Schläft ein Lied in allen Dingen

Als ich ihm im diffusem Licht der Bar gegenübersitze, draussen regnet es in Strömen, entschliesse ich mich ihn zu mögen. Ich bin lange unentschlossen gewesen, er hat etwas Glattes an sich, was bei mir per se Mistrauen auslöst. Diese glatte Schönheit, hinter die man nicht blicken darf, die einem den Blick versperrt für die Abgründe, für die Untiefen des Charakters, die einem Sonnenschein vorgaukelt, wo doch eigentlich Nebel ist. Ich mag abgründige Menschen, solche mit viel Ambivalenz, die einen Kampf austragen -tagtäglich. Es gibt einfach viel mehr Möglichkeiten einzuhaken. Viel mehr Möglichkeiten, da das Gegenüber um seine Unzulänglichkeiten weiss.

Was bringt mich also dazu, ihn zu mögen an diesem regnerischen Mittwochabend in einer Bar? Natürlich, es ist Alkohol im Spiel. Das ist aber nicht der Grund, ich vergebe meine Zuneigung schon lange nicht mehr leichtfertig. Nicht, dass ich klüger wäre als früher, mir ist einfach schneller langweilig. Vielleicht ist es das Aufblitzen der Unsicherheit, der Kampf um Haltung? Nein, ich glaube es ist die Herzlichkeit. Diese verletzliche Herzlichkeit, die man tagtäglich vergeblich in vordergründig netten Menschen sucht. Wenn sie einem dann begegnet und dazu noch von so unerwarteter Seite, ist es ein Geschenk.

Was für eine erfrischende Kombination! Äusserliche Schönheit gepaart mit dieser verletzlichen Herzlichkeit. Als hätte man einen Löwen vor sich, der sich freundlich und zaghaft Antilopen nähert.

Draussen schlägt der Regen gegen die Scheibe, ein paar verwelkte Blätter treiben über den Asphalt, es wird langsam Nacht. Er sieht an mir vorbei an die nackte, goldgelb gestrichene Wand und sein Gesicht drückt flüchtige Erschöpfung aus. Der Barkeeper räuspert sich, Zeit zu gehen.

Es ist vielleicht einfach nur dieser Augenblick, Honey.

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch…

Meine Ohren schmerzen, ich hab eine Erkältung. Erkältungen sind ziemlich langweilig. Man liegt da, versucht zu lesen und schläft dabei immer wieder ein. Dieses Halbschlafdelirium geht mir ziemlich auf die Nerven. Aber kein Wunder, die letzte Woche war streng, hab mir etwas zu viel vorgenommen und der Freitagabend endete dann nach einem feucht-fröhlichen Oktoberfest in einem Club namens „Mausefalle“, wo mich normalerweise keine zehn Pferde reinkriegen würden. Was mal wieder beweist, dass gute Gesellschaft auch den hässlichsten Ort irgendwie erträglich macht.

Mir wurde gesagt, ich sei anstrengend und ich frage mich, welchen Teil von mir genau anstrengend ist und in welcher Weise. Ist es der offene, rastlose Teil, der mit x fremden Menschen spricht und nicht zur Ruhe kommt? Oder der Selbstzerstörerische, der das Gegenteil von dem macht, was er wirklich will, nur um zu verschleiern, was er wirklich will, um nicht verletzt oder enttäuscht zu werden, was dazu führt, dass man verletzt oder enttäuscht wird, weil die Gegenüber ja nicht annehmen können, dass man das Gegenteil macht? Und so weiter und so fort… Oder was ganz anderes, worauf ich nicht kommen kann, da es mein blinder Fleck ist?

Was noch mehr nervt, als ne Erkältung, ist ne Erkältung und offene Fragen. Hopp, abgesoftetes und unterdrücktes Immunsystem, gib Gas, ich mag nicht krank sein. Hopphopp!

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch…“ (Woody Allen)

And who by brave assent, who by accident

Als ich mit meinem Vater als Kind die Strecke Schweiz – Toskana fast jedes zweite Wochenende im Auto zurückgelegt habe, bin ich jeweils für Stunden so weit im Sitz versunken, dass ich, wenn ich aus dem Fenster sah, nur noch den Himmel, die Laternen und die Baumwipfel sah. In der Po-Ebene waren es vor allem Pappeln. Ich habe mir dann jeweils vorgestellt, ich würde fliegen. Die Wolken zogen an mir vorbei oder ich an den Wolken.

Es ist purer Zufall, dass ich hier atme und stehe und bin und lächle. Es ist purer Zufall, dass ich dich treffe. Und gestern getroffen habe. Und morgen treffen werde. Purer Zufall wird auch sein, dass das Schiff fahren wird, wenn ich Glück habe, werde ich winken.

Du wirst mich in der Menge nicht ausmachen können.

Süsses Jahr!

Der Stockenten-Deal

Ich habe grossen Respekt vor Menschen, die mit fremden Menschen sprechen. Die den Mut aufbringen in Kontakt zu treten. Es klingt immer so einfach: Sag Hallo! Aber es ist nicht einfach. Es braucht Mut. Gerade ist es mir wieder passiert. Jemand hat mich angesprochen. Hat den Schritt gewagt. Man ist versucht über diese Person zu lachen, es klein zu machen. Aber ich finde, dass Mut ästimiert werden sollte. Also, warum nicht?

Ein nettes Wort, ein Kompliment, ein Dank, ein Lächeln. Es kostet nichts. Ist aber viel Wert. Und kommt x-fach zurück.

Erste Schritte und kleine Gesten sind wohl die Stockenten unter den Dingen, die man so tun kann. Unterschätzt, übersehen.

Vielleicht sollten wir übrigen Enten endlich den Stock aus dem Arsch nehmen und etwas weniger verklemmt sein, etwas fröhlicher und grosszügiger in unserem Tun. Was kostet es uns, im Tram jemandem Platz zu machen, die Tür aufzuhalten, einen schweren Koffer zu tragen, zu fragen, ob wir helfen können, ob jemand einen Kaffee will, ob es jemandem gut geht, zuzuhören, seinen eigenen Scheiss hinten anzustellen? Eben. Nichts.

Wir machen also folgendes: Wir machen morgen alle mal ne Stockente und schauen mal, was so passiert. Deal? Deal!

Theater!

Ich spiele gerade Theater. Jeden Abend Aufführung. Jeden Abend der Geruch von eingehocktem Schweiss in alten Kostümen. Und natürlich: Jeden Abend Lampenfieber und Adrenalin.

Love is a smoke made with the fume of sighs;
Being purged, a fire sparkling in lovers‘ eyes;
Being vexed, a sea nourished with lovers‘ tears;
What is it else? A madness most discreet,
A choking gall, and a preserving sweet.
(William Shakespeare: The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet)

Ich hatte eine wundervolle Woche Ferien. Habe fast ein Künstlerleben geführt. Morgens ausschlafen, dann an die Sonne, Dinge erledigen, Freunde treffen und Abends Aufführung. Hätte nach meinem Geschmack durchaus länger dauern können.

Heute habe ich im Park „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani gelesen. Durchdringend, sezierend und ehrlich.

Zudem schreibe ich an einer Art Geschichte, die sich anfühlt, als würde sie etwas Grösseres werden. On verra…

In a lifetime

Jetzt, wo ich mich in einer Phase des Wechsels befinde, bin ich über weite Strecken einfach traurig. Zu wissen, dass Dinge enden, dass sie unwiderbringbar zu Ende sein werden und so in dieser Form auch niemals wiederkehren werden, macht mich nachdenklich. Ja, auch glücklich, neugierig und gespannt darauf, was kommen mag. Das, was ich aber hinter mir lassen werde, ist so grandios grossartig, dass es echt schmerzt. Es wechseln sich also Traurigkeit, Dankbarkeit und Melancholie ab.

Ich fühle natürlich, dass es sowieso zu Ende gegangen wäre oder im Begriff ist aufzuhören. Schleichend. Dass das, was ich jetzt tue, nur die Konsequenz ist, die unumgängliche.

Und was ich auch weiss, ist, dass Geographie eine so mächtige Form der Distanz ist, dass es in ein paar Wochen, Monaten (Jahren?) aus meinem Kopf und Organismus verschwunden sein wird, dass es irgendwann blosse süsse Erinnerung ist, die mich ab und zu in ruhigen Momenten überraschen wird.

Vielleicht werde ich in ein paar Jahren an den Menschen, die mir heute so wichtig und nah sind einfach vorbeigehen, sie von weitem rasch grüssen und denken: Lustig, mit dieser Person habe ich mal so viel geteilt.

Ich werde mich fragen, in meiner Erinnerung kramen, wie das war, wie es sich angefühlt hat und es nicht mehr genau wissen.

Ich möchte eine Form finden, um es zu konservieren, um es haltbar zu machen. Ich stelle mir Einmachgläser vor und grosse Flakons voll von Alkohol.

Aber es hilft alles nichts. Es wird sterben, verblühen und in einer anderen Form auferstehen.

Neulich, alleine in ner Bar

Von Haus aus bin ich nicht so der „Ich-setz-mich-alleine-in-ne-Bar-Typ“, aber wenn es sich ergibt, weil man was missverstanden hat oder einfach vor dem Gewitter flieht, hat es was für sich. Man sitzt also da, nippt an einem kalten Bier und schaut sich die Menschen an, hört ihren Konversationen zu und kommt dann – ganz unverhofft ins Gespräch.

Was tust du hier, wer bist du, warum so allein.

Die Frau gegenüber liest „Narziss und Goldmund“ von Hesse. Ich erinnere mich gut daran, als ich es gelesen habe vor so vielen Jahren und freue mich für sie, dass sie es noch vor sich hat, die Lektüre.

Ein Mann tippt in sein MacBook, er hat keine Augen für seine Umgebung.

Mir tropft das Bier auf den Rock, die Frau schaut auf und lächelt.

Man möchte auf die Fragen geistreich antworten, mir fällt jedoch nichts Kluges ein.

Ich trinke Bier, mein Name ist soundso, ich bin vor dem Gewitter geflohen.

Ich zucke mit den Schultern. Der Barkeeper wischt mit einem Lappen über den Tresen, draussen scheint bereits wieder die Sonne.

Ich zahle, drehe mich um und winke zum Abschied.