Sonntag
Einmal bitte ohne
„Was ich habe ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen.“ (Humphrey Bogart)
Ich habe gestern einen alkoholfreien Abend im Ausgang verlebt. Was echt lustig war. Wenn man zu den einzigen gehört, die nüchtern sind, hat das was sehr absurdes. Da kommen einem die Menschen dann doch etwas zu nah, brabbeln was Unverständliches und schütten einem beim Gestikulieren das Bier über die Hosen. Nüchtern nimmt man auch viel eher wahr, wie viele Blicke auf einem ruhen. Ich wurde ganz nervös und wenn ich rot werden würde, wäre ich gestern bestimmt ein Duzend mal rot geworden. Es viel mir auch sehr leicht, mich abzugrenzen. Es war sehr befreiend zu sagen: „Sehr nett von dir. Aber, nein, danke.“
Und auf der Showbühne:
- Warzell hatte einen Wutanfall und verliess fast fluchtartig die zweite Heimat. Etwa eine Stunde später haben wir ihn dann gesehen, wie er mit einer sehr mutigen Dame gesprochen hat. Sie ist ihm gefolgt und hat ihn angesprochen. Ich hoffe doch sehr, dass seine Laune heute etwas besser ist.
- Sepp war sehr betrunken und dazu auch noch ein Schnägg. Aber ein süsser Schnägg.
- Badana sah mit ihrer neuen Frisur umwerfend aus. Ich hab den ganzen Abend starren müssen.
- Martilli vertrat die Theorie, dass man es auch mit Alkohol lustig haben kann. Ich bin mir noch nicht sicher.
„Sorgen ertrinken nicht in Alkohol. Sie können schwimmen.“ (Heinz Rühmann)
Und ich entkam der Vereinzelung nicht
Angefangen hat alles gestern Abend. Als ich allein im Fahrenheit in Winterthur sass und darauf wartete die coole Clique zu treffen. Ich sass also da und las „Julietta“ von Louise de Vilmorin. (Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dieser Moment, wo ich allein im Fahrenheit in Winterthur sass und „Julietta“ las, der einzige und letzte Moment der Sicherheit und Geborgenheit im engeren Sinne sein würde.) Ich sass also da – es war warm, ich sass gleich neben der Heizung – und erfreute mich der guten Lektüre:
„Alt? Nein. Zeit hängt nicht von Epochen ab, ich halte sie für eine rein persönliche Erfahrung, das erklärt auch die zuweilen unüberwindbare Distanz zwischen Menschen, die zur gleichen Zeit leben. Man bindet sich, doch es kommt selten zu einer echten Verbindung. Die Liebe feiert jede Hoffnung, jede Zukunftsplanung, jede ersehnte Annäherung; sie schafft eine Zeit für zwei, eine provisorische Zeit, die uns dauerhaft dünken soll, und wenn sie eines Tages vergeht, rückt alles wieder an seinen Platz, wir gewinnen das Gefühl von Perspektive zurück und sehen den anderen von unserem Standpunkt, von unserer Zeit aus, ein Anblick, der ungeachtet der Nähe oder des Abstands unsere Einsamkeit mehrt. Trotzdem glauben die Menschen, es genüge, mit einem anderen zusammenzuleben, um der Vereinzelung zu entkommen, und Streit oder Resignation ist ihnen lieber als Mangel an Gesellschaft. Unverstanden zu sein trägt in ihren Augen zu ihrer Erhabenheit bei und erlaubt ihnen, sich zu beklagen, was bekanntlich immer ein Vergnügen ist. Dennoch kommt es vor, dass Wesen aus benachbarten Zeiten einander begegnen…“
Man kann mir keine Naivität vorwerfen, denn ich wusste genau, worauf ich mich einliess. Ich verliess also die Wärme des Fahrenheits und setzte meinen Fuss auf die Strasse. Und entkam der Vereinzelung nicht. Ich sah ihr mitten ins Gesicht und versuchte mich mit Freundlichkeit zu wehren. Wie das aber so ist, wie es immer ist, weiss Freundlichkeit nichts entgegenzusetzen und ist kein adäquates Mittel. (Immerhin bleibt mir die Gewissheit eines reinen Herzens und mehr noch, die Gewissheit von nicht blutverschmierten Händen.) In der zweiten Heimat dann tauten meine Finger das erste Mal wieder auf, ich drückte meinen Rücken durch und begann zu atmen. Seltsam, wie die Luft riecht! Seltsam, wie sich Haut anfühlt, wie sich die Stadt gestaltet, wie neu alle Plätze und Orte sind, die ich seit 20 Jahren begehe!
Später, in der dritten Heimat, als Donnie D. und Häschen ein Streitgespräch führten und Badana von einer 2 auf eine 3 kletterte, machte ich mir ein Bild der zukünftigen Erwartung und blies den Staub von meiner Zunge.
Kurz und gut: Der König ist tot, lang lebe der König!
Herzflackern
Bei uns zu Hause findet gerade eine Party statt. Ich liege im Bett und lausche den Stimmen. Sie haben etwas beruhigendes. Sie bündeln das Chaos, geben ihm eine Form.
Ich liege also im Bett und denke über das Monatsgespräch mit Alain de Botton im Magazin nach. Alain de Botton sagt da: „Für mich bedeutet Liebe, dass man seine Freiheit, einen anderen Menschen zum Leiden zu bringen, möglichst einschränkt.“ Liebe, Freundschaft, Beziehungen jeglicher Art bedeuten wohl immer auch Verantwortung über die Schmerzen des anderen. Klingt komisch, ist aber so.
Und später im Gespräch sagt er auf die Frage, wie man weiss, wann eine Beziehung zu Ende ist: „Es ist eine klassische Illusion, dass eine Liebesbeziehung einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat. In Tat und Wahrheit geht es einem doch mit den Gefühlen, die man für einen anderen Menschen hegt so: Sie beginnen, enden, flackern wieder auf, erlöschen, fangen wieder Feuer, ersticken, motten weiter — und das Ganze hundert Mal täglich. Die Liebe ist nie voll da — und sie vergeht auch nie radikal. Proust wollte seine berühmte «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» eigentlich «Die Unterbrechungen des Herzens» nennen. Dieser Titel sagt doch alles. Unser Herz stellt in Liebesdingen ständig an und ab, auch wenn wir es lieber hätten, der Schalter stünde immer nur auf «Ein» oder «Aus».“
Nah am Sternenhimmel
Höre mir gerade den Soundtrack von Karen O an zum Film „Where the Wilde Things Are“ an. Schön! Das Bilderbuch das dem Film zu Grunde liegt „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak war als Kind eines meiner Lieblingsbücher. Der Film ist übrigens auch sehr gelungen und wirklich sehenswert. So behutsam und liebevoll!
Dieses Wochenende war ich wieder in Romoos und hab eindeutig ein paar Kafi Chriesi zu viel getrunken. Es war ein unglaublich schöner Abend in Romoos. Mir gefällt es da sehr. Wir sassen am Stammtisch im Kreuz und haben viele nette Leute kennengelernt, sehr gute Gespräche geführt und diesmal hat uns Viktor morgens um 3 Uhr zu sich nach Hause zum Rösti essen eingeladen. Ganz erstaunt war ich, als ich festgestellt habe, dass man in Romoos nachts die Sterne sieht. Ich lacht? In der Stadt ist das leider alles andere als selbstverständlich.
„Der Körper kann ohne den Geist nicht bestehen, aber der Geist bedarf nicht des Körpers.“ (Erasmus von Rotterdam)
Nothing left to loose
Meine Unschuld verlor ich zu „Me and Bobby McGee“ von Janis Joplin. Gestern hab ich das Lied mal wieder gehört und da gibt es diese Songzeile: „Freedom’s just another word for nothing left to loose.“
Es ist schon so, dass Freiheit am spürbarsten ist, wenn man alles verliert oder aber verloren hat. Beziehungsweise ist Freiheit erst ein paar Monate nach dem Verlust spürbar. Dann, wenn man auftaucht aus der Dunkelheit und verwundert feststellt: Oh, ich bin am Leben! Das Freiheitsgefühl ist dann so stark, dass man sein wildes Herz zu den Sternen aufsteigen lassen möchte. Und wenn man dann endlich wieder gewinnt und reicher wird und reicher, dann wird man plötzlich von der Angst befallen, alles wieder zu verlieren und genau das fühlt sich dann nicht wie Freiheit an. Obwohl es doch eigentlich umgekehrt sein müsste, nicht wahr?
Ansonsten macht meine Psyche auf Zirkuspferd, mein Kopf auf Flusskiesel und mein Körper auf Schallschutzmauer.
Hopsi Weiher hat kein Hasenschwänzchen hinten
Badana und ich haben heute in unserer zweiten Heimat ein lustiges Spiel gemacht. Wir haben unsere jeweiligen Porno-Namen ermittelt. Das geht folgendermassen: Man nehme den Namen des ersten Haustieres und den Namen der ersten Strasse an der man gewohnt hat und schon hat man seinen Pornonamen. Badana hatte einen Wellensittich der Lisa hiess. Zusammen mit ihrer ersten Strasse ergibt das „Lisa la Rose“. Ich wäre demnach „Hopsi Weiher“ und Fäbu, mein Mitbewohner, der auch noch auf ein Bier in die zweite Heimat kam, ist „Rambo auf der Stehwiese“. Wir haben uns gekringelt vor Lachen. Und natürlich auch gleich lustige Filmtitel erfunden. Sowas wie „Hopsi Weiher hat kein Hasenschwänzchen hinten“. Oder aber „Lisa la Rose und die Rammelzwerge“.
Ganz in diesem Sinne: Guten Nacht!
Der petersche Rausch
Ächz. Was für ein Abend gestern. Mal wieder. Zuerst nach Wil und einem alten Freund einen Besuch abgestattet. Das war sehr schön und sehr warm. Ich habe mich unendlich wohl gefühlt. Dann weiter nach St. Gallen an die berüchtigte Chlausenfete. Da sind wir also im Schnee rumgestapft und wurden gezwungen Lieder zu singen. Der verschneite Wald hat mich zum Staunen gebracht. Gerade eben war doch noch Sommer! Und jetzt dieser Schnee, der sich über alles legt. Der wattiert und unempfindlich macht und den Lärm aufnimmt wie ein grosser Müllschlucker. Danach dann Party an der Wärme und ich mit tausend Flausen im Kopf. Manchmal ist man sich selbst so sehr ausgeliefert. Man ist machtlos gegen sich und wirft alle guten Vorsätze über Bord. Peter – unser Lehrer – hat am Freitagabend gesagt, als wir in der heimeligen Küche sassen und von Elisabeth mit Knödel verwöhnt wurden, dass man in unserer Zeit doch ab und zu einen Rausch brauche. Dass man ohne Rausch gar nicht auskomme und dass er das sehr gesund finde. So habe ich gestern Abend also den peterschen Rausch genossen. Und wie immer nach einem peterschen Rausch, der diesen Namen wirklich verdient, erwacht man am Morgen danach ernüchtert und verkatert und auch ein bisschen traurig über die Vergänglichkeit. Nun aber fasse ich mir ein Herz.
Gemütslage
Ich bin glücklich. Ich bin schlicht und ergreifend glücklich. Ein geiles Gefühl.
Das wollte ich euch nicht vorenthalten. Nein, wirklich nicht.
*over and out*
Crazy Shizzle
Die Wogen haben sich geglättet. Gestern Abend auf einem Barhocker in Edi’s Weinstube. Umgeben von expliziten Bildern. Mir gegenüber meine wunderbare Freundin Badana, die mich mit ihren tiefen und bezaubernd dunklen Augen angeblickt hat, als wär ich ein Geist. „Mooooooooment!“ sagte sie und versuchte Worte zu finden für mein Leben, für das nicht mal ich Worte finde. Ich glaube „Crazy Shizzle“ waren dann die Zusammenfassung.
Später hat Badana versucht einem Mann in Frauenkleidern auf der Damen-Toilette des Lokals die Gepflogenheiten von solchen Orten zu vermitteln. Was mir ein breites Grinsen auf’s Gesicht gezaubert hat.
In unserer zweiten Heimat versuchte ich Antworten zu finden. Und fand auch eine. Eine ziemlich gute sogar. Die da lautet: „Spring über deinen eigenen Schatten“. (Danke, Mathis, für deine Hilfe!) Eine seltsame Begegnung hatte ich mit einer Chick, die vor mich hin trat und auf ihr linkes Auge zeigte und sagte: „Siehst du das! Das ist eine Träne! Ich brauche auch eine Antwort! Ich möchte wissen, ob der Mann, den ich liebe, irgendwann mit mir zusammenkommen möchte.“ Ich habe sie umarmt, ihr gesagt, dass alles gut wird und ihr natürlich auch eine Antwort geschenkt: „Führ Dein Vorhaben durch.“ Sie war sehr zufrieden und später sah ich sie dann, wie sie auf der Tanzfläche alle Typen um sich rum magnetisch anzog. Meine Aufgabe war also erledigt. Mein Karma wird es mir danken.

