Leben im Paradies

Hieronymus Bosch: Garten Eden

Hieronymus Bosch: Garten Eden

Bei all dem Jammern und Klagen, vergesse ich immer mal wieder gern, dass ich eigentlich im Paradies lebe. Da wird mir berichtet von Kriegen und Atomunfällen und Naturkatastrophen und Hunger und Leid. Und ich sitze mit meinem Kaffee auf dem Balkon und blinzle in die Sonne. Ich glaube, dass wir hier nie ein umfassendes Bewusstsein darüber erlangen können, was wir an unserem Leben haben. Wie auch? Manchmal aber, in diesen hellen Momenten, wird mir bewusst, wie schön, wie vortrefflich, wie paradiesisch mein Leben ist. Ich meine, ja, ich muss arbeiten. Aber meine Arbeit hat nichts Fieses oder Hartes an sich. Sie ist ein Klacks. Sie ist schön. Ja, ich habe manchmal Liebeskummer. Aber mein Schmerz ist himmelweit von der Bedrohung meiner Existenz entfernt. Und ja, da hat es diese Augenblicke gegeben in meinem Leben, wo ich am Rande war. Wirklich am Rande. Wo das wahrhaftige Grauen greifbar war. Und einzig diese Erfahrungen lassen mich ein Gefühl dafür bekommen, was es heisst, wenn man aus dem Paradies ausgestossen wird. Die einzige Grenze, mit der ich hier zu kämpfen habe, ist… Und hier überlasse ich Napoleon das Wort, er hat es ja wissen müssen: „Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.“ Sprich: Es geht hier nicht um das Allgemeine. Es geht hier ums Detail. Und ja, natürlich, der Teufel steckt ja bekanntlich gerade darin. Heute aber – es ist Gründonnerstag und mich erwartet ein Sommer- und Partytag – möchte ich mein Augenmerk nicht auf den Teufel richten.
Darum: Mein Leben ist ein Paradies, wenn:

  • ich frühmorgens aus meinem Zimmer komme, meine Mitbewohnerinnen sind bereits wach, und es nach Kaffee und frischem Duschmittel riecht.
  • die Vögel mitten in der Nacht laut zu zwitschern beginnen.
  • es genügend Milch für Milchkaffe im Kühlschrank hat.
  • ich neben einem Mann erwache und dabei kein schlechtes Gefühl habe.
  • ich ein gutes Buch gelesen habe und mit einer meiner Freunden darüber reden kann.
  • die Stadt nach Linde riecht.
  • ich mit meinen Freunden zusammen bin. Meine Freunde, mit ihrer sprühenden Intelligenz und ihrer kreativen Beweglichkeit.
  • ich Gäste erwarte und am Fenster stehe und sie schon von weitem reden und lachen höre.
  • die Sonne durch die weissen Vorhänge scheint.
  • ich schreiben kann und ich mich durch das Wort befriedigend auszudrücken vermag.
  • ich plötzlich durch einen Geruch an etwas oder jemanden erinnert werde, obwohl dieses Etwas oder Jemand nicht zugegen ist.
  • meine Arbeitskollegen lachen und Shizzle reden.
  • ich mich verliebe.
  • ich eine Nachricht von Freunden bekomme und darüber schmunzeln muss.
  • mich ein Fremder anlächelt.
  • ich mit meinen Mitbewohnerinnen auf dem Balkon sitze und Schampüs trinke oder Bier oder Kaffee.
  • der Nachtzug fährt und ich erwache und die Geräusche der fremden Welt höre und aufgeregt bin.
  • ich einfach so und ohne Grund in mich hineinlache.

Gefahr (mittelhochdeutsch gevare „Hinterhalt“, „Betrug“)

Heute habe ich einen klassischen Katertag verbracht. Nachdem wir gestern mit Badana in ihren Geburtstag gefeiert haben, bin ich heute ziemlich flach gelegen. Und habe mich verflucht, dass ich abends abgemacht habe. Nicht, weil ich Mark nicht sehen wollte… Aber eben. Kater.

Schlussendlich bin ich mit Mark in einer Hotelbar gelandet, wo ein sehr, sehr, sehr schlechter Pianist-Schrägstrich-Sänger-Schrägstrich-Alleinunterhalter-Schrägstrich-Einsamerwolf schaurige Lieder von Liebe und Elend und Leben und Tod interpretiert hat. Wir sassen da also in dieser Hotelbar und ich war wahnsinnig genug Bier zu trinken und hab Blumen aus den Getränkeuntersetzern gebastelt. Mark meinte, dies sei wohl mein Partytrick, der immerhin 12 Minuten daure und mir darum wohl keine schlechte Dienste leiste. Irgendwann hab ich ihn gefragt, ob er damals, vor 10 Jahren, als wir uns kennenlernten, damit gerechnet hätte, dass wir eines Tages in einer Hotelbar sitzen würden, er verheiratet mit Kind und ich mit hohen Absätzen. Er sagte, nein, das hätte er sich nicht im Traum so vorgestellt und was aber wohl noch viel wichtiger sei: Er hätte nicht im Traum gedacht, dass er auch noch 10 Jahre später in mich verknallt sei. Und ich – aalglatt, wie ich sein kann: „Ist das so.“ Und er: „Ja, das ist so.“ Da sassen wir also und als ich meinen Kopf zum Abschied wie eine Etrinkende an seine Brust legte, die Augen schloss und für eine halbe Minute die perfekte Illusion von Geborgenheit und Zugehörigkeit zuliess, wusste ich, dass das alles übel enden könnte und dass ich werde gehen müssen. Jetzt. Sofort. Mark lächelte schief und verabschiedete mich mit: „Jeder vernünftige Mensch kann nicht leugnen, dass Du gefährlich bist.“

Das bisschen rot tut nicht lange weh

Ich mag das Wort „Echolot“. Das Lied „Echolot“ von „Wir sind Helden“ höre ich gern wenn ich joggen gehe, am Zürichsee entlang – zur Roten Fabrik und wieder zurück. Dann schau ich auf das graue Wasser, fühle den Schnee unter meinen Füssen und mein Herz schlägt bis knapp zum Hals. Und in meinem Ohr das Lied:

Halt still
Das Bett ist ein Floss
Und ich will
Raus auf’s Meer komm schneid es
Los schau
Unter uns flüssiges Blei
Graue
Schatten ziehen träge vorbei

Sterne und Wasser
Und wir dazwischen
Komm, wir schwimmen
Mit den grossen Fischen

Ich seh dein Herz
Dein Echolot
Schlägt Wellen in die See
Ich seh dein Herz
Ich weiss wir gehen
Tiefer auf den Grund

Komm schau
Um uns tanzt glitzernder Staub
Wir
Sinken selig und taub
Stumm wartend und leise
Ziehen Schatten engere Kreise

Sterne und Wasser
Und wir dazwischen
Komm, wir schwimmen
Mit den grossen Fischen

Ich seh dein Herz
Dein Echolot
Schlägt Wellen in die See
Ich seh dein Herz
Das bisschen rot
Tut nicht lange weh
Ich seh dein Herz
Bleib noch nicht stehen
Ich häng an deinem Mund
Ich seh dein Herz
Ich weiss wir gehen
Tiefer auf den Grund

Izzie hat mich ja überredet am Silvesterlauf mitzumachen. Von der Strecke her und so kein Problem. Und trotzdem bin ich aufgeregt. Wir werden – auf meinen Wunsch hin – in der Kategorie „Happy Runners“ laufen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob ich dann wirklich so „happy“ bin. Wir werden sehen…

Übrigens eine sehr interessante Woche – mal wieder. Am Dienstag war ich zusammen mit PMO im Casinotheater Winterthur das „Gipfeltreffen“ von  Jess Jochimsen und Andreas Thiel schauen. Hat mir sehr gefallen. Der Abend dauerte lang und hat grossen Spass gemacht. Am Mittwoch verbrachte ich zusammen mit Biene einen Abend mit unserem „Patenkind“ aus Afghanistan. Morteza (so heisst unser „Patenkind“) ist 17 Jahre alt und lebt in einem Asylantenheim im Thurgau. Da er keine Unterstützung von der Gemeinde bekommt (ich könnte mich zu Tode ärgern), haben wir uns ihm angenommen, bezahlen ihm einen Deutschkurs und schauen, dass er nicht auf die schiefe Bahn gerät. Er spricht schon wahnsinnig gut Deutsch und wir sind sehr, sehr stolz auf ihn. Was ich mich immer wieder frage: Wie kann man nur einen Minderjährigen in ein Heim stecken mit alles Erwachsenen und ihn dann sich selbst überlassen? Ich fasse es nicht… Morteza hat uns viele Geschichten aus seiner Heimat erzählt (wie er Steinigungen miterlebt hat, zum Beispiel) und wollte alles über die Schweiz wissen.

Manchmal braucht es nicht viel. Und das Bisschen hilft dann doch ne ganze Menge…

Die Rückseite von allem

Neu gehöre ich ja wieder einer Lesegruppe an, über die ich nicht sprechen darf. Schreiben darf ich darüber und darum verrate ich hier, dass wir in dieser Lesegruppe, über die ich nicht spreche, „Der Vater“ von August Strindberg lesen. Bis jetzt gefällt es mir sehr gut!

Gestern Abend war ich in der Mars Bar zusammen mit Martin und Nina, beide aus Hamburg und mit M. und Luca aus Bologna. Sie haben ein bisschen Architekten-Talk gemacht und Martin (Physiker) und ich haben uns in den Giftschrank verzogen. War eine lustige Gruppe – die Deutschen (sehr pünktlich) und die Italiener (mit einer kleinen Verspätung von 60 Minuten) haben sich sehr gut verstanden. Mal abgesehen davon, dass es mir körperlich nicht gerade gut ging, ein sehr schöner Abend.

Manchmal kommt es mir vor, als wären die Strassen, durch die ich gehe, die Rückseite von allem. Oder um es mit Augustinus zu sagen: „Die Menschen reisen in fremde Länder und staunen über die Höhe der Berge, die Gewalt der Meereswellen, die Länge der Flüsse, die Weite des Ozeans, das Wandern der Sterne; aber gehen ohne Staunen aneinander vorüber.“

Trotzdem (oder: zum Trotz): Ich geniesse diese Zeit gerade sehr. Frei von Angst bin ich nicht, nein. Ich schliesse die Augen und bin sehr froh, dass ich hier bin. Und so hoffe ich, dass es mir nicht wie dem Polarforscher Robert F. Scott geht, der in seiner letzten Botschaft an die Nachwelt am 25. März 1912 folgende Zeilen eilig schrieb: „Wären wir am Leben geblieben, ich hätte eine Geschichte erzählen müssen von Kühnheit, Ausdauer und vom Mut meiner Gefährten, die das Herz jedes Briten gerührt hätte. Nun müssen diese hastigen Notizen und unsere toten Leiber davon berichten.“

Vormittagsgesten

Der König ist tot, lang lebe der König

Der König ist tot, lang lebe der König

Das war die traurigste Geste seit langem, die heute Morgen aus jeder Faser meines Körpers sprach. Da war der lange und unbewegte Blick, da waren meine Schultern, die zu meinem Kinn zeigten, da war mein Gang, der gleichmässig und langsam und zum Schluss dieses Nicken, das klein war aber eindringlich, dieses langgezogene Nicken, das Gesicht nicht ganz zugewandt. Ich habe schon lang keine so traurige Geste mehr durch meinen Körper gehen sehen. Und wie immer, wenn man abschliesst und dabei Abschied nimmt, fühle ich dieses Surren in mir, das von Sehnsucht spricht und von Langeweile. Zurück also in mein altes Leben? Nein. Man kehrt nie zurück. Man gleicht sich vielleicht an, man versucht den Himmel von Gestern zu erkennen, merkt aber bald, dass das Licht verändert, dass die Strassen ein bisschen mehr nach Links geneigt – im Grunde ist heute alles anders. Richtiger wäre: Zurück also in eine ungewisse Zukunft? Denn das ist sie, ungewiss. Wenn man ein paar Stunden, Tage vielleicht, die Hoffnung hatte, Heimat zu finden, dann ist das Ungewisse kälter und irgendwie auch schmerzlicher. Nun brauche ich ein paar Tage, um mich zurückzugewinnen. Die Lust und die Vorfreude und das kindliche Vergnügen, wenn ich an das Ungewisse der Zukunft denke. Und dann – noch ein paar Tage später – gewinne ich wohl auch die Hoffnung zurück, dass es ein Gegenüber gibt, das das Spiel versteht, das sich ausdrücken kann. Ein Gegenüber, das nicht von mir verlangt, langgezogene Gesten zu machen, um abzuschliessen, das meine Fähigkeiten Distanz zu fühlen nicht beanspruchen muss. Weil: Ja, ich kann es gut. Ich kann es sogar zu gut. Ich bin Profi darin und jedem, dem meine Fähigkeiten willkommen sind, weil er selbst in diesem Bereich unzureichend oder aber sogar schwach, möchte ich verfluchen, denn es langweilt mich. Es langweilt mich so sehr, dass ich daran denke Aquarelle zu malen oder Pferde zu züchten. Ich wünsche mir (und ich weiss, dass man vorsichtig sein soll mit seinen Wünschen), dass da jemand ist, der Offenheit besitzt, der sein Herz offen trägt und mit Klarheit auf Ungewissheit reagiert. Und in dieser ganzen Offenheit und Klarheit auch das Spiel versteht, der Neugierde nicht abgeneigt ist. Ich suche den König in dieser Disziplin und mühe mich derweil mit Schachspiel-Bauern ab. Mir ist bewusst, dass es diesen König vielleicht gar nicht gibt oder wenn doch, dass er gerade in einem andern Spiel verpflichtet.

Im eigentlichen Spiel – diese Königsdisziplin – geht es nämlich in keiner Weise um Nähe und Distanz. (Die Bauern glauben immer, es gehe um das Spiel von Nähe und Distanz.) In einem richtigen Spiel, eins, das beide gewinnen können, ist die Grundlage ultimative Nähe. Diese Form von Nähe, die in unseren Breitengraden fast ausgestorben, die Nähe, die wir aus Büchern kennen und sie für unwirklich halten. Die nichts-kommt-zwischen-uns-Nähe, die alle-für-einen-und-einer-für-alle-Nähe, diese unumstössliche Nähe, die keine Distanz zulässt. Und mit dieser Grundlage, die sozusagen das Spielbrett darstellt, lässt es sich in ungeahnte Räume vordringen und jeder ist sicher. Denn ein Spiel (und darum heisst es „Spiel“ und nicht „Krieg“) muss Spass machen und darf niemanden verletzen. Die Bauern aber spielen unermüdlich das Nähe-Distanz-Spiel (oder muss ich sagen: den Nähe-Distanz-Krieg?), metzeln links und rechts Mitspieler runter und lachen fürchterlich, wenn literweise Blut fliesst und glauben, sie hätten damit etwas gewonnen. Was bleibt ist ein Schlachtfeld und Menschen zurück, die dank diesen Verletzungen (die sie ja nicht mal zeigen dürfen, denn es war ja nur ein „Spiel“) noch viel weniger Nähe aufbauen können, als am Anfang ihres Lebens. Und diese blutenden Mitspieler werden zu Bauern und sie sinnen auf Rache und die nächsten „Spiele“ gewinnen sie, denn sie sind ja nicht blöd und so weiter und so fort.

So hoffe ich, dass mir in meiner Zeit, die auf Erden mir gegeben ist, ein König begegnet, der begriffen hat, dass Gewalt nichts in einem Spiel zu suchen hat, der mit mir die gefährlichsten Abenteuer erlebt, deren Gefahr aber von aussen und nie von innen kommt.

Der König ist tot, lang lebe der König.

Zur blauen Stunde

Süsser, blauer Dunst

Süsser, blauer Dunst

In Zeiten, wo man sich auch im Freien fast nicht mehr traut eine Zigarette anzuzünden (weil man damit wedelnde Hände und gerümpfte Nasen provoziert), muss auch mal gesagt werden, was so fantastisch daran ist zu rauchen. Folgendes:

  • Müde und zerrissen mit seinen Arbeitskollegen vor dem Bürogebäude stehen und plötzlich wie aus dem Nichts zum Lachen gebracht werden.
  • An einer Privatparty auf den Balkon hinaustreten, dort einen einsamen Menschen antreffen und mit „auch am Rauchen?“ in ein zwei stündiges Gespräch einsteigen.
  • Zu zweit am Fenster stehen, den blauen Dunst in die Nacht hinausblasen und gemeinsam Schweigen.
  • Fremden Leuten eine Zigarette spendieren. (Fremde Leute nach einer Zigarette fragen.)
  • Mit Freunden an einem Tisch sitzen und trinken, rauchen, reden, streiten, lachen.
  • Sich wegen Zeitmangel gegen Essen und für Zigaretten entscheiden.
  • In einer verrauchten Bar am Tresen stehen.
  • Nach einem langen Tag nach Hause kommen, quer durch die Wohnung „Ziiiiiiiiiiiigiiiiiiiiiiiiiiiii!“ schreien und dann mit einem Kaffee (oder wahlweise mit einem Bier) und der Mitbewohnerin auf dem Balkon sitzen.
  • Feuer wollen. Feuer geben.
  • Der Geruch der Finger: Einbisschen rauchig, einbisschen lebendig.
  • Nach dem Essen in den Stuhl sinken – rauchend.
  • Die Glut im Dunkeln aufglimmen sehen.
  • Eine verschworene Gruppe sein und dank der gemeinsamen Zigarettenpausen viele Details aus dem Leben der Einzelnen kennen.
  • Nach einer langen Pause die erste Zigarette rauchen – ganz für sich.
  • Warten, gehen, stehen, schnippen – Hände sehen.
  • In diesen einen, seltenen Augenblicken im Bett gemeinsam eine Zigarette rauchen.

Um nicht zerrissen zu werden

Bei Nietzsche steht: „Die Bestie in uns will belogen werden; Moral ist eine Notlüge, damit wir von ihr nicht zerrissen werden.“

Heute habe ich in der Mittagspause mit Ron über Moral und den Moralbegriff geredet. Es ist doch so, dass wir ein Bild von uns haben, das sehr heuchlerisch ist. Wenn wir denn mal ehrlich sind zu uns selbst. Die Bestie in uns sagt wohl zur Gelegenheit höchst selten nein. Das Gute ist, dass sich uns die Gelegenheit fast nie bietet. Und das auch nur, weil wir Hemmungen haben. Es ist nun aber so, dass ich wohl ein Mensch bin, der tendenziell eher nicht so viele Hemmungen hat. Genauer: Ich bin jemand, der sich zu fragen traut. Der manchmal Sachen einfach macht. Ich gehe also auf andere Menschen zu, rede, stelle Fragen. Und darum erfahre ich auch ziemlich viel von Menschen. Und damit meine ich in erster Linie nicht, was sie mir erzählen. Sondern das, was sie tun. So sagen sie mir, dass sie treu sind und im nächsten Atemzug reden sie was von „offener Beziehung“ und „mal eben küssen und so“. Würde ich dazu ja sagen (und ich halte nicht hinter dem Berg damit, dass ich auch schon ja gesagt habe), würde der eigene Moralbegriff und die Moral der Handlung doch ein Bisschen auseinanderklaffen.

„Der Mensch ist des Menschen Wolf“ sagt mein Lieblingsbürokollege dazu.

Die beste Lektüre, die ich zu diesem Thema kenne ist „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ von Imre Kertesz. Er sagt da: Wir sprechen von Unmenschlichkeit und meinen damit nur allzu Menschliches.

Warum erfährt man nie, wie alles war?

Wieso warum?

Warum sind tausend Kilo eine Tonne?
Warum ist drei mal drei nicht sieben?
Warum dreht sich die Erde um die Sonne?
Warum heisst Erna Erna statt Yvonne?
Und warum hat das Luder nicht geschrieben?

Warum ist Professoren alles klar?
Warum ist schwarzer Schlips zum Frack verboten?
Warum erfährt man nie, wie alles war?
Warum bleibt Gott grundsätzlich unsichtbar?
Und warum reissen alte Herren Zoten?

Warum darf man sein Geld nicht selber machen?
Warum bringt man sich nicht zuweilen um?
Warum trägt man im Winter Wintersachen?
Warum darf man, wenn jemand stirbt, nicht lachen?
Und warum fragt der Mensch bei jedem Quark: Warum?
(Erich Kästner)

Ein Kästner-Gedicht zu diesem müden Donnerstag. Kästner-Gedichte helfen immer. Vor allem wenn es harzt und zieht und man zu müde ist fürs Harzen und Ziehen und man eigentlich ganz wo anders sein möchte und sich dann zuweilen fragt „Warum?“, dann, ja dann sind Kästner-Gedichte die richtige Medizin.

Gestern Abend habe ich mich mit rzeng getroffen. rzeng führt auch einen Blog und über diesen Weg haben wir uns auch kennengelernt. Eine ziemlich lustige Geschichte, übrigens. Ich habe mich also mit ihm getroffen und wie vorauszusehen war, haben wir uns sehr gut unterhalten. Ich habe die Namen seiner Geschwister auswendig gelernt und er fand es nur einbisschen komisch, dass ich 15 Stunden das selbe Lied hören kann.

Nach 4 Stunden Schlaf kämpfe ich mich heute nun durch den Tag und ärgere mich einbisschen, dass ich heute Morgen im Zug mein Buch fertiggelesen habe, denn nun bleibt mir auf der Heimfahrt nur eine schnöde Gratiszeitung, die mich immer so entsetzlich langweilt. Das Buch übrigens ist sehr zu empfehlen: William Boyd „Ruhelos„. Grossartig.

Stunde des Todes

“Wir sagen wohl, die Stunde des Todes sei ungewiss, aber wenn wir es sagen, stellen wir uns diese Stunde in weiter, vager Ferne vor, wir denken nicht daran, dass sie irgendeine Beziehung zu dem bereits begonnen Tage haben und dass der Tod (…) am gleichen Nachmittag noch erfolgen könne, der uns so gar nicht ungewiss schien, für den der Gebrauch der Stunden bereits im voraus festgelegt war. (…) man wünschte, es wäre morgen schön, und man ahnt nicht, dass der Tod, der auf einer anderen Ebene schon selbst durch undurchdringliches Dunkel wandelnd, zu einem gelangt ist und gerade diesen Tag für seinen Auftritt gewählt hat, die nächsten Minuten schon … ” (Marcel Proust, Guermantes)
Wenn es denn in ein paar Stunden für mich zum Ende kommen sollte, könntet ihr euch gewiss sein: Es war ein glückliches Ende. Denn dieser Sommer ist Glück. Sonnenkind, ich. Hehe.

Ganz Zürich? Nein!

Gerade eben haben wir die Kerzen auf dem Balkon gelöscht, die Weingläser in die Küche geräumt und sind alle drei in unsere Zimmer verschwunden. Ich wohne in einer grossartigen WG. Zusammen mit Izzie (aka Wiesel, aka Veverica) und Häschen und einem Volk Ameisen, das es sich bei uns auf dem Balkon gemütlich gemacht hat. Wir sind also an diesem beispielhaften Sommerabend draussen gesessen, haben (nachdem uns der gekühlte Weisswein ausgegangen ist – unser Kühlschrank kühlt einfach viel zu langsam – verdammt) ein zwielichtiges Getränk aus unserer unerschöpflichen Bar getrunken und sehr viel gelacht. Unten am See war Feuerwerk (ich dachte das Feuerwerk wäre erst morgen und übermorgen? Oder ist etwa schon Freitag und ich hab es nicht gemerkt? Sehr seltsam das alles…) und die Menschen, die unter unserem Balkon vorbeikamen, waren alle sehr betrunken, sehr laut und haben groteske Dinge gesagt – besser als Kino. Wir haben uns heute also aufs Züri-Fäscht vorbereitet – da, wo wir wohnen braucht es Vorbereitung – und irgendwie freue ich mich darauf, da ich das Züri-Fäscht auf dem Lindenhof verbringen werde. Auf dem Lindenhof ist das nämlich sozusagen so: „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein!“