Dufte!

Meine Nase hat mich schon in Teufels Küche gebracht. In meiner Familie ist der Geruchsinn äusserst ausgeprägt, beziehungsweise wir werden von Klein auf darauf aufmerksam gemacht, in gewisser Weise geschult. Ich rieche wer vor mir in einem Raum war, wessen Pullover das ist, der liegen geblieben ist, wer gestern Alkohol getrunken hat. Ich musste eine Arbeitskollegin auch schon bitten, ihr Parfum zu wechseln, weil mir das ihrige den Magen umdrehte. (In dem Fall war es Glück, dass die meisten Menschen, was die Wahl ihres Dufts anbelangt, nicht gerade wählerisch sind. Was mir unverständlich ist. So Aussagen wie: „Ich hab einige Parfums und nehme am Morgen einfach eins“, lösen in mir jeweils ein inneres, hysterisches Kichern aus.)

Es gibt Gerüche, die verbinde ich unweigerlich mit bestimmten Orten, Zeiten und Gefühlen. Da ist der Duft des Oliven-Duschmittels, das ich in England benutzte. Ich verbinde diesen mit Kälte, Abenteuer und grosser innerer Ambivalenz. Der Geruch von Rohbeton (wie er in Neubauten vorkommt), in dem ich baden könnte, so sehr liebe ich den. Oder wenn die Sonne im Sommer die Wohnung aufheizt und das Holz des Parkettbodens nach Geborgenheit und Fröhlichkeit riecht, könnte ich die Welt umarmen.

Vor ein paar Tagen waren wir zu Gast bei einer Familie. Im Entrée hat die Hausherrin so Duft-Räucherstäbchen platziert. Meine Jacke riecht seit da danach und der Geruch überträgt sich auf meinen Pullover, wenn ich die Jacke getragen habe und ich finde das ganz unerträglich. Aber ich krieg den irgendwie nicht raus. Wahrscheinlich muss ich die Jacke verbrennen.

Ein Arbeitskollege von mir, er ist süsse 22 oder 23 Jahre alt, trägt immer, wenn er in den 8. Stock geht, um dort Abklärungen zu tätigen, ein Schokoladenparfum auf. Wie immer bei solchen Parfums riecht es nicht wirklich nach Schokolade (weil es nicht möglich scheint einen Duft zu kreieren, der nach echter Schokolade riecht), sondern nach dem allgemein gültigen Abbild von Schokolade, das uns beigebracht wurde. Wie es in Joghurts oder ähnlichem vorkommt. Wir wissen, es soll Schokolade darstellen, wissen aber eigentlich genau, dass es definitiv keine Schokolade ist. (Erdbeere ist auch so ein Fall. Einfach grauslig dieser künstliche Erdbeergeruch.) Er trägt also dieses Abziehbildchen von Parfum auf und geht in den 8. Stock. Ich habe ihn gefragt, wer denn diese Dame sei, die er betören wolle. Er hat mich angesehen, als sei ich ein Geist. Woher ich denn das wisse? Dazu muss man sagen, dass es ziemlich clever ist von ihm und ich so viel Geruchs-Verstand selten bei Menschen antreffe. Wenn man es aber einmal durchschaut hat, ist es natürlich auch sehr, sehr vorhersehbar und somit auch ein wenig langweilig. Aber ganz süss!

Hunderttausend Düfte schienen nichts mehr wert vor diesem einen Duft. Dieser eine war das höhere Prinzip, nach dessen Vorbild sich die anderen ordnen mußten. Er war die reine Schönheit.“ (Patrick Süskind: Das Parfum)

Der Autor ist tot, lang lebe der Autor

(Prolog) Es hat Überwindung gekostet und grosse Mühe. Denn ich bin nicht mehr die, die ich mal war. Wie kann ich meinem früheren Ich, der früheren Autorin jemals gerecht werden? Habe ich das Recht, hier etwas zu schreiben? Würde die Autorin es mir erlauben? Ich weiss, dass die Autorin herzlich war und offen. Ich weiss, dass sie wohl verständnisvoll mit mir gewesen wäre. Da sie aber nicht mehr da ist, werde ich sie nicht fragen können, nicht mit ihr reden können. Mein heutiges, lahmendes, kümmerliches Ich wird auf sich allein gestellt sein. Es fühlt sich an, als wäre über Jahre ein Rohr verstopft gewesen. Und plötzlich fliesst das Wasser wieder. Es ist erstaunlich, erst wenn man zurückkehrt, erkennt man, wie sehr man alles vermisst hat. Wie sehr, wie sehr, wie sehr. Verdammt, ich habe grosses Glück, dass meine Krankheit endlich ihre Klauen gelockert hat. Deshalb, lieber Leser, übe Nachsicht. Ich bin noch wacklig auf den Beinen. Aber ich bin aufgetaucht aus der Flut. 

Am Freitag hab ich getanzt. Ich hatte ein Dauergrinsen auf dem Gesicht und habe mir die Seele aus dem Leib getanzt. Die Herzen sind mir zugeflogen, ich konnte es kaum fassen. Ein Mädchen, welches ich nur vom Sehen kenne, hat mir die schönste Liebeserklärung des Abends gemacht: Mein Glück sei spürbar, ich sei schön, jedoch nicht bloss äusserlich schön, es sei was Tiefes, Gerechtes und Süsses in mir, was sichtbar wird und sich auf meinem Gesicht auszubreiten scheint. Ein wahrhaft schönes Kompliment, welches dem Schatten, dem Spiegelbild in der Pfütze gilt.

Plötzlich wieder zu fühlen, plötzlich wieder Zugriff zur eigenen Kreativität zu haben, ist wahnsinnig schön, jedoch trifft es einen wie ein Schlag. Und da kommt auch die Trauer hoch über die verpassten Gelegenheiten und die Erinnerung an all die Menschen, von denen man sich nicht verabschiedet hat, die man nicht um Verzeihung gebeten hat, all die Momente, die verblasst, getrennt wie durch dünnes Papier, dahinvegetierten.

Aufgetaucht aus der Flut.

Als schiene sich Glück zu vervielfältigen, als würde sich aus sich selbst eine ganze versunkene Welt auftun, als hätte man die Lawine losgetreten und man fragt sich, warum man keinen Zugang dazu hatte, woher denn das alles jetzt kommen mag und dann hört man sich auf zu fragen und ist bis auf die Knochen, bis ins Mark, bis zum Mond und zurück, scheisse nochmal glücklich.

Sonntags im Büro

Bed of Books

Bed of Books

Am Sonntag im Büro träumt man sich in andere Welten, möchte gerne überall lieber sein. Man träumt sich ins Bett zurück wo Träume wahr werden – lesend, denkend. Man träumt sich an einen Ort, der möglichst weit von sich selbst entfernt ist, weil das Selbst gerade Zähne zeigt und zu eng ist, wie Hosen, die nicht mehr passen, weil man sich über Monate von Osterhasen aus Schokolade ernährt hat, sich selbst belügend, es werde wohl keine Konsequenzen haben.

Wenn ich könnte, würde ich gerne eine Reise machen nach Argentinien. Zum Beispiel. In Buenos Aires direkt vom Flughafen in die „El Ateneo Grand Splendid“ fahren, dort Stunden verbringen, immer wieder zur Decke blicken und beim Anblick der Engel lächeln.

El Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires

El Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires

Wenn ich könnte, würde ich gern Ferien von mir selbst nehmen. Mich kurz verlassen. So, wie man Pflanzen bei einer Woche Urlaub zu Hause lässt, ihnen genügend Wasser gibt, die Läden zur Hälfte schliesst, dass sie nicht zu sehr der Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind und mit dem Wissen, dass sie noch genau so da sein werden, wenn man wiederkommt.

Sonntags ist das Büro ein Ort, wo Träume wahr werden können, weil sie Raum haben, sich zu entfalten, weil sie die Luft einnehmen und singend – einem Echo gleich – den Klang wieder- und wiedergeben. Sonntags aber ist das Büro auch ein Ort, wo man mit seinen Träumen das Zeitliche segnet, weil die Wirklichkeit keinen Platz hat, sich zu festigen und so tatsächlich obsolet wird.

I’m not here right now.

„You ask me what life is? It is like asking what a carrot is. A carrot is a carrot, and nothing more is known.“
(Chekhov in einem Brief an Olga.)
Gerade aus sich selbst verreist.

Gerade aus sich selbst verreist.

Ich befinde mich ja seit einigen Tagen auf der Insel. Ferien. Ganz allein. Und das für vier lange Wochen. Es ist schon eigentümlich, wenn man so ganz auf sich selbst gestellt ist, was man da alles macht und denkt. Ich geniesse es. Lustigerweise hab ich mich noch keine Sekunde allein gefühlt. Auf der anderen Seite, bin ich irgendwie auch froh, wenn ich wieder zu Hause bin. Es fühlt sich wie Heimweh an. Vielleicht ist das so, wenn man sich in ein Abenteuer stürzt, wenn man etwas wagt und dabei unglaublich viel lernt – das macht auch müde und man weiss plötzlich wie viel Glück man hat, ein zu Hause zu haben, in das man gerne zurückkehrt, Freunde zu haben, die man von der ersten Sekunde an schmerzlich vermisst.

Hier auf der Insel ist es wahnsinnig kalt. Alle um mich herum sagen immer:
Aber bei dir, in deiner Heimat, ist es doch auch kalt, du müsstest dir das doch gewohnt sein!
Die Kälte hier aber ist eine ganz andere. Und vor allem: Das mit der Isolation in den Häusern haben sie also echt nicht im Griff. Man kann heizen so viel man will, die Räume werden nicht warm. So schlafe ich also jede Nacht mit Wollmütze. Nun gut, gschäch nüt schlimmers.
Es ist kurios, die ersten paar Tage, wenn alles neu ist und man niemanden kennt, dann fühlt es sich an, als wäre man in eine Waschmaschine geraten, die gerade schleudert. Man kann nichts anderes tun, als einfach mitzumachen und nicht zu sehr dagegen halten zu wollen. Mit der Zeit gewöhnt man sich dann daran und hat sich und die Umgebung etwas mehr im Griff.
„The sea has neither meaning nor pity.“ (Nochmal Chekhov)

Spielen am Sonntag

Schön, oder?

Schön, oder?

Sonntage sind seltsame Tage. Sie plätschern so vor sich hin, die Sonne geht auf und bald darauf wieder unter und dazwischen liegt braches Land, mit dem man irgendwie wenig anzufangen weiss. Man schläft und geht dann durch den Regen, man isst etwas, nimmt vielleicht eine Kopfwehtablette, schaut einen Film und geht wieder schlafen. Es gibt an Sonntagen zuweilen ganz kleine Momente, wo das Licht aufblitzt. Spielen am Sonntag also:

  • Im Starbucks schöne, fremde Namen auf den Kaffeebecher schreiben lassen. Heute bei mir:
    „Wie heisst du?“ – „Ellie“ – „Wie?“ – „E L L I E“
  • Wetten, die das ganze Leben verändern, eingehen und verlieren.
  • Mit dem „Buch der Antworten“ an den Küchentisch kommen, seine WG-Gschpändli in aufforderndem, dringlichen Ton fragen: „Hast Du eine Frage?“ (Und dann insistieren, bis sie eine Frage stellen.)
  • Jeden Fingernagel in einer andern Farbe anmalen.
  • Auf dem Rücken auf seinem Bett liegen, die Stuckdecke anstarren und sich lustige Zukunftsgeschichten ausdenken.
  • Komische Katermenüs kochen. Rösti mit Späzli und Ketchup oder so.
  • Neue Wörter aus anderen Dialekten lernen. Wie zum Beispiel „Grättimaa“ oder „Teigmanndli“.
  • Sich verlieben.

Alles wird gut, Kleines

Ich mag solche Nächte, die sich anfühlen wie eine gelebte Woche. Wenn man durch die Dunkelheit geht und einem die Sterne ihr Muster in den Rücken brennen – unbemerkt. Ich mag den Tag, wie er aufgeht, nach einer verlebten Nacht. Wenn alles dem neuen Tag weicht und man weiss: Es ist noch nicht vorbei. Ich hab eine Begabung für Nächte. Der Trennungsschmerz zwischen mir und eben einer solchen Nacht, ist unangenehm aber leider nicht vermeidbar. Würden wir den Schmerz scheuen, würden wir die Nacht niemals geniessen können. Mir ist schwindlig. Denn nach der Nacht (und es ist kein Zufall, dass ich gerade in dieser Nacht so losgelassen habe) kommt der Tag. Der andere Tag. Der, der nicht aufgeht. Sondern der, der da ist. Plötzlich. Hell und gleissend. Der einem mitreisst, vor dem man sich nicht verstecken kann. Eigentlich würde ich ja gern nicht hingehen, morgen. Ich würde mich in Dunkelheit flüchten wollen und in Unwissenheit. Weggehen, nicht wiederkommen, nichts wissen, nichts wollen, kein guter Mensch sein. Aber etwas in mir drin verbietet es mir. Etwas in mir drin weiss, dass ich werde hingehen müssen, dass ich all das Bauchweh und die Nervosität werde aushalten müssen. Dass ich mich an der Erinnerung an die Dunkelheit festhalten werde, um den leuchtenden Tag zu überstehen.  Auch so kann es sein. Dass der Schatten nicht der Angstauslöser ist, sondern das Licht. Hinaustreten, Verantwortung übernehmen. Gar nicht mal so einfach.

In diesen Momenten – zum Glück kommen sie selten vor – habe ich Sehnsucht nach zwei Armen, die mich umschlingen. Nach einer gigantischen Bettdecke, die zwischen meinem Kopf und der Welt für Jahre zum liegen kommt. Dann hab ich Sehnsucht nach einer tiefen Männerstimme, die sagt: „Alles wird gut, Kleines, alles wird gut.“