Brüchige Abneigung

In der letzten Woche habe ich zwei Bücher gelesen. Beide haben mir sehr gut gefallen. Nachdem ich es aufgegeben habe, „Tauben fliegen auf“ von Melinda Nadj Abonji zu lesen (ich hab es einfach nicht geschafft das Ding zu Ende zu lesen), habe ich „Familie Salzmann“ von Erich Hackl und „Francoise und ihre Liebhaber“ von Felicien Marceau gefressen. Das eine, „Familie Salzmann“, las ich auf der Lenzerheide an der Sonne, das andere fand ich in meinem Bücherregal (keine Ahnung, wie es dahin kam) und las es im Zug und an Tramhaltestellen. Beide haben mir ausserdordentlich gut gefallen. „Familie Salzmann“ war sehr eindrücklich und traurig. Aus „Francoise und ihre Liebhaber“ nehme ich diese Stelle mit: „… sie fand dann letztlich wieder zu ein wenig Würde zurück, indem sie Pierre befahl, ihre Briefe zurückzuschicken, wobei zu erwähnen ist, dass sie ihm nicht ein einziges Mal geschrieben hatte, was beweist, dass für Menschen oft das Ritual wichtiger ist als die Realität.“

Kennst du das? Wenn dich Traurigkeit befällt in einer unerwarteten Plötzlichkeit? Mir geht das seit gestern Abend so. Ich bin bodenlos, endlos, erschreckend traurig. Ich habe Kopfschmerzen, jeder Knochen tut mir weh, als wäre mein Körper meine Gefühlswelt. Am liebsten würde ich mich in mein Bett legen und einschlafen – für immer. Nie wieder atmen, nie mehr aufstehen, nie mehr sehen. Es ist diese öde Form von Traurigkeit, die keine Ähnlichkeit hat mit der süssen, melancholischen Traurigkeit. Alles fühlt sich sehr, sehr falsch an. Ich denke an Menschen, die mir gerade eben noch interessant erschienen, mit einer seltsamen brüchigen Abneigung. So, als würde man mit einer schnellen Kopfbewegung den Blick abwenden wollen. Heute morgen habe ich mein Spiegelbild kaum ertragen, ich konnte mir nicht in die Augen sehen. (Was mir zugegeben fast nie passiert.) Ich hoffe, dass dieser Zustand bald vorüber geht, ich glaube nämlich, dass ich den nicht lange aushalte. Ich würde gern in Marceaus Buch flüchten, dahin: „Schliesslich schaltete er den Fernseher ein, drehte, da er kein interessantes Programm fand, den Ton weg, liess jedoch das Bild. Auch das ist eine Form des Glücks.“

Basel – Zürich

Bin im Zug von Basel nach Zürich. Habe eine Nacht in Basel bei Gotte Miau verbracht. Gestern Abend sind wir vor dem Theater in die Brötli Bar Abendessen gegangen. Ein sehr lustiges Lokal. Danach „Das war ich nicht“ im Theater Basel. Toll! Ne echt gute Inszenierung. Hingehen! Unbedingt. Habe ja letzten Sommer das Buch gelesen und schon das hat mir ausserordentlich gut gefallen.

Und heute Mittagessen mit meiner Grossmutter. Sie fragte mich nach der Liebe und als ich mit den Schultern zuckte, erzählte sie mir von damals, als sie sich mit 16 verlobte und mit 18 heiratete. Sie sagte, dass es ja damals keine Pille gab und auch sonst wurde nicht verhütet. Man war sehr ungeschützt. Mein Grossvater habe dann auch zu ihr gesagt, er wolle warten bis zur Hochzeit, da er sie für alles andere viel zu gern habe. Ich habe ihr von der heutigen Zeit erzählt, wo sehr sorglos mit sich und anderen umgegangen wird. Alles und nichts ist jederzeit möglich. Was einerseits sehr gut ist und toll (wer würde sich was anderes wünschen?), andererseits gehen wir heute zu lieblos mit der Liebe um, was dazu führt, dass man entweder frustriert, abgeklärt oder völlig abgehoben romantisch in einer Sackgasse endet. Zu viel Freiheit führt leider halt auch zu Orientierungslosigkeit.
Meine Grossmutter hat mir noch von meinen beiden Urgrossvätern erzählt. Dass der Vater meines Grossvaters sehr konservativ war und geritten sei und gefochten hätte. Und dass ihr Vater ein Lebemensch gewesen sei, ein charismatischer Mann, der viele Freunde und Kontakte hatte.

Heute früh, als ich auf dem Balkon von Gotte Miau stand mit einem Kaffe in der Hand, als sich die Wolken mit dem Himmel vermischten, fühlte ich die Fuge in mir, den Riss, der immer grösser wird und mir wurde bewusst, dass ich mich verändere. Und dass diese Veränderung Früchte tragen wird. Jetzt brechen meine Gedanken, bald aber werden meine Taten, mein Leben brechen. Das ist sie also, die viel besungene Freiheit.

Gestern Morgen im Zug (in eine ganz andere Richtung):
Nebel liegt über meinem grünen Land. Es ist früh, mein Herz steht still. Es gelingt mir nicht, die Weite des grünen Landes, das unter dem Nebel liegt, in mir aufzunehmen. Die Zuversicht gelingt mir nicht. Diese Tränen sollen jetzt geweint sein, später ist dafür keine Zeit. So ist das mit Orten. Man begeht sie unaufmerksam. Zuweilen öffnet man die Augen, die grauen und lässt den Ort in sich wohnen – für immer. Ich trage viele Orte in mir, die mich an mich selbst erinnern. Wie ich war und wie ich sein werde. Und dann werde ich so, wie ich bin.

wenn die uhr schlägt zwei uhr zehn

Potemkinsche Treppe - Потьомкінські східці

Potemkinsche Treppe - Потьомкінські східці

Gestern hab ich – inspiriert durch Kerberos (danke!) – ein kleines Shizzle-Gedicht geschrieben. Hier:

ich will, dass die sonne lacht
in mir, bis mitternacht
und dazu stille, wärme, heiterkeit
ohne furcht und ängstlichkeit.

möchte immer wieder untergehn,
wenn die uhr schlägt zwei uhr zehn.
damit der herzschlag endlich leiser
und ich mein eigner platzanweiser.

Ansonsten war der Tag gestern wenig spektakulär. Ausser, dass meine Zündschnur wieder länger wurde und ich der Welt ein Bisschen freundlicher gesinnt. Ausserdem hab ich heute Morgen den Bergmensch im Bus getroffen und der hat mir ein so umwerfendes Lächeln zugeworfen, dass der Tag ein echt Guter sein muss – es geht einfach nicht anders.

Gestern Abend hab ich mir den Dok über die Frauen in Odessa angeschaut. Mal abgesehen, dass das Thema ein sehr interessantes ist, war es wunderschön Odessa „mal wieder zu sehen“. Ich kannte alle Plätze und Orte, die im Dok gezeigt wurden und da wurde mir plötzlich bewusst, dass ich die Stadt ziemlich gut kenne. Und dass ich sie manchmal vermisse. Vielleicht ist das so mit Orten. Vielleicht vermisst man vor allem das Gefühl, dass man hatte, als man da war. Ich vermisse das Odessa-Gefühl.

Kurze Zündschnur

Ich hatte es ja bereits mal davon. Das von den Königen und dem Spiel und dem Schlachtfeld. Es geht mir extrem auf die Nerven, wenn Menschen unklar sind und dabei auch noch dumm. Ich meine: Wenn sie wählen könnten, würden sie lieber ein gütlich gestimmtes Gegenüber oder ein Gegenüber, das auf Rache sinnt haben? Wie dumm kann man sein, einen Löwen an einer Schnur anzubinden, und dauernd zu provozieren? In die Schnur hat man ja wohl kaum so grosses Vertrauen. Es kann nur fehlende Weitsicht sein. Was, wenn die Schnur reisst? Dann steht man plötzlich einer wütenden Raubkatze gegenüber. Und dann? Gut zureden hilft da dann bestimmt nicht.

Gut, ich kann verstehen, wenn jemand weniger Erfahrung hat oder weniger sensibel ist. Aber dieses „Hahahaha! Ich hab die Überhand gewonnen und jetzt würg ich Dir einen rein – ganz egal, ob das mit der Überhand von Dauer ist“ versteh ich einfach nicht. Kann ich nicht nachvollziehen. Direktheit, Ehrlichkeit und Nähe würden da ziemlich helfen und bessere Dienste leisten. Denn seinen Standpunkt darzulegen und sich zu erklären, ist meistens um einiges klüger.

Nun gut. In diesem Falle kann sich das Gegenüber glücklich schätzen. Ich bin kein rachsüchtiger Mensch. Im Moment hab ich nur gerade ne ziemlich kurze Zündschnur. Und auch die werde ich aussitzen.

what the hell, what the fuck

In den ersten Sekunden des Grossglücksjahrs 2011 (mit Ente)

In den ersten Sekunden des Grossglücksjahrs 2011 (mit Ente)

Mein Motto für diesen Silvester war ja: „Ach, scheiss drauf.“ Dieses Motto haben meine grossartigen Freunde kurzerhand übernommen und in „what the hell, what the fuck“ transformiert. Es war eine Silvesterparty wie sie sein muss. Mit blöden Spielen, grosser Langeweile, noch grösseren Dramen und schlussendlich, als sich die Langeweile wie Hochnebel über die Stadt zu legen drohte, brach das Abenteuer durch die zähe Decke und machte die Nacht zu etwas Besonderem. Und dann stand ich morgens um halb sieben am Bahnhof Hardbrücke mit ganz, ganz vielen sehr betrunkenen Jugendlichen und befand, dass ich jetzt bereit sei für das grosse Glück.

Nach kümmerlichen 5 Stunden Schlaf wartete Izzie mit dem Frühstück auf mich und nachdem mir am Nachmittag ein Engel im Trenchcoat begegnet war, trafen wir sechs Freundinnen uns in einer Pizzeria und versöhnten uns mit dem Einschnitt der Nacht. Ich liebe meine Freundinnen. Sie haben die fantastische Eigenschaft, über sich selbst lachen zu können. Peter war anschmiegsam und verbat es sich über die Wahl des Films zu diskutieren, Äph erfand den neuen geflügelten Ausdruck „einen Äph machen“ und meinte damit gaaaaaaanz viel Drama machen, Biene grinste in sich hinein und erwies sich als harter Hund – sie trank Bier, Badana fluchte ein Bisschen und war versöhnlich, Jackie O. flackerte und malte mir ein Bild von Romantik im Schnee.

Wir waren dann noch im Kino und haben „The Tourist“ geschaut. (Das aber auch nur, weil Machete ausverkauft war.)  Also, ich muss schon sagen, Angelina ist ja echt nicht gerade atemberaubend und Johnny Depp ein Waschlappen. Auf dem Heimweg hab ich „Don’t let go the coat“ von „The Who“ gehört und war einwenig müde, einwenig glücklich und alles in allem sehr, sehr gespannt. 2011, ich stehe gern zu Diensten.

Gefahr (mittelhochdeutsch gevare „Hinterhalt“, „Betrug“)

Heute habe ich einen klassischen Katertag verbracht. Nachdem wir gestern mit Badana in ihren Geburtstag gefeiert haben, bin ich heute ziemlich flach gelegen. Und habe mich verflucht, dass ich abends abgemacht habe. Nicht, weil ich Mark nicht sehen wollte… Aber eben. Kater.

Schlussendlich bin ich mit Mark in einer Hotelbar gelandet, wo ein sehr, sehr, sehr schlechter Pianist-Schrägstrich-Sänger-Schrägstrich-Alleinunterhalter-Schrägstrich-Einsamerwolf schaurige Lieder von Liebe und Elend und Leben und Tod interpretiert hat. Wir sassen da also in dieser Hotelbar und ich war wahnsinnig genug Bier zu trinken und hab Blumen aus den Getränkeuntersetzern gebastelt. Mark meinte, dies sei wohl mein Partytrick, der immerhin 12 Minuten daure und mir darum wohl keine schlechte Dienste leiste. Irgendwann hab ich ihn gefragt, ob er damals, vor 10 Jahren, als wir uns kennenlernten, damit gerechnet hätte, dass wir eines Tages in einer Hotelbar sitzen würden, er verheiratet mit Kind und ich mit hohen Absätzen. Er sagte, nein, das hätte er sich nicht im Traum so vorgestellt und was aber wohl noch viel wichtiger sei: Er hätte nicht im Traum gedacht, dass er auch noch 10 Jahre später in mich verknallt sei. Und ich – aalglatt, wie ich sein kann: „Ist das so.“ Und er: „Ja, das ist so.“ Da sassen wir also und als ich meinen Kopf zum Abschied wie eine Etrinkende an seine Brust legte, die Augen schloss und für eine halbe Minute die perfekte Illusion von Geborgenheit und Zugehörigkeit zuliess, wusste ich, dass das alles übel enden könnte und dass ich werde gehen müssen. Jetzt. Sofort. Mark lächelte schief und verabschiedete mich mit: „Jeder vernünftige Mensch kann nicht leugnen, dass Du gefährlich bist.“

Mit einem lachenden und einem heulenden… Shizzle *seufz*

*phu*

Was für ein Tag. Da fällt man morgens um 4.30 Uhr aus dem Bett, könnte heulen, geht ins Büro, wird herzlich begrüsst, könnte lachen, denkt über schlechte Nachrichten nach, könnte heulen, wird mit einem netten Mail aufgeheitert, könnte lachen, vermisst liebe Menschen, könnte heulen, macht sich daran, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen, könnte lachen, verpasst den Bus und steht geschlagene 20 Minuten bei minus 10 Grad im kurzen Röckchen an der Haltestelle, könnte heulen, wird – endlich zurück in der Stadt – so richtig verwöhnt, könnte lachen, sitzt im Tram und denkt über den Verlust nach, heult wirklich, sieht eine Frau schräg gegenüber, die eine wirklich doofe Grimasse macht, lacht wirklich, kommt nach Hause, sieht sein unaufgeräumtes Zimmer, könnte heulen, gibt sich einen Tritt und räumt auf und könnte lachen. Und da wären wir jetzt.

Verlust – egal, wie er genau geartet ist – ist immer nicht einfach zu ertragen. Was mir aber eigen ist: Ich bekomme die schlechte Nachricht und es dauert geschlagene 3 Tage – während denen ich mich dauernd frage, was denn genau mit mir los ist – bis es mir einfährt. So doof kann man doch nicht sein, oder? So. Jetzt zünde ich ein paar Kerzen an (wegen der Stimmung), lege möglichst laute Musik auf und versuch das noch mal mit dem Heulen. Und dann – später – versuch ich das mit dem Lachen noch mal. Du darfst mir gern die Daumen drücken.

Göttlicher Humor

Wenn ich an Gott glauben würde, würde ich ihm einen einigermassen unerbittlichen Humor attestieren. Da ich aber nun nicht an Gott glaube, werde ich wohl hinnehmen müssen, dass gerade niemand sehr über mich lacht. Werde es als retardierendes Moment in meinem Lebenstheater abbuchen müssen. Was mich an dieser Sache doch irgendwie ärgert, ist, dass ich mit meinen eigenen Waffen geschlagen wurde. Wie habe ich das letztens mal Zettel erklärt?

So: Der Mensch ist vergleichbar mit einem Haus. Es gibt grosse Häuser und kleine und solche mit dicken Mauern und gusseisernen Toren oder windschiefe Hütten mit verwitterten Gärten oder aber Wohnwagen mit Geranien am Fenstersims. Bei jedem Haus ist es so, dass die Vordertüre streng bewacht, verriegelt mit dicken Schlössern. Die Vordertür ist auch meist sehr repräsentativ, mit Schnörkeln und aus dicker Eiche. Manchmal gibt es Treppen zur Tür hinauf oder Wege, die verschlungen zum Haupttor führen. Fast jedes Haus hat aber auch eine Hintertür. Eine Küchentür mit Fliegengitter, die meistens nur angelehnt. Macht man sich die Mühe und geht ums Haus herum, lässt die Vordertür links liegen, findet man die Hintertür, betritt das Haus durch diese und steht direkt in der Küche, im Schlafzimmer oder im Bastelraum. Da steht man dann. Der Bewohner, der mit einem Zugang über die Haupttür gerechnet hat, blickt einen an, als wäre man den Teufel leibhaftig und stellt immer dieselbe Frage: „Wie – zum Henker – hast du dir so schnell Zugang verschafft?“ Es ist ganz einfach, man muss nur wissen wie. Und gerade mit diesem Wissen, ist es in der Regel ein Leichtes seine eigene Hintertür zu verschliessen. Wenn dann jemand plötzlich trotzdem Zugang findet, ist man sehr verwundert und auch etwas ärgerlich.
Gut ist, dass ich weiss, dass es vorüber gehen wird. Dass die Zeit mein bester Freund und ich bloss ein paar Tage warten muss. Jetzt aber schüttle ich gerade sehr den Kopf und versuche (und ich versuch es wirklich!) den Moment, wo ich mit meinen eigenen Waffen geschlagen wurde, zu geniessen.

Sah den Mond zerbrechen, fuhr stundenlang Bahn

In den ersten Sekunden des Glücksjahrs 2010

In den ersten Sekunden des Glücksjahrs 2010

Auch wenn man es sich zu verkneifen versucht: Ende Jahr zieht man irgendwie immer Bilanz. 2010 habe ich Anfang des Jahres „Glücksjahr“ genannt. Und wenn man weiss, wie fragil und flüchtig Glück sein kann, möchte ich demütig sein und sagen: Ja, ich habe Glück erfahren. Glück im Kleinen, Glück im Unglück, Glück so filigran, einer dünnen Eisschicht ähnlich. So wenden wir uns also 2011 zu und widmen dem unbekannten Jahr in aller Zuversicht dieses Gedicht:

Rezept
(Mascha Kaléko)

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Und so meine Bilanz: 2010 – ein seltsames Jahr. Ich zog aus und kam heim. Fühlte mich geborgen und gelassen. Erfuhr Freundschaft und sah, wie sich Freundschaft entzweite. Mochte mich leiden und fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Trieb mich in Welten rum, erwachte in Hotelzimmern – mit Sonne im Gesicht und allein. Schlug die Augen auf neben Augen und fühlte weder Nähe noch Distanz. Mir kam die Liebe abhanden, mein Herz und doch bin ich frohen Mutes. Sah den Mond zerbrechen, fuhr stundenlang Bahn, hörte Musik und zeichnete Linien auf meine blassen Arme. Sah meine Hände zittern, schrieb Briefe und zerriss die Antwort, lief durch lange Gänge, hörte die Vögel zwitschern, machte mich rar und sah die Schiffe am Horizont. Ich lachte viel, mit Schalk im Blick, hörte Geschichten und fand mich in Dramen wieder. Liebte das Theater und kam zu spät, verhielt mich idiotisch und bot mein Hilfe an. Sass unter Linden, blickte über grüne Hügel und war immer und immer wieder mörderisch glücklich. So lernte ich also das kleine Glück und wenn ich nächstes Jahr heiter den Zaun flicke, werde ich wohl froh sein um die Fähigkeit zum kleinen Glück.

Nun wünsch ich euch allen frohe Weihnacht – seid glücklich und die Liebe nicht vergessen, nie die Liebe vergessen, Freunde.

Der einzig vernünftige Mensch

Jeden Morgen, wenn ich am Bahnhof Stadelhofen mit meinem Kaffee in der Hand auf dem Perron der Dinge (oder der S-Bahn) harre, die da kommen, sieht mir Picasso in die Augen. Da hängt ein überdimensionales Plakat, das für die Ausstellung im Kunsthaus Zürich wirbt. Ich stehe also da und starre Picasso an. Interessante Augen, denke ich. Oder: Schöner Mund. Oder aber: Wie er wohl geküsst hat? Oder dann und wann: Irgendwie hat er Wurstfinger.
So denke ich und friere mir den Arsch ab.

Ich dachte immer, dass die Weihnachtszeit – ausserhalb des Buchhandels – sehr gemütlich sein muss und geruhsam. Jetzt, das erste Jahr nach längerer Zeit, wo ich nicht mehr im Buchhandel arbeite, muss ich erkennen, dass dem nicht so ist. In keinster Weise. Ich habe im Moment einen verdammten (pardon) Stress. Ich komme zu nix, halte derweil den Atem an und frage mich, wo die blöden, verdammten (pardon) Stunden geblieben sind. Doch zwischen dem Stress gibt es zum Glück immer mal wieder die schönen (stressbefreiten) Abende, wo man sich wohl fühlt und kurz mal so ein seltsames Vorweihnachtsgefühl in sich aufsteigen spürt. Gestern Abend war so ein Abend und der rauchige Whisky, den wir getrunken haben, war wirklich seeeeeeeeeeeeeeeeehr fein.

Heute haben wir im Geschäft Weihnachts-Event. Mit Besuch im Technorama und gutem Essen am Abend. Ich freu mich drauf. Ich kann mir aber denken, dass es mir morgen wohl nicht besonders gut gehen wird. Zu wenig Schlaf! Mein Kopf, mein Kopf!

PS: „Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Mass, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Massstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.“ (George Bernard Shaw)