Nichts von alledem.

Wahrlich, niemand ist weise, der nicht das Dunkel kennt. Wer würde es verstehen, mein Leben. Es gibt dafür keine Erklärung, zumindest keine vernünftige. Man könnte es getrieben nennen, wenn „getrieben“ kein so falsches Wort wäre. Ich bin nicht ich. In keinster Weise. Ich bin nicht das, was ich vorgebe zu sein, nicht das, was ich glaube, nicht das, was ich wünsche, noch das was ich weit weg von mir halte. Nichts von alledem. Nein, es ist schlimmer. Um einiges schlimmer. Ich bin dazwischen. Und mehr in alles Dunkel hinein. Frag mich! Ich versuche ehrlich zu sein. Und auch das wird Lüge sein. Es gibt nur ein Wort dafür: hinsterben. Ich sterbe vor mich hin. Und das irgendwie glücklich. Du schüttelst den Kopf? Oh, glaube mir, ich auch. Ich auch. Da sind Pferde auf dem Feld und dazwischen Zaun. Die Frage bleibt: wär ich lieber Zaun oder Pferd oder nichts von alledem? Nichts von alledem. Nichts von alledem.

So schwer

Mein Herz ist so schwer, man müsste es auf Diät setzen.

Was für ein Leben! Ich sitze in einer Samstagnacht zu Hause und denke vor mich hin. Und heute Abend weiss ich, was „schweren Herzens“ bedeutet.
Ich versuche meine Ausgelaugtheit und meine Trauer irgendwie durchzustehen. Aber es gelingt mir nicht. Es gelingt mir so gar nicht. Wenn es mit geliebten Menschen zu Ende geht, dann kann man sich nicht helfen. Es gibt keine Hilfe, für nichts. Da ist nur die Uhr, die ohrenbetäubend vorwärtsgeht, da ist nur Rauch in meiner Lunge, da ist nur der eigene Körper, der tröstlich funktioniert. Man klammert sich an die kleinste Hoffnung, man denkt: „Wunder geschehen, jederzeit. Warum nicht auch jetzt?“
Die Wahrscheinlichkeit ist klein. Aber sie ist da. Und trotzdem fühle ich mich verloren. So entsetzlich verloren. Es ist kalt geworden. Es bleibt nicht viel. Was man kann: Da sein für die andern Menschen um einen rum. Versuchen die Kälte, die die andern bisweilen befällt etwas aufzuwärmen. Das Leben so zu nehmen, wie es ist. Stoisch. Vorwärts gehen. Kleine Schritte zu machen und zu wissen, dass diese kleinen Schritte Grosses bedeuten. Nicht zu verzweifeln. Schlafen. Viel schlafen. Bedürfnisse formulieren und versuchen nicht daran zu ersticken.

Mein Herz ist schwer. Würde man es aus einem Flieger werfen, es würde ganze Landstriche zerstören.
BFF hat mal gesagt, dass es sich – wenn es so viel Scheisse regnet – nicht lohnt alles immer gleich aufzuwischen. Da ist auch Wut. Unverständnis. Hört das denn nie auf? Ist es denn nicht endlich genug? Das nützt alles nichts. Es ist so, wie es ist. So bete ich also vor mich hin: Lass es mich durchstehen, bitte lass es mich durchstehen. Und wie es erst den anderen gehen muss!

Mein Herz ist schwer. Wäre es ein Säugetier, es wäre wohl ein Wal.
Auch bin ich dankbar. Für die Zuwendung und die Zugeneigtheit. Für die netten kleinen Dinge, die manchmal aus überraschender Richtung kommen. Ich bin dankbar für meine Familie. Wer hätte das gedacht: Es ist eine sehr gute Familie. Ich bin dankbar für meine Freunde. Denn sie sind es wirklich: Freunde. Ich bin dankbar für die stundenlangen Gespräche, die mir helfen, diese Zeit zu überstehen. Ich bin dankbar für meine Fertigkeit mit mir selbst umzugehen. Ich bin dankbar für meine Beweglichkeit. Dafür, dass ich annehmen kann – aus welcher Richtung die Hilfe auch immer kommen mag.

Mein Herz ist schwer. Würde man es wägen wollen, man bräuchte eine LKW-Waage.
Trauer ist körperlich spürbar. Man glaubt, man leide an einem Herzfehler.
So denke ich also vor mich hin, in einer Samstagnacht. Dann streiche ich mir übers Haar und flüstere mir selbst zu: Alles wird gut. Irgendwann wird alles gut.
Mein Königreich für einen Cila.
(Cila ist türkisch und bedeutet, im übertragenen Sinne, dass man das Getränk wechselt. Man sagt also sowas wie: „Lasst uns einen Cila machen!“ und meint damit, dass man von Bier auf Schnaps wechselt. Würde man das Wort übersetzen wollen, dann würde es wohl „Farbwechsel“ bedeuten. Ich hab das Wort kurzerhand übernommen und brauche es jetzt für alle Weltenwechsel.)

Mein Herz ist schwer. Es gibt keine Worte dafür.

Eines deiner Lieblingsgedichte – es ist so passend, man würde sich am liebsten ausgestreckt auf die Erde legen und weinen:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse)

Auf ein erdbeer-gelassenes 2013!

Happy New Year! Auf ein omnierfolgreiches und erdbeer-gelassenes 2013!

Ich bin zurück. Und doch noch irgendwie nicht. Das war ein sehr schöner Monat auf der Insel. Abenteuer und Lebensgeister inklusive. Und dann kam der Tag, an dem die Farbe zu wechseln hatte. So Weltenwechsel fallen mir grundsätzlich schwer. Wahrscheinlich, weil ich mich mit Haut und Haar in die jeweilige Aktuelle gebe. Ich freue mich sehr, wieder hier zu sein, es ist schön hier. Und dann hab ich doch ab und zu Heimweh. Ich kann’s nicht recht erklären…

Es gab da einen Moment, ich war mit meinen neu gewonnen Freunden in einem Nachtclub, da hab ich auf die Szenerie geschaut und musste innerlich lachen. Da tanzten ein Palästinenser, ein Libyer, eine ukrainische Nachtclubtänzerin und ein Türke neben mir. Es war eine seltsam interessante Gruppe. So eine, die man wohl nur im Ausland trifft, da, wo jeder auf sich selbst gestellt ist und sich nicht ins Innere seines Schneckenhauses zurückziehen kann. Eine grossartige Zeit.

Und dann Heimkommen, Weihnachten, Silvester und Shizzle.

Ach ja, drei Dinge noch:

„Ein Kuss ist eine Sache, für die man beide Hände braucht.“
(Mark Twain)

„Don’t go around saying the world owes you a living. The world owes you nothing. It was here first.“
(Mark Twain)

„I don’t give a damn for a man that can only spell a word one way.“
(Rate!)

I’m not here right now.

„You ask me what life is? It is like asking what a carrot is. A carrot is a carrot, and nothing more is known.“
(Chekhov in einem Brief an Olga.)
Gerade aus sich selbst verreist.

Gerade aus sich selbst verreist.

Ich befinde mich ja seit einigen Tagen auf der Insel. Ferien. Ganz allein. Und das für vier lange Wochen. Es ist schon eigentümlich, wenn man so ganz auf sich selbst gestellt ist, was man da alles macht und denkt. Ich geniesse es. Lustigerweise hab ich mich noch keine Sekunde allein gefühlt. Auf der anderen Seite, bin ich irgendwie auch froh, wenn ich wieder zu Hause bin. Es fühlt sich wie Heimweh an. Vielleicht ist das so, wenn man sich in ein Abenteuer stürzt, wenn man etwas wagt und dabei unglaublich viel lernt – das macht auch müde und man weiss plötzlich wie viel Glück man hat, ein zu Hause zu haben, in das man gerne zurückkehrt, Freunde zu haben, die man von der ersten Sekunde an schmerzlich vermisst.

Hier auf der Insel ist es wahnsinnig kalt. Alle um mich herum sagen immer:
Aber bei dir, in deiner Heimat, ist es doch auch kalt, du müsstest dir das doch gewohnt sein!
Die Kälte hier aber ist eine ganz andere. Und vor allem: Das mit der Isolation in den Häusern haben sie also echt nicht im Griff. Man kann heizen so viel man will, die Räume werden nicht warm. So schlafe ich also jede Nacht mit Wollmütze. Nun gut, gschäch nüt schlimmers.
Es ist kurios, die ersten paar Tage, wenn alles neu ist und man niemanden kennt, dann fühlt es sich an, als wäre man in eine Waschmaschine geraten, die gerade schleudert. Man kann nichts anderes tun, als einfach mitzumachen und nicht zu sehr dagegen halten zu wollen. Mit der Zeit gewöhnt man sich dann daran und hat sich und die Umgebung etwas mehr im Griff.
„The sea has neither meaning nor pity.“ (Nochmal Chekhov)

Vom Leben gelernt

Phoa! Hab ich manchmal genug von mir selbst! Kennst du das? Wenn du dir selbst so auf die Nerven gehst, dass du am liebsten aus dir selbst auswandern würdest? Ich winde mich dann und trete mit dem Fuss auf und versuche Distanz zu gewinnen. Da hilft alles nix. Einzig Beschäftigungstherapie und versuchen den Kopf auszuschalten. Im Sinne einer solchen Therapie – neben ganz viel Arbeit und Dingen, die ich zu erledigen hab – hier die Liste „Das habe ich vom Leben gelernt“:

  • Lesen macht glücklich.
  • Schreiben macht zufrieden.
  • Das grosse Glück gibt es nicht. Es gibt kleine Glücksmomente, die zusammen manchmal grosses Glück ergeben.
  • Fröhlichkeit ist Kopfsache.
  • Anderen Menschen schöne Augenblicke in Form von überraschender Zugeneigtheit zu schenken, ist ganz einfach und hilft Regentage zu überstehen.
  • Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. (Nietzsche)
  • Yes, you can drink rosé and still be a badass.
  • Die Zürisäcke jedes Mal an der Supermarktkasse vergessen, ist ein Naturgesetz.
  • Wenn man sich und anderen genug oft sagt: „Ich bin schön“, „Ich bin clever“, „Ich bin begehrenswert.“, wird es irgendwann wahr. Achtung! Funktioniert übrigens auch umgekehrt.
  • Geografie ist die einfachste und gefährlichste Form von Distanz. Sie funktioniert nur für eine begrenzte Zeit als Vehikel. Irgendwann braucht man eine andere, eigenere Form von Distanz. Wenn man es versäumt diese für sich zu finden, wird man scheitern.
  • Im Auge des Tornados ist es totenstill.
  • Die Socken immer vor den Hosen ausziehen. (Vor allem in Gegenwart von jemandem anderen.) Nackte Beine in Socken sehen in fast allen Fällen idiotisch aus.
  • Souveräne Herzlichkeit ist die anziehendste aller Eigenschaften.
  • Seiner Angst sollte man schnell und frontal begegnen. Dann verschwindet sie genau so plötzlich wie sie gekommen ist.
  • Der Mensch hat ein Faible dafür, sich mit Nebenschauplätzen aufzuhalten. Nur, um die eigentlichen Herausforderungen zu umgehen.
  • Man kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht.
  • Es gibt nichts enttäuschenderes, als schlechte Küsser.
  • Gegen Kopfweh hilft Kaffee meistens.
  • Die schönsten Dinge zerstört man in der Regel selbst.
  • Wer mir einen Helden zeigt, dem zeige ich eine Tragödie. (Fitzgerald)
  • Es gibt eine Körpererinnerung. Der Körper ist um ein x-faches unerbittlicher als der Geist – er vergisst nur sehr schwer.
  • Ringelnatz hilft bei Stumpfsinn:
    Das Schlüsselloch
    Das Schlüsselloch, das im Haupttor saß,
    Erlaubte sich nachts einen Spaß.
    Es nahten Studenten
    Mit Schlüsseln in Händen.
    Da dachte das listige Schlüsselloch:
    Ich will mich verstecken,
    Um sie zu necken!
    Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.
    Alsbald nun tasteten die Studenten
    Suchend,
    Fluchend;
    Mit Händen
    An Wänden.
    Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.
    Schlüsselloch lachte heiter.(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer.
    Eigentlich war die Sache noch schlimmer.
    Ich selbst war nämlich bei den Studenten – Doch lassen wir es dabei bewenden.)
  • Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke in allen anderen Lebenslagen.
  • Dinge über Humor lösen, ist stets eine gute Idee.
  • Es gibt nichts ungerechteres als Schönheit.
  • Sich selbst auszuhalten, ist so einfach nicht.

The Artist Is Present

Day 2, Portrait 22: "The Artist is Present" Marina Abramovic MoMA - New York

Sie blickt uns an und wir heulen: Day 2, Portrait 22: „The Artist is Present“ Marina Abramovic MoMA – New York

Gestern bin ich – nachdem mich meine Abendverabredung versetzt hatte – ins Kino gegangen. Allein. Da war dieser Film, den ich schon lange sehen wollte: „Marina Abramović: The Artist Is Present„. Ich sass also im Kino neben einer Frau, die nach abgestandenem Alkohol roch und meine Füsse waren kalt. Und dann, dann hat mich dieser Film erwischt. Ich habe während fast zwei Stunden durchgeheult. Das Geräusch der Tränen, die auf meine Hosen tropften, war hörbar – ähnlich wie ein Herzschlag. Ich habe geheult und geheult. Nicht, weil es ein trauriger Film ist, im Gegenteil. Es ist ein schöner, interessanter Film. Aber traurig? Nein. Ich war wohl ergriffen. Und habe mich gefragt: In was für einer Welt leben wir, wo sich eine Künstlerin auf einen Stuhl setzen kann und nichts weiter tun kann, als ihr Publikum anzublicken und alle drehen durch? Dem Gegenüber in die Augen sehen und es wird verrückt. Entweder verrückt vor Liebe oder vor Erkenntnis, keine Ahnung.
Es braucht also lediglich ein Bühne (also Aufmerksamkeit) und jemand, der einem ins Gesicht schaut. So lange, wie man möchte. 40 Minuten, 50 Minuten, 7 Minuten – whatever. Da schaut einem also jemand an und das reicht. Es reicht, um sich im Spiegel zu erkennen, um zu lieben, um zu hassen, um zu fühlen. Wir leben in einer sehr armen Welt. So unglaublich arm, dass wir jemanden, der es wagt, uns ins Gesicht zu sehen, zu Gott erheben. Das ist gefährlich, Leute. Und so nötig.

Genau so muss Kunst sein, nicht wahr? Genau so. Wenn man sie anblickt, müssen wir uns selbst entgegenblicken. Mir ging es das erste Mal bei einem Gemälde von Schmidt-Rotluff so. Und dann bei einem von Klee. Und dann bei einem von Dix. Und dann kam ein Satz von Goethe hinzu und dann einer von Brecht. Wenn man mal ein Gefühl für sich selbst in Kunst hat, entdeckt man Welten. Arm diejenigen, die es nie erfuhren.

Einfach grossartig, ich könnte schon wieder heulen.

(Ach ja, hier der Link zu allen Porträts von Leuten, die ihr gegenüber sassen. )

Spielen am Sonntag

Schön, oder?

Schön, oder?

Sonntage sind seltsame Tage. Sie plätschern so vor sich hin, die Sonne geht auf und bald darauf wieder unter und dazwischen liegt braches Land, mit dem man irgendwie wenig anzufangen weiss. Man schläft und geht dann durch den Regen, man isst etwas, nimmt vielleicht eine Kopfwehtablette, schaut einen Film und geht wieder schlafen. Es gibt an Sonntagen zuweilen ganz kleine Momente, wo das Licht aufblitzt. Spielen am Sonntag also:

  • Im Starbucks schöne, fremde Namen auf den Kaffeebecher schreiben lassen. Heute bei mir:
    „Wie heisst du?“ – „Ellie“ – „Wie?“ – „E L L I E“
  • Wetten, die das ganze Leben verändern, eingehen und verlieren.
  • Mit dem „Buch der Antworten“ an den Küchentisch kommen, seine WG-Gschpändli in aufforderndem, dringlichen Ton fragen: „Hast Du eine Frage?“ (Und dann insistieren, bis sie eine Frage stellen.)
  • Jeden Fingernagel in einer andern Farbe anmalen.
  • Auf dem Rücken auf seinem Bett liegen, die Stuckdecke anstarren und sich lustige Zukunftsgeschichten ausdenken.
  • Komische Katermenüs kochen. Rösti mit Späzli und Ketchup oder so.
  • Neue Wörter aus anderen Dialekten lernen. Wie zum Beispiel „Grättimaa“ oder „Teigmanndli“.
  • Sich verlieben.

Berühre mich! Lass mich nicht kalt.

Krank sein ist echt so richtig doof. Ich hasse es, wenn mein Körper schwach ist und nicht das macht, was ich will. Ja, ich weiss, typisch Kontrollfreak. Und ich weiss auch, dass ich die Zähne zusammenbeissen und ausharren muss. In einem, vielleicht zwei Tagen ist es wieder gut. Das Fieber weg, die Kopfschmerzen verschwunden, vielleicht bleibt der Husten noch etwas länger, ziemlich sicher. Immerhin kann ich jetzt schlafen. Was ich geschlafen habe in letzter Zeit! Stunde um Stunde. Gestern den ganzen Tag, am Abend und dann auch noch die ganze Nacht. Wahnsinn. Zwischen den einzelnen Schlafattacken denke ich nach. Gestern hat sich irgendwann das Gefühl von „abrutschen“ oder „ins Leere greifen“ eingestellt. Kennst du das? Mir passiert es vor allem, wenn ich eine intensive Zeit hinter mir hab (habe ich) und dann plötzlich – gezwungen oder freiwillig (diesmal, wie meistens, gezwungen) – innehalten muss. Dann kommt es mir vor, als wär alles, was gerade eben noch ziemlich real war, verschwunden. So wie wenn man versucht nach Rauch zu greifen. Man sieht ihn. Fasst man aber rein, verflüchtigt er sich. Dann stellt sich dieses seltsam kalt-leere Gefühl in der Magengegend ein. Der Kopf versucht durch unmotivierte Drehbewegungen ein paar Stunden noch das Ganze wiederherzustellen. Das einzige, was hilft, ist meistens: Wegschieben. Drübergehen. Nicht nachdenken. Einfach mal warten. Der Rauch verfestigt sich dann schon wieder. Vielleicht in anderer Form, wer weiss.

Während ich also warte, dass erstens mein Körper wieder stark wird und zweitens sich mein Geist wieder festigt, denke ich über das Theaterstück nach, das ich letzte Woche gesehen habe. „Frollein Rache“ im Fabriktheater. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich nach dem Stück hätte an einem Dachbalken aufknüpfen mögen, fand ich ein ganz spezifischer Punkt sehr interessant. Am Anfang des Stücks wird angekündigt, dass sie das Publikum berühren möchten mit gängigen Mitteln. (Sympathische Hauptfigur, Ungerechtigkeit, Menschlichkeit, einem sehr unsympathischen Übeltäter, Kindsmord, Rache, einer behinderten Musikerin, etc.) Was sie dann auch tun.
Der eine Teil des Publikums liess sich – genau wegen der Ankündigung – nicht berühren.
„Es wurde ja angekündigt!“
„War ja alles nicht real!“
Der andere Teil liess sich trotz Ankündigung berühren.
Dieser Dreher finde ich sehr interessant. Grundsätzlich kann man ja sagen, dass jede Form von Fiktion, egal ob Theater, Film oder Literatur, immerimmer NICHT real ist. Das heisst, man müsste sich ja grundsätzlich nie berühren lassen dürfen, weil man ja immer wissen müsste, dass das gerade Dargebotene der Phantasie irgend eines Menschen entspringt. Macht man aber nicht. Man lässt sich berühren. Man heult, lacht, schluchzt, zittert. Das macht ja den Reiz von Unterhaltung aus. Wenn aber kurz vor Start angekündigt wird „Achtung! Wir wollen dich berühren! Und das tun wir mit ganz einfachen Mitteln!“, dann lässt es uns kalt? Weil wir nicht mögen, dass wir uns übertölpeln lassen? Weil wir von unserem Intellekt geleitet werden wollen und nicht von Emotionen, die auch noch so einfach hergestellt werden können?
Schlussendlich wissen wir genau, dass wir immer von unserer Emotion geleitet werden. Wir wissen auch, dass wir schnell und einfach verleitet werden können.
Drum – aus gegebenem Anlass: Berühre mich! Lass mich nicht kalt.

Zukunftsbild

Sie sitzt am Meer. Es ist ein kalter Wintertag im Dezember. Das Meer an der Küste von England ist ruhig und kalt. Es hat geschneit und eine feine Schneeschicht überzieht den Steinstrand. Sie ist warm eingepackt und liest. Dann blickt sie auf und der Horizont ist es, der sie an ihn erinnert. Seit drei Wochen ist dieser famose Ort nun ihre vorübergehende Heimat. Sie hat sich gut eingewöhnt und mag die Wintersee. Sie mag es, hier zu sein. Und sie mag es, ihn zu vermissen. Es sind die kleinen Zwischenräume, die das Vermissen ausmachen. Sie erinnert sich – während sie den Horizont anstarrt, als ob es in der Ferne etwas zu erkennen gäbe, als wäre da eine Nachricht, eine Zeile mitten in den Himmel geschrieben – gerne an die Monate zuvor. An sein Bett und an die schlaflosen Nächte, an sein Lachen und seinen kritischen Blick. Sie erinnert sich gern an seine unausgesprochene Zugeneigtheit und an seine Selbstverständlichkeit. In dieser Selbstverständlichkeit liegt viel Wärme. Wenn sie an die ersten Tage ihrer Bekanntschaft denkt, lächelt sie. Sie lächelt darüber, dass sie es anfangs Spiel genannt hatten und dass das Spiel selbst es war, das gewonnen hat, das sie überlistet hatte. Sie kramt ihr Handy aus der Tasche und schaut auf die Uhr. Bald fünf. In dreissig Minuten wird sie sich auf den Weg machen, um mit der Familie zu Abend zu essen. Die kleine Tara wird sie wieder löchern.
Wie ist er so?
Was tut er?
Was tut er gerade jetzt?
Welche Augenfarbe hat er?
Und die Haare?
Liebt er dich?
Bist du sicher?
Sie mag Tara. Sie mag ihre Fragen. Obwohl es immer wieder die selben sind. Seit einigen Wochen hat sie einen Schulschatz und ist unendlich neugierig. Und Tara scheint es zu mögen, dass sie jeweils zurückfragt. Es ist ihr tägliches Abendspiel, das dann irgendwann vom Vater unterbrochen wird.
Iss jetzt, Tara. Lass sie doch mal in Ruhe.
Dann schauen sich Tara und sie an, grinsen verschworen und widmen sich ihrem Teller.

Es wird langsam dunkel, der Horizont sinkt in die Dämmerung. Sie blinzelt und reibt sich die kalten Knie, macht ein Eselsohr ins Buch – sie mag keine Buchzeichen -, verstaut es in ihrer Tasche, zündet sich eine Zigarette an. Der Rauch passt zum dunstigen Wintertag. Jetzt, gerade jetzt, würde sie ihm gerne gegenüber stehen auf seinem Balkon. Sie wie immer an die Wand gelehnt und er an die Brüstung. Sie würde ihn gern mit dem Blick ansehen, der sich automatisch einstellt, wenn sie zu ihm hinaufschaut, in seine grünen Augen. Sie würde gern geküsst werden, gern seine Nase betrachten, die mal gebrochen war und etwas schief ist.

Das Vermissen stellt sich immer ein, wenn es still ist und sich unaufgeregte Wintertage zu Ende neigen. Was er wohl macht? Gerade jetzt? Er wird im Büro von seinem Tisch aufstehen, vielleicht kurz aus dem Fenster sehen (sie weiss nicht, ob sein Büro Fenster hat oder Türen, ob einen Teppichboden oder Bilder an den Wänden), er wird für einen Augenblick ihren Geruch vermissen, ihren Mund, ihre Bewegung, die sie immer macht, kurz bevor sie sich zu ihm hinneigt, um ihn zu küssen.