nicht allein

Alle sind leise, wenn du vom Dunkel sprichst
Die Welt verstummt, nur der Mond zieht seine Bahn
Wohin, wenn nicht dahin
Wo die Blumen blühen
Warum, wenn nicht darum
Wasser, das vom Felsen fällt

Du bist nicht allein
Heute nicht
und morgen
Möchten wir nicht alle, dass sich der Nebel lichtet?
Uns drehen, wie der Mond auf seiner Bahn
Im nächtlichen Zwielicht tanzen
Keine Zäune, keine Mauern

Alles ist still, wenn du vom Dunkel sprichst
Die Vögel am Himmel, die Wolken, der Wind
Ein Fuss vor den andern
Keine Spuren im Schnee
Nur Blicke, die sich zu Boden neigen
Mein Schatten für die Ewigkeit

Versuch einer Ode an Gazelle

Am Freitagabend, als ich sehr erschöpft von einer sehr anstrengenden Arbeitswoche Richtung Opernhaus ging, um dort das grandiose Ballett „Bella Figura“ anzuschauen, roch ich ihn das erste Mal, den Frühling. Ich weiss, es ist bloss ein Vorbote, es wird nochmal kalt werden, doch das, was diese Tage riechbar ist, dieses Auftauen des Bodens, diese etwas wärmere Luft, löst in mir ein Gefühl von Aufbruch, Glück und unfassbarer Zuversicht aus. Und auch etwas, was sich wie Verlangen nach Wanderlust, sehnsüchtiges Innehalten, furchtvolles Vertrauen anfühlt. Als ob ich ein Schiff besteigen würde, welches mich quer über den Atlantik führen wird, worauf ich seit Jahren hingearbeitet habe, jetzt aber, da ich die blanken Bretter hoch zum Schiff beschreite, fühle ich plötzlich eine innere Zerrissenheit, als ob ich wieder umdrehen wollen würde, nach Hause gehen, auch wenn es das zu Hause längst nicht mehr gibt.

Seit ein paar Tagen versuche ich mich in Worten über „Gazelle“. Gazelle ist ein Mensch, den ich vor ein paar Monaten besser kennenlernte, der mich fasziniert, da er was ganz sonderbares an sich hat. Es will mir nicht ganz gelingen, da Gazelle in einer sehr eigentümlichen Weise nicht ganz fassbar ist. Er ist einer dieser Menschen, der beim Gegenüber innert kürzester Zeit grosses Wohlbefinden, noch grössere Nähe und viel Vertrauen auslöst. Es passiert also, dass man Gazelle beim ersten Treffen bereits sein Leben ausbreitet, wie man eine Landkarte auf dem Tisch ausbreitet. Ohne Bewusstsein darüber, dass man Gazelle ja gar nicht kennt. Man könnte ihn mit einer Art Raubtier vergleichen, dessen Waffe aber ein Gift ist, ein irisierender Nebel, der beim Opfer das Gefühl von Wohlgefallen und Behagen auslöst. Gazelle kann einem also den Hals umdrehen und man würde dabei glücklich lächeln.

Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? Weshalb umfasst du mich so sehr mit Freundlichkeit und Nähe, wenn doch Dein Wunsch ist, mich auf Distanz zu halten? Wenn Du doch willst, dass Dir niemand zu nahe kommt, wenn Du doch in Wirklichkeit kein Interesse an Vertrautheit hast? Als ob Du sagen wollen würdest, „Du kannst Dich gerne vollständig vor mir ausziehen, ich aber meinerseits ziehe noch eine Regenjacke über all meine Schichten an, das ist meine Form der Blösse“.

Ich versuche immer mal wieder den Nebel wegzuwischen und dahinter zu blicken. Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? In den seltenen Momenten, in denen mir das gelingt, sehe ich noch viel seltsameres. Verlorenheit, Stärke, Macht, Beherrschtheit, Durchsetzungskraft, Schmerz, kindlicher Lebenshunger, trainierte Seelenruhe, stoisches Selbstbewusstsein gepaart mit einer glühenden, zerstörerischen und liebreizenden Verletzlichkeit, die ich so noch nie gesehen habe. Das erste Mal, als ich all dies einen kurzen Augenblick wahrnehmen durfte, war ich mich nicht mehr sicher, ob ich Gazelle mag. Es war einigermassen bedrohlich und es hat mich (natürlich) sehr neugierig gemacht. Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? Jetzt, da ich mich daran gewöhnt habe, ab und zu hinter den Vorhang zu blicken, weiss ich, dass ich Gazelle mag, dass es aber auch fragil ist, dass es wohl noch tausend Schichten gibt, die ich nicht sehe, nicht kenne, vielleicht auch nie kennenlernen werde, dass ich mich auf Überraschungen gefasst machen muss. Gazelle macht es mir also nicht einfach, er wird sogar etwas kratzbürstig, wenn er merkt, dass man versucht mehr über ihn zu erfahren. Um so ungewöhnlicher, dass Gazelle es zulässt, dass ich versuchen darf, ihn kennenzulernen.

Wer bist Du? Warum tust Du, was Du tust? Dazwischen aber – und dies bringt Gazelle ihren Namen ein – diese tänzelnde Fröhlichkeit, diese grazile Verspieltheit, dieses ansteckende Lachen, diese charmante Leichtigkeit, diese ehrliche Zugeneigtheit, diese komplizenhafte Zartheit.
Ja, ich mag Gazelle, ich mag Gazelle sehr.

…and walk!

Put your heart under your feet ... and walk

Heute mal wieder an der Gessnerallee

Als ich heute Mittag das Büro verliess, um einen süssen freien Nachmittag zu geniessen, hat mich ein Obdachloser umarmt. Es hat ganz klassisch, harmlos angefangen. Er fragt mich nach Geld, ich gebe ihm Geld, er sagt danke, ich sage bitte und will mich gerade abwenden, als er seine Arme weit ausbreitet, mich übers ganze Gesicht anlacht, mich innigst in seine Arme schliesst und mir dabei „god bless you“ ins Ohr haucht. Ich bin einigermassen überrascht und muss lachen.

Wir haben also noch ein bisschen gelacht und sind dann unserer Wege gegangen.

An der Gessnerallee dann – bei diesem Durchgang, der zur Löwenstrasse führt, den ich sehr mag – traf ich eine ehemalige Chefin, sie hat mittlerweile schneeweisses Haar. Sie hat mich zu einer Veranstaltung im März eingeladen, ich habe zugesagt und beim Abschied hat sie mir eine Kusshand zugeworfen.

So durch die Stadt zu ziehen, Musik auf den Ohren, den Menschen lachend ins Gesicht zu blicken und fast immer ein Lächeln zurückzubekommen, macht irgendwie froh.
Put your heart under your feet… and walk!

Augen der Grossstadt
(Kurt Tucholsky)

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
Mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hasts gefunden,
nur für Sekunden …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück …
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
Und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

So viel Hölle, so viel Paradies

Oskar Kokoschka: Pieta

Oskar Kokoschka: Pietà (Plakat für die internationale Kunstschau Wien, 1909)

Niemals zuvor habe ich so viel Krampf, so viel Hölle, so viel Paradies gekostet.“ (Alma Mahler über ihre Beziehung zu Oskar Kokoschka)

Heute war ich im Kunsthaus Zürich und habe mir die Ausstellung zu Oskar Kokoschka angesehen. Zum Glück war ich früh da. Als ich ging, enterten gerade riesige Menschengruppen den Eingangsbereich, schupsten sich, stiessen sich Regenschirme in die Kniebeugen, riefen laut, schimpften und muteten ganz grässlich an. Ein weiterer Vorteil, wenn man zu den Frühaufstehern gehört (was ich ja seit neustem tue). Die Ausstellung selbst aber war sehr sehenswert. Mit sechzehn Jahren hatte ich meine erste Begegnung mit den Gemälden von Kokoschka im Rahmen der Ausstellung „Entartet“ in Berlin gehabt. Eine Ausstellung über die verfolgten Künstler des zweiten Weltkriegs, deren Kunst vom Nazi-Regime als „Entartete Kunst“ bezeichnet wurde. Es war also auch ein Wiedersehen nach langer Zeit. Kokoschka und ich.

Es hatte auch ein Nachbildung der lebensgrossen Puppe, die Kokoschka nach dem Vorbild von Alma Mahler anfertigen liess, da sie ihn verlassen hatte. Nachdem er die Puppe hunderte Male gezeichnet hatte, sie überall hin mitnahm, sogar ins Café, fand sie ein fulminantes Ende.
Oskar Kokoschka: „Endlich habe ich mich entschlossen, sie zu vernichten. Die Puppe hatte mir die Leidenschaft gänzlich ausgetrieben. Ich machte also ein großes Champagner-Fest mit Kammermusik, während dessen mein Kammermädchen Hulda die Puppe mit all ihren schönen Kleidern zum letzten Mal vorführte. Als der Morgen graute – ich war wie alle anderen sehr betrunken – habe ich im Garten der Puppe den Kopf abgehackt und eine Flasche Rotwein darüber zerschlagen. Am nächsten Tag schauten ein paar Polizisten zufällig durch das Gartentor, erblickten wie sie meinten den blut überströmten Körper einer nackten Frau, und stürzten in der Verdächtigung eines Liebesmordes ins Haus hinein. Genau genommen war es das auch, denn an jenem Abend hab ich die Alma ermordet…

Auch ein Weg der Bewältigung, nicht wahr? Da sind Badana und ich gerade harmlos, die das Bildnis von verflossene Liebhabern am Strand von Odessa begraben oder aber in die Alster werfen.

Sommerhaus, Kater

Hasenviech: Keinen Bock mehr auf Gejammer

Hasenviech: Keinen Bock mehr auf Gejammer

Ich habe einen Kater. Keinen klassischen Kater vom Alkohol. Wenn man das Leben gefährlich lebt – wenn man überhaupt lebt, so wie ich mein Leben verstehen möchte und (Gott sei Dank) auch gerade verstehen darf – sind solche Katertage ab und zu Usus. Dann ist mir schwindlig, als wäre ich, nach fünf Portionen Zuckerwatte, zehn Runden Achterbahn gefahren. Ich möchte mich in die nächste Hecke übergeben und danach tanzen gehen. Aber heute gehe ich nicht tanzen, ich habe mich dagegen entschieden. Denn wenn man einen Kater hat, sollte man diesem Rechnung tragen, um sich nicht noch einen richtig ausgewachsenen Psychokater einzufangen. Nachdem ich gestern mit meinem dreijährigen Neffen zu Queen im Wohnzimmer rumgehüpft bin (O-Ton Neffe: „Das isch aber no luschtigi Musig!“), was wahnsinnig gut getan hat, hab ich erstmal richtig geschlafen. Und heute dann hab ich Hasenviecher-Bilder produziert. Ganze sieben Stück. Jetzt fühlt sich mein Inneres bereits schon aufgeräumter an und mein Kopf ist klarer.

Das Problem an dieser Art Kater ist ja, dass er einen zwingt nachzudenken. Und wenn man Sachen intensiv erlebt, dann hinterlässt das auch immer so eine tiefe, bodenlose Traurigkeit. Darüber, dass diese Momente bereits vergangen und so nie wiederkommen werden. Das Nachdenken über die glühenden Momente, die gerade erst vergangen, trägt einen weiter in die Vergangenheit, zu anderen Erinnerungen und so weiter. Wie auf einem Fluss, der erst langsam zieht, der dann aber an Geschwindigkeit gewinnt, bis er reissend wird und man keine Ahnung mehr hat, wie man – zur Hölle – ans Ufer gelangen soll. Man möchte anhalten, den Fuss auf den Boden stellen, vom Karussell springen, die Zeit zurückdrehen.

Kann man aber nicht. Man muss all diese Gefühle fühlen, man muss die Schwermut durchschreiten. Es gibt keine Abkürzung, da muss man durch, bis man am Ende angelangt, bis es vorbei ist. Man muss damit leben. Auch mit allen Fehlern, von denen man, gerade in so Herzblut-Zeiten, einige begeht. Kopf hoch. Alles wird gut.

Hasenviech: Ein echter Drahtseilakt

Hasenviech: Ein echter Drahtseilakt

Ich verspüre eine Eifersucht auf alle Winter, die du haben wirst, ohne mich.
(Judith Hermann: Sommerhaus, später)

Don’t stop me now

Ich trinke rauchigen Whisky und höre Musik. Ich liebe rauchigen Whisky (und nur rauchigen). Ich halte meine Nase tief ins Glas.

I’m a shooting star, leaping through the sky
Like a tiger defying the laws of gravity

Ich halte meine Nase tief ins Glas und der Geruch erinnert mich an die Holzbalken in K.’s Wohnung. An die Offenbarung, an das Bärenfell vor dem Kamin, an die Anfänge, an meine angezogenen Knie, daran klar zu sein.
Ich halte meine Nase tief ins Glas und der Geruch erinnert mich an H.’s schmale Wohnung in der Nähe von Düsseldorf. An die kartonartigen Brötchen zum Frühstück, an die Ausgelassenheit, an die tausend Möglichkeiten, meine warmen Hände, die Vielfalt, daran frei zu sein.
Ich halte meine Nase tief ins Glas und der Geruch erinnert mich an den weichen Teppich in A.’s Wohnung. An die Zigaretten, durch die Dachschräge geraucht, an die Zugewandtheit, an die kuschlige Bettdecke, an das Geheimnis, an das Feuer, daran kühn zu sein.

Tonight, I’m gonna have myself a real good time
I feel alive and the world I’ll turn it inside out
And floating around in ecstasy

Vergangene Bilder – zukünftige Bilder. Seit der Zugang in meinem Hirn wieder frei ist, bin ich so unglaublich glücklich, so atemberaubend irre glücklich, es ist kaum auszuhalten. Letzte Woche hat mir jemand gesagt, ich sähe Morgens schön aus. Vielleicht wie das Morgengrauen? Das frühe Licht, das über den Horizont bricht? Wie das Knirschen des noch gefroren Bodens, die kalte Luft, der erste Atemzug auf der Türschwelle.

I’m traveling at the speed of light
I wanna make a supersonic man out of you

Gestern habe ich Theater gespielt. Improvisationstheater um genau zu sein. Das hat froh gemacht, ist mir unter die Haut und eröffnete mir eine andere Welt. Wir sollten alle durch Welten reisen, jederzeit bereit sein auszusteigen, den anfahrenden Zug zu verlassen, von der Schwelle zu springen, uns umzusehen, einzutauchen, kurz zu verweilen und dann und dann und dann bereit sein weiterzuziehen, der Abendstunde entgegen.

So don’t stop me now don’t stop me
‚Cause I’m having a good time, having a good time

Karotten

You ask “What is life?” That is the same as asking “What is a carrot?” A carrot is a carrot and there’s nothing more to know. 
(Anton Chekhov — Letter to his wife, Olga Knipper Chekhov, 20. April 1904)

Vor mir liegen ein paar Karotten. Es sind mehr als fünf Stück, vielleicht sieben. Es könnten auch acht sein, es ist nicht ganz einfach abzuschätzen. Im Dämmerlicht meiner Küche wirken sie nicht orange, eher braun. Ich frage mich, ob sie süss sind oder bitter. Es sind verhältnismässig kleine Karotten, ich tippe daher auf süss.

Ich möchte Dir von Lysander erzählen, der hat so eine Mauer um sich aufgebaut. Der lässt niemanden wirklich an sich ran. Das erzeugt beim Gegenüber ein seltsames Gefühl, da man sich nie ganz sicher sein kann, da man vermutet, er verberge etwas. So ein gefühlsmässiges Schielen. Ich habe ihn gefragt, warum das so sei, was er denn zu verbergen suche. Er hat mir geantwortet, er würde einfach ungern andere an sich ranlassen, alles von sich zeigen. Er hätte vor einigen Jahren schlechte Erfahrungen gemacht und deshalb wolle er nicht mehr viel von sich preisgeben.
Mit meiner Frage habe ich ihn überrascht, ja, gar überrumpelt. Und plötzlich, durch meine unverhoffte Frage, mit der er so gar nicht gerechnet hat, in diesem Moment sah ich auf seinem Gesicht dieses durchscheinende Glimmen, diese ganz spezielle Form der Trauer, diese erschütternde Beherrschtheit, diese kraftvolle Desillusionierung und dann darunter, nur für eine Sekunde, sah ich die Verletzbarkeit, diese Form der Verwundbarkeit, die von aussergewöhnlicher Anmut ist. Ich habe mich gefragt, ob man es ihm jemals begreiflich machen kann, wie schön, wie gross und wie stark seine Verletzlichkeit ist und wie unnötig seine Abschottung.

Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, du wärst aussergewöhnlich mutig. Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, Du wärst nie verzagt. Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, Du würdest diese Mauer aus Sarkasmus und Zähheit ablegen. Könntest Du Dich durch meine Augen sehen, Du würdest Dich ausgesprochen mögen.

Vor mir liegen ein paar Karotten. Es sind mehr als fünf Stück, vielleicht sieben. Es könnten auch acht sein, es ist nicht ganz einfach abzuschätzen. Im Dämmerlicht meiner Küche wirken sie nicht orange, eher braun. Ich frage mich, ob sie süss sind oder bitter. Es sind verhältnismässig kleine Karotten, ich tippe daher auf süss…