Vorwärts! Äkschen!

Manchmal hab ich das Gefühl von Stillstand. Ich mein, das ist ja alles ganz toll und so und man kann sich oft sogar dabei entspannen. Aber. Aber an so einem trüben Montagvormittag ist das echt für die Katz. Ich mein, entspannen? Am Arsch hinä! Das Wochenende war schön und lustig. (Mal abgesehen davon, dass Felix sich auf der Heimfahrt die Seitenbänder am Fuss gerissen hat.) Ich hab Muskelkater vom auf der Wiese rumgümpen, hab doch n bisschen Sonne abbekommen, war am Sophie Hunger Konzert, an einer Vernissage und wurde bekocht. Alles gelassen, alles friedlich.
Wenn da nur nicht meine Pelztiere im Kopf Frühlingserwachen auf modern inszenieren würden. Gerade streichen sie die Wände bunt und fertigen Scherenschnitte von Killerhasen an. Alles brüllt und schreit: Vorwärts! Los! Hü! Jetzt aber dalli! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Puh. Ziemlich nervtötend. So ein inneres Reissen ist also gar nicht angenehm. Nein, wirklich nicht. Es scheint, als ob sich gerade alles gegen die Wassertankexistenz wehrt.
Äkschen!
Nein, nein, nix Äkschen. Jetzt wird das mal durchgehalten. Spielen kann ich dann wieder im September.
Bläh. Langweilig.
Ja, ja…

Als hätt‘ es nie zuvor blauen Duft gegeben

Die Ostertage hab ich verbracht, als wär es heiss, als ob ein Flimmern am Horizont stünde, als ob man mit nachts mit offenen Fenstern schliefe, um die Hitze zu vertreiben. Einbisschen rastlos auch und dann und wann mit geschlossenen Augen.

Nennen wir es Frühlingslied

In das Dunkel dieser alten, kalten
Tage fällt das erste Sonnenlicht.
Und mein dummes Herz blüht auf, als wüsst es nicht:
Auch der schönste Frühling kann nicht halten,
Was der werdende April verspricht.

Da, die Amseln üben schon im Chor,
Aus der Nacht erwacht die Welt zum Leben,
Pans vergessenen Flötenton im Ohr …
Veilchen tun, als hätt‘ es nie zuvor
Laue Luft und blauen Duft gegeben.

Die Kastanien zünden feierlich
Ihre weissen Kerzen an. Der Flieder
Bringt die totgesagten Jahre wieder,
Und es ist, als reimten alle Lieder
Sich wie damals auf „Ich liebe dich“.

-Sag mir nicht, das sei nur Schall und Rauch!
Denn wer glaubt, der forscht nicht nach Beweisen.
Willig füg ich mich dem alten Brauch,
Ist der Zug der Zeit auch am Entgleisen-
Und wie einst, in diesem Frühjahr auch
Geht mein wintermüdes Herz auf Reisen.

(Mascha Kaleko)

Vanitas vanitatum, et omnia vanitas

„Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Alles wird matt, alles zerbricht, alles vergeht.

Alles wird matt, alles zerbricht, alles vergeht.

Kurz vor Ostern, an einem Gründonnerstag, die blühenden Wiesen sind mit einem feinen Schneeschleier bedeckt, mach ich mir Gedanken zur Vergänglichkeit. Wenn ich mich in Räumen bewege, die ich sehr gut kenne, wo ich viel erlebt habe, dann stelle ich mir gerne vor, wie es wäre, wenn sich die Zeit wie ein Fächer zusammenklappte und ich mich selbst sehen würde, wie mein früheres Ich sich in diesen Räumen bewegt. Ich sehe mich dann von weitem, wie ich die Strassen entlanggehe – vielleicht mit langen Haaren, vielleicht mit kurzem Rock, weil Sommer war – sehe, wie ich diesen Mann dort an der Ecke küsse, sehe, wie ich leise weinend an die Scheibe gelehnt im Bus vorbeifahre. Ich stelle mir vor, dass ich mich anspräche und zu mir sagte: „Keine Bange. Es geht vorbei.“ Und morgen schon, werde ich mich sehen, wie ich hier sitze und werde zu mir sagen: „Nur keine Aufregung. Es geht vorbei.“ Wenn sich also der Fächer der Zeit zusammenklappen liesse und sich alle Zeiten übereinanderlegen würden, begegnete ich mir an vielen Ecken und ich wäre froh mein heutiges Ich zu sein.

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reisst jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden
(Andreas Gryphius)

Schöne Ostern wünschen ich und Peter Rabbit!

Alles hat seine Zeit

Abends um halb Zwölf sitze ich in meinem Zimmer, die Zähne bereits geputzt, ich muss ins Bett. Aber. Aber. Aber. Das Leben ist schön. Heute ist mir ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Ich hab ihn aufschlagen hören auf dem kalten Zementfussboden. Da ist Dankbarkeit und Freude. Ich bin nicht allein. Und die Fassaden gegenüber des Restaurants Savoy im Herzen von Zürich schimmern golden. Heute war ein guter Tag. Weil ich in der Zähigkeit Halt gefunden habe. Weil es manchmal einfach weiter geht. Weil es gut weiter geht. Weil man den Mut haben muss, um Hilfe zu bitten. Weil man – wenn man sich erst verliert – zu sich kommen kann. Weil es den Kampf wert ist. Weil man im verregnete Pflaster Schönheit suchen kann und vielleicht etwas ganz Konträres findet (und damit meine ich nicht Hässlichkeit). Wo ist schon Heimat, wenn nicht in meinen unruhigen Händen?

Nun. Ich bin gerade enthusiastisch. Das war ich schon lange nicht mehr.
An einem 30. März sollte man enthusiastisch sein dürfen. Alles hat seine Zeit.

Nein, ich werde nicht mehr wach, dort im Schnee.
Alles hat seine Zeit.

Langeweile vertreiben! Husch! Husch!

Die wieder fallenden Temperaturen sollen uns nicht von der Tatsache ablenken, dass Frühling ist. Wir sitzen also an einem Samstag Vormittag auf unserem Balkon oder auf der Treppe vor unserem Haus, trinken Kaffee aus einer grossen gelben Tasse, sind noch etwas müde vom Freitag Abend, der irgendwie verrückt war und langweilen uns einbisschen. Zeit also für ungewöhnliche Unternehmungen, die die Langeweile vertreiben! Wir könnten also folgendes tun:

  • All seine Kleidungsstücke nach Farben sortieren.
  • Am Hauptbahnhof mit dunkler Sonnenbrille und schwarzem Anzug durch eine mit Löchern versehene Zeitung Menschen beobachten.
  • Sich auf die Zunge eine Bildergeschichte tätowieren lassen.
  • Wasserballone auf Passanten werfen und dabei irre lachen.
  • Bei den Nachbarn klingeln und nach Mohnsamen fragen.
  • Zur Tramhaltestelle spazieren und dort den Ticketautomaten aufwändig mit Luftschlangen dekorieren.
  • Verschieden Freunde, die sich untereinander nicht kennen, jetzt sofort alle gemeinsam für heute Abend zum Abendessen einladen.
  • Das Fahrrad aus dem Keller holen, gründlich reinigen und mit Klebebuchstaben Sachen wie „Drahtkatze“, „Friedrich Heinrich Constantin der Vierte“ oder „Fahrdichum“ auf das den Rahmen schreiben.
  • Sich in der Sammlung des Kunsthauses Zürich neben die Pferdeskulptur legen und Schlafgeräusche machen.
  • In ein Brautkleidgeschäft gehen und dort mindestens 3 Brautkleider anprobieren. (Wenn du ein Mann bist, ist das bestimmt noch lustiger.)
  • Auf Ron Orp Zürich folgendes Inserat schreiben: „Hi! Ich wollte schon immer mal Zürich sehen. Zürich im Frühling soll sehr schön sein. Wer begleitet mich über Ostern in die Stadt an der Limmat?“
  • Blumen in Weingläser pflanzen.
  • Ein paar Facebookfreunde, die sich untereinander nicht kennen aber gut zueinander passen könnten, miteinander über die Funktion „Freunde vorschlagen“ bekannt machen.
  • An der Bahnhofstrasse sehr engagiert für „die vom Aussterben bedrohten Felsenkauzkräuterbärtlinge“ Geld sammeln.
  • Das Fenster zur Strasse hin mit einer Szene aus der Weihnachtsgeschichte bemalen.
  • Ein fiktives Tagebuch schreiben.

Einmal bitte ohne

„Was ich habe ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen.“ (Humphrey Bogart)

Ich habe gestern einen alkoholfreien Abend im Ausgang verlebt. Was echt lustig war. Wenn man zu den einzigen gehört, die nüchtern sind, hat das was sehr absurdes. Da kommen einem die Menschen dann doch etwas zu nah, brabbeln was Unverständliches und schütten einem beim Gestikulieren das Bier über die Hosen. Nüchtern nimmt man auch viel eher wahr, wie viele Blicke auf einem ruhen. Ich wurde ganz nervös und wenn ich rot werden würde, wäre ich gestern bestimmt ein Duzend mal rot geworden. Es viel mir auch sehr leicht, mich abzugrenzen. Es war sehr befreiend zu sagen: „Sehr nett von dir. Aber, nein, danke.“

Und auf der Showbühne:

  • Warzell hatte einen Wutanfall und verliess fast fluchtartig die zweite Heimat. Etwa eine Stunde später haben wir ihn dann gesehen, wie er mit einer sehr mutigen Dame gesprochen hat. Sie ist ihm gefolgt und hat ihn angesprochen. Ich hoffe doch sehr, dass seine Laune heute etwas besser ist.
  • Sepp war sehr betrunken und dazu auch noch ein Schnägg. Aber ein süsser Schnägg.
  • Badana sah mit ihrer neuen Frisur umwerfend aus. Ich hab den ganzen Abend starren müssen.
  • Martilli vertrat die Theorie, dass man es auch mit Alkohol lustig haben kann. Ich bin mir noch nicht sicher.

„Sorgen  ertrinken nicht in Alkohol. Sie können schwimmen.“ (Heinz Rühmann)

Grüningen sehen… und sterben?

Grüningen

Grüningen

Gestern musste ich mal raus an die frische Luft und hab einen Ausflug nach Grüningen gemacht. Grüningen ist ein Ort, von dem ich schon viel gelesen und gehört habe. Ich bin also mit Badana – mit gutem Schuhwerk ausgerüstet – nach Grüningen gefahren. Wir haben das herzige Dörfchen bestaunt, sahen uns eine seltsame Freilicht-Kunstausstellung an, gingen über den Friedhof, assen im Bären zu Mittag und spazierten am Flüsschen entlang, übers Gülle-Feld (O-Ton Badana: „Isch das Schissdräck?“), am Bienenstock und der Mühle vorbei hinauf zur Burg (die wie ein Gefängnis aussieht). Es war sonnig und warm. Danach haben meine Hasenviecher, die ich immerzu kritzle, Aufmerksamkeit erfahren (vielleicht gibt’s bald Shirts).

Am Abend sahen wir uns „Blade Runner“ auf teuflisch unbequemen Stühlen zusammen mit typischem Zürivolk an – sehr cool, sehr distanziert, sehr gefangen.

Jetzt, da ich mich selbst in den Wassertank eingewiesen habe, fühlt sich alles so neu an. Ich geniesse die langsamen Bewegungen gerade sehr und möchte mich der Welt nicht allzu sehr aussetzen. Ich bin sozusagen im Psycho-Urlaub. Und der Frühling ist die perfekte Kulisse. Ich und das Wetter sind sowieso ganz dicke. Je nach Situation untermalt das Wetter – ganz auf mich abgestimmt – passend. Man könnte meinen, ich sei Petrus Tochter.
Hasenviech

Nach dem Fieber

Da steht ein Baum in einer Frühlingswiese und eine Strasse führt nach Irgendwohin.

Da steht ein Baum in einer Frühlingswiese und eine Strasse führt nach Irgendwohin.

*bläh!* Krank zu sein ist unglaublich nervig. Da liegt man im Bett und fiebert vor sich hin, ist irgendwo gefangen zwischen Traumwelt und sich ähnelnder Wirklichkeit. Langsam aber lässt das Fieber nach und ich kann wieder einigermassen geradeaus sehen.

Irgendwo zwischen Sonntagabend und heute hat es mir die Sicherung rausgehauen, ich hab sie mühsam wieder einschrauben müssen und da hab ich zu mir selbst gesagt: „Fertig lustig. Also, echt. So geht das nicht, wirklich nicht. Herzchen, das Leben auf der Überholspur ist ja gut und recht und auch ziemlich lustig und auch nicht unbedingt langweilig, aber irgendwann muss Schluss sein. Zuviel ist zuviel.“
Nun bin ich also guten Mutes und starken Willens nicht mehr am Notausgang rumzulungern sondern mal wieder einen Fuss an die frische Luft zu setzten. Das ist gut, denn sonst gleicht mein Gesicht bald meinem Herzen: Totenbleich.

Frühling! Rote Wangen und eine wasserabweisende Windjacke für den Fall, dass es regnet.

Und ich entkam der Vereinzelung nicht

Angefangen hat alles gestern Abend. Als ich allein im Fahrenheit in Winterthur sass und darauf wartete die coole Clique zu treffen. Ich sass also da und las „Julietta“ von Louise de Vilmorin. (Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieser Moment, wo ich allein im Fahrenheit in Winterthur sass und „Julietta“ las, der einzige und letzte Moment der Sicherheit und Geborgenheit im engeren Sinne sein würde.) Ich sass also da – es war warm, ich sass gleich neben der Heizung – und erfreute mich der guten Lektüre:
Alt? Nein. Zeit hängt nicht von Epochen ab, ich halte sie für eine rein persönliche Erfahrung, das erklärt auch die zuweilen unüberwindbare Distanz zwischen Menschen, die zur gleichen Zeit leben. Man bindet sich, doch es kommt selten zu einer echten Verbindung. Die Liebe feiert jede Hoffnung, jede Zukunftsplanung, jede ersehnte Annäherung; sie schafft eine Zeit für zwei, eine provisorische Zeit, die uns dauerhaft dünken soll, und wenn sie eines Tages vergeht, rückt alles wieder an seinen Platz, wir gewinnen das Gefühl von Perspektive zurück und sehen den anderen von unserem Standpunkt, von unserer Zeit aus, ein Anblick, der ungeachtet der Nähe oder des Abstands unsere Einsamkeit mehrt. Trotzdem glauben die Menschen, es genüge, mit einem anderen zusammenzuleben, um der Vereinzelung zu entkommen, und Streit oder Resignation ist ihnen lieber als Mangel an Gesellschaft. Unverstanden zu sein trägt in ihren Augen zu ihrer Erhabenheit bei und erlaubt ihnen, sich zu beklagen, was bekanntlich immer ein Vergnügen ist. Dennoch kommt es vor, dass Wesen aus benachbarten Zeiten einander begegnen…

Man kann mir keine Naivität vorwerfen, denn ich wusste genau, worauf ich mich einliess. Ich verliess also die Wärme des Fahrenheits und setzte meinen Fuss auf die Strasse. Und entkam der Vereinzelung nicht. Ich sah ihr mitten ins Gesicht und versuchte mich mit Freundlichkeit zu wehren. Wie das aber so ist, wie es immer ist, weiss Freundlichkeit nichts entgegenzusetzen und ist kein adäquates Mittel. (Immerhin bleibt mir die Gewissheit eines reinen Herzens und mehr noch, die Gewissheit von nicht blutverschmierten Händen.) In der zweiten Heimat dann tauten meine Finger das erste Mal wieder auf, ich drückte meinen Rücken durch und begann zu atmen. Seltsam, wie die Luft riecht! Seltsam, wie sich Haut anfühlt, wie sich die Stadt gestaltet, wie neu alle Plätze und Orte sind, die ich seit 20 Jahren begehe!

Später, in der dritten Heimat, als Donnie D. und Häschen ein Streitgespräch führten und Badana von einer 2 auf eine 3 kletterte, machte ich mir ein Bild der zukünftigen Erwartung und blies den Staub von meiner Zunge.

Kurz und gut: Der König ist tot, lang lebe der König!