D Chatz gaat uf Walliselle

Letzte Woche ist mal wieder wahnsinnig viel passiert, es scheint, als lebte ich gerade drei Leben gleichzeitig. Es ist schwierig sich an alles zu erinnern, so wie man sich erinnern sollte. Sorgfältig. Deshalb – liebes Hasenherz der Zukunft – hier die Liste der Kalenderwoche 13:

  • Sonntag: Ein langer, schöner Tag Improvisationstheater. Rrrrrrrrrrrrrendering! Formvollendet, formschön. Sket-ching!
  • Montag: Präsentation eines privaten Projekts. Zustimmung und Anerkennung.
  • Dienstag: Ein unvermuteter Abend mit Fussballmatch, Bier und zwei sehr speziellen Gesprächen. Über Liebe und Anziehung den den ganzen Kram. Das erste Gespräch war sehr warm, sehr versöhnlich und entwaffnend offen. Das zweite Gespräch war überraschend, relativ kalt und dennoch mit einem gewissen Unterton versehen. Im Stil von: Ich zeige Dir mein kaltes Herz und obwohl es kalt ist, ist es dennoch mein Herz.
  • Mittwoch: Ein verblüffend schöner Abend. Mit Hipster-Bar, Sushi-Dinner und Jazz-Konzert. Dieser Abend hat mal wieder gezeigt, dass sich Andersartigkeiten und Klischees doch überwinden lassen. Mit Offenheit und Neugierde ist alles möglich.
  • Donnerstag: Ein wunderschöner Tag mit meinem Herrn Neffen am See. Picknick, Glacé und gaaaaanz viel rennen. Danach ein ganz anderer und dennoch sehr netter Abend. Spröder als Mittwoch – erstaunlicherweise. Aber auch hier gilt: Mit Zuneigung überwindet man sogar heikle Glaubensfragen. Dass ich an den Zufall und das Chaos glaube und keinen Sinn erkennen kann, ist nicht einfach zu akzeptieren für jemanden, der spirituell veranlagt ist.
  • Freitag: Herzerfrischende Therapie-Stuhl Session im Büro. Danach ein lustiger und unverhoffter Spaziergang nach Wallisellen bei schönster Frühlingsluft. (Aazelle, Bölle schelle, d Chatz gaat uf Walliselle, chunt si wider hei, hät si chrummi Bei, piff, paff, puff und du bisch ehr und redlich duss.) Danach endlich: Heimkommen. Mit grosser Wärme empfangen werden. Lachen, Spaghetti-Plausch und lange schlafen.
  • Samstag: Ein echt guter und sehr schwerer Escape Room im Technorama Winterthur. Danach Winterthur von seiner schönsten Seite: Draussen sitzen, Sonne tanken, seltsame Biere trinken, rumspinnen und doch gute Gespräche führen. Krönender Abschluss war dann die Einweihung von Häschens Terrasse.

In diesem Sinne: Auf eine neue Woche, ein Hoch auf Woche 14!

Applaus, Applaus!

Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte.“ (Christian Morgenstern)

Die Ballettaufführungen im Zürcher Opernhaus haben einen speziellen Charakter. Und ich spreche jetzt nicht nur von den Stücken selbst, die meistens wirklich grosse Klasse sind. Nein, ich spreche von der Stimmung des Publikums. Ich mag besonders den Schlussapplaus. Der ist immer, immer, immer tragend, lang und irgendwie ehrlich. Eigentlich müsste man nur schon deswegen eine Vorstellung ansehen gehen, um dieses aus dem Dunkel aufsteigende Tosen, dieses Entzücken, diese pure Vitalität zu spüren. Meistens weine ich ab der Schönheit schon während der Vorstellung, am Schluss weine ich mit Sicherheit. Die alte Dame, welche jetzt schon seit geraumer Zeit den Platz neben mir einnimmt, schaut mich dann immer wissend und irgendwie mütterlich besorgt von der Seite an.

Gestern sass ich nach der Arbeit auf dem Sechseläutenplatz, wo die Sonne abends sehr lange scheint und wo die Menschen auf den Stühlen, auf dem Boden, auf der Treppe sitzen. Wir tranken ein Büchsenbier, rauchten Zigaretten und gepaart mit der Sonne hatte dieser Augenblick etwas anrührendes, etwas versöhnliches, liebreizendes, graziles, anmutiges. Wäre man es nicht längst, man hätte sich in diesem Moment in das Leben verlieben können.

Danach hatte ich exakt 45 Minuten Zeit, um nach Hause zu kommen, mir ein Ballett-taugliches Kleid überzuwerfen, mit zitternden Fingern Nylons überzustreifen, Heels und einen Mantel zu schnappen und den gleichen Weg zurück zu hasten. Fünf Minuten bevor die Vorstellung begann, war meine Reihe bereits komplett. Da sich mein Platz in der Mitte befindet, musste die halbe Reihe aufstehen. Ein distinguierter Herr meinte dann auch ziemlich belustigt: „Sie können doch nicht so spät eintreffen mit diesem Platz!“ Die ganze Reihe lachte, ich errötete. Als es dann Dunkel wurde und die Musik erklang, roch ich, dass meine Haut diesen wunderbaren Geruch von der Sonne angenommen hatte – endlich Frühling!

Ballett Zürich: Nijinski

Ballett Zürich: Nijinski

Minibar

Heute sass ich nach meiner monatlichen Blutabnahme an der Tramhaltestelle, die Beine in der Sonne, der Kopf nach hinten gelehnt im Schatten, Musik auf den Ohren. Es war warm, die Luft aber war kalt. Ich schloss die Augen, genoss die kalte Luft, die Sonne, die meine Beine wärmte und war mal wieder höllisch glücklich.

Wie heute mein eventuell zukünftiger Chef am Telefon sagte: Es geht um die kleinen Dinge, man kann die Welt nicht retten, viele kleine Dinge ergeben aber auch was Grosses.

Hast Du es heute schon probiert? Die Augen zu schliessen und Dich an einen Ort zu denken, der glücklich macht? Bei mir war das heute ein Hotelzimmer mit Minibar (nicht so ne krämerisch traurige Minibar, sondern ne verblüffend grosszügige Minibar). Wenn man aus der Tür auf die Terrasse tritt, erstreckt sich vor einem die blaue karibische See. Es ist ruhig, man hört die Wellen und den Wind in den Palmen. Es ist warm und die Luft ist feucht. Man atmet also dieses grossartige Äquator-Klima, diese wundervolle Süsse in der Luft, gespickt mit dem Salz des Meeres. Man blickt auf Blau in Blau und überlegt sich, ob man jetzt schon schwimmen gehen soll oder erst später.
Abends dann tanzt man in der Strandbar am Meer zu eigenartiger Musik und singt leise in seltsamen Sprachen.

Verliebt oder nur müde?

Nach diesem wunderbaren Tag voll Sonnenschein, Luft, Licht und Schlaf, lese ich mein altes Tagebuch. Ein Eintrag vom 21. März 1996 lautet so: „Bin ich verliebt oder nur müde? Ein obskures Gefühl auf jeden Fall. Und doch ist es mir heute gut ergangen. Ich habe Glück erfahren.

Es ist spannend, sich so durch die Jahre zu blättern. An viele Dinge habe ich keine Erinnerung mehr. Wer zum Teufel ist Alain? Und wer Eleonore? Würde ich dies Menschen auf der Strasse erkennen? Würde ein flüchtiges Gefühl von Vertrautheit in mir aufsteigen? Oder würde nichts in mir nachklingen? Ich lebe in einer kleinen Stadt. Sicher begegne ich täglich Menschen, die ich mal gekannt habe, die mir mal vertraut waren, deren Namen ich kannte. Oder sind diese Menschen alle ausgewandert? Eleonore lebt heute vielleicht auf einer Farm in Chile. Vielleicht blickt sie jetzt gerade zum Himmel auf, sieht die Wolken ziehen und fragt sich vielleicht, was mit diesem Mädchen ist, das sie mal gekannt hat, an dessen Namen sie sich jedoch nicht erinnern kann. Alain vielleicht lebt in Paris und hat gerade seine drei Kinder ins Bett gebracht. Ihnen ein Buch vorgelesen und betrachtet sie jetzt lächelnd im Schlaf. Vor dem Fenster zieht der nie ablassende Verkehr vorbei, er ist müde. Oder doch verliebt?

Kinder des Zufalls

Ich lese gerade „Kinder des Zufalls“ von Astrid Rosenfeld. Das Buch ist im neuen und absolut super-fantastischen Kampa Verlag erschienen. Ich mag dieses Buch sehr, ich mag die Figuren, auf die kurz ein Licht fällt, die in ihren Beweggründen und Gedanken so fassbar sind, man könnte meinen, sie seien keine Figuren. Es ist ein Zigeunerherz-Buch, ein Buch über Suchende, die gar nichts finden mögen, ein Buch über Geschichte und Zeit und wie Fäden zusammenlaufen und sich dann verlieren. Ein Buch darüber, wie der Zufall Menschen zusammenführt, sie eine kurze Zeit ein Leben (eine Ewigkeit) teilen lässt, eine Ewigkeit, die Wahrheit ist, momentane ganze Wahrheit und dann durch Zufall wieder aus­ei­n­an­der­drif­ten lässt. „Aller Abschied ist grausam.

Noch bin ich da, noch stehe ich hier, noch bin ich da. Der Tag zieht langsam auf, die Vögel singen, noch bin ich da. Der Kiesweg erstreckt sich vor mir, die Luft ist kalt. Die düsternen Gedanken verfliegen, bei jedem Schritt knirscht der Boden unter meinen Füssen. Ich gehe schneller, mir ist klamm. Beim Tor bleibe ich stehen, blicke zurück an den Ort, wo ich gerade noch stand. Ich drehe mich um, sehe hinunter ins Tal, der Tag zieht langsam auf, die Vögel singen, ich bin gespannt, was der Zufall als nächstes vor meine Türe legen wird. Aller Abschied ist grausam.

Die Gebirge sind stumme Meister und machen schweigsame Schüler

RegennebelDieser Ort hier ist irgendwie magisch. Die Aussicht ist grün und regennass und hinreissend. Man blickt hinunter ins Tal, dort wo das Leben stattfindet, wo Autos fahren und Lichter brennen. Hier aber auf dem Berg, in der Kluft ist alles ruhig. Es ist noch dunkel, das Licht jedoch drückt bereits über den Horizont. Es wird kein schöner Tag mit Sonne und Wärme. Es wird ein „Forks“-Tag. Doch gerade diese Wolken, die klare Luft, der Regen und die Nebelschwaden, die sich durch die schwarzen Bäume drücken, machen diesen Tag zum Ausdruck meines inneren Zustands. Wetter ist sowieso eine ganz famose Art der Ausdrucksweise. In manchen Fällen, wenn das Wetter so gar nicht mit dem inneren Zustand übereinstimmt, kann es anstrengend sein. Liebeskummer im Hochsommer zum Beispiel. Ätzend.

Hier oben ist man weit weg von der Welt. Hier oben ist man irgendwie auch weg von sich selbst und von seinem Leben. Alles verschwindet unter einer Wolkendecke, verblasst im nassen Nieselnebel. Man atmet aus, atmet ein, bekommt kurz Panik, dass einem alles entgleitet, atmet aus, atmet ein, versucht das lose Ende des Gefühls zu fassen, atmet aus, atmet ein, versucht sich zu erinnern, atmet aus, atmet ein, fällt in sich selbst zurück, atmet aus, atmet ein und nimmt es an. Abstand und Vergessen sind vielleicht gut. Meistens bringt uns Distanz ja näher zu uns selbst zurück. Die Geduld wohnt im Tessiner Nebel.

Angsthasen

Bald hab ich ein paar Tage Ferien. Einerseits freue ich mich sehr darauf, andererseits bin ich gerade so unter Strom, dass ich nicht ganz genau weiss, was passieren wird, wenn ich zur Ruhe komme. Wahrscheinlich werde ich krank. Das wäre der Klassiker.

Vielleicht aber auch nicht, vielleicht lerne ich fliegen. Oder aber ich lerne mehr als drei Sätze auf Russisch. Oder ich schlafe vier Tage durch. Vielleicht, vielleicht aber begegne ich einer Hexe, die mir beibringt, wie man unwissende Wesen verzaubert.

E. hat gestern Abend, als wir in der Kino-Bar sassen und Bier tranken, gesagt: Wir sind alle so dämlich, so unendlich dämlich. Wir haben alle Wünsche und Sehnsüchte und setzen uns einfach nicht dafür ein. Wir sind alle – alleallealle – so unvergleichlich bekloppte Angsthasen, würde man nicht mittendrin stecken, könnte man glatt daran verzweifeln.

Johann Heinrich Füssli: Nachtmahr

Johann Heinrich Füssli: Nachtmahr