Buchstabe an Buchstabe

A ship in port is safe, but that's not what ships are built for.

A ship in port is safe, but that’s not what ships are built for.

Sich aufgrund von äusseren Umständen so unsäglich intensiv und lang mit seinem eigenen Arsch beschäftigen zu müssen, macht müde und sprachlos. Ich verlor für eine unerträglich lange Zeit meine Fähigkeit zu schreiben. Das ist wie wenn ein Fischer an Land bleiben muss, weil das Geld fehlt, um sein Schiff zu reparieren. Er muss sich also mit Botendiensten über Wasser halten. Ihm fehlt das Meer. Ihm fehlt die Sonne, der Sturm, die Nacht, die hinter dem Horizont auftaucht und das Ende seines Arbeitstages verkündet.

Ich war also ein Fischer ohne Schiff. Meiner Fähigkeit mich auszudrücken beraubt. Du glaubst nicht, wie langweilig das ist! Wie gefangen man sich fühlt! Das eine ergibt das andere und ehe man es sich versieht, ist man depressiv, ohne Lebensinhalt und führ ein gänzlich uninteressantes Leben. Da versteht man plötzlich auch die Menschen, die ihr Mittagessen auf Facebook posten. Aufregenderes gibt der Tag nicht her.

Nun denn. Ich habe viel gelernt. Oft Angst gehabt. War täglich traurig. Nun aber fühle ich die Kraft zurückkehren. Die Stärke. Mein Körper bewegt sich wieder und damit auch mein Geist. Frühlingserwachen!

Und zögerlich reihe ich Buchstabe an Buchstabe. Auf dass es diesmal gut gehen möge!

PS: Ich hoffe, all meine Freunde mögen mir meine Sprachlosigkeit verzeihen. Mein Schweigen.
Die Nacht war lang.

Mirakulöse Orte

Es gibt mirakulöse Orte auf der Welt, zu denen ich nie gereist bin. Ich habe sie nie gesehen, hab nicht mal Bilder gesucht, um zu sehen, wie es da wirklich aussieht. Trotzdem kenne ich sie ganz genau. Ich kenne Strassennamen, Plätze und weiss, wie es da riecht. Diese Orte kenne ich aus der Literatur und fühle mich ihnen sehr verbunden. Lese ich einen solchen Ortsnamen, erinnere ich mich an all die wundervollen Stunden – mit einem bisschen Wehmut – die ich dort verbracht habe. Zum Beispiel Teheran. Ich las von einem Teheran, das weltoffen war. Teheran fühlt sich wie Heimat an. Ich las über Kindheiten in Teheran und ich bin mir sicher, dass es einer der besten Orte auf der Welt ist, um aufgewachsen zu sein. Oder Santiago de Chile. Ich habe eine innere Strassenkarte von Santiago in meinem Kopf. Ich kenne Statuen und Plätze und weiss, dass Santiago – gefährlich und unergründbar – ein wahnsinnig schöner Ort ist, um jung zu sein. Zudem Budapest. Budapest trage ich an trüben Tagen in mir und weiss, dass es einen Ort gibt, der es mir gleichtut. Oder aber die Karpaten. Die Wälder der Karpaten, die sich über verschiedene Länder erstrecken und Platz bieten für ein ganzes Dasein, ein in sich gekehrtes Dasein – im Streit mit sich selbst verbunden.

Dahingehend ist die Literatur ein Schatz. Sie bietet mir neben meiner realen, erlebten Welt die Möglichkeit noch weitere Orte in mir zu tragen, deren Bilder nicht minder real sind. Du fragst mich, wie Santiago riecht? Ein Bisschen nach steinischer Kühle, nach Abgas, nach moderndem Verfall, nach seidiger Hitze, nach fettigem Haar.

Mir ging es immer so: Habe ich ein Buch über einen Ort gelesen, der mir aus irgendeinem Grund ans Herz gewachsen ist, suche ich weitere Bücher von diesem Ort, um mein Bild zu vervollständigen, um den Ort besser kennenzulernen. Es geht mir weniger um die Geschichte selbst, es geht mir um den Ort. Und erkenne ich Strassen und Gebäude wieder, lächle ich freudig, als ob ich einen Roman über meine reale Heimatstadt lesen würde.

Und falls ihr lesen wollt, denn lesen macht glücklich, hier je ein Beispiel:

Next Services 24,901.55 Miles

Next Service 370 km

Next Services 370 km

Boah. Das war eine echte Durststrecke.

Es kam mir vor, als wäre ich in den kanadischen Wäldern irgendwo auf einem Trampelpfad unterwegs und hätte jenes Bild nach wochenlangem Wandern entdeckt. Der Moment, wo alle Zuversicht aus dem Körper verschwindet. So lange man unwissend war, konnte man sich einreden, dass die Waldbeiz um die nächste Ecke auftauchen werde. Ganz bestimmt.

Meine Krankheit dauert ein Jahr.
Natürlich. Es ist schon fast wieder gut. Man sieht schon fast nichts mehr. Die Folgen werde ich aber – sagen die Ärzte – erst nächsten Frühling ganz überwunden haben. Wenn überhaupt.

Wenn man, wie ich, ein Mensch ist, der nicht gerade mit Geduld gesegnet ist und sich grundsätzlich für unverwundbar hält, ist das dann doch irgendwann ziemlich einschneidend.

Aber ja. Ich weiss. Ich jammere hier rum und sollte eigentlich glücklich sein. Denn: Es geht mir gut. Nicht mehr so gut wie früher, aber es geht mir gut.

Eugen hat sich letzte Woche an einem Bild über mich versucht: Er sagte, es komme ihm vor, als wäre ich eine Nomadin, die unter den Sesshaften aufgewachsen ist und darum ihre Nomaden-Identität stets ein Bisschen verschleiert, nicht immer dazu steht. Weil die Sesshaften Angst vor den Nomaden hätten – das liege in der Natur der Sache, alle Sesshaften haben immer Angst vor den Nomaden. Darum werden diese auch verteufelt. Und wenn er mich über mich selbst reden höre, komme es ihm vor, als hätte ich die Sichtweise der Sesshaften übernommen und versuchte diese auf mich zu übertragen, was natürlich nicht gelinge. Ich solle gefälligst anfangen, mich zu fragen, was zu mir gehöre und was einfach nur Adaption sei. Er wolle das ganze ja nicht romantisieren (was er natürlich trotzdem tat), er wolle einfach sagen, dass Nomade sein was Gutes sei und ganz schön cool.

Ich musste bizz lachen. Geholfen hat’s jedoch. Hier bin ich wieder.

I read Bukowski out loud to you

Lasst uns über Details sprechen! Es gibt die kleinen Dinge, die einem von einer Sekunde auf die andere tieftraurig oder wahnsinnig glücklich stimmen können.

Ein Beispiel: Ich war mal zusammen mit Badana an einem Kurzfilmfestival in Frankreich. Nach einer langen Reise kamen wir im Hotel an. Leider konnte die Rezeptionistin unsere Reservation nicht finden. Das Hotel war voll, sie konnte uns kein Zimmer anbieten. Die ganze Kleinstadt war – wegen des Festivals – ausgebucht. Wir waren wütend und verzweifelt. Die Rezeptionistin ratlos. Sie versuchte den Chef zu erreichen. Die Zeit verstrich, es wurde Abend. Unsere Müdigkeit steigerte sich in Angst nicht zu wissen, wo wir würden schlafen können. Plötzlich betrat der Chef das Hotel, er war einkaufen gewesen und trug eine Packung Eier in der Hand. Die Rezeptionistin und wir zwei gingen gleichzeitig auf ihn los. In seiner Überraschung legte er die Eier auf die Theke und machte sich am Computer zu schaffen. Diese Bewegung, das achtlose Hinlegen der Eier, löste in mir ein tiefes Mitleid und eine grosse Traurigkeit aus. Die Eier – das Symbol für’s tägliche Leben. Wahrscheinlich wollte er sich Rühreier zum Abendessen kochen, er freute sich vielleicht darauf, hatte Hunger und dann brach das Chaos (ein klitzekleines Chaos, aber trotzdem sehr unangenehm) über ihn herein.

Ein anderes Beispiel: Gestern war ich am Get Well Soon Konzert. (Grossartig war’s!) Nach dem Konzert sassen wir noch etwas da und redeten. Ein Obdachloser, den ich immer mal wieder in der Stadt sehe, war während des ganzen Konzerts geschäftig hin- und her gelaufen. Und dann, nach dem Konzert, sammelte er Abfall ein und warf diesen fein säuberlich in den Mülleimer, der in der Nähe von uns stand. Diese Bewegung, das akkurate und konzentrierte Wegwerfen des Mülls (der Eimer war ziemlich voll, er schaute aber darauf, dass nichts daneben fiel, es schien ihm sehr wichtig zu sein) löste in mir grosses Glück und ein breites Grinsen aus.

Manchmal verändern diese ganz kleinen Bewegungen unsere Stimmung, unsere Sicht auf die Welt.

Zum Schluss noch ein Tipp. (Unbedingt verfolgen, ein lustiges und echt grossartiges Projekt von Jessica Walsh und Timothy Goodman): 40 Days of Dating.

40 Days of Dating

40 Days of Dating

Mind over Matter

Letzthin hat mir ein lieber Freund geschrieben, dass er sich ans Licht kämpft. Da hat er mir aus dem Herzen gesprochen.

Das Problem mit der Psyche ist – wenn zu viel auf einmal geschieht -, dass man das alles einerseits irgendwie handhaben kann, es andererseits aber Spuren hinterlässt, die dann ungefragt und heimlich Blüten treiben. Wenn Krankheit und Tod das – sowieso schon fragile – Sicherheitsgefühl erschüttern, kann es einem passieren, dass man das Gefühl der Unsicherheit auf andere Dinge überträgt. Plötzlich ist nichts mehr sicher. Heute Abend bebt die Erde und der Himmel fällt uns auf den Kopf? Gar nicht auszuschliessen! Meine liebsten Menschen möchten von einem Tag auf den anderen nichts mehr mit mir zu tun haben? Könnte jederzeit geschehen! Eine böse Hexe verwandelt mich im Vorbeigehen in eine Langhaarratte? Warum nicht! Meine Stelle wird gestrichen? Schon morgen möglich! Aliens besetzen die Erde und löschen die Menschheit aus? Könnte sein! Ich werde ab heute nicht mehr geliebt? Gut denkbar!

Die Krux am anhaltenden Unsicherheitsgefühl ist, dass es grundsätzlich der Wahrheit entspricht. Die Welt kann jederzeit unter uns zusammenbrechen. Es ist also durchaus realistisch. Man kann jedoch auf einem Hochseil ohne Sicherung nicht lange existieren. Man muss vergessen, dass man auf dem Hochseil steht – nur schon, um zu schlafen.

Seebub hat immer gesagt: Mind over matter.

Das versuch ich dann mal. Damit ich wieder stark werde.

Keep your fingers crossed

Keep your fingers crossed!

Once upon a time

Broken Things

Broken Things

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Mädchen, das mitten im Leben stand. Es war einmal. Manchmal kommt mir mein Leben vor, als wäre es vorbei. Ich sitze in der Küche – oder am Strassenhang – und bin wie neben mir. Ihr redet? Ich antworte nicht. Was für eine absolute, absurde Situation.

Vielleicht geht es um Ohnmacht. Vielleicht um Angst. Vielleicht um Bewegungslosigkeit. Vielleicht auch um viel profaneres. Langeweile? Mutlosigkeit? Vielleicht auch darum, nicht geliebt zu werden. Nicht geliebt und verstanden. Darum geht es immer. In allen Kriegen, in allen Ausweglosigkeiten.

Manchmal geschehen Dinge, die geschehen gar nicht. Aber weil sie in uns drin geschehen, geschehen sie irgendwie doch. Und wenn sie geschehen sind, ist es sehr schwer, sie ungeschehen zu machen. Das Problem ist dabei, dass es sehr schwierig ist, ihrer habhaft zu werden, da sie weder geschehen sind, noch nicht geschehen sind. Das ist dann irgendwann eine Glaubenssache.

Wo bin ich stehen geblieben? Leider nirgendwo.

If

Kennst Du das Gedicht von Kipling? „If“? Nein? Es geht so:

If you can keep your head when all about you
Are losing theirs and blaming it on you,
If you can trust yourself when all men doubt you,
But make allowance for their doubting too;
If you can wait and not be tired by waiting,
Or being lied about, don’t deal in lies,
Or being hated, don’t give way to hating,
And yet don’t look too good, nor talk too wise:

If you can dream – and not make dreams your master;
If you can think – and not make thoughts your aim;
If you can meet with Triumph and Disaster
And treat those two impostors just the same;
If you can bear to hear the truth you’ve spoken
Twisted by knaves to make a trap for fools,
Or watch the things you gave your life to, broken,
And stoop and build ‚em up with worn-out tools:

If you can make one heap of all your winnings
And risk it on one turn of pitch-and-toss,
And lose, and start again at your beginnings
And never breathe a word about your loss;
If you can force your heart and nerve and sinew
To serve your turn long after they are gone,
And so hold on when there is nothing in you
Except the Will which says to them: ‚Hold on!‘

If you can talk with crowds and keep your virtue,
‚ Or walk with Kings – nor lose the common touch,
if neither foes nor loving friends can hurt you,
If all men count with you, but none too much;
If you can fill the unforgiving minute
With sixty seconds‘ worth of distance run,
Yours is the Earth and everything that’s in it,
And – which is more – you’ll be a Man, my son!

Es war eines der Lieblingsgedichte von Seebub. Ich hab es in den letzten Monaten immer mal wieder gelesen. In den dunklen Tagen, wenn man der Verzweiflung seeeeeeeeeeeeeehr nahe ist, ist es schwer dieses „Hold on!“. Ich kann immerhin meinen Mundwinkel wieder etwas heben. Millimeter um Millimeter um Millimeter um Millimeter. Und weil gerade die Verzweiflung die grösste Geisteskraft gebiert, hier die „Schlüsse-Liste“:

  1. Süss ist es, allem Ungemach entflohen zu sein.
  2. „Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist.“ (Konfuzius)
  3. Aufstehen, sich den Staub von den Hosen klopfen, den Blick nach Vorne richten und ohne ein Wort gehen, ist Statement genug.
  4. Fake it!
  5. Noch nicht gestorben zu sein, ist das grösste verdammte Glück auf Erden.
  6. Wohin ich auch gehe, es werden grüne, lange Gräser am Strassenrand wachsen.
  7. Liebe ist das gefährlichste Abenteuer überhaupt. Dagegen sind Bungee Jumping, Kriegstourismus und wilde Tiere einen Dreck.
  8. Der Glaube an’s Chaos ist so verwirrend wie auch befreiend.
  9. Wann, wenn nicht jetzt?
  10. Gesundheit ist ein wahnsinnig wertvolles Gut.
  11. Alleine am Küchentisch zu sitzen und sehr rauchigen Whisky zu trinken, hat etwas versöhnliches.
  12. Wohin ich auch gehe, die langen Gräser werden sich sanft im Wind bewegen.
  13. Dumm sein, ist sehr frustrierend.
  14. Nimm alles, alles, alles Schöne in Dir auf und wiege es in Deinem Herzen.
  15. Dein Hirn ist verdammt genial.
  16. Auch kleine Schritte sind Schritte.
  17. Die grösste Gabe von uns Menschen ist die Fähigkeit zu adaptieren.
  18. Alles, was einem zum Lächeln gebracht hat, darf man nicht bereuen.
  19. Nichts ist sicher.
  20. Wehe dem, der mich begehrt.

Nun wünsche ich Dir, geneigter Leser, einen schönen Abend. Und vergiss nicht: Ehre, wem Ehre gebührt. In diesem Sinne: Zum Wohl.