Behüte dein Herz, dann wird es nicht weinen

Den Rhythmuswechsel zwischen Wochenende und Woche vollziehe ich meist irgendwann in der Nacht von Sonntag auf Montag. Auch diesmal wieder: Von Samstag auf Sonntag morgens um 6.30 Uhr ins Bett gesunken, heute morgen um 5 Uhr aufgestanden. Und dazwischen hab ich meine ganze Welt bewegt. Zeit scheint mir manchmal so unglaublich lächerlich.

Dazu ein Gedicht von Georg Heym:

Im kurzen Abend

Im kurzen Abend. Voll Wind ist die Stunde,
Und die Röte so tief und so winterlich klein.
Unsere Hand, die sich zagend gefunden,
Bald wird sie frieren und einsam sein.

Und die Sterne sind hoch in verblassenden Weiten
Wenige erst, auseinander gerückt.
Unsere Pfade sind dunkel, und Weiden breiten
Ihre Schatten darauf, in Trauer gebückt.

Schilf rauschet uns. Und die Irrwische scheinen,
Die wir ein dunkeles Schicksal erlost.
Behüte dein Herz, dann wird es nicht weinen
Unter dem fallenden Jahr ohne Trost.

Was dich schmerzet, ich sag es im Bösen.
Und uns quälet ein fremdes Wort.
Unsere Hände werden im Dunkel sich lösen,
Und mein Herz wird sein wie ein kahler Ort.

Bettparty!

Nachdem ich „Federhure ff“ von Thomas Meyer zu Ende gelesen und mich dabei fast totgelacht habe, lese ich nun „Rositas Haut„. In „Rositas Haut“ verliebt sich ein Moskito in Rosita. Jaja. Ganz schön frivol.

Heute kommt die coole Clique zu mir nach Hause und wir halten eine Plattentaufe ab. Wir haben eine Sommersonnen- und Bettparty CD gebastelt und taufen die nun. Wenn wir ehrlich sind, haben wir natürlich nur einen Grund gesucht ein Fest zu veranstalten. Nun. Wir werden bei strömendem Regen auf meiner baufälligen Dachterrasse sitzen, einen Schirm über den knallgrünen Kugelgrill von FischliFox spannen und die Streetparade-Menschen, die in Scharen an meinem Haus vorbeiwandern mit bunten Wasserballonen bewerfen (was, wenn es regnet noch tausendmal mehr Spass macht).

Ansonsten ist heute ein blöder Tag. Aber was soll’s. Mir werden mal wieder meine Freundinnen das Leben retten müssen. Und wisst ihr was? Es ist unheimlich schön, dass meine Freundinnen kommen und mir anstandslos das Leben retten. Einfach so. Als wäre nix gewesen. Bin ich nicht ein Glückspilz?

Hoppla! Oder: Heute bin ich die Seeräuber-Jenny

Nina Gluckstein gefällt übrigens bis jetzt wirklich gut. Aber dazu ein andermal mehr.

Heute bin ich die Seeräuber-Jenny und singe aus voller Kehle:

Meine Herren, heute sehen Sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden.
Und Sie geben mir einen Penny und ich bedanke mich schnell
Und Sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel
Und Sie wissen nicht, mit wem Sie reden.
Aber eines Abends wird ein Geschrei sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Geschrei?
Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern
Und man sagt: Was lächelt die dabei?
Und ein Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird liegen am Kai.

Man sagt: Geh, wisch deine Gläser, mein Kind
Und man reicht mir den Penny hin.
Und der Penny wird genommen, und das Bett wird gemacht!
(Es wird keiner mehr drin schlafen in dieser Nacht.)
Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin.
Aber eines Abends wird ein Getös sein am Hafen
Und man fragt: Was ist das für ein Getös?
Und man wird mich stehen sehen hinterm Fenster
Und man sagt: Was lächelt die so bös?
Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beschiessen die Stadt.

Meine Herren, da wird ihr Lachen aufhören
Denn die Mauern werden fallen hin
Und die Stadt wird gemacht dem Erdboden gleich.
Nur ein lumpiges Hotel wird verschont von dem Streich
Und man fragt: Wer wohnt Besonderer darin?
Und in dieser Nacht wird ein Geschrei um das Hotel sein
Und man fragt: Warum wird das Hotel verschont?
Und man wird mich sehen treten aus der Tür am Morgen
Und man sagt: Die hat darin gewohnt?
Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird beflaggen den Mast.

Und es werden kommen hundert gen Mittag an Land
Und werden in den Schatten treten
Und fangen einen jeglichen aus jeglicher Tür
Und legen ihn in Ketten und bringen vor mir
Und fragen: Welchen sollen wir töten?
Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen
Wenn man fragt, wer wohl sterben muss.
Und dann werden Sie mich sagen hören: Alle!
Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!
Und das Schiff mit acht Segeln
Und mit fünfzig Kanonen
Wird entschwinden mit mir.

Die Mathematik des Verrats

Badana hat mir empfohlen „Die Mathematik der Nina Gluckstein“ zu lesen. Ich bin sehr gespannt. Der Klappentext verspricht ja so einiges: „Ist Nina Gluckstein tatsächlich die Frau, die weiss, wie die Liebe funktioniert? Selten ist die Liebe so auf das Wesentliche reduziert dargestellt worden wie in dieser Novelle. Zugleich eine Liebesgeschichte voller Raffinesse und subtiler Spannung. Die Mathematik der Nina Gluckstein ist eine Mathematik des Herzens, des Liebens und des Geliebtwerdens.“ Uiuiuiui. Bald bin ich unendlich viel gescheiter!

Ich habe gerade „Verkaufen“ von Clancy Martin zu Ende gelesen. Und es hat mir gefallen. Ein verrücktes Buch. Es geht um einen Diamanten-, Schmuck- und Uhrenhändler, der nicht nur Diamanten, Schmuck und Uhren verkauft, sondern auch sein Herz, seine Seele. Die Philosophie des Verkaufens (oder wollen wie „die Mathematik des Verkaufens“ sagen?) wird sehr präzise und eindringlich dargestellt.

Etwa so?

So vielleicht?

Bei mir im Geschäft passiert gerade etwas sehr unheimliches (und sehr menschliches): Irgend eine Mitarbeiterin (und dass es eine Frau ist, hat mir meine Chefin verraten) „schwärzt“ mich seit Wochen bei meiner Chefin an. Ich würde beim Arbeiten die Füsse auf den Tisch legen (????), ich würde es zu locker nehmen, zu wenig lang arbeiten, etc. Wenn ich dann meine Chefin frage, ob sie denn auch das Gefühl hätte, ich würde es zu locker nehmen, dann sagt sie: „Nein! Ich weiss ja, dass das nicht stimmt! Ich wollte dir nur sagen, dass du beobachtet wirst.“ Ich kann nur den Kopf schütteln. Ich meine: Hallo?! Wie respektlos ist das denn? Diese ominöse Mitarbeiterin ist noch nie direkt auf mich zugekommen. *seufz* Menschen gibts…

Darf ich dir eine Frage stellen?

Die Fragen der Aktion für ein kluges Zürich erinnern mich an den Fragebogen von Max Frisch. Und der Fragebogen von Max Frisch erinnert mich an meine Lieblingsfragen, die da wären:

  1. Hast du dich immer nur in Frauen/Männer mit einer bestimmten Augenfarbe verliebt? Wenn ja, welche Farbe?
  2. Welches war deine grösste Krise im Leben?
  3. Bist du verspielt?
  4. Wie sieht dein Luftschloss aus?
  5. Magst du deine Hände?
  6. Isst du gerne Mohnkuchen?
  7. Wie lange dauerte deine längste Liebesbeziehung?
  8. Küsst du gern?
  9. Welches ist dein wichtigster Wert?
  10. Wie lautet dein zweiter Vorname?
  11. Bist du künstlerisch begabt? Wenn ja, wie genau?
  12. Was liest du gerade?
  13. Was magst du lieber: Sonnenuntergänge oder Sonnenaufgänge?
  14. Deine Schuhgrösse?
  15. Welches ist deine momentan heimlichste sexuelle Fantasie?
  16. Welches ist deine liebste Jahreszeit?
  17. Was magst du gar nicht?
  18. Wenn du ein Tier wärst, welches Tier wärst du?
  19. Welches ist dein liebster Geruch?
  20. Arbeitest du gern?
  21. Auf einer Skala von 1 – 10, wobei 1 „gar nicht“ und 10 „sehr, sehr, sehr“ bedeutet: wie optimistisch bist du?
  22. Glaubst du an den Zufall?
  23. Reagierst du auf Stress eher mit Bauchweh oder eher mit Kopfweh?
  24. Welches ist dein ausgeprägtester Wesenszug?
  25. Welches Urlaubsziel wäre dir am liebsten: Japan, Chile oder Berlin?
  26. Hast du schon mal eine Person gleichen Geschlechts geküsst?
  27. Glaubst du an einen Gott?
  28. Welches war dein schönstes Erlebnis im Leben?
  29. Sprichst du unangenehme Dinge an oder lässt du sie lieber vorbeiziehen?
  30. Redest du mit deinen Freunden über Sex?
  31. Welche Frage kannst du entschieden nicht mit einem „Nein!“ beantworten?
  32. Umgibst du dich mit Menschen aufgrund ihres Aussehens oder aufgrund ihres Charakters?

Ich als neugieriger Mensch liebe Fragen. Ich liebe es Fragen zu stellen. Und ich beantworte liebend gerne Fragen. Wenn du mich also das nächste mal zufällig auf der Strasse triffst, dann erwarte ich, dass du mir eine richtig gute Frage stellst. Zum Beispiel diese: „Wem wärst du lieber nie begegnet?“

Lied auf meine Küche

Meine bezaubernde Küche

Meine bezaubernde Küche

Wouldnt it be nice if we were older
Then we wouldnt have to wait so long
And wouldnt it be nice to live together
In the kind of world where we belong
You know its gonna make it that much better
When we can say goodnight and stay together

Meine Küche ist mein absoluter Lieblingsort. Im Sommer immer schön kühl, weil der Baum vor dem Fenster Schatten spendet; immer schön hell, weil sie grosse Fenster hat; immer schön ruhig, weil der Verkehr eine Wohnungslänge entfernt; immer in schönem Licht. Ich glaube Fäbu, unser neuer Mitbewoner, mag unsere Küche auch. In meiner Küche erlebe ich allerhand Sachen. Zum Beispiel gerade dieses Wochenende wieder. Da hat Zwerg Nase eins auf selbige bekommen, mein Entschluss zum Telefon zu greifen, ist in meiner Küche gefallen und Badana hat genau in meiner Küche gelöst und bezaubernd gewirkt.

You know it seems the more we talk about it
It only makes it worse to live without it
But lets talk about it
Wouldnt it be nice

Jeder Beitrag, den du hier liest, hab ich in meiner Küche geschrieben. Von genau dem Platz, den du auf dem Bild links unten siehst. Das ist ein Lied auf meine Küche. Wäre meine Küche ein Mann, ich würde sie heiraten wollen.

So verging meine Zeit

Mein Essen ass ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
(Auszug aus „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht)

Nachdem der gestrige Tag der blanke Horror war (angefangen hat es schon beim Aufwachen: „Morgen-Danach-Gefühl“), hat sich der Abend dann wohlwollend gezeigt und mich zu Herrn Meyer an den Tisch gesetzt. Herr Meyer hat Flausen im Kopf, die sich gut mit meinen Pelztieren verstehen. Schön, wenn das Gespräch so anregend ist, dass man die Tatsache vergisst, die Nacht zuvor nur 2 Stunden geschlafen zu haben, sich bei der Arbeit mit Biestern rumschlagen zu müssen und dann noch Opfer der schlechten Laune seiner Freunde geworden zu sein.

Vielleicht – wenn ich dann Ebene 200 erreicht habe – werde ich die Natur mit Geduld betrachten, die Liebe nicht achtlos pflegen und die Mörder in meinem Bett von der Bettkante schubsen. Vielleicht.

Should I stay or should I go

Lustig, wie schnell sich alles ändert. Izzie und ich haben einen neuen Mitbewohner. Er heisst Fäbu und ist Barkeeper. Izzie und ich fanden das natürlich sehr passend, dass unser neuer Mitbewohner Barkeeper ist. Denn: Vor jeder geschlossenen Türe braucht es einen Barkeeper. Ausserdem ist Fäbu sehr nett und offen und man kann gut Gespräche mit ihm führen.

Sonst noch: Ich hab endlich meine „Should I stay or should I go“-Phase hinter mir und eine Entscheidung gefällt. Natürlich hab ich Angst. Aber da ist in erster Linie ganz viel Erleichterung. Und jetzt hoffe ich, dass das Glück auf meiner Seite ist.

Am Wochenende waren wir an einer Gartenparty (sehr seltsam), ich hab im Bett der Mitbewohnerin von ElfElf übernachtet, wir haben Möbel gerückt, sind Fahrrad gefahren, im See schwimmen gegangen und ich hab einen heissen Gitarristen kennengelernt. Ein richtiges Sommerwochenende halt.

Ohrensessel im Blumenbeet

Faust

Faust

„Und fragst du noch, warum dein Herz sich bang in deinem Busen klemmt?“ (Goethe, Faust)

Nein, keine Angst, ich werde mich nicht der Magie zuwenden. Dafür bin ich zu sehr im Leben verhaftet. Gestern war Wollishofen-Fest. Dafür hatten wir ein paar Monate gearbeitet und es hat sich gelohnt. Das Fest dauerte 20 Stunden und ich habe mich sehr wohl gefühlt. Von der Burg hat gespielt und Knuts Kapelle und es gab buntes Kinderprogramm am Nachmittag mit Hühnerstreichelzoo und Wände besudeln (ihr hättet das Haus nachher sehen sollen, es war von oben bis unten angemalt). Ich habe einen Drachentöter kennengelernt, der (noch) fliegen kann. Die Gespräche mit ihm waren sehr anregend und da hab ich ihm seine Arroganz verziehen. Ein Akkordeon-Privat-Konzert im Estrich hab ich bekommen, alte Freunde wieder gesehen und den Journi mit den schrägen Augen rumgeführt. Ach, schade, dass das alte Haus in Wollishofen abgerissen wird, wirklich schade.

Am Freitag hatte ich ein lustiges Gespräch mit einem Arbeitskollegen. Nennen wir ihn Eddie. Eddie sagte, dass ihm Dates zu mühsam sind, weil man da Blumen bringen muss. Ich habe mich gefragt, wie das so weiter geht in seinem Leben, wenn er mit seinen jungen 22 Jahren (oder sind es 21?) Dates als mühsam empfindet und „Blumen bringen“ als feste Grösse, sozusagen als Preis für das Kennenlernen eines anderen Menschen abseits von Alkohol und wilden Partynächten betrachtet. Ich behaupte mal, Eddie fällt es nicht schwer jemanden kennenzulernen in der Disco. Nur. Was, wenn die Beliebigkeit sich über diese Begegnungen legt? Was, wenn das Vampirherz gelangweilt? Wehe! Vielleicht hat der Drachentöter gar nicht so unrecht, wenn er Ohrensessel quer durchs Haus, hinaus in den Garten schleppt – nur, um eine Aufgabe zu erfüllen, nur, um die Begegnung der Beliebigkeit zu entreissen.