Man nennt mich flatterhaft und was weiss ich…

Gestern war ich gegen Abend bei Peter und wir haben auf der Dachterrasse Prosecco getrunken und die Aussicht, die war so:

Abendsonne!

Abendsonne!

Wunderschön, nicht wahr?

Das Pfingstwochenende war irgendwie crazy – mal wieder, mal wieder. Wir gehen nicht näher darauf ein, das wäre rufschädigend.

Ich habe „Man nennt mich flatterhaft und was weiss ich…“ von Edgardo Cozarinsky gelesen. (Passt.)
Und Peter hat mir ein paar Bücher geschenkt. „Silvester bei Stalin“ von Boris Schumatsky hab ich auf der Heimfahrt zu lesen begonnen. Gefällt mir sehr gut!

Monde und Jahre vergehen. Doch…

Nun gut. So sieht sie also aus die Realität. Die Büro-Montag-Arbeit-Sitzungs-NachFerien-Realität. Von Weitem betrachtet also alles ganz blöd und langweilig und ziemlich harzig. So gehen wir also rein in die kleinen Dinge. Die, die versteckt unter Steinen verborgen leuchten. Die, die man im Rinnstein findet, dort, wo das Abwasser bei Regenfall sich seine Wege bahnt. Und siehe da! Wir haben heute kleine Alltagslichter gefunden. Nämlich folgende:

  • Meine Bürobezugsperson ist heute traurig (sehr traurig). Und da bin ich mit ihm Mittagessen gegangen und es war trotz der Traurigkeit schön. Ich mag ihn einfach.
  • Felix sieht heute wahnsinnig gut aus und er hat mich zum Lachen gebracht.
  • Ich treffe heute vielleicht einen lieben Freund (den ich viel zu lange nicht gesehen habe) und geniesse die Vorfreude.
  • Ein Projekt nimmt langsam Formen an und ich mag die Formen, die es annimmt und kann zufrieden sein.

Abgesehen von den kleinen Freuden vermisse ich Berlin sehr. Berlin ist eine bezaubernde Stadt. Man kann sich ihr hingeben und wird Tage später ausgespuckt, man reibt sich verwundert die Augen und kann auf bunte Abenteuer zurückblicken. Berlin ist garstig und hässlich und wunder-, wunderschön. Berlin atmet man ein und fühlt sich in eine andere Welt versetzt. In nur 7 Tagen hab ich Geschichten gelauscht, Dinge betrachtet, Musik gehört, Menschen getroffen, Bilder angesehen (stete und unstete) und bin nun randvoll mit Eindrücken. Hach.

Nun gut. „Monde und Jahre vergehen, aber ein schöner Moment leuchtet das Leben hindurch.“ (Franz Grillparzer)

So geniesse ich die Erinnerung an den Moment. Und versuche mein gfrässiges Herz im Zaum zu halten. (hahahahahahahahaha!)

Leb wohl, Berlin, mit deinen frechen Feuern

2
Bald muß ich dich verlassen, mein Berlin.
Muß wieder in die öden Städte ziehn.
Bald werde ich auf fernen Hügeln sitzen.
In dicke Wälder deinen Namen ritzen.

Leb wohl, Berlin, mit deinen frechen Feuern.
Lebt wohl, ihr Straßen voll von Abenteuern.
Wer hat wie ich von eurem Schmerz gewußt.
Kaschemmen, ihr, ich drück euch an die Brust.

3
In Wiesen und in frommen Winden mögen
Friedliche heitre Menschen selig gleiten.
Wir aber, morsch und längst vergiftet, lögen
Uns selbst was vor beim In-die-Himmel-Schreiten.

In fremden Städten treib ich ohne Ruder.
Hohl sind die fremden Tage und wie Kreide.
Du, mein Berlin, du Opiumrausch, du Luder.
Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide.

Alfred Lichtenstein

O du Berlin, du bunter Stein, du Biest

Gesänge an Berlin
(Alfred Lichtenstein)

1
O du Berlin, du bunter Stein, du Biest.
Du wirfst mich mit Laternen wie mit Kletten.
Ach, wenn man nachts durch deine Lichter fliesst
Den Weibern nach, den seidenen, den fetten.

So taumelnd wird man von den Augenspielen.
Den Himmel süsst der kleine Mondbonbon.
Wenn schon die Tage auf die Türme fielen,
Glüht noch der Kopf, ein roter Lampion

Kastanienallee

Kastanienallee

Ich freu mich so auf Berlin! Ich freu mich auf Berlin, wie ich mich auf einen alten Freund freue, den ich lange nicht mehr gesehen habe.
Jahahahahahahahaha!

Lektionen in Demut

Am Wochenende hab ich ein paar Geister der Vergangenheit getroffen. Ähnlich wie in der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Es gab da Momente, da fühlte es sich an, als hätte man so ne Flüssigkeit in mein Herz gespritzt. So ne Flüssigkeit, die das Herz schockgefriert. Und dann so seltsam anfühlen lässt. Ich stand da also in Lokalen, die nicht mehr verraucht waren und drarussen war Regen und mein Herz war also so einbisschen gummig und weisslich und die ganzen Gerüche und Worte und Hände und vielleicht auch die Lippen, die waren alle irgendwie künstlich. Benno (oder hiess er Björn?  Oder Bruno? Oder Baldrian?) sagte, es gebe da so ein Lied von Trio. Das hiesse „Sabine Sabine Sabine“. Als ich mir das Lied dann anhörte, fand ich das grad sehr passend und unglaublich lustig. Hochmut, aber, kommt vor dem Fall und ich will mich in Demut üben, denn das einzige, was man mit einem schockgefrorenen Herzen tun kann, ist, den Verstand zu schärfen und sich in Demut zu üben. Oder aber mutig sein, denn wie Fontane sagt: „Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“

Lektionen in Demut von Thomas D.:

Du hast die Wahl ob hier das Paradies oder die Hölle ist
Denn du bist Schöpfer deiner Welt obwohl du Teil von ihr bist
Du trägst Verantwortung für Alles was in deinem Leben geht
und auch ein Stück vom Herzen eines Jeden der dir nahe steht
Und wenn du dich dennoch fühlst wie jemand der alles verloren hat
und Gott für alles die Schuld gibst nur weil er dich geboren hat
Dann wird es Zeit, dass dich endlich jemand am Kragen packt
Dich schüttelt und dir sagt, dass er’s nur einmal sagt

Flügelschlag oder heiter Raum um Raum durchschreiten

„An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.“ (Charlie Chaplin)

Ich bin vor einiger Zeit auf einen alten Artikel aus dem Magazin gestossen:

„Im 20. Jahrhundert hat es Murphy – der von «Murphy’s Law» (Was schiefgehen kann, wird schiefgehen, und was nicht, erst recht) – als Leiter einer Unterabteilung der Tychomatik zu einigem Ansehen gebracht, aber die griechische Tragödie ist ihm schon lange zuvorgekommen. Die Formel ist ganz einfach: Der schlimmste Fall trifft ein. Was man (an Gutem) erwartet, kommt nicht, solange man es erwartet. Wir ahnen die Tychomatik dort, wo wir «ausgerechnet!» ausrufen und damit etwas meinen, was niemand so ausgerechnet haben könnte.
Wer stoisch ohne Hoffnung auskommt, wäre aus dem Schneider. Man muss etwas nur ernsthaft nicht oder nicht mehr brauchen, und schon bekommt man es. Nichts erwarten, wäre der Ausweg. “
(Aus: Das Magazin: „Der Zufall meines Lebens? Es gibt keinen.“ 07.03.2008 von Fritz Senn)

Gestern bin ich dann mit Häschen auf dem Kies gewesen und hab über Zufälle geredet. Ich glaube ja ans Chaos. Dass kleine Abweichungen langfristig ein ganzes System vollständig und unvorhersagbar verändern. Der Mensch sucht ständig und unaufhörlich nach einem roten Faden: Wenn ich damals nicht dahin gegangen wäre, so wäre ich dir nicht begegnet und hätte somit sie nicht kennengelernt und wäre dann nie dorthin gekommen. So ein Zufall! Oder ist es Schicksal? Wenn man sein Leben betrachtet, könnte man überall schicksalshafte Zufälle erkennen. Und dort, wo man nichts erkennt, schaut man einfach weniger genau hin. Ich denke mir, dass es reine Willkür ist, ob man den richtigen Flügelschlag als Auslöser erkennen kann.

Nichts zu erwarten und keine roten Fäden zu suchen, wäre wohl aber langweilig. Das Kino im Kopf macht schliesslich einen Grossteil der Spannung aus. Die Geschichten, die von grossen Zufällen und vielleicht doch nicht enttäuschten Erwartungen handeln, sind doch die Besten.

„Die zwei grössten Tyrannen der Erde: der Zufall und die Zeit.“ (Johann Gottfried von Herder)

So ganz befreit

Ich hatte gestern einen wunderschönen Abend. Zusammen mit Badana war ich am Goran Bregovic Konzert im Volkshaus. Ein heiteres und schönes Konzert war das. Und dann haben wir 6 Stunden lang an der AfterParty im Walcheturm die Schuhe druchgetanzt. Ich mag diese Musik. Weil es sich dazu wunderschön verspielt tanzen lässt. Glücklich war ich. Und – ganz im Vertrauen – das erste mal seit etwa eineinhalb Jahren befreit. So richtig befreit. Da gibt es nichts, was schwer ist. Keine Altlasten, keine in Böxli eingeschlossenen Gefühle, die hochzukommen drohen. Da ist nur Freiheit und Treue und die Reinheit des Herzens. Goethe dazu:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flor;
Aber die Sonne duldet kein Weisses. (…)

Und heute werde ich mit meiner Drahtkatze durch die Stadt fahren und später dann auf einer Schaukel auf dem Lindenhof sitzen und jemandes Geschichten lauschen. Bei R. Freudenberger, der neben der pinken Leuchtreklame an der Langstrasse wohnt, werden wir zu Abend speisen und vielleicht, vielleicht die Nacht als Reise verstehen, als Mittelpunkt, als Heimat.

Ich ruf dich an

Es gibt da ein Lied von „Blumentopf„, das geht so:

Ich würd gern ewig mit Dir reden
doch ich muss jetzt leider gehen,
muss Morgen früh raus, und es ist schon drei vor Zehn
Aber kein Problem
Wir holen’s nach, ich ruf Dich an.

Gestern ist mir das so ergangen. Und ich hab mich dafür geschämt.

Es gibt Menschen, die mir mal so richtig was bedeutet haben. Sie haben mir ein Geschenk gemacht, sie haben meine Zeit (und mein Bett und mein Lachen und mein Reisen und mein Verzweifeln) geteilt. Da war Nähe und grosses Vertrauen. Da war der Wille sich trotz der Andersartigkeit nicht zu verlassen. Da waren Gefühle, da war Wohlwollen da war Verständnis. Und dann, eines schönen Tages, trifft man sich, um diesen Willen, sich eben nicht zu verlassen, Rechnung zu tragen und … Das ist, wie wenn man plötzlich ins Leere tritt. Und knickt.
Ich reibe mir verwundert die Augen. Wo, zum Henker, ist das alles hin? Die Neugierde, die Fröhlichkeit? Ich weiss es nicht. Vielleicht geschmolzen mit dem Schnee?

Ich habe mich gefühlt, wie ein Schiffspassagier, der sich in seiner Kajüte daran erinnert, dass der Steg doch ganz nett ist und die Kirche oben am Hang so schön im Sonnenlicht glänzt. Der Schiffspassagier geht also an Deck und weder Steg noch Kirche am Hang sind noch da, alles ist verschwunden, nur die raue See, die sich auftut und Wellen, vielleicht eine Möwe.

Erich Kästner mit seiner sachlichen Romanze kam mir in den Sinn:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Wenn mich ein Mensch langweilt, dann ist mir das gar nicht recht. Ich versuche die Langeweile zu vertreiben, erzähle Geschichten. Gestern aber dachte ich mir: Vielleicht langweile ich mein Gegenüber genauso. Und ich glaube, es war so. Ich war zum Schreien langweilig. Ich konnte die Hürde nicht überwinden. Hatte die Leichtigkeit nicht, um anzuknüpfen.
Das „wir hören uns“ zum Schluss, hab ich nicht erwidert. Nicht, weil es wichtig gewesen wäre, nicht weil ich die Floskel ohne weiteres hätte als Floskel nehmen und zurückgeben können. Manchmal bin ich einfach detailverliebt. Ein scheiss Pedant. Manchmal ist mir die Ehrlichkeit in den kleinen Gesten wichtig. Das war dann der Zeitpunkt, wo wir uns nicht gelangweilt haben. Abschiede haben halt wirklich was für sich. So wie Anfänge auch. Wie hat d. damals zitiert, um darauf hinzuweisen, dass ich ihn nicht angerufen habe, wie eben so dahergesagt?: „Als das Telefon nicht klingelte, wusste ich, dass du es warst.“ (Dorothy Parker)

Mr. Darcy & die grüblerische Einbildungskraft

Die verschiedenen Mr. Darcys

Welchen hätten s' denn gern?

Man sollte aufpassen, was man sich wünscht. Kaum hab ich mir „nur ein kleinbisschen Äktschen“ gewünscht, ging am Freitagabend an der Rap History in der zweiten Heimat die Post ab. Da war Thomas, der eine Zahnlücke hatte und Berndeutsch sprach, der sich mit mir über Gott und die Welt „unterhalten wollte“ und dann fand Tim, dass der Abend ausgesprochen schön sei und der, der Zahlen als Farben sieht (du erinnerst dich?) war auch da und hat gequält geblickt und dann war da noch Philip, der wie ein Reptil in der Mitte des Raumes sass und mir seine Geschichte erzählte, eine einigermassen lächerliche und doch auch traurige Geschichte, dass er seine „Fickbeziehung“ (notabene 16 Jahre jünger als er) zu erziehen versucht und ich wusste und auch er wusste (ohne es zugeben zu wollen), dass er bereits verloren war, dass er an ein Vampirherz geraten war und nur seiner Eitelkeit war es verschuldet, dass er leichtfertig mit der Sicherheit des Herzens umgegangen war.
Und immer mal wieder zwichendurch wollte Tomte mit mir tanzen und mich festhalten und wohin gehen, was mich fassungslos machte. So sehr ich oft die Schönheit von Menschen erkennen kann, so sehr sehe ich zurzeit die Hässlichkeit. Die kleinsten Details. Die Haare in den Ohren, die grossen Pooren, die Rötungen, die fahrigen Bewegungen, die hängenden Schultern, die eingefallenen Wangen. Ich höre die zu hohe Stimme, ich wundere mich über die undifferenzierten Äusserungen.

Dagegen hab ich nun Massnahmen ergriffen. Ich hab mich den Rest des Wochenendes tunlichst aus der breiten Öffentlichkeit zurückgezogen und hab angefangen „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen zu lesen (zum x-ten Mal). Hoffentlich hilfts.

Es wird schon helfen.

Wie soll Mr. Darcy nicht helfen?

Eben.

Auf einem Bildschirm im Schiffbau las ich: „Die Einbildungskraft ist grüblerisch.“