Lieber Gott, viel Spass!

Also ich süsse zwanzig war und im Diogenes Verlag in der Pressestelle arbeitete, nahm ich unter anderem auch Anrufe entgegen. Eines schönen Tages hatte ich einen Herrvonbülow am Apparat, der eine sehr angenehme Stimme hatte. Einige peinliche Missverständnisse später klärte er mich auf, dass er Loriot sei. Ich wär am liebsten in den Boden versunken. Er aber hat sein Kopfschütteln hinter Schmunzeln und Höflichkeit verborgen. Und heute nicht mehr als dies:

Eines meiner Lieblingsbilder von Loriot

Eines meiner Lieblingsbilder von Loriot

Der Boden, auf dem alles wächst

Das ist also so ein Abend, der in seiner Unzulänglichkeit trotzdem gelingt. Es war nicht einfach. Und du, Badana, hast es einfacher gemacht. Erträglicher. Ich lebe und liebe und hadere und bei allem, was ich tue oder eben nicht tue, bist du anwesend. Du bist sozusagen der Motor, das Herz, die innere Schlagader. Ich verzweifle manchmal an dir – wir erzeugen Wärme und genau diese Wärme lässt mich am Leben. Mich an dich zu krallen, wenn ich zu sinken drohe, mich an deiner Stärke aufzuladen, dich aus dem Abgrund zu ziehen, das alles gibt mir Sinn und Halt. Sei gewiss: ich bin da und gehe nicht weg. Du bist großartig. Du bist der Boden, auf dem alles wächst. Und ich danke dir dafür. Danke, Süße, du bist ein Geschenk. Ohne dich wären alle Ausschweifungen der bloße Gang zur Bank. Volim te.

Dodirni Mi Kolena

Es ist gut zu wissen, dass man ein Herz hat und Gefühle und auch Traurigkeit. Es ist gut zu wissen, dass man Freunde hat, mit denen man um einen Tisch sitzen kann. Es ist gut zu wissen, dass man lebt und atmet und hustet. Die Dinge verbringen Zeit und ich verlasse mich dabei. Rutschen wir nicht alle manchmal auf den Knien und flehen einen imaginären Gott an, er möge uns verzeihen? Absolution gibt es nicht. Für nichts. Und dann blick ich auf den See und weiss, dass alles gut wird.

Die Kälte hat uns eingeholt. Es war eben noch dreissig Grad warm und jetzt, jetzt ist es kalt. Ich höre eine sehr seltsame Techno-Version von „Dodirni mi kolena“ und find das grad gut. Es ist gut zu wissen, dass man Dinge, die einem nie im Leben gefallen würden, gerade gut finden kann.

Hej na sveze mleko mirise dan
ptice pevaju na sav glas
jutro njise vetar, dodirni mi kolena
to bih bas volela

Und die Tage, die riechen wirklich nach frischer Milch. Wenn ich mir das vorstelle, möchte ich lachen. Auf dass du noch oft meine Knie berühren magst, dass es nie vorbei geht, dass sich daraus die schnellste, längste und schönste Ewigkeit ergibt.

Meine Küchenuhr zeigt zehn nach zwei und die Kirchenuhr schlägt die volle Stunde. Wie lange kann man sein Herz offen tragen, ohne daran zu verzweifeln? Wie intensiv kann man sein Leben leben, ohne daran zu zerbrechen? Wie sehr kann man die Welt in sich aufsaugen, ohne alles zerstören zu wollen? Alles was ich weiss und was mir bleibt ist Folgendes:

Im Takt der Stunde fällt Schnee auf Grau.

Ich habe mich gefangen und gleichermassen befreit.

Ich seh mich, wie ich gehe, damals, als ich unglücklich war.

Und daneben stehe ich, jetzt, da ich glücklich bin

und hebe die Hand zum Gruss.

Scheu lächle ich und sehe, wie der Schnee auf Asphalt schmilzt.

Wenn ich du wäre, würde ich leben wollen –

schreie ich mir hinterher.

Ich aber bin längst um die Ecke gebracht.

In der Nase Theater spielen

Eigentlich hab ich ja gar keine Zeit. Eigentlich müsste ich ja duschen und so. Aber ich sitz in meiner Küche, etwas erschlagen vom Tag und den Tagen zuvor und plötzlich lach ich laut raus, pruste über den leeren Küchentisch. Ich hab mich gerade daran erinnert, dass Izzie – als wir in Riga in einem Restaurant sassen – sagte, der Typ hinter ihr rieche wie ihre erste Liebe, sie werde sozusagen gerade in der Nase entjungfert. Wir haben sehr gelacht und das Bild ist mir gerade wieder eingefallen. Vielleicht fiel es mir ein, weil ich heute im Büro (ich war für ein paar Stunden da, weil mein Chef eine Erziehungsmassnahme an mir ausprobierte und ich ihn dafür strafte, in dem ich zum Trotz hinging, womit er eigentlich gar nicht gerechnet hatte) die ganze Zeit über den Duft von einem Arbeitskollegen in der Nase hatte. Menschen die ich mag riechen immer gut (die Frage ist, ob sie gut riechen, weil ich sie mag oder ob ich sie mag, weil sie gut riechen) und manchmal nimmt man den Geruch besonders gut wahr, vielleicht wegen der Hitze oder vielleicht auch wegen anderen Verstrickungen, die ab und zu im Kopf Theater spielen. Wie auch immer. Ich hab in der Folge also über meinen Geruchsinn nachgedacht, der nachgewiesenermassen ziemlich gut ist. Zum Beispiel passiert es mir oft, dass ich die Ankunft eines Menschen zuerst mit der Nase wahrnehme.
Der Geruch geht direkt ins Hirn, da gibt es keine Filter wie zum Beispiel bei den Augen oder Ohren. Zack. Mitten in der Mitte. Und die Gefühle sind da, als wären sie Pan, der mit seiner Plötzlichkeit regelmässig seine armen Mitspieler zu Tode erschreckte. Wenn ich zum Beispiel bei Zeko alleine auf dem Sofa sitze – was in letzter Zeit doch ab und zu mal vorkommt – hüllt mich sein Geruch voll und ganz ein, einer Umarmung gleich. Das ist schön und ein schönes Beispiel für einen ausgeprägten Geruchsinn. Es gibt natürlich auch andere Beispiele. Zum Beispiel S12 fahren im Sommer und das Gefühl haben, man sässe in einem Openair-Dixie-Klo.

Plaudertaschen

Heute morgen bin ich von einem Helikopter geweckt worden, der über unserem Haus Kreise zieht. Ich schlug die Augen auf und stöhnte: „Ahhhhh. Streetparade.“ Zu allem Elend hab ich auch noch Kopfschmerzen. Um Abhilfe zu schaffen, holte ich mir einen Kaffee ins Bett, schmiss ein Schmerzmittel ein und hörte SoKos wunderbares Lied: shitty day. Dann ging es mir wieder gut und die Streetparade kann mich mal kreuzweise.

Gestern hab ich Dialoge schreiben geübt. Dialoge sind nicht ganz einfach, finde ich. Ich falle immer gleich aus dem Ton raus, wenn ich Dialoge einbaue. Und drum: Üben, üben, üben:

Was hast du vor?
Nichts.
Sieht mir aber nicht nach nichts aus.
Was denkst du denn, was ich vor habe?
Keine Ahnung. Darum frag ich ja.
Ach, so.
Hmm… Du, sag mal, wozu ist dieses weisse Pulver gut?
Keine Ahnung. Das lag schon da.
Ah. Und was tust du damit?
Och. Nichts.
Aber ich seh‘ doch, dass du vorhin…
Jetzt hör schon auf! Was ist denn los mit dir heute morgen? Hast deine Tage?
Nein! Nichts.
Na, also… Komm her.
Ich wollte doch nur wissen, was du so tust.
Aber das siehst du doch, Schatz. Nichts.
Dann ist ja gut.

Jetzt hört jemand ziemlich laut Ländler. Wahrscheinlich, um dem Uzuzuz… entgegenzuwirken. Am Streetparade-Wochenende werden alle hier in der Gegend irgendwie crazy. Wahrscheinlich weil die Parade gleich unter unserem Fenster durchgeht und unser Haus Tag und Nacht von pissenden, schlafenden, verwirrten, fröhlichen, komischen, schielenden, traurigen, ausgelassenen Menschen belagert wird. Und das immer schön mit Beat untermalt. Das hält niemand lange aus. Und auch ich flüchte heute Abend. Mitten ins „Rote-Lippen-Griechischer-Wein“-Stadtfest. Auch nicht besser. Aber immerhin ne Abwechslung. Und schlussendlich kommt es ja sowieso nur auf die Gesellschaft an, nicht wahr, Igor? Eben.

Als ich gestern Nacht nach Hause gekommen bin, sassen bei uns in der Küche vier Jungs und zwei Mädchen und sie spielten Gitarre und sangen lustige Lieder. Ich mag das, diese Küchenüberraschungen.

Jetzt auch noch die Kirchenglocke obendrauf. Na, super. Wir fassen zusammen: Uzuzuzuzuz… & Ländler & SoKo & Kirchenglocken. Ich glaub, ich hol mal den Pamir aus dem Keller. Shüzzle!

Dando gritos

Das passiert, wenn man mir einen Edding und Zeit zur Verfügung stellt.

Das passiert, wenn man mir einen Edding und Zeit zur Verfügung stellt.

Es gibt da eine Gedichtzeile von Pablo Neruda, die mir heute nicht aus dem Kopf geht: Venid conmigo al día blanco que se meuere dando gritos de novia asesinada. (Tretet ein mit mir in den weissen Tag, der da stirbt unter Schreien wie eine ermordete Braut.) Ein gutes Motto für diesen Tag.

„Ich liebe es, dich im Coop zu küssen.“, hab ich heute gesagt, zwischen Büchsenravioli und Petersilie. Mit meinen hohen Hacken (die ich heute trage, um mir zu beweisen, dass ich noch immer da bin und lebe) bin ich fast so groß wie du und schaue dir direkt in die Augen.

Vor zehn Jahren, als ich genau jetzt (exakt zu dieser Uhrzeit, exakt an diesem Tag) aus diesem Haus strauchle und völlig neben mir den Hügel hinab Richtung Limmat torkle, hätte ich nie gedacht, hätte es nicht für möglich gehalten, dass es je wieder möglich sein wird im Coop zwischen Büchsenravioli und Petersilie zu einem Menschen zu sagen: „Ich liebe es, dich im Coop zu küssen.“
Und darum nun das letzte Mal (und dann ist gut): Danke für dieses zweite Leben, danke für diese zusätzlichen zehn Jahre, danke für all die Freundschaft und Liebe, danke für die Schönheit und ganz besonders danke für den Schmerz (denn dieser zeigt mir, dass ich am Leben bin und noch immer atmen darf). Ich bin der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Auf weitere zehn Jahre!

Mit sehr viel Wasserspühlung

Am 1. August sass ich ziemlich unverhofft auf einem Sofa und trank türkischen Kaffee und Schnaps. Zuvor war ich sehr herzlich empfangen worden – ich bin mir das nicht gewohnt. Aber ich mag es, ich mag es sehr.

Eine Woche zuvor war ich mit meinen zwei WG-Hasis durch Rigas Gassen gestrauchelt. Welch schöne Stadt! Nach einem kurzen Abstecher in einen paradiesischen Garten im Tessin nun also wieder Alltag, der sich momentan so überhaupt nicht nach Alltag anfühlt. Mir kommen Dinge abhanden in dem Masse, wie ich andere Dinge dazugewinne. Und die Geschwindigkeit in der das geschieht, macht mich schwindeln. Leben auf der Achterbahn.

„Sie hören weit, Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen mordern.
Die Erde ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspühlung.“ (Erich Kästner)

Zwischen dem ganzen Atmen und Zähneputzen und Fernhören blicke ich mich im Spiegel an und erkenne mich nicht wieder.