Entscheidungsmuster

Was ich gestern ganz vergessen habe: Falls Du mal einen neuen Duft brauchst und keine Lust auf einen Supermarkt-von-der-Stange-Parfum hast, Du zufällig in Zürich bist und Dich zudem noch echt gut beraten lassen möchtest, dann geh dahin: Süskind Store. Ein echt super Laden mit super Leuten. Wenn Du mal Deinen eignen Duft kreieren möchtest oder einfach mal mit dem Mischen von Düften experimentieren willst, dann gibt es hier die Möglichkeit. Und wenn Du dann einen Workshop bei Till aussuchst, dann kann nix mehr schiefgehen. (Till ist nämlich einfach grossartig!)

Mein Vater schrieb mir vorgestern eine Mail. Du musst wissen, dass ich selten Kontakt zu ihm habe, da er immer irgendwo auf der Welt unterwegs ist und ein flatterhaftes Zigeuner-Herz sein eigen nennt. Er schreibt, dass wir oft in Mustern existieren und diese nicht hinterfragen und unsere Entscheidungen aus diesen Mustern heraus treffen, obwohl es sich anschicken würde diese Muster – gerade vor wichtigen Entscheidungen – zu hinterfragen. „Ich jedenfalls habe rückblickend auf so viele Jahre, enorm viele falsche Entscheide getroffen.“ Mich hat diese Mail gefreut. Ich lese darin auch sowas wie Bedauern, was ich nachvollziehen kann, was aber eigentlich gar nicht nötig ist. Wir machen alle Fehler. Das einzige Wichtige ist nur, wie wir heute damit umgehen. Ich hab dann zurückgeschrieben: „Du hast Recht, es ist nur nicht immer ganz einfach, wenn man mitten im Strudel der täglichen Kleinigkeiten steckt. Jeder ist fehlerhaft, das ist ja auch gar nicht schlimm. Hauptsache man trägt sein Herz immer mal wieder offen und versucht mit den Möglichkeiten, die sich gerade bieten, behutsam umzugehen.

In diesem Sinne, auf ein behutsames 2019, auf dass es mit Glück und Kraft gesegnet sein wird!

onions

One day I gonna make the onions cry

Laufmasche

Es war der Weihnachtstag und sie hatte den ganzen Vormittag damit verbracht, Geschenke einzupacken, sich zurechtzumachen, das Kleid auszusuchen, welches sie heute Abend wird tragen werden und der Vorspeise – eine Gemüseterrine – den letzten Schliff zu geben. Sie war nervös, denn sie wusste, dass er da sein würde. Er war der Mann ihrer Cousine und sie waren sich im Sommer das erste Mal begegnet. Es hatte harmlos begonnen, sie war schliesslich seit Jahren ungebunden und war sich der eine oder andere Flirt, auch mit verheirateten Männern, gewohnt. Ihre Cousine hatte sie dann gemeinsam zur Tankstelle geschickt, um Bier zu holen. Er hatte sie bei der Hand genommen, um sie über die Strasse zu ziehen. Es war eine einfache Geste, eine sehr kleine Geste, jedoch eine sehr vertraute. Dadurch hatte diese Geste etwas höllisch subversives, vereinbarendes, zementierendes, dass sie in dem Moment begriff, dass man sogar kleinste Gesten nicht mehr zurücknehmen kann, wenn sie in der Welt, dann leben sie ein Eigenleben. Auf dem Rückweg war ihr die Tüte mit dem Bier gerissen, sie lachten sehr, waren auch schon etwas angesäuselt, sie ging auf die Knie, er folgte ihr, beim aufstehen hielt sie sich an ihm fest und er küsste sie auf den Mund. Es war ein überraschend sanfter Kuss, sie hätte erwartet, dass er ungestümer küssen würde. Sie küssten sich lange und ihr wurde schwindelig. Sie setzten sich auf eine Parkbank und waren sprachlos. Sie redeten nicht. Auf dem Weg zurück wusste sie, dass das kein Ausrutscher war, keine schnelle Nummer, kein Fehler. Es war tiefer, würdevoller und vor allem sicher.

Ihren Gedanken nachhängend, setzte sie sich aufs Bett, streifte ein Strumpfhosenbein über ihren Fuss, betrachtete den schimmernden Stoff, die roten Nägel ihrer Füsse, die durch das feine Schwarz der Strumpfhose einen eigentümlich mysteriösen Charakter annahmen und streckte ihr Bein in die Luft. Sanft rollte sie die Nylons über ihre Waden, übers Knie, dann stand sie auf und rollte den Stoff – so vorsichtig es ihr nur möglich war – über ihre Oberschenkel nach oben. Sie hatte sich überlegt, ob sie halterlose Strümpfe wählen sollte, sie mochte die Vorstellung. Sie hatte die Idee aber verworfen, es war ein Weihnachtsfest und sogar ihr schien das etwas zu gewagt.

Zwei Tage später hatte er sie angerufen. Seine Stimme am Telefon klang fremd, kühl, distanziert. Sie dachte, er würde ihr sagen, dass er das nicht gewollt hat und ihr vorschlagen, es zu vergessen. Sie war erstaunt, dass er stattdessen ein Essen vorschlug. Nur sie zwei, um zu reden. Das war jetzt fast auf den Tag genau fünf Monate her und sie war einmal mehr erstaunt, dass sie kein schlechtes Gewissen hatte, dass sie reinen Herzens war. Es war grotesk und unendlich seltsam, aber es war da. Sie hatte es wegzuwischen versucht, sie hatte es auszulöschen versucht. Aber es war da.

Als sie in die Küche eilte, um die Gemüseterrine aus dem Kühlschrank zu holen, merkte sie nicht, wie eine kleine Unebenheit der Türschwelle eine Masche ihrer Strumpfhose beschädigte. Es war noch nicht sichtbar, aber es würde sichtbar werden und war unausweichlich. Die Masche würde sich einen Weg nach oben bahnen, würde über ihre Schenkel wandern und für alle sichtbar einen Makel darstellen, einen Fauxpas, den es – ab der Sekunde wo sie ihn feststellen werden wird – sofort zu beheben galt.

Hirn fressen?

Irgendwo hab ich gelesen, dass es pflanzenähnliche Lebewesen in der See gibt, die – wenn sie geboren werden – sowas wie ein Rückenmark haben oder ein Nervensystem. Somit irgendwie ein Hirn. Sie sind also jung und suchen sich einen Platz zum leben. Sobald sie diesen Platz gefunden haben, wo sie leben können, werden sie sesshaft. Nun, da sie sesshaft sind, lohnt sich ein Nervensystem nicht mehr, da es zu viel Energie braucht. Sie sind ja jetzt an dem Platz angekommen, an dem sie sich den Rest ihres Lebens aufhalten werden. Um also Energie zu sparen und nicht nur das, auch um Energie zu generieren, essen sie ihr Hirn. Denn ein Hirn braucht man nur, wenn man in Bewegung ist. Wer sesshaft ist, braucht kein Hirn.

Beweglichkeit braucht also Geist. Ich habe letzthin jemanden kennengelernt, dessen Beweglichkeit im Kopf ist aussergewöhnlich. Das unglaubliche daran ist, dass er mitten unter Seepflanzen lebt und gar nicht merkt, dass er der einzige mit Nervensystem, dass er der einzige unter ihnen ist, der sich – theoretisch – bewegen könnte. Ich habe mich gefragt, ob ich es ihm sagen soll. Aber was würde das bedeuten? Nehmen wir mal an, er würde mir glauben. Würde er mich nicht dafür hassen, dass ich ihm eine Erkenntnis beschert habe, die ihm gar nichts nützt? Oder aber er weiss es bereits, tief in sich drin verspürt er vielleicht einen kleinen Anflug von Wagemut und Verrücktheit. Vielleicht denkt er sich – in stillen Stunden – dass alles möglich ist. Dass es keine Grenzen gibt mit einem Hirn. Dass Beweglichkeit nicht bloss eine schöne Zugfahrt von Bern nach Luzern bedeutet. Gerne möchte ich mir vorstellen, wie er eines Tages einfach aus seinem Leben spaziert. Die Jacke nimmt, allen fröhlich einen schönen Tag wünscht und sich in Welten begibt. Keine hastig dahingeworfenen Präsentationen mehr, keine Einkaufslisten, kein flimmern eines Bildschirms morgens um sieben im stockdunkeln Büro. Keine Hasten, kein Hetzen, keine unerbittlich fahrenden Fahrstühle mehr, keine gläsernen Türen. Was stattdessen? Ruhe, Zeit, Bewegung im eigentlichen Sinne (die sich ja immer am stärksten in Momenten der Unbeweglichkeit zeigt), Graustufen ausloten. Einen Drink mit einem Schirmchen vielleicht. Vielleicht sogar am Strand. Gedanken über Sinn, über Unsinn, über alles, alles, alles, was noch nie war und was vielleicht auch nie sein wird, jedoch einen kleinen Gedankenfunken wert ist.

Aurevoir

Ich möchte Deinen Ton hören, morgens, wenn ich auf den Zug warte, abends an der Bushaltestelle oder aber, wenn – wie gestern – meine Freunde bei mir sind und ich während ich lache Dein Gesicht sehe. Ja, ich erinnere mich gut an diesen ersten Augenblick. Damals in der Arvenstube, wo Du mich angesehen hast mit dieser Wärme, die Dein Blick auszeichnet. Mir ist bewusst, dass Du der bist. Der, der für und von Begegnungen lebt. Der Welten auftut und sie wieder verschliesst. Der abhandenkommt und plötzlich auftaucht. Der spielend erobert und erobern lässt. Es ist mir bewusst, dass Du diese Sätze (solche wie: „Diese Begegnung ist nicht wie jede“) oft hörst und für Dich sind diese Begegnungen normal – natürlich immer mit dem Wissen um Unvergleichbarkeit jeder Begegnung. Und wenn Dein Gegenüber im so-was-ist-mir-noch-nie-passiert angekommen ist, bist Du schon Meilen weiter. Das alles weiss ich und wenn ich Dich beobachte, wie Du Dich unbeobachtet fühlst, wenn die Menschen nah bei Dir stehen, wenn Du sprichst und denkst und Hände schüttelst und sich ab und an ein Lächeln auf Deinem Gesicht ausbreitet, das immer auch die Augen erreicht, dann lache ich ein Bisschen in mich hinein. Da steht er also. In Deinem Stehen und Lächeln erreichst Du mein Herz und – was vielleicht aussergewöhnlicher ist – meine flatterhafte Seele.
„Es passt zu uns, exterritorial zu sein, zu schreiben, was man nicht schreibt, zu machen, was man nicht macht, diese Kühnheit, sie war noch unausgewickelt, immer unser Milieu, und nun stehen wir wieder mitten darin und leben. “

Sollte meine Stimme die ewigen Jagdgründe erreichen, dann möchte ich einzig dies übermitteln: Aus tiefstem Herzen und mit grosser Freude – Du sollst leben. Aurevoir!

Zur Erinnerung

Mind over Matter

Letzthin hat mir ein lieber Freund geschrieben, dass er sich ans Licht kämpft. Da hat er mir aus dem Herzen gesprochen.

Das Problem mit der Psyche ist – wenn zu viel auf einmal geschieht -, dass man das alles einerseits irgendwie handhaben kann, es andererseits aber Spuren hinterlässt, die dann ungefragt und heimlich Blüten treiben. Wenn Krankheit und Tod das – sowieso schon fragile – Sicherheitsgefühl erschüttern, kann es einem passieren, dass man das Gefühl der Unsicherheit auf andere Dinge überträgt. Plötzlich ist nichts mehr sicher. Heute Abend bebt die Erde und der Himmel fällt uns auf den Kopf? Gar nicht auszuschliessen! Meine liebsten Menschen möchten von einem Tag auf den anderen nichts mehr mit mir zu tun haben? Könnte jederzeit geschehen! Eine böse Hexe verwandelt mich im Vorbeigehen in eine Langhaarratte? Warum nicht! Meine Stelle wird gestrichen? Schon morgen möglich! Aliens besetzen die Erde und löschen die Menschheit aus? Könnte sein! Ich werde ab heute nicht mehr geliebt? Gut denkbar!

Die Krux am anhaltenden Unsicherheitsgefühl ist, dass es grundsätzlich der Wahrheit entspricht. Die Welt kann jederzeit unter uns zusammenbrechen. Es ist also durchaus realistisch. Man kann jedoch auf einem Hochseil ohne Sicherung nicht lange existieren. Man muss vergessen, dass man auf dem Hochseil steht – nur schon, um zu schlafen.

Seebub hat immer gesagt: Mind over matter.

Das versuch ich dann mal. Damit ich wieder stark werde.

Keep your fingers crossed

Keep your fingers crossed!

Nichts von alledem.

Wahrlich, niemand ist weise, der nicht das Dunkel kennt. Wer würde es verstehen, mein Leben. Es gibt dafür keine Erklärung, zumindest keine vernünftige. Man könnte es getrieben nennen, wenn „getrieben“ kein so falsches Wort wäre. Ich bin nicht ich. In keinster Weise. Ich bin nicht das, was ich vorgebe zu sein, nicht das, was ich glaube, nicht das, was ich wünsche, noch das was ich weit weg von mir halte. Nichts von alledem. Nein, es ist schlimmer. Um einiges schlimmer. Ich bin dazwischen. Und mehr in alles Dunkel hinein. Frag mich! Ich versuche ehrlich zu sein. Und auch das wird Lüge sein. Es gibt nur ein Wort dafür: hinsterben. Ich sterbe vor mich hin. Und das irgendwie glücklich. Du schüttelst den Kopf? Oh, glaube mir, ich auch. Ich auch. Da sind Pferde auf dem Feld und dazwischen Zaun. Die Frage bleibt: wär ich lieber Zaun oder Pferd oder nichts von alledem? Nichts von alledem. Nichts von alledem.

Vom Leben gelernt

Phoa! Hab ich manchmal genug von mir selbst! Kennst du das? Wenn du dir selbst so auf die Nerven gehst, dass du am liebsten aus dir selbst auswandern würdest? Ich winde mich dann und trete mit dem Fuss auf und versuche Distanz zu gewinnen. Da hilft alles nix. Einzig Beschäftigungstherapie und versuchen den Kopf auszuschalten. Im Sinne einer solchen Therapie – neben ganz viel Arbeit und Dingen, die ich zu erledigen hab – hier die Liste „Das habe ich vom Leben gelernt“:

  • Lesen macht glücklich.
  • Schreiben macht zufrieden.
  • Das grosse Glück gibt es nicht. Es gibt kleine Glücksmomente, die zusammen manchmal grosses Glück ergeben.
  • Fröhlichkeit ist Kopfsache.
  • Anderen Menschen schöne Augenblicke in Form von überraschender Zugeneigtheit zu schenken, ist ganz einfach und hilft Regentage zu überstehen.
  • Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (Nietzsche)
  • Yes, you can drink rosé and still be a badass.
  • Die Zürisäcke jedes Mal an der Supermarktkasse vergessen, ist ein Naturgesetz.
  • Wenn man sich und anderen genug oft sagt: „Ich bin schön“, „Ich bin clever“, „Ich bin begehrenswert.“, wird es irgendwann wahr. Achtung! Funktioniert übrigens auch umgekehrt.
  • Geografie ist die einfachste und gefährlichste Form von Distanz. Sie funktioniert nur für eine begrenzte Zeit als Vehikel. Irgendwann braucht man eine andere, eigenere Form von Distanz. Wenn man es versäumt diese für sich zu finden, wird man scheitern.
  • Im Auge des Tornados ist es totenstill.
  • Die Socken immer vor den Hosen ausziehen. (Vor allem in Gegenwart von jemandem anderen.) Nackte Beine in Socken sehen in fast allen Fällen idiotisch aus.
  • Souveräne Herzlichkeit ist die anziehendste aller Eigenschaften.
  • Seiner Angst sollte man schnell und frontal begegnen. Dann verschwindet sie genau so plötzlich wie sie gekommen ist.
  • Der Mensch hat ein Faible dafür, sich mit Nebenschauplätzen aufzuhalten. Nur, um die eigentlichen Herausforderungen zu umgehen.
  • Man kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.
  • Es gibt nichts enttäuschenderes, als schlechte Küsser.
  • Gegen Kopfweh hilft Kaffee meistens.
  • Die schönsten Dinge zerstört man in der Regel selbst.
  • Wer mir einen Helden zeigt, dem zeige ich eine Tragödie. (Fitzgerald)
  • Es gibt eine Körpererinnerung. Der Körper ist um ein x-faches unerbittlicher als der Geist – er vergisst nur sehr schwer.
  • Ringelnatz hilft bei Stumpfsinn:
    Das Schlüsselloch
    Das Schlüsselloch, das im Haupttor saß,
    Erlaubte sich nachts einen Spaß.
    Es nahten Studenten
    Mit Schlüsseln in Händen.
    Da dachte das listige Schlüsselloch:
    Ich will mich verstecken,
    Um sie zu necken!
    Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.
    Alsbald nun tasteten die Studenten
    Suchend,
    Fluchend;
    Mit Händen
    An Wänden.
    Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.
    Schlüsselloch lachte heiter.(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer.
    Eigentlich war die Sache noch schlimmer.
    Ich selbst war nämlich bei den Studenten – Doch lassen wir es dabei bewenden.)
  • Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke in allen anderen Lebenslagen.
  • Dinge über Humor lösen, ist stets eine gute Idee.
  • Es gibt nichts ungerechteres als Schönheit.
  • Sich selbst auszuhalten, ist so einfach nicht.

Was ich nicht mag:

Eine Liste „Was ich mag“ hab ich ja mal erstellt. Und die stimmt auch heute noch ziemlich. (Vielleicht würden heute noch zwei zusätzliche Dinge dazukommen. Etwa so: 1. Filme machen, 2. Wassermelone zum Frühstück essen und sich dabei das Shirt versauen.) Nun also – mit Spannung erwartet – die Liste „Was ich nicht mag“:

  • Solche Schlagzeilen in unterbelichteten Gratiszeitungen: „Schweizer jubeln auf Albanisch. Dürfen die das?“ (Ist übrigens die Schlagzeile von heute. Ich könnt gleich kotzen.)
  • Sowieso jede Form von Polemik, Agitation und Hetze.
  • Innereien.
  • Mutlosigkeit.
  • Kalter Nieselregen.
  • Stupide Arbeiten.
  • Humorlosigkeit, Unhöflichkeit und Fahrigkeit eines Gegenübers.
  • An stark befahrenen Strassen langgehen müssen.
  • Sowieso Lärm.
  • Dinge und Menschen aufgrund von Äusserlichkeiten ver- und beurteilen. Und damit meine ich jede Form von Äusserlichkeit.
  • Falsch verwendete Bilder oder Redewendungen. So Sachen wie: „Es regnet wie am Spiess.“ oder „Das schlägt dem Fass die Krone aus.“
  • (Vor-)Verurteilt zu werden.
  • Fehlende Offenheit in Liebesdingen. Ich frage mich: Warum haben die Menschen immer, immer, immer so Angst ihr Gesicht zu verlieren? Es bricht einem doch keinen Zacken aus der Krone, wenn man zugibt, dass man jemanden mag. Und wenn der andere einem dann halt nicht so mag: Egal. Das Leben geht weiter. Ist doch nur halb so schlimm. Passiert doch dauernd. Herrgottsakra.
  • Mein Weckklingelton.
  • Spinnen.
  • Keine Milch im Kühlschrank haben.
  • Schlüssel, Schirme, Ringe, etc. verlieren.
  • Fehlende Distanz zu sich selbst.
  • Liebeskranke, die überraschend vor meiner Haustüre stehen.
  • Schlecht gelaunt zu sein.
  • Wenn gute Bücher enden.
  • Mein Spiegelbild nicht zu mögen.
  • Erkältungen.
  • Meine Ungeduld.
  • Die Angst vor der Angst.
  • Die Zahnbürste und Zahnpastatube im gleichen Becher.
  • Übertriebene Antiraucher.
  • Zu viel gegessen zu haben.
  • Orchideen (die find ich irgendwie gruselig).
  • Langgezogene Gesichter.
  • Dinge, die nicht mit Witz gebrochen werden.
  • Schlangen (die im Supermarkt).
  • Belästigt werden. Sowieso Menschen, die zu Nahe kommen.
  • Langeweile. (Und ich langweile mich schnell. Zum Glück kann ich mich ziemlich gut selbst unterhalten.)
  • Zappeligkeit, in mich reinfallen, Zombiemodus.
  • Zuckersäcklisprüche.
  • Seeeeeehr betrunken sein.
  • Schlechte Musik.
  • Telefonieren.
  • Sich auf Kosten anderer zu heben. (Sowieso: Sich durch Negation zu definieren.)
  • Mein unordentliches Zimmer.
  • Die Steuererklärung machen.
  • Schweissgeruch. (Vor allem dieser alte Schweiss. Wo man glaubt, dass jemand seit Wochen nicht mehr geduscht hat.)
  • Die Bücher von Paulo Coelho.
  • Lange keinen Sport treiben.
  • Alle Süssspeisen, die nicht zu 80% aus Schokolade bestehen.
  • Dass ich die Kommaregeln nicht beherrsche.
  • Spitäler.
  • Füsse.
  • Gin.
  • Mich nicht fühlen.
  • Mich fühlen.

Sozusagen grundlos vergnügt

Letzthin habe ich zu jemandem gesagt (und da ich viel zu vielen gesagt habe, mag ich mich nicht recht erinnern, welche Situation es war und wen ich gegenüber hatte – ich mag mich aber an die Bewegung erinnern, an die Reaktion des Gegenübers, an den Himmel, an mein Gefühl): „Weisst du, ich habe eine Begabung fürs Glücklichsein.“

Das ist schon so, keine Ahnung woher das kommt, die Dankbarkeit darüber ist aber stark: Ich bin oft, jeden Tag mehrmals sozusagen grundlos vergnügt. Ich freue mich. So richtig. So, dass es mir die Tränen in die Augen treibt und ich breit grinsend um die Häuser zieh. Habe mich schon gefragt, ob das wohl ein Defekt ist oder eine Krankheit. Weil: Es ist schon ziemlich seltsam. Es gibt immer Dinge, die Scheisse laufen. Auch ich habe Sorgen und morgens aufzustehen (vor allem, wenn gerade Montag ist), fällt mir schwer. Dann aber – von einer Sekunde auf die andere – blinzle ich in den neuen Tag, lache in mich hinein und freue mich. Einfach so. Diese Fähigkeit zum Glück hat mir schon wahnsinnig oft den Arsch gerettet, das kannst du mir glauben. Denn wenn man so lebt wie ich, immer ein Bisschen am Abgrund, immer ein Bisschen zu schnell, dann ist es von grosser Wichtigkeit, dass man ab und zu auch mal drüberweg gehen kann. Nicht so schlimm, alles gut. Mascha Kaléko kommt mir dann jeweils in den Sinn:

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!

Ich freu mich, dass ich … Dass ich mich freu.

Abhanden

Gerade sitze ich auf einem Kranlaster im Tiergarten (ein Hexenhügel in Mels) und drehe einen Film. Es ist der vierte Drehtag. Die blaue Stunde ist bald zu Ende, der Tag neigt sich dem Ende zu. Mein Fuss schmerzt wie die Hölle, ich versuch es zu ignorieren. Jelisa sagt: dieser Ort ist wunderschön, aber unendlich laut. Sie hat Recht, man hört das stetige Rauschen der Autobahn. So müde wie jetzt, war ich schon lang nicht mehr. Diese Tage waren so sehr anstrengend, so auslaugend, so zehrend und so gut. Dieser Film wird der Hammer. Und ich werde die nächsten Tage keine Anrufe entgegen nehmen, keine SMS beantworten, keine Mail lesen – gar nichts. Ich werde lediglich arbeiten, schlafen, essen und atmen. Wenn man so zittert und am Rande lebt, wenn man versucht die Nerven gerade nicht zu verlieren – gerade noch nicht, gerade noch nicht – versteht man plötzlich viel vom Leben. Man blendet alles Unwichtige aus, redet langsam und deutlich, immer achtsam, dass man nicht ausfällig oder zickig wird, die Gefühle schneller, so schnell, dass sie verloren gehen. Clin d’oeil. Nur einen Augenblick. Vorbei. Vorüber. Und dann denkt man so, zwischen warten und rennen, „jänu“. Und dann geht man einfach weiter. Die Energie reicht dann einfach nicht mehr aus, um sich umzudrehen und zurückzublicken.