Bekenntnis

Sitze in der S-Bahn, habe bis jetzt gearbeitet. Höre ein Lied, das mich an Knutschen hinter einem Selecta-Automaten erinnert. Und mich befällt – wie es wohl den meisten sehr fröhlichen Menschen eigen ist – eine plötzliche, tiefe Traurigkeit. Die Traurigkeit reicht ins Unermessliche. Ist bodenlos und schließt alles und jeden mit ein. Hab ich nicht schon alles erlebt? Was möchte ich denn noch? Was hält mich hier? Alles. Und jetzt gerade nichts.
Später werde ich noch in unsere zweite Heimat gehen und versuchen die Traurigkeit abzuschütteln. Und ich weiss, dass es bedingt funktionieren wird. Ich wede mit allem, was ich habe hingehen und mit nichts zurückkehren. Ich denke über das letzte Jahrzehnt nach. Wodurch zeichnet es sich aus? Ich bekenne, ich habe überlebt.

Kunstkulturschock

Diese Woche war ich an der Neueröffnung der Galerie Hauptmann und Kampa. Finde es immer wieder faszinierend, dass ich so frisch-naiv an solche Orte gehe und nicht auf die Idee komme, dass ich da Unmengen von Leuten treffen werde, die ich kenne. Irgendwie hab ich kein Bild von mir als jemand, der in der Kulturszene unterwegs ist. Und dann steh ich da und denke: „Üh. Krass.“ Und muss mich mit Verlagsleitern und Buchhändlern und Künstlern und Journis unterhalten. Nicht, dass das schlimm wäre. Dieser Schlag Mensch ist beileibe nicht der übelste und in der Regel auch ein guter Gesprächspartner. Es dauert nur eine Kulturschocksekunde lang, bis ich mich eingefunden habe. Zum Glück hatte ich mit Badana und Krish zwei gute Begleiter, die mir ein Heimatgefühl gegeben haben. Irgendwann hab ich dann – nach einem hoch-hoch-hochprozentigen, seltsamen Gurkendrink, gemixt von einem Kronenhallen-Barkeeper höchstpersönlich – zwei Typen kennengelernt. Der eine – nennen wir ihn Jean – war schon etwas in die Jahre gekommen, sehr gut angezogen und hatte eine Hasenschartennarbe. Jean hielt nicht damit hinter dem Berg, dass er reich ist und zeigte mir dann auch die Karikatur, die er soeben erworben hatte. Jean lästerte zusammen mit seinem Journalisten-Freund über die anwesenden Gäste und ich war neugierig, was sie wohl über mich sagen, denn ich war eine der wenigen, die nicht aufgebretzelt war. In Jeans und Kaputzenjäckchen wollte ich nicht so recht ins Publikum passen. Als mir Jean dann eine hochpathetische Liebeserklärung machte (anscheinend funktioniert diese Masche in der Regel), fragte ich mich, wann ich genau zu einer Frau geworden war, die für ältere Herren mit Geld interessant ist.
Alles in allem ein heiterer Abend – ich hab mich köstlich amüsiert.

Wir Kinder im Juli geboren

Wir Kinder im Juli geboren
lieben den Duft des weißen Jasmin,
wir wandern an blühenden Gärten hin
still und in schwere Träume verloren.
*
Dass das Schöne und Berückende
Nur Hauch und Schauer sei,
dass das Köstliche, Entzückende,
Holde ohne Dauer sei.
*
Ich habe einen Verehrer. Daniel kommt aus dem Kongo und als er mich das erste Mal ansprach, sprach er kein Deutsch. Wir unterhielten uns auf Französisch. Ab und zu treffe ich ihn in der S-Bahn oder am Bahnhof und er fragt mich jedes Mal, ob ich mit ihm Kaffee trinken wolle. Und ich sage jedes Mal nein. Er versteht nicht wieso, erzählt mir von den Bergen im Kongo, von den Wochenenden dort und der Musik. Heute habe ich ihn wieder getroffen und wie jedes Mal sagte ich: „Nein, ich werde nicht Kaffee trinken kommen und nein, auch nicht tanzen. Du fragst warum? Weil ich in meiner Welt gefangen bin.“ Er spricht vom Herzen, von schlafloser Nacht und blickt mich mit schwarzen Augen an. Ich lache und zucke mit den Schultern, es ist mir unangenehm. Was soll ich sagen? Soll ich von der Verschiedenheit reden? Von Bildung, Sprache, Kultur oder gar von Geld? Soll ich vom Geruch reden? Von den mitleidigen Blicken, die mir zugeworfen werden?
Es macht mich traurig, wenn ich erkennen muss, dass meine Welt lächerlich beschränkt ist. Dass meine Toleranz nicht weiter reicht, als zum Mailänder Dom. Ich hasse es, wenn ich die Angst vor der Fremde in mir hochkriechen fühle. Und frage dann lächelnd, wie lang die Reise in den Kongo dauert. „9 Stunden“, sagt Daniel „du würdest sie lieben, die Berge.“

Swimmingpoolaugen

Heute war ich in Basel und saß am Nachmittag am Rhein. Manchmal schien die Sonne und der Rhein sah aus, als ob er den Frühling auch kaum erwarten könnte. Ich sah in Swimmingpoolaugen und mochte in das herrliche Blau eintauchen. Danach wurde ich in den Bummelsonntagsbrauch eingeführt. Da waren Cliquen und Guggen (endlich ist auch mir der Unterschied klar), die das Ende der Fasnacht verkündeten. Die Swimmingpoolaugen zeigten mir ein sehr verrücktes aber charmantes Lokal, wo ich eine Bolognese anzettelte, mit einem 70-jährigen Herrn von seinem iPod Bligg hören musste und über Rauschmittel aufgeklärt wurde.
Ein Tag ganz nach meinem Geschmack und ich muss gestehen: könnte ich, ich würde ihn auf ewig verlängern wollen.

Nun aber treffe ich wieder in Zürich ein und freue mich auf die nächste Woche. Das Leben bleibt spannend.

Ach ja: Freitagnacht wurde ich von einem Züzischönling darüber aufgeklärt, dass knutschen „schon ein bisschen 80er“ sei, er es aber dann mit mir doch gerne tun wolle. Ich hab sehr gelacht. Badana meinte, ich solle ihn heiraten, nur zur Erheiterung meiner Freundinnen. Ich würde so einiges für meine Freundinnen tun, Züzischönlinge lass ich aber hübsch in Ruhe.

Ein Weltmeer, das uns trennt.

„Wenn es um die Universalausgabe einer Liebsten ging und jede einzelne Liebste nur eine Sonderform der universellen darstellte, würde jede beliebige von ihnen ihren Zweck erfüllen und könnte eine andere ersetzen, wie es unser moralisch unzulängliches Wesen gebot. Und falls das stimmte, wie konnte ich dann je dazu erzogen werden, irgendwen ein Leben lang zu lieben?“ (E.L. Doctorow: Homer & Langley)

Mein Leben ist schön. Und bleibt spannend. In meinem Horoskop steht: „Lass dich aus deinen vier Wänden locken. Du verpasst sonst ein Abenteuer – und eine Bekanntschaft, die dein Leben radikal verändert.“ Und wer will schon eine radikale Bekanntschaft, die ein Abenteuer darstellt, verpassen? Niemand. So geh ich heute ans m4music und lass mir das Glück in den Schoss fallen. Oder aber ich pflücke Beeren.

Gestern hatten wir einen Anlass. Da sass ich nun in der hintersten Reihe und das Licht schien durch die Fenster und liess den Raum sehr weiss erscheinen. Vor mir sass jemand und ich sah mir seinen Nacken an. Es war ein schöner Nacken und ich liess meine Gedanken treiben. Ich hätte ihn gern berührt. Meinen Arm ausgestreckt und mit den Fingern kurz über seinen Hinterkopf gestrichen. Im Licht sahen die Haare sehr blond und weich aus. Natürlich durfte ich das nicht tun. Ich überlegte mir, dass sehr viel Distanz zwischen uns herrscht. Distanz lässt sich am besten in Geographie darstellen. Es war, als würde zwischen meiner Hand und ihm ein Weltmeer liegen. Mehr noch: Ein Weltmeer und ein ganzer Landstrich. Ein Dschungel, ein undurchdringliches Felsengebiet. Und auch dorthin würde man einfacher gelangen.
Dann aber drehte er sich zu mir um, lächelte, ich streckte meine Hand aus und fuhr mit meinen Fingern über seinen Nacken. Ich hatte Recht, die Haut fühlte sich weich an.

Hasenherz braucht Schlaf

Hasenherz braucht Schlaf. Mehr denn je. Hasenherz hat die Müdigkeit in den Knochen. Hasenherz träumt vom kühlen Wald. Hasenherz findet sich zwischen schlafen und wachen wieder. Hasenherz braucht Schlaf.

„Drei Dinge helfen, die Mühseligkeiten des Lebens zu tragen: Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen.“ (Kant)

Oder aber:

„Auch Schlafen ist eine Form der Kritik, vor allem im Theater.“ (George Bernard Shaw)

Und da mein Leben einem Theater gleicht – ziemlich sogar – ist diese Müdigkeit eine Form der Kritik. Mein Körper kritisiert sozusagen mein selbst gemachtes Lebenstheater. Und da ich ausgesprochen oft lache und auch mit der Fähigkeit zur Hoffnung gesegnet bin, fehlt mir zum Glück nur noch ein paar Stunden süsse Ruhe. Man könnte sagen: „Dann schlaf!“ Leider ist das nicht so einfach. Ich bin einfach viel zu gerne wach. Ich mag es, wenn ich zum Beispiel spät abends Häschen in der Küche antreffe. Und Häschen dann rumhüpft und kichert und sich Nudeln mit Spiegeleiern kocht. Da kann ich nicht schlafen. Diesem Schauspiel muss ich einfach beiwohnen. Oder aber wenn jemand kommt und sagt: „Komm, lass uns Bier trinken gehen. Es ist Frühling!“ Da kann ich nicht nein sagen. Denn ich mag es, spontan Bier trinken zu gehen und ich mag den Frühling.

Und so werde ich wohl noch in einem Monat sagen: Hasenherz braucht Schlaf. Mehr denn je. Oder wie sagt Homer in dem Buch, das ich gerade lese? (Übrigens ein sehr lesenswertes Buch, gefällt mir sehr.) Folgendes: „Ich sah, dass es keine Zukunft gab, jedenfalls keine, die sich von der Vergangenheit unterschieden hätte.“

Nichts als die Wahrheit

Es gibt die Abende, wie dieser. Wo man sich einerseits unendlich verloren fühlt und andererseits Glück empfindet. Wenn ich Tränen hätte, würde ich sie weinen. Als ich heute Abend die Discokugel, dieses lächerliche Sinnbild für ausgelassene Freizeitkultur, anstarrte, kam ich mir sehr falsch vor. Was will ich hier? Warum bin ich da? Was, zum Henker, soll das?
Keine Antwort.
Ich glaube, ich brauche Ferien. Dringend. Ich möchte nicht in Discos sein, jetzt. Ich möchte nicht zu Hause sein, jetzt. Ich möchte in einer Wiese liegen, allein.
Heute Nachmittag habe ich einen Text geschrieben, ein Pausentext. Um mich vom großen, eigentlichen Text zu erholen. Sozusagen eine Fingerübung. Der Text geht so:

Wenn du schläfst, verdichten sich deine Wimpern und lassen deine Haut bleich erscheinen.
Wenn du schläfst, fühlt sich der Tag ebenmäßig an, in sich gekehrt. Dein Mund liegt beruhigt da, wie Sanddünen am frühen Morgen.
Wenn du schläfst, dein Arm unter dem grünen Kissen, erwache ich leicht. Gehe mit der Sonne auf – im Gleichschritt.
Wenn du schläfst, klingt dein Atem wie der Beginn von Worten.
Wenn du schläfst, befällt mich leise Heiterkeit. Eine, die hängen bleibt – tröpfchenweise.
Wenn du schläfst, ist es, als ob alles unverrückbar gut werden würde.

Romy hat kein Loch in ihrem Herzen.

Meine schöne Freundin Badana hat einen fantastischen Blogbeitrag verfasst, den ich dir zeigen möchte:

http://harrharr.wordpress.com/2011/03/17/flirtskills/

Die Romy in diesem Beitrag bin ich. Und als ich gelesen habe, was Badana über mich schreibt, lachte ich sehr. Manchmal sind unsere Freunde ein Spiegel, in den man gerne blickt. Einbisschen rot bin ich schon geworden. Aber sie hat Recht. Genau so flirte ich. Diese Woche hat mal jemand gesagt, ich hätte den Röntgenblick. Es komme ihm vor, als würde ich in ihn hineinschauen. Darauf habe ich gefragt, was ich denn sehe. Und da hat er über das Wetter gesprochen oder über die polititsche Lage und ich hab gegrinst und meine Röntgenaugen in die Ferne gerichtet.

Theater Neumarkt: Ein Loch in meinem Herzen (A Hole in My Heart)

Theater Neumarkt: Ein Loch in meinem Herzen (A Hole in My Heart)

Gestern war ich im Theater Neumarkt an der Première von „Ein Loch in meinem Herzen (A Hole in My Heart)„. Es war… wie soll ich sagen… seltsam. Was ich sicher sagen kann: Ich habe noch nie so viele Geschlechtsteile in Nahaufnahme auf der Bühne gesehen.  Jakob Leo Stark spielte Erik mit schwarzer Perücke und schwarzen Augen. Irgendwie hat er mir in „Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod“ besser gefallen. Die Rolle in Sanchez passt besser zu ihm als die Rolle des Erik.

Zu mir passt die Rolle der Romy oft sehr gut und dann und wann, wenn Romy vergisst, dass sie ein Alien ist, ist die Rolle auch ganz entspannend.

Spieglein, Spieglein an der Wand

Es wird Frühling! Jedes Jahr wird irgendwann Frühling und doch bin ich jedes Jahr wieder fassungslos und aufgeregt. Welch schöne Jahreszeit!

Dieses Wochenende habe ich mit Hagi über Makel geredet. Hagi hat einen Schneidezahn, der ein Bisschen vorsteht. Nur ein ganz klein wenig. Und manchmal bleibt die Oberlippe daran hängen. Meine erste grosse Liebe hatte das auch – nur viel extremer. Seine Eltern haben seine Zahnstellung nicht korrigieren lassen (im Gegensatz zu seinen Schwestern, bei denen die Zahnstellung korrigiert wurde – sie sind ja schliesslich Mädchen, die müssen gut aussehen). Er hat ziemlich gelitten unter diesem Makel. Einerseits kann man sich darüber empören, dass die Eltern es unterlassen haben, diesen Makel zu entfernen – wo es doch so einfach möglich gewesen wäre. Andererseits finde ich es beängstigend, dass immer mehr solcher körperlicher Unzulänglichkeiten verschwinden. Man sieht heute kaum noch jemand, mit krummen Zähnen. Irgendwann sehen wir vielleicht auch niemanden mehr mit einer krummen Nase. Oder mit abstehenden Ohren, mit zu kleinen / grossen Brüsten oder mit X-Beinen. Irgendwann sehen wir alle gleich aus. Vielleicht haben wir noch unterschiedliche Haarfarben oder Körpergrössen – dies aber auch nur in einem gewissen Rahmen. Dabei sind es doch diese Makel, die jemanden besonders machen. Wie die Oberlippe von Hagi, die zuweilen am Zahn hängen bleibt. Das fällt beim ersten Blick nicht weiter auf. Lernt man jemanden aber kennen und schätzen, lächelt man innerlich über diese Kleinigkeiten und ist froh.

„Man spricht von einem Spiegel, der duldet keinen Rost.“ (Ludwig Bechstein)