Der Stockenten-Deal

Ich habe grossen Respekt vor Menschen, die mit fremden Menschen sprechen. Die den Mut aufbringen in Kontakt zu treten. Es klingt immer so einfach: Sag Hallo! Aber es ist nicht einfach. Es braucht Mut. Gerade ist es mir wieder passiert. Jemand hat mich angesprochen. Hat den Schritt gewagt. Man ist versucht über diese Person zu lachen, es klein zu machen. Aber ich finde, dass Mut ästimiert werden sollte. Also, warum nicht?

Ein nettes Wort, ein Kompliment, ein Dank, ein Lächeln. Es kostet nichts. Ist aber viel Wert. Und kommt x-fach zurück.

Erste Schritte und kleine Gesten sind wohl die Stockenten unter den Dingen, die man so tun kann. Unterschätzt, übersehen.

Vielleicht sollten wir übrigen Enten endlich den Stock aus dem Arsch nehmen und etwas weniger verklemmt sein, etwas fröhlicher und grosszügiger in unserem Tun. Was kostet es uns, im Tram jemandem Platz zu machen, die Tür aufzuhalten, einen schweren Koffer zu tragen, zu fragen, ob wir helfen können, ob jemand einen Kaffee will, ob es jemandem gut geht, zuzuhören, seinen eigenen Scheiss hinten anzustellen? Eben. Nichts.

Wir machen also folgendes: Wir machen morgen alle mal ne Stockente und schauen mal, was so passiert. Deal? Deal!

Theater!

Ich spiele gerade Theater. Jeden Abend Aufführung. Jeden Abend der Geruch von eingehocktem Schweiss in alten Kostümen. Und natürlich: Jeden Abend Lampenfieber und Adrenalin.

Love is a smoke made with the fume of sighs;
Being purged, a fire sparkling in lovers‘ eyes;
Being vexed, a sea nourished with lovers‘ tears;
What is it else? A madness most discreet,
A choking gall, and a preserving sweet.
(William Shakespeare: The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet)

Ich hatte eine wundervolle Woche Ferien. Habe fast ein Künstlerleben geführt. Morgens ausschlafen, dann an die Sonne, Dinge erledigen, Freunde treffen und Abends Aufführung. Hätte nach meinem Geschmack durchaus länger dauern können.

Heute habe ich im Park „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani gelesen. Durchdringend, sezierend und ehrlich.

Zudem schreibe ich an einer Art Geschichte, die sich anfühlt, als würde sie etwas Grösseres werden. On verra…

In a lifetime

Jetzt, wo ich mich in einer Phase des Wechsels befinde, bin ich über weite Strecken einfach traurig. Zu wissen, dass Dinge enden, dass sie unwiderbringbar zu Ende sein werden und so in dieser Form auch niemals wiederkehren werden, macht mich nachdenklich. Ja, auch glücklich, neugierig und gespannt darauf, was kommen mag. Das, was ich aber hinter mir lassen werde, ist so grandios grossartig, dass es echt schmerzt. Es wechseln sich also Traurigkeit, Dankbarkeit und Melancholie ab.

Ich fühle natürlich, dass es sowieso zu Ende gegangen wäre oder im Begriff ist aufzuhören. Schleichend. Dass das, was ich jetzt tue, nur die Konsequenz ist, die unumgängliche.

Und was ich auch weiss, ist, dass Geographie eine so mächtige Form der Distanz ist, dass es in ein paar Wochen, Monaten (Jahren?) aus meinem Kopf und Organismus verschwunden sein wird, dass es irgendwann blosse süsse Erinnerung ist, die mich ab und zu in ruhigen Momenten überraschen wird.

Vielleicht werde ich in ein paar Jahren an den Menschen, die mir heute so wichtig und nah sind einfach vorbeigehen, sie von weitem rasch grüssen und denken: Lustig, mit dieser Person habe ich mal so viel geteilt.

Ich werde mich fragen, in meiner Erinnerung kramen, wie das war, wie es sich angefühlt hat und es nicht mehr genau wissen.

Ich möchte eine Form finden, um es zu konservieren, um es haltbar zu machen. Ich stelle mir Einmachgläser vor und grosse Flakons voll von Alkohol.

Aber es hilft alles nichts. Es wird sterben, verblühen und in einer anderen Form auferstehen.

Neulich, alleine in ner Bar

Von Haus aus bin ich nicht so der „Ich-setz-mich-alleine-in-ne-Bar-Typ“, aber wenn es sich ergibt, weil man was missverstanden hat oder einfach vor dem Gewitter flieht, hat es was für sich. Man sitzt also da, nippt an einem kalten Bier und schaut sich die Menschen an, hört ihren Konversationen zu und kommt dann – ganz unverhofft ins Gespräch.

Was tust du hier, wer bist du, warum so allein.

Die Frau gegenüber liest „Narziss und Goldmund“ von Hesse. Ich erinnere mich gut daran, als ich es gelesen habe vor so vielen Jahren und freue mich für sie, dass sie es noch vor sich hat, die Lektüre.

Ein Mann tippt in sein MacBook, er hat keine Augen für seine Umgebung.

Mir tropft das Bier auf den Rock, die Frau schaut auf und lächelt.

Man möchte auf die Fragen geistreich antworten, mir fällt jedoch nichts Kluges ein.

Ich trinke Bier, mein Name ist soundso, ich bin vor dem Gewitter geflohen.

Ich zucke mit den Schultern. Der Barkeeper wischt mit einem Lappen über den Tresen, draussen scheint bereits wieder die Sonne.

Ich zahle, drehe mich um und winke zum Abschied.

Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt

Heute morgen, als ich um 4 Uhr erwachte, hatte ich mitten ins Aufwachen hinein, folgende Zeilen im Kopf:

Anmutig, geistig, arabeskenzart
Scheint unser Leben sich wie das von Feen
In sanften Tänzen um das Nichts zu drehen,
Dem wir geopfert Sein und Gegenwart.

Schönheit der Träume, holde Spielerei,
So hingehaucht, so reinlich abgestimmt,
Tief unter deiner heiteren Fläche glimmt
Sehnsucht nach Nacht, nach Blut, nach Barbarei.

Im Leeren dreht sich , ohne Zwang und Not,
Frei unser Leben, stets zum Spiel bereit,
Doch heimlich dürsten wir nach Wirklichkeit,
Nach Zeugung und Geburt, nach Leid und Tod.
(Hermann Hesse)

Ich habe mich nicht mehr an alles erinnert, vor allem die erste Zeile „anmutig, geistig, arabeskenzart“ kreiste gebetsmühlenartig in meinem Kopf. Ich musste das Gedicht also um vier Uhr morgens googeln, um festzustellen, dass ich es mal auswendig aufsagen konnte, jetzt jedoch nur noch Fetzen in meinem Hirn festhängen.

Danach konnte ich nur schwer wieder einschlafen. Ich habe es dann geschafft unter Anwendung meines Lieblingstricks. Wenn Gedanken kreisen und ich nicht schlafen kann, dann zwinge ich mich dazu im Geiste bei meinem Fahrrad den platten Reifen zu wechseln. Ich gehe jeden Schritt durch. Das Lösen des Rads, das Herausnehmen des Pneus, das Finden des Lochs im Schlauch unter Wasser, das Kleben, etc… Meistens schlafe ich vor dem Aufpumpen des Rads wieder ein.

Kein Wunder, kann ich schlecht schlafen. Ich habe mich mal wieder in eine grandiose Zwickmühle manövriert, man könnte darüber glatt kichern, wenn es nicht gerade so schwierig wäre. Und dann frage ich mich, weshalb ich Sachen nicht einfach nicht machen kann. Ist das denn so schwer? Neugieriges, kleines Ding, ich.

Lugano

Anfang Woche frühmorgens in Lugano. Die düstre Nacht noch in den Knochen…

PS: Gazelle, hier noch der Link zum Lieblingssatz, über den wir gesprochen haben.

Lektionen in Demut

gras

Über alle Gräber wächst zuletzt das Gras, Alle Wunden heilt die Zeit, ein Trost ist das, Wohl der schlechteste, den man dir kann ertheilen; Armes Herz, du willst nicht, daß die Wunden heilen. Etwas hast du noch, solang es schmerzlich brennt; Das Verschmerzte nur ist todt und abgetrennt. (Friedrich Rückert)

Sie liegt auf dem Rücken auf der Wiese. Es riecht nach trockener Erde und nach von der Hitze aufgewärmtem Gras. Die Sonne ist längst hinter dem Horizont verschwunden, die einbrechende Nacht überzieht den Himmel mit dem diffusen Licht der blauen Stunde. Keine Wolke am Himmel, irgendwo Musik, ein Mädchen das weit entfernt auf einer Bank telefoniert und dabei hell und klingend lacht.

Sie möchte die Augen schliessen und alles vergessen. Sie denkt an die Abzweigungen, die sie in den letzten Stunden genommen hat und wünscht sich zurück, um die eine oder andere zu korrigieren. Lektionen in Demut.

Oder wie Ian sagt: Manchmal möchte man alle 28 Möglichkeiten, gegen die man sich entschieden hat, leben, nur, um zu sehen, was daraus geworden wäre.

Sie streckt beide Arme aus und fährt mit der linken Hand über das Gras. Die Halme kitzeln, sie hatte gehofft zu weinen. Ihr Innerstes ist erstarrt, als wäre ihr Herz ein Relikt, welches beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 nach Christus zusammen mit dem Rest von Pompeji verschüttet wurde.

Sie hat keine Ahnung, was jetzt zu tun ist. Aufgeben? Abhauen? Alles vergraben und nie, nie, nie wieder ein Wort davon verlieren? Oder gerade das Gegenteil? Beim Gedanken daran wird ihr schlecht.

Sie blinzelt, atmet hörbar aus und setzt sich auf. Von weitem sieht sie Jolanda, die ihr zielstrebig über die Wiese entgegenkommt und winkt. Sie lacht über das ganze Gesicht und trägt eine Flasche unter dem Arm.

Morgen ist auch noch ein Tag. Lektionen in Demut.

Tilleul

Am Brunnen vor dem Thore
Da steht ein Lindenbaum:
Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
So manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide
Zu ihm mich immer fort.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,
Da hab’ ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht. (…)
(Der Lindenbaum von Wilhelm Müller aus Die Winterreise)

Ich lebe ein Blätterteig- oder Zwiebelleben. Feine Schichten, jede anders geartet. Und in den Zeiten im Jahr, in denen die Linden blühn und die ganze Stadt mit dem süssen Duft durchtränkt ist, fühlt meinereiner das ausgeprägter.

Der frühe Morgen ist Entspannung pur, 6 Uhr im Büro und die Sonne geht auf. Kernige Leichtigkeit, ganz Körper, ganz bei mir. Süsse Verführung. Stille und Atmung. Ich bin süchtig danach.

Vormittag, wie schwimmen im Wasser. Aufgehoben sein, fröhlich sein. Der Geist trägt Blüten. Sich davontragen lassen.

Am Mittag lachen, denken, lernen. Das Neue kommt auf leisen Sohlen, behutsam tastet es sich an. Und endet in leisem Glimmen.

Nachmittag. Müdigkeit, Kopfschmerz, Erschöpfung. Dann klares Wasser, Spiegel, Erwachen. Erkannt werden und samtiges Abschiednehmen.

Abends Ausgelassenheit, Freiheit, Verspieltheit und grosse Dankbarkeit.

Viel Liebe.

Die Linden!