Heute lernen wir vom & fürs Leben

Ich und mein mörderischer Kater sitzen im Büro und denken über die letzte Nacht nach. Begonnen hat alles sehr harmlos. Am Anfang war da die Idee mit den Arbeitskollegen nach dem Fussballmatch Schweiz – Spanien noch was trinken zu gehen. Weil sowieso nix mehr ging und man etwa 3 Stunden bis zum Bahnhof gebraucht hat. Wir haben uns also in die Fanmassen geworfen und so richtig mitgefeiert. Der Abend hat damit geendet, dass ich eine Frau küsste (ihr Freund war sehr fasziniert und hat ihr die Erlaubnis gegeben), Dani Felix einen Knutschfleck mitten auf den Hals machte, ich mit Sara darüber diskutierte, wer von unseren männlichen Kollegen am heissesten ist (zwei davon sassen gleich daneben), Felix Bruder mir seinen Ausweis zeigen musste, weil ich nicht geglaubt habe, dass er erst zwanzig ist und dass ich ziemlich übel hinfiel (oder besser: von Felix umgerissen wurde) und dabei mein Handybildschirm in die Brüche ging.

Davon, dass ich meinen Zug verpasst habe und ähnlichen Shizzle reden wir schon gar nicht.

Daraus lernen wir:

  1. Nicht mit Arbeitskollegen feiern (am nächsten Tag muss man sich dann Sprüche anhören – und zwar 10 Stunden lang).
  2. Nie auf leeren Magen trinken!
  3. Wenn man schon mit Arbeitskollegen feiert, ihnen frühzeitig und vorgängig beibringen, dass wenn man Dinge sagt wie: „Oh-O. Jetzt werde ich überstellig!“, man unverzüglich nach Hause geschickt werden soll.
  4. Sich in betrunkenem Zustand auf Distanz halten zu Hüpfenden und Gümpenden.
  5. Ehrlichkeit in allen Ehren: Manchmal aber ist Schweigen gold.
  6. Wissen, wann der letzte Zug fährt.

Und das Beste ist: Es geht weiter. Morgen früh fahre ich ans Southside und werde wohl kaum weniger trinken oder/und mehr schlafen. Klasse.

Manchmal träume ich schwer

Gestern hab ich einen guten Freund besucht, nennen wir ihn Gustavo. Gustavo ist Bildhauer und wohnt in einem Haus zwischen einer Schnellstrasse, einem Weizenfeld und einem Wald. Als ich da aus dem Auto gestiegen bin, fühlte ich mich in eine andere Welt versetzt. Da stehen Grabsteine gegen die Strasse hin und hinter dem Haus beginnt der Wald wo man Rehe sehen kann und der Fuchs täglich seine Runde dreht. Der Himmel ist weit und grau und der Wind zeichnet seltsame Formen ins Weizenfeld. In der Dämmerung hab ich mir die Steine angesehen und sie ehrfürchtig mit den Fingern berührt. Sie waren kalt und rochen nach Unendlichkeit.

Wir haben Wein getrunken und geraucht und wie stumme Zeugen erhoben sich Zypressen vor dem Fenster. Wenn ich gekonnt hätte, ich wäre dort geblieben – für immer. Ich hätte vorbeifahrende Lastwagen gezählt, mir Namen für die Wildtiere ausgedacht, ich hätt auf dem Dachboden gesessen und das Licht betrachtet, ich hätte mich neben die Steine gesetzt und eine Zigarette geraucht, ich hätte die Adern im Marmor mit den Adern meines Handrückens verglichen.
Ich konnte aber nicht bleiben. So wie ich noch nie bleiben konnte.

Manchmal träume ich schwer,
und dann denk‘ ich, es wär‘
Zeit zu bleiben und nun ganz was andres zu tun.
So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar,
dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war.

Dass man mich kaum vermisst, schon nach Tagen vergisst,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht. Vielleicht bleibt mein Gesicht
doch dem ein‘ oder andren im Sinn

Fragt mich einer, warum ich so bin, bleib‘ ich stumm,
denn die Antwort darauf fällt mir schwer.
Denn was neu ist wird alt und was gestern noch galt,
stimmt schon heut‘ oder morgen nicht mehr.

(Hannes Wader – „Heute hier morgen dort“)

Ich ruf dich an

Es gibt da ein Lied von „Blumentopf„, das geht so:

Ich würd gern ewig mit Dir reden
doch ich muss jetzt leider gehen,
muss Morgen früh raus, und es ist schon drei vor Zehn
Aber kein Problem
Wir holen’s nach, ich ruf Dich an.

Gestern ist mir das so ergangen. Und ich hab mich dafür geschämt.

Es gibt Menschen, die mir mal so richtig was bedeutet haben. Sie haben mir ein Geschenk gemacht, sie haben meine Zeit (und mein Bett und mein Lachen und mein Reisen und mein Verzweifeln) geteilt. Da war Nähe und grosses Vertrauen. Da war der Wille sich trotz der Andersartigkeit nicht zu verlassen. Da waren Gefühle, da war Wohlwollen da war Verständnis. Und dann, eines schönen Tages, trifft man sich, um diesen Willen, sich eben nicht zu verlassen, Rechnung zu tragen und … Das ist, wie wenn man plötzlich ins Leere tritt. Und knickt.
Ich reibe mir verwundert die Augen. Wo, zum Henker, ist das alles hin? Die Neugierde, die Fröhlichkeit? Ich weiss es nicht. Vielleicht geschmolzen mit dem Schnee?

Ich habe mich gefühlt, wie ein Schiffspassagier, der sich in seiner Kajüte daran erinnert, dass der Steg doch ganz nett ist und die Kirche oben am Hang so schön im Sonnenlicht glänzt. Der Schiffspassagier geht also an Deck und weder Steg noch Kirche am Hang sind noch da, alles ist verschwunden, nur die raue See, die sich auftut und Wellen, vielleicht eine Möwe.

Erich Kästner mit seiner sachlichen Romanze kam mir in den Sinn:

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Wenn mich ein Mensch langweilt, dann ist mir das gar nicht recht. Ich versuche die Langeweile zu vertreiben, erzähle Geschichten. Gestern aber dachte ich mir: Vielleicht langweile ich mein Gegenüber genauso. Und ich glaube, es war so. Ich war zum Schreien langweilig. Ich konnte die Hürde nicht überwinden. Hatte die Leichtigkeit nicht, um anzuknüpfen.
Das „wir hören uns“ zum Schluss, hab ich nicht erwidert. Nicht, weil es wichtig gewesen wäre, nicht weil ich die Floskel ohne weiteres hätte als Floskel nehmen und zurückgeben können. Manchmal bin ich einfach detailverliebt. Ein scheiss Pedant. Manchmal ist mir die Ehrlichkeit in den kleinen Gesten wichtig. Das war dann der Zeitpunkt, wo wir uns nicht gelangweilt haben. Abschiede haben halt wirklich was für sich. So wie Anfänge auch. Wie hat d. damals zitiert, um darauf hinzuweisen, dass ich ihn nicht angerufen habe, wie eben so dahergesagt?: „Als das Telefon nicht klingelte, wusste ich, dass du es warst.“ (Dorothy Parker)

Vanitas vanitatum, et omnia vanitas

„Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Alles wird matt, alles zerbricht, alles vergeht.

Alles wird matt, alles zerbricht, alles vergeht.

Kurz vor Ostern, an einem Gründonnerstag, die blühenden Wiesen sind mit einem feinen Schneeschleier bedeckt, mach ich mir Gedanken zur Vergänglichkeit. Wenn ich mich in Räumen bewege, die ich sehr gut kenne, wo ich viel erlebt habe, dann stelle ich mir gerne vor, wie es wäre, wenn sich die Zeit wie ein Fächer zusammenklappte und ich mich selbst sehen würde, wie mein früheres Ich sich in diesen Räumen bewegt. Ich sehe mich dann von weitem, wie ich die Strassen entlanggehe – vielleicht mit langen Haaren, vielleicht mit kurzem Rock, weil Sommer war – sehe, wie ich diesen Mann dort an der Ecke küsse, sehe, wie ich leise weinend an die Scheibe gelehnt im Bus vorbeifahre. Ich stelle mir vor, dass ich mich anspräche und zu mir sagte: „Keine Bange. Es geht vorbei.“ Und morgen schon, werde ich mich sehen, wie ich hier sitze und werde zu mir sagen: „Nur keine Aufregung. Es geht vorbei.“ Wenn sich also der Fächer der Zeit zusammenklappen liesse und sich alle Zeiten übereinanderlegen würden, begegnete ich mir an vielen Ecken und ich wäre froh mein heutiges Ich zu sein.

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reisst jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden
(Andreas Gryphius)

Schöne Ostern wünschen ich und Peter Rabbit!

Auch wir Davongekommen erholen uns nie ganz

Hach. War das schön! Heute bin ich an der Sonne gesessen und hab Kaffee getrunken.

Am Mittwochabend hab ich mich mit Mike getroffen. Mike hat sich gerade in einer Zwischenwelt befunden. In einer Woche fliegt er zurück nach Indien, wo er wohnt. Wir haben dann über dies und das geredet und darüber, wie es ist, wenn man seine Zähne in Hälse schlägt und er zitierte dann Kehlmann, mit einem verschmitzten Lachen: „Auch wir Davongekommen erholen uns nie ganz von der Nähe der Fremde.“ Er war der Meinung, dass dieses Zitat auf mich zutrifft, eigentlich sei es ja geografisch gemeint, könne aber durchaus auch auf die innere Geografie, also auf die Orte in Menschen angewendet werden und somit passe es sehr gut zu mir.

Ich denke mir, dass er damit wohl Recht hat, da ich mich wirklich nie ganz erhole. Dass ich mich immer auf die grösst mögliche Fremde einlasse, durch die Nähe aber, die Fremdheit nie als diese wahrzunehmen vermag. Die Diskrepanz also ist es, die die Haut aufreisst und hässliche Narben hinterlässt.

Nightmare before Christmas

Als ich heute morgen um 7 Uhr an der Bahnhofstrasse in einem Café sass und auf Nightmare Before ChristmasWeihnachtseinräumhilfekollege Dani wartete, dachte ich über den Traum nach, den ich gestern am Nachmittag gehabt habe (ich habe in den letzten Tagen ja immer nachmittags schlafen müssen. Sprich: 5 Stunden in der Nacht, 2 Stunden am Nachmittag). Mir träumte, dass ich in einem Lastwagen auf der Hardbrücke unterwegs war. Ich war Beifahrerin und der Lastwagenfahrer ein seltsam hagerer und wortkarger Mann. Wir waren also auf der Brücke unterwegs und als der Lastwagenfahrer ein Auto überholen wollte, wurden wir abgedrängt, der Lastwagen überschlug sich und während er sich überschlug, dachte ich darüber nach, ob nun zuerst mein Kopf oder meine Beine zerquetscht würden. Es waren meine Beine. Der Moment dauerte ewig und mir war plötzlich klar, dass ich gewusst hatte, dass dies passieren würde. Als hätte ich schon Monate bang auf diesen Augenblick gewartet. Speziell an diesem Traum war, neben dem, dass ich darin starb, dass es unheimlich laut war. Der Lärm war ohrenbetäubend. Und als ich erwachte im Wissen darum, dass ich soeben gestorben war, hatte ich Ohrensausen von dem Lärm. Ich erinnere mich nicht daran, jemals einen so lauten Traum gehabt zu haben.
Zum Glück kam Dani und brachte mir Zigaretten und heiterte mich mit seiner Sympathie und Offenheit auf. Ich wünsche euch von Herzen schöne Weihnachten!

Rasch, auf die Wange

Wenn ich winken muss, werde ich winken.Abschiede sind immer schwierig. Heute ist der letzte Arbeitstag von Zoé. Genauer: der letzte Arbeitstag den Zoé und ich gemeinsam haben. Und auch ich werde nicht mehr lange arbeiten, wo ich gerade arbeite. Manchmal stimmt mich das traurig. Denn ich mach die Arbeit gern und ich liebe das Team. Es wird mich schwer fallen, hier wegzugehen. Andererseits freue ich mich auf mein Leben ab Dezember. Ich freue mich auf die Freiheit, auf die Abenteuer, auf die Zeit. Das erste Mal im Leben gebe ich mir Raum um zu tun, was mir gerade einfällt. Viel zu lange habe ich gewartet. Natürlich. Ich habe auch Angst. Was fängt man mit Freiheit an? Wohin streben die Gedanken, wenn man Zeit hat sich Gedanken zu machen? Was tut man mit seinen unruhigen Händen, wenn man nicht tausend Sachen gleichzeitig erledigen muss? Wie fülle ich den Raum, der momentan leer ist – nur ein paar Staubknäuel enthält? Vielleicht schliesse ich zuerst die Fenster, vielleicht lege ich Kissen aus, vielleicht zünde ich eine Kerze an, vielleicht male ich ein Bild und hänge es an die leere, weisse Wand. Vielleicht lade ich Freunde ein und spiele mit ihnen – auf dem Fussboden sitzend – das Flaschenspiel. Vielleicht lache ich und vielleicht weine ich auch einbisschen. Ganz sicher aber werde ich endlich mal wieder atmen. Richtig tief einatmen.

„Wenn dein Schiff fährt, wird es fahren.
Wenn ich winken muss, werde ich winken.
Wenn ich dich zum letzten Mal küssen darf, werde ich es so tun, rasch, auf die Wange.“
(Ingeborg Bachmann: Der gute Gott von Manhattan)