Wachen, lesen, lange Briefe schreiben

Gestern habe ich eine sehr kryptische Mail von Kauz bekommen. Kauz schreibt, er hätte am Wochenende Gedichte gelesen und bei folgendem Gedicht an mich denken müssen:

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
(Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris)

Das Lustige daran ist, dass ich vor einem Jahr an unserer Familien-Weihnachtsfeier jedem der Beteiligten eine Karte mit Gedicht geschrieben habe. Ein Gedicht, das zur jeweiligen Person passen sollte (den Hintergrund dazu erklär ich jetzt nicht, das wär zu kompliziert und ist eine andere Geschichte). Mir selbst hab ich obiges Gedicht ausgewählt. Es begleitet mich also seit einem Jahr und man könnte es (wenn man daran glauben würde) fast schon prophetisch nennen.

Ich werde gut daran tun, dieses Jahr etwas vorsichtiger zu sein in meiner Gedicht-Auswahl für mich. Vielleicht sollte ich folgendes Gedicht wählen?:

Liebesbrief

So kann es nun nicht weitergehn!
Das, was besteht, muss bleiben.
Wenn wir uns wieder wiedersehn,
Muss irgendetwas geschehn.
Was wir dann auf die Spitze treiben.
Was – was auf einer Spitze tut?
Gewiss nicht Plattitüden.
Denn was auf einer Spitze ruht,
Wird nicht so leicht ermüden.
Auf einer Bank im Grunewald
Zu zweit im Regen sitzen,
Ist blöd. Mut, Mädchen! Schreibe bald!
Dein Fritz! (Remember Spitzen).
(Joachim Ringelnatz)

Kommt Zeit!

Ich und Elfriede, der Kaktus

Ich und Elfriede, der Kaktus

uääääääääääääääääääää!

Was ist am meisten hasse an einem Montagmorgen: Ungerechtfertigte Anschnauz-Mails im Postfach. Es gibt nix schlimmeres. Da ist man doch glatt nen Tag lang mies gelaunt. Aber nicht mit mir! Ha!

Denn ich und mein Büro-Kaktus sind schon beinahe ready den Ort des Geschehens zu verlassen. Nur noch zwei Wochen und einen Tag. Wahnsinn.

Am Wochenende haben Badana und ich eine Gamer-Jungs-Night gesprengt und haben es fertiggebracht, dass die Herren dann doch noch getanzt haben. Dann haben wir morgens um 4 zusammen mit Fäbu eine Telko mit Frankfurt (wars Frankfurt?) abgehalten. Das war lustig! Christian hat uns ohne einmal Atem zu holen seine gesamten Wochenerlebnisse erzählt.
Und mein schönster Wochenend-Moment: In unserer zweiten Heimat wurden wir sehr nett und charmant auf ein Bier eingeladen.

„Die zwei grössten Tyrannen der Erde: der Zufall und die Zeit.“
(Johann Gottfried von Herder)

Grenzlinie

Wenn Vergangenheit auf Zukunft trifftHeute hat ein seltsames Gefühl von mir Besitz ergriffen. Es fühlt sich an, als ob was mit meinem Zuckerspiegel nicht in Ordnung ist. So ein bisschen schwächlich, schwindlig und neblig. Vielleicht liegts ja daran, dass Montag ist und dass ich mich ausgelaugt fühle und etwas festgefahren. Dabei war mein Wochenende sehr schön. Ich habe Alex kennengelernt (eine echt coole Frau, sie führt einen Erotik-Laden), bin mit roten Strümpfen, hohen Absätzen und einem schwarzen, kurzen Rock durch die Weltgeschichte spaziert, habe feinen Geburtstagskuchen gebacken bekommen und war an einem fantastischen Konzert von Lisa Ekdahl. Kein Grund zur Klage. Kein Grund für einen Schwächeanfall. Kein Grund für gar nix.

Aber vielleicht ist das alles ja ganz normal. Vielleicht fühlt es sich einfach so an, wenn Vergangenheit auf Zukunft trifft.

Nun schreite herab, titanischer Bursche,
Und wecke die vielgeliebte Schlummernde dir!
Schreite herab, und umgürte
Mit zartlichten Blüten das träumende Haupt.
Entzünde den bangenden Himmel mit
lodernder Fackel,
Daß die erblassenden Sterne tanzend ertönen
Und die fliegenden Schleier der Nacht
Aufflammend vergehen,
Daß die zyklopischen Wolken zerstieben,
In denen der Winter, der Erde entfliehend,
Noch heulend droht mit eisigen Schauern,
Und die himmlischen Fernen sich auftun in leuchtender Reinheit.
Und steigst dann, Herrlicher du, mit fliegenden Locken
Zur Erde herab, empfängt sie mit seligem Schweigen
Den brünstigen Freier, und in tiefen Schauern erbebend
Von deiner so wilden, sturmrasenden Umarmung,
Öffnet sie dir ihren heiligen Schoß.
Und es erfaßt die Trunkene süßeste Ahnung,
Wenn Blütenglühender du das keimende Leben
Ihr weckest, des hohe Vergangenheit
Höherer Zukunft sich zudrängt,
Das dir gleich ist, wie du dir selber gleichst,
Und deinem Willen ergeben, stets Bewegter,
Daß an ihr ein ewig Rätselvolles
In hoher Schönheit sich wieder künftig erneuert.
(Das Morgenlied von Georg Trakl)

Rasch, auf die Wange

Wenn ich winken muss, werde ich winken.Abschiede sind immer schwierig. Heute ist der letzte Arbeitstag von Zoé. Genauer: der letzte Arbeitstag den Zoé und ich gemeinsam haben. Und auch ich werde nicht mehr lange arbeiten, wo ich gerade arbeite. Manchmal stimmt mich das traurig. Denn ich mach die Arbeit gern und ich liebe das Team. Es wird mich schwer fallen, hier wegzugehen. Andererseits freue ich mich auf mein Leben ab Dezember. Ich freue mich auf die Freiheit, auf die Abenteuer, auf die Zeit. Das erste Mal im Leben gebe ich mir Raum um zu tun, was mir gerade einfällt. Viel zu lange habe ich gewartet. Natürlich. Ich habe auch Angst. Was fängt man mit Freiheit an? Wohin streben die Gedanken, wenn man Zeit hat sich Gedanken zu machen? Was tut man mit seinen unruhigen Händen, wenn man nicht tausend Sachen gleichzeitig erledigen muss? Wie fülle ich den Raum, der momentan leer ist – nur ein paar Staubknäuel enthält? Vielleicht schliesse ich zuerst die Fenster, vielleicht lege ich Kissen aus, vielleicht zünde ich eine Kerze an, vielleicht male ich ein Bild und hänge es an die leere, weisse Wand. Vielleicht lade ich Freunde ein und spiele mit ihnen – auf dem Fussboden sitzend – das Flaschenspiel. Vielleicht lache ich und vielleicht weine ich auch einbisschen. Ganz sicher aber werde ich endlich mal wieder atmen. Richtig tief einatmen.

„Wenn dein Schiff fährt, wird es fahren.
Wenn ich winken muss, werde ich winken.
Wenn ich dich zum letzten Mal küssen darf, werde ich es so tun, rasch, auf die Wange.“
(Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan)

Somebody

Am Freitagabend waren wir in unserer zweiten Heimat und haben uns das Rusconi Trio angehört. Sehr schön! Auf Wunsch des Zweite-Heimat-Personals haben sie „Somebody“ von Depeche Mode gespielt: weich und warm. Das hatte zur Folge, dass mir das Lied das ganze Wochenende über wie verstaubte Spinnweben im Kopf hing:

I want somebody to share
Share the rest of my life
Share my innermost thoughts
Know my intimate details
Someone wholl stand by my side
And give me support
And in return
Shell get my support
She will listen to me
When I want to speak
About the world we live in
And life in general
Though my views may be wrong
They may even be perverted
Shell hear me out
And wont easily be converted
To my way of thinking
In fact shell often disagree
But at the end of it all
She will understand me

I want somebody who cares
For me passionately
With every thought and
With every breath
Someone wholl help me see things
In a different light
All the things I detest
I will almost like
I dont want to be tied
To anyones strings
Im carefully trying to steer clear of
Those things
But when Im asleep
I want somebody
Who will put their arms around me
And kiss me tenderly
Though things like this
Make me sick
In a case like this
Ill get away with it

Samstags waren wir am Fabritzke-Fest und haben uns Von Der Burg angehört. Boris von Von Der Burg hat ne wahnsinnig schöne Stimme. Das Fabritzke-Fest war seltsam und lustig und vor allem eins: spannend. Hab mit vielen Leuten geredet (ja, Regenherz, GEREDET) und einiges über alternative Wohnformen erfahren. Zum Beispiel wie das so mit dem Sex läuft, wenn 6 Personen in einem (zwar sehr grossen, aber trotzdem EINEM) Raum wohnen. Neugierig? Zu meiner Enttäuschung musste ich feststellen, dass da nichts läuft. Ein grosser Raum, 6 Menschen = Tote Hose. Da weicht man dann gern in ein Stundenhotel oder in die Berge aus. Wurde mir gesagt. Hehe.
Einbisschen traurig wurde ich, als ich mit der Idee konfrontiert wurde, man würde mir am Sonntagmorgen die Sonntagszeitung vorlesen und Kaffee ans Bett bringen wollen. Zwei Dinge, die ich liebe und trotzdem ausschlagen musste. Ich habe dann am Sonntagmorgen staubgesaugt – ein schöner Ersatz!
Guten Wochenstart wünsch ich euch!

Eine Nacht im Teufelhof

Was für ein Wochenende. Es hat schon so richtig gut begonnen: Fischlifox hatte am Freitag Geburtstag und die coole Clique hat es sich nicht nehmen lassen bis morgens um 6 diesen besonderen Anlass zu feiern. Häschen und ich haben ziemlich peinliche Sachen geboten. Zum Beispiel sind wir in unserer zweiten Heimat hingefallen und haben Biergläser und andere Gäste mitgerissen. Der Abend war so richtig toll. Meine Arme tun mit zwar etwas weh (an jedem Oberarm hab ich eine Bisswunde – links von Häschen, rechts von Spidy).

Am Samstag fuhr ich mit Badana nach Basel Jess Jochimsen gucken. Auch ein schöner Abend! Wir haben so lange mit Jess geplaudert, bis wir den letzten Zug verpasst haben. Jess war so nett, uns sein Hotelzimmer anzubieten – er fuhr nach Hause und brauchte es nicht. Wir durften also im Hotel Teufelhof im Anna-Rudolf-Zimmer in weichen Federbetten übernachten. Ein Traum!
Sonntag dann arbeiten und abends auf das letzte Bier der Woche in die zweite Heimat. Da habe ich Jean-Irgendwas kennengelernt. Geredet bis morgens um halb zwei. Nun. Und ich bin nicht mal müde. Mein Herz ist mal wieder in den Zaubertrank gefallen. Auch gut! Ausnutzen! Hehe…

Tu deine Flügel auf!

Szene aus "Berliner Reigen". Ein Film frei nach Schnitzlers Drama "Der Reigen"

Szene aus "Berliner Reigen". Ein Film frei nach Schnitzlers "Der Reigen"

So, stilles Dunkel,
tu deine Flügel auf!
Sei mein einzig Funkel
in hellem ewgen Lauf.

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Grade im Vollstress bei der Arbeit. Und zwischendurch – sozusagen zur Entspannung – kurz ein kleines Gedicht geschrieben. Mitten auf der Grenze zum hysterischen Zappeln.

Zum Glück hab ich den Schnitzler, den ich gerade lese. Seine Theaterstücke. Wirklich wunderbar vergnüglich.

Das ewige Schweigen macht mich schaudern

„Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern.“ (Blaise Pascal)

Gestern Abend habe ich mich zurückversetzt gefühlt in meine Teenager-Zeit. Wir suchten stundenlang eine Party (haben das Langstrassentunnel bestimmt etwa 10 mal durchquert), dabei billigen Wein aus Flaschen getrunken, setzten uns dann irgendwann auf einen Treppenabsatz und haben geraucht und gelacht und geschwatzt, bis die Kälte unangenehm vom Betonboden aufstieg. Es haben nur noch die feuchten Erdbeerlabello-Küsse gefehlt.

Sobald wie aufgegeben hatten die Party zu suchen, wurde der Abend richtig lustig. So, wie Balzac sagt: “ Vergnügen suchen, heisst das nicht, Langeweile zu finden?“
Gestern war sowieso ein sehr ereignisreicher Tag. Wirklich. Es war so ein Lichtwechseltag. Ein Tag, der wie Wasser wirkte, das im Boden versickert.
Hach, was solls. So schlittere ich halt. Schlittern kann Spass machen. „Ein Narr ist ein Mensch, der nie im Leben ein Experiment gewagt hat.“ (Erasmus Darwin)

Heimweh nach Romoos

Änziloch

Änziloch

Am Wochenende waren Badana und ich unsere Starautorin in Romoos besuchen. Romoos ist ein kleines Dorf im Entlebuch. Und ganz in der Nähe vom Änziloch gelegen. Wir waren dann auch das Änziloch besuchen – es war wunderschön.

Am Abend war Dorffest. Badana und ich haben uns riesig gefreut. 20 Kafi Chueschwanz und ein paar Stunden später lagen wir morgens um 6 auf dem Sofa des Gemeindeammanns und wurden bekocht. Um genau zu sein: Uns wurde Rösti gekocht. Fantastisch, nicht wahr?

Hach. Ich hab Heimweh nach Romoos. Dort waren die Wiesen so grün und die Sonne hat uns gewärmt und die Leute waren schrecklich nett und die Betten weich und der Hansi hat so schön gesungen und wir haben viel gelacht.

Ach ja, den Tombola-Hauptpreis hab ich auch noch abgeräumt. Ich, die ich normalerweise nichts gewinne. Gestern bin ich dann also mit einem wahnsinns Fress-Geschenkkorb nach Hause gekommen. Fäbu und Izzie haben nicht schlecht gestaunt…

Und jetzt sitz ich wieder in der stinkigen Stadt und blicke zum grauen Himmel auf.
Bläh!

„Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die Entfernung an.“
(Marie von Ebner-Eschenbach)