Schiffsmädchen

Heute Abend habe ich Kartoffeln geschält. Im Akkord. Jetzt könnte ich mich auf einem Schiff bewerben. Diese Woche ist psychisch und physisch unendlich anstrengend. Ich bin müde. So richtig tief müde. Jetzt, als ich nach Hause fuhr, war mir schlecht und ich versuchte meine Handgelenke am Haltegriff im Tram zu kühlen. Morgen nun also Beerdigung. Morgen nun also Vorpremière. Zwei Dinge – beide gross, beide wichtig. Das eine sehr traurig, das andere so schön. Ich weiss noch nicht, wie ich diesen Tag hinter mich bringen werde. Aber ich bin zuversichtlich, dass beides gut wird. Der Freitag, 13. April 2012 wird aber definitiv in meine Geschichte eingehen.

Heute auch das: Meine Freunde sind grossartig. Dann, wenn man zu fallen droht, wird man aufgefangen. Ich bin dankbar. Die Dankbarkeit überstrahlt jede Müdigkeit. Meine Freunde springen, ohne mit der Wimper zu zucken, ein. Helfen, sind da, organisieren, bringen Ideen, denken mit, geben mir das Gefühl, dass alles viel weniger schlimm ist. Manchmal frage ich mich, wie ich meiner Dankbarkeit jemals angemessen Ausdruck verleihen kann.

Die Geeks und ich

I love nerds

Im Moment schaue ich gerade – in allen Zwischenräumen, die sich mir bieten – die Fernsehserie „The Big Bang Theory„. Ich sitze also kichernd vor dem Fernseher und habe grossen Spass. Habe mich natürlich nach spätestens zwei Folgen unsterblich in Sheldon verliebt.
Aber auch im realen Leben stehe ich auf Geeks.

(–> Kleiner Einschub: „Das englische Wort „geek“ (vom mittelniederdeutschen Wort „geck“) bezeichnete in den Vereinigten Staaten im 19. und frühen 20. Jahrhundert Menschen, die im Rahmen von Sideshows auf Jahrmärkten und in Zirkussen lebendigen Tieren den Kopf abbissen. „Geek“ stand in diesem Zusammenhang für eine durch absonderliche Taten auffällige Person (vgl. Freak).“)

Mein Glück ist, dass ich mit lauter Geeks arbeite. Jeden Tag fühle ich mich also ein Bisschen wie Penny (ein durchschnittlich intelligentes Blondchen) und versuche meinen Techies im Alltag zu folgen. (Was nicht immer gelingt, das kannst du mir glauben.) Ich mag meine fantastischen Arbeitskollegen sehr. Sie sind direkt, aufrichtig, ehrlich, schnörkellos, blitzschnell, geistig wahnsinnig beweglich und haben grandiosen Humor. Oft, wenn ich traurig bin oder niedergeschlagen oder einfach nur wahnsinnig müde, brauche ich nur in unsere Kaffee-Ecke zu stehen und mit dem Arbeitskollegen, der dann gerade auch in der Kaffee-Ecke steht, zu scherzen, schäkern und es braucht keine fünf Minuten, um meine Laune empfindlich zu heben. Meine Geeks sind oft Lebensretter. Ich liebe es, mit ihnen zu reden, von ihnen Dinge erklärt bekommen. Ich liebe es, von ihnen zu lernen und manchmal auch mit ihnen heftige Diskussionen zu führen. Intellektuelles Ping-Pong spielen. Und das jeden Tag. Was kann man sich schöneres vorstellen? Und was das schönste ist: Meine Geeks gehen so unglaublich herzlich und fast schon zärtlich mit mir um – ich habe keine Ahnung, wie ich das verdient habe.

Lucky me!

Flieder nach Engelberg

Heute war ich in Engelberg und hab für unser Winterweekend der Firma rekognosziert. Der Tag war wunderbar. Ganz viel Sonne, blauer Himmel und sehr beeindruckende Berge. In der S-Bahn – schon wieder in Zürich – hab ich von einem Dachdecker eine Fliederblume geschenkt bekommen. Die steht nun hier in meiner Küche in der Vase und duftet sehr verführerisch. Mir passieren solche Sachen immer mal wieder. Solche Gänseblümchen-mitten-in-der-Grossstadt-Erlebnisse. Solche, mit denen man nicht rechnet.

Engelberg heute

Engelberg heute

Ich sitze also so in der S-Bahn, bin müde von der Sonne, dem Ausflug und da kommt der Dachdecker, setzt sich mir gegenüber, zückt eine Fliederblume aus einer Tüte, überreicht sie mir und sagt mit Blick auf die Blume: Ich habe sie gerettet. Am Montag machen sie dort alles platt und sie hat so schön geblüht.
Dann haben wir noch etwas über verschieden Düfte geredet, über Linden und Flieder und so. Und dann hab ich aussteigen müssen.

Heute Abend gehe ich ins Theater. Ins Sogar Theater das Stück „Das Jagdgewehr“ schauen.

«In sol­chen Augenblicken sehe ich immer, was hin­ter dem Jäger sich ausbreitet: nicht etwa die frühwinterliche Landschaft des Amagi-Bergs, sondern ein verödetes, weisses Flussbett. Das schimmernd geputzte Jagdgewehr drückt seine ganze Last tief in Seele und Leib des einsamen Mannes von mittleren Jahren, strahlt eine selt­same, blutbefleckte Schönheit aus, die, wenn das Gewehr auf Lebendes zielt, niemals er­scheint.»

Wohlan denn, Herz

Diese Woche war Abschiedswoche bei mir im Büro. Das war natürlich hoch emotional. Es gab einige Momente, wo ich am liebsten rausgelaufen wär. So im Stil von: Ich geh mal eben Zigaretten holen. Und zack… Weg für immer. Ausserdem hat heute auch noch Zitat gekündigt, mein Bürogschpänli. Was mich traurig macht. Nicht nur traurig. Es macht mich wütend. Das gemeine ist, dass ich jetzt mit Sicherheit weiss, dass sich niemand auch nur einen Deut um mich scheren würde, hätte ich ein Bedürfnis oder ein Problem. Das ist wohl eine Tatsache: niemand wird dir je dankbar sein.

Diesen Samstag hab ich Geburtstag und das ist ein guter Zeitpunkt, um sich um das Eigentliche zu kümmern. Ich freu mich auf dich, Badana! Auf unseren Tag und auf mein Geburtstagskonzert am Abend. Ich freu mich, falls du Zeko, es noch schaffen solltest zu kommen. Ich freu mich auf euch, meine Freunde. Denn ich weiss, dass ihr da seid, wenn ich Probleme habe oder Bedürfnisse. Weil ihr großzügig seid und gelassen. Eine fantastische Kombination.
Und jedem neuen Jahr wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Bern & ich

Am Dienstag hatte ich einen Kundenanlass in Bern. Wir haben alle zusammen eine Stadtführung gemacht. „Lust und Laster in Bern“. Das war sehr interessant. Zum Beispiel habe ich erfahren, dass die Frau des Scharfrichters die Hüterin über das Bordell war. Ein echt gutes Team, nicht wahr? Natürlich hat uns unsere Fremdenführerin – eine sehr süsse, ältere Dame – auch über den Umstand aufgeklärt, dass die schönsten Schweizer Frauen von Bern kommen. Da kann man ja nur von Glück reden, wenn man wie ich Berner Wurzeln hat. Da ist man wenigstens irgendwo tief drin irgendwie schön.

Bern und ich, das ist so ne Sache. Ich mag Bern irgendwie und hab da schon viel erlebt. Eigentlich schon ziemlich viel. Erste Küsse, tränenreiche Nächte, Verlorenheit, Angst und Schrecken, Liebe und Abenteuer – ich und Bern, das ist so ne Sache. Und trotz allem würde ich nie in Bern leben wollen. Keine Ahnung warum. Überall, aber nicht Bern. Seltsam eigentlich. Vielleicht ist einfach schon viel zu viel zwischen Bern und mir vorgefallen. Könnte ja sein. Das ist halt nicht mehr zu kitten. Sag ich jetzt mal.

Zwischenwelt unter Linden

Was für ein verrückter Tag! So langsam und zäh und seltsam. Ich hab mich wie ein Alien gefühlt. Und jetzt. Und jetzt bin ich sicher. Sicher im Gefühl. Ich bin einfach abgehauen. Verduftet. Hab einen klassischen Manson gemacht. Manchmal muss man seinem Gefühl vertrauen. Auch wenn es an Unhöflichkeit grenzt.

Ha! Übrigens: seit zwei Wochen riechen die Linden wieder. Und wie! Und ich, ich bin außer mir. Ein schöner Ort.

Leben im Paradies

Hieronymus Bosch: Garten Eden

Hieronymus Bosch: Garten Eden

Bei all dem Jammern und Klagen, vergesse ich immer mal wieder gern, dass ich eigentlich im Paradies lebe. Da wird mir berichtet von Kriegen und Atomunfällen und Naturkatastrophen und Hunger und Leid. Und ich sitze mit meinem Kaffee auf dem Balkon und blinzle in die Sonne. Ich glaube, dass wir hier nie ein umfassendes Bewusstsein darüber erlangen können, was wir an unserem Leben haben. Wie auch? Manchmal aber, in diesen hellen Momenten, wird mir bewusst, wie schön, wie vortrefflich, wie paradiesisch mein Leben ist. Ich meine, ja, ich muss arbeiten. Aber meine Arbeit hat nichts Fieses oder Hartes an sich. Sie ist ein Klacks. Sie ist schön. Ja, ich habe manchmal Liebeskummer. Aber mein Schmerz ist himmelweit von der Bedrohung meiner Existenz entfernt. Und ja, da hat es diese Augenblicke gegeben in meinem Leben, wo ich am Rande war. Wirklich am Rande. Wo das wahrhaftige Grauen greifbar war. Und einzig diese Erfahrungen lassen mich ein Gefühl dafür bekommen, was es heisst, wenn man aus dem Paradies ausgestossen wird. Die einzige Grenze, mit der ich hier zu kämpfen habe, ist… Und hier überlasse ich Napoleon das Wort, er hat es ja wissen müssen: „Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen ist nur ein Schritt.“ Sprich: Es geht hier nicht um das Allgemeine. Es geht hier ums Detail. Und ja, natürlich, der Teufel steckt ja bekanntlich gerade darin. Heute aber – es ist Gründonnerstag und mich erwartet ein Sommer- und Partytag – möchte ich mein Augenmerk nicht auf den Teufel richten.
Darum: Mein Leben ist ein Paradies, wenn:

  • ich frühmorgens aus meinem Zimmer komme, meine Mitbewohnerinnen sind bereits wach, und es nach Kaffee und frischem Duschmittel riecht.
  • die Vögel mitten in der Nacht laut zu zwitschern beginnen.
  • es genügend Milch für Milchkaffe im Kühlschrank hat.
  • ich neben einem Mann erwache und dabei kein schlechtes Gefühl habe.
  • ich ein gutes Buch gelesen habe und mit einer meiner Freunden darüber reden kann.
  • die Stadt nach Linde riecht.
  • ich mit meinen Freunden zusammen bin. Meine Freunde, mit ihrer sprühenden Intelligenz und ihrer kreativen Beweglichkeit.
  • ich Gäste erwarte und am Fenster stehe und sie schon von weitem reden und lachen höre.
  • die Sonne durch die weissen Vorhänge scheint.
  • ich schreiben kann und ich mich durch das Wort befriedigend auszudrücken vermag.
  • ich plötzlich durch einen Geruch an etwas oder jemanden erinnert werde, obwohl dieses Etwas oder Jemand nicht zugegen ist.
  • meine Arbeitskollegen lachen und Shizzle reden.
  • ich mich verliebe.
  • ich eine Nachricht von Freunden bekomme und darüber schmunzeln muss.
  • mich ein Fremder anlächelt.
  • ich mit meinen Mitbewohnerinnen auf dem Balkon sitze und Schampüs trinke oder Bier oder Kaffee.
  • der Nachtzug fährt und ich erwache und die Geräusche der fremden Welt höre und aufgeregt bin.
  • ich einfach so und ohne Grund in mich hineinlache.