicht prüde nennen würde. Sie könne die Sehnsucht nach Zuverlässigkeit sehr gut verstehen. Was ihr mehr zu denken gäbe, sei, dass wir heute jede Form von Unsicherheit auszumerzen versuchen. Der erwachsene Mensch würde nicht mehr als mündiges Wesen angesehen. So würden überall Warnhinweise angebracht. Wir kennen das: „Achtung! Keine Haustiere oder Babies in die Mikrowelle!“, „Achtung! Kein Winterdienst! Begehen auf eigene Gefahr!“, „Danger! Quetschstelle! Das Hineingreifen in die Presse führt zu schweren Quetschverletzungen!“. Das führe dazu, dass diese Art des Sicherheitsdenkens auch in der Sexualität angewandt wird. Wir sind kurz davor einen Vertrag unterschreiben zu müssen, um in sexuelle Handlungen einzuwilligen. Was bedeutet, dass die Erotik stirbt. Denn die Erotik lebt vom Geheimnis, von der Doppeldeutigkeit.

Die Ambivalenz der Erotik nicht auszuhalten, das ist Prüderie.

Es würde uns gut stehen, wenn wir unser Hirn einschalten würden. Wenn wir etwas mehr gesunden Menschenverstand anwenden würden. Wenn wir uns als mündige Wesen verstehen würden, die sagen, was sie NICHT wollen. Und als solche, die es respektieren, wenn jemand nicht will. (Es geht also ums Nein und nicht ums Ja.)

Fantasmus hat mir mal erzählt, dass es in der SM-Szene ganz klare Regeln gibt. Dass man ganz klar sagt, was man will und es aber auch ganz klar respektiert wird, wenn man ablehnt. Das führe dann zu solchen Gesprächen unter Fremden:
„Hallo! Gerne würde ich Dich heute verhauen!“
„Oh, vielen Dank für dieses Angebot, aber darauf haben ich gerade keine Lust.“
„Alles klar, schönen Tag noch!“
Leider habe durch diese Direktheit keine Form von Flirt mehr Platz. Denn der Flirt lebt, wie die Erotik, von den Zwischentönen. Was in der SM-Szene durchaus Sinn macht, macht in einer Bar ganz und gar keinen Sinn, meiner Meinung nach. Denn einer der schönsten Teile der Sexualität ist ja eben gerade dieser Anfang. Wo ein Geheimnis besteht, wo man unsicher ist, wo man nicht weiss, was passieren wird. Wenn es dann ans Eingemachte geht, ist Kommunikation natürlich essenziell (und auch sehr aufregend).

Wenn beide Beteiligten nicht nein sagen, ist gegen einen guten Flirt ja nichts einzuwenden. Das ist dann wie das Schälen einer Zwiebel. Schicht um Schicht des Rätsels Lösung entgegen. Im Wissen darum, dass der Weg das eigentliche Ziel.

Use your brain

Bodenhaftung

Als Kind habe ich die Sommerferien bei meiner besten Freundin im Berner Oberland verbracht. Sie wohnte in einem Haus ohne fliessend Wasser (es hatte einen Brunnen an der Strasse), ohne Elektrizität und ohne Heizung. Es gab einen Holzofen in der Küche, dessen Rohr auch die anliegende Stube heizte. Alle übrigen Zimmer konnten nicht geheizt werden. Es wurden Kirschsteinkissen auf dem Ofen aufgewärmt, welche wir ins Bett nehmen konnten. Da meine beste Freundin vier Brüder hatte, blieb für uns oft kein Kirschsteinkissen mehr, wir haben dann ein Stück Holz gekriegt, welches ebenfalls auf dem Ofen aufgewärmt wurde und an das wir uns beim Einschlafen kuschelten. Morgens wurden wir zum Bauernhof geschickt, um Milch zu holen. Wir sind über Wiesen gezogen, durch Waldstücke, Hauptsache nicht dem Weg entlang. Ich kann noch heute das Gras riechen, die Blumen, die Bäume. Die Milch wurde dann im Brunnen gekühlt. Sonntags zum Abendessen gab es Kaninchen, welche wir selbst aufgezogen hatten und bei deren Schlachtung wir mit Furcht und Faszination zusahen. Für ein oder zwei Wochen besuchten wir jeweils Verwandte auf der Alp, wo wir für die Ziegen zuständig waren, welche wir melken lernten und pflegen. Wir haben Käse hergestellt und im nah gelegenen Bach gebadet. (Eine Dusche gab es ja nicht.)

Über diese Erfahrung bin ich sehr froh. Eine Form von Bodenhaftung beziehe ich daraus. Wenn das Leben mal wieder unwirklich ist und ich mich von mir selbst zu entfernen drohe, dann schliesse ich die Augen und befinde mich auf einer Sommerwiese im Berner Oberland. Es ist abschüssig, ich liege im Gras, welches meine aufgestellten Knie überragt. Man hört Insekten summen, irgendwo von Weit her Kuhglocken. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals liegt die Bergkette in ewigem Schnee, der Himmel zieht endlos über mich. Es riecht nach Erde und Sonne, nach Grün und Heiter.

Wenn Sonnenlicht durch Wolken bricht.

Gestern war ich im Casinotheater Winterthur den grossartigen „Bundesordner“ schauen. Das lohnt sich jedes Jahr, nicht nur wegen Jess. Wer also noch nicht da war, soll unbedingt hin. Hopphopp!

Wir waren danach noch in einer Spelunke, wo der kauzige Wirt italienischen Schlager spielen liess. Ein schöner Abend.

Auf dem Heimweg hab ich mich durch den Regen gekämpft, das war ziemlich garstig. Was für ein Glück, trage ich doch gerade Sonne im Herzen. Oder um Fanta 4 zu zitieren „Mein Lebensweg, Baby, sehnt sich nach Regen“.

Jetzt sitze ich in Seebubs altem Haus im leeren Wohnzimmer und schaue auf den im Dunst liegenden See. Draussen peitscht der Wind den Regen gegen das Fenster, unten fährt ein Zug vorbei, die kleine Steinskulptur auf dem Fenstersims blickt gedankenverloren. Mich friert, ich lege meine Füsse auf die Heizung, schiebe meine kalten Hände unter meine Oberschenkel und dann breitet sich ein breites Grinsen auf meinem Gesicht aus. „Wie Sonnenlicht durch Wolken bricht.“

Steinskulptur

Wo, zur Hölle

Wo, zur Hölle, soll ich beginnen? War das jetzt gerade nur eine Woche oder war das ein ganzes Jahr?

Gerade bin ich mit meinen supersuper Kopfhörern zu White Winter Hymnal in meiner Küche rumgehüpft. Meine Nachbarn von gegenüber, die im umgebauten Hotel wohnen, werden wohl gedacht haben…

Gestern hat mir Gotte Miau von Annie Clark erzählt. Annie Clark war eine Patientin in den 60er Jahren in einem Spital in London. Gotte Miau war noch jung und hat im Labor des Spitals gearbeitet. Annie Clark hatte Krebs und man konnte nichts mehr für sie tun. Deshalb hat man sie nach Hause geschickt, ihre Tochter war gerade hochschwanger und man dachte sich, dass sie besser die Zeit mit ihrer Tochter verbringt als im Spital. Man entliess Annie Clark mit dem Hinweis, dass sie in einem halben Jahr für einen Kontrolltermin wiederkommen solle. Man war sich sicher, dass sie diesen Kontrolltermin nicht wahrnehmen würde. Als der Tag gekommen war, überlegte sich Gotte Miau, ob sie die Laborkarte für Annie Clark überhaupt bereitlegen solle. Sie tat es, sie sagte sich, dass das Bereitlegen der Karte eine Form von Ehrerbietung sei, denn Annie Clark war sehr süss und nett. Zur besagten Zeit erschien Annie Clark pünktlich zum Termin. Gotte Miau sagte, dass sie noch nie und auch nie wieder in ihrem Leben solche schlechten Blutwerte gesehen hätte. Normalerweise sei man mit solchen Blutwerten tot. Annie Clark aber lebte, da es für sie selbstverständlich war den Kontrolltermin einzuhalten.

Und mir soll nun einer sagen, Einstellung würde keinen Einfluss haben. Ha!

Ohne Körper und ohne Geist

Sie waren drei Monaten – um genau zu sein, zwei Monaten und 24 Tage – zusammen. Sie hatten einen etwas drückenden Abend verbracht, er hatte gesagt, er sei nicht sicher, ob sie bei ihm übernachten könne, er sei sich seiner Gefühle nicht ganz klar. Sie hatte ihn angesehen, so als würde sie versuchen ihn nicht anzusehen. Sie nickte. Er dachte, er hätte die Überhand, er könnte sich am nächsten Tag melden und sie würde mit banger Stimme seinen Anruf entgegennehmen. Sie würde lachen, ganz ausser sich, wenn er ihr mitteilen würde, er sei sich nun doch (einigermassen) sicher. Stattdessen beantwortete sie seinen Anruf nicht. Er dachte sich nichts dabei und versuchte es abends wieder. Auch da – nichts. Nur ihre seltsam helle Stimme auf dem Anrufbeantworter. Er hängte auf, schreib stattdessen eine Nachricht. Gespielt cool, aber süss – wie er fand. Er sah, dass sie die Nachricht zweiundvierzig Minuten später gelesen hatte. Und antwortete nicht.
Er dachte, sie sei vielleicht noch etwas eingeschnappt, da er sie am Abend zuvor um dreiundzwanzig Uhr alleine heimgehen liess. Er dachte, sie würde wohl versuchen ihn etwas zappeln zu lassen. Er ging früh schlafen, um am nächsten Tag fit zu sein, er wollte zum Sport. Morgens hinterliess er eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, um ihr zu sagen, dass er zum Sport ginge und sie doch nachher auf ein Frühstück bei ihm vorbeischauen solle. Er hatte am Tag zuvor eingekauft. Sie hatten das schon einige Male so gemacht. Er ging zum Sport und wenn er nach Hause kam, sass sie schon auf den Stufen vor seinem Haus und rauchte. Er mochte das Bild von ihr, wie sie auf ihn wartet. Doch an diesem Tag fand er die Treppe leer vor. Er war sehr erstaunt darüber. Sie hatte auch keine Nachricht hinterlassen. Er schrieb erneut. Diesmal etwas stinkig aber doch versöhnlich. Sie las seine Nachricht diesmal erst drei Stunden später. Keine Reaktion. Da kam bei ihm das erste Mal Panik auf. Eine Panik, die ihn seit da begleitete.

Er stellte fest, dass er nicht genau wusste, wo sie wohnt. Sie waren immer bei ihm gewesen, da er fand, dass er ihre Mitbewohnerin noch nicht kennenlernen wolle. Ausserdem hätten sie bei ihm ihre Ruhe. Er musste zugeben, dass er es auch angenehmer fand, er fühlte sich einfach sicherer in seiner gewohnten Umgebung. Sie hatte ihm das Haus, wo sie wohnte, beim vorbeifahren mal gezeigt, doch er war sich nicht sicher, welches es genau war. Er hatte also keine Adresse. Nur eine Telefonnummer. Sie hatten auch nie Profile oder ähnliches ausgetauscht. Er fand das irgendwie postmodern lässig sich eben ohne das ganze digitale Drum und Dran anzunähern. Sie hatte nie danach gefragt. Als er nun zu suchen anfing, stellte er fest, dass er mit ihrem Vor- und Nachnamen nach der Nadel im Heuhaufen suchte. Sie hatte eine Allerweltsnamen. Zudem gab es eine halbwegs berühmte Snowboarderin mit dem selben Namen. Er suchte gründlich und fand nichts. Er schrieb erneut, diesmal ehrlich verzweifelt. Er rief an, mehr als einmal. Sie antwortete nicht. Er stellte fest, dass es immer länger ging, bis sie seine Nachrichten gelesen hatte. Manchmal dauerte es sogar Tage.

Er machte sich Sorgen, verfiel in eine tiefe Angst, dass jemand ihrer Familie die Nachrichten las, ihn jedoch nicht kannte. Und sie derweil im Spitalbett um ihr Leben kämpft. Doch er kam von dieser Erklärung ab. Wenn jemand anderer seine Nachrichten lesen würde, dann würde er irgendwann antworten. Auch, dass sie ihr Handy verloren haben könnte, verwarf er, da sie ja wusste, wo er wohnt.

Er fuhr mit dem Fahrrad frühmorgens zu dem Haus, von dem er dachte, dass es das ihrige sei. Niemand mit ihrem Namen war dort angeschrieben. Er suchte auch die Klingeln von den umliegenden Häusern ab, fand jedoch nichts. Er lungerte an einer Ecke rum, in der Hoffnung, sie würde aus einem der Häuser kommen, um zur Arbeit zu gehen. Sie kam aus keinem Haus.

Dann begann er damit, jeden Abend die Bar zu besuchen, in der sie sich kennengelernt hatten. Zudem alle anderen Orte, an die er sich erinnerte, über die sie mal erzählt hatte. Er rief auch bei der grossen Firma an, bei der sie arbeitete. Man sagte ihm, man gäbe keine Auskünfte über Mitarbeiter, als sich herausstellte, dass es verschiedene Mitarbeiterinnen mit dem selben Namen gab und er die Frage nach der genauen Abteilung nicht beantworten konnte.

In seltenen Fällen wich die Panik vollkommen der Wut. Diese Momente waren sehr befreiend, sie schmerzten weniger. Eine schmucklose Ratlosigkeit hatte sich in seinen Körper eingegraben. Seine Haut wurde mit den Tagen und Wochen grauer. Er konnte nicht verstehen, was passiert war, warum sie nicht mit ihm sprach. Anfänglich hatte er sich zurückgehalten mit den Anrufen und Nachrichten. Dann kam eine Phase der Raserei. Er rief sie ununterbrochen an. Zwei Tage später war die Nummer tot. Nun konnte er nicht mal mehr ihre helle Stimme auf dem Band hören. Er hätte sich am liebsten die eigene Faust ins Gesicht gepfeffert, war es doch das einzige, was ihm geblieben war.