Swimmingpoolaugen

Heute war ich in Basel und saß am Nachmittag am Rhein. Manchmal schien die Sonne und der Rhein sah aus, als ob er den Frühling auch kaum erwarten könnte. Ich sah in Swimmingpoolaugen und mochte in das herrliche Blau eintauchen. Danach wurde ich in den Bummelsonntagsbrauch eingeführt. Da waren Cliquen und Guggen (endlich ist auch mir der Unterschied klar), die das Ende der Fasnacht verkündeten. Die Swimmingpoolaugen zeigten mir ein sehr verrücktes aber charmantes Lokal, wo ich eine Bolognese anzettelte, mit einem 70-jährigen Herrn von seinem iPod Bligg hören musste und über Rauschmittel aufgeklärt wurde.
Ein Tag ganz nach meinem Geschmack und ich muss gestehen: könnte ich, ich würde ihn auf ewig verlängern wollen.

Nun aber treffe ich wieder in Zürich ein und freue mich auf die nächste Woche. Das Leben bleibt spannend.

Ach ja: Freitagnacht wurde ich von einem Züzischönling darüber aufgeklärt, dass knutschen „schon ein bisschen 80er“ sei, er es aber dann mit mir doch gerne tun wolle. Ich hab sehr gelacht. Badana meinte, ich solle ihn heiraten, nur zur Erheiterung meiner Freundinnen. Ich würde so einiges für meine Freundinnen tun, Züzischönlinge lass ich aber hübsch in Ruhe.

Berühr es nicht, überlass es der Zeit.

Wie kann das sein, dass diese nahen Tage fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Wie kann das sein, dass diese nahen Tage fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?

Dieses Wochenende war ich im Winterweekend mit der Firma. Wie letztes Jahr ging es auch dieses Jahr wieder in die Lenzerheide. Es war ein – wie soll ich sagen – intensives Wochenende. Im Moment arbeiten wir alle gerade sehr viel und das hat sich bemerkbar gemacht. Im Sinne von: Hart arbeiten, hart feiern. Gestern Abend waren wir schlussendlich dann noch zu viert unterwegs und uns verschlug es an eine sehr seltsame Ü27-Party im Kurhaus. Dort hab ich Chris kennengelernt, der sich einen Kampf um mich mit seinem Arbeitskollegen geliefert hat. Bei all dem Feiern, all dem Reden und Kennenlernen frage ich mich immer wieder, ob die Flüchtigkeit dieser Begegnungen wirklich eine reale Grundlage hat oder ob ich diese Flüchtigkeit nicht aus mir selbst generiere. Oft kommt es vor, dass ich nach einer Begegnung denke: Das war’s dann, mehr ist es nicht, so soll es offenbar sein, der andere ist nicht weiter an mir interessiert. Dementsprechend handle ich. Ich kann das gut. Das Gehen, das Weiterziehen. Oft erfahre ich dann im Nachhinein, dass der andere sehr erstaunt über meine Reaktion war, durchaus an einem „und-so-weiter“ interessiert gewesen wäre, mein Verhalten aber eindeutig war. Wahrscheinlich gefalle ich mir einfach in diesem „ich-bin-dann-mal-weg“. Weil ich es gut kann, tue ich es auch. Das Bleiben kann ich einfach weniger gut. Ich würde unsicher werden, würde mir seltsam vorkommen. Hätte das Gefühl, dass ich zu viel wäre, zu aufdringlich. So tue ich halt, was ich immer tue, ich gehe.

Ziemlich blöd ist es, wenn ich aus Unsicherheit dann so Übersprungs-Sachen mache. Wenn ich zu einer anderen Person weiterziehe. Das ist für die erste Person natürlich verletzend. Faszinierend ist ja, dass ich dieses „zu einer anderen Person weiterziehen“ nicht mache, um Eifersucht zu generieren (obwohl es natürlich sehr wirkungsvoll ist). Nein, ich mach das aus Unsicherheit. Aus einem „na, dann…“-Gefühl raus.

Dieses Problem hatte ich schon immer. Ich erinnere mich an die Situation, ich war etwa 17 Jahre alt, in der ich eine Nacht mit dem Schulhaus-Schönling verbrachte. Wir küssten uns die ganze Nacht, es war sehr besonders. Am nächsten Tag habe ich ihn eiskalt abserviert. Ich habe so getan, als wär das alles nie passiert. Man muss wissen, dass der Schulhaus-Schönling sehr begehrt war. Da er aber keine Freundin hatte und keine Anstalten machte auf das Werben der diversen Mädchen einzugehen, hielt man ihn für schwul. Nach dieser Nacht wusste ich es natürlich besser. Und ich lächelte dann immer still in mich hinein, wenn die Klassenkameradinnen wild spekulierten. Typisch für mich ist auch, dass ich nie jemandem in seinem Umfeld davon erzählte. Dabei wäre ich der Star der Schule geworden, hätte ich es nach aussen getragen.

Es liegt also viel Zerstörungskraft in meiner Unsicherheit. Am meisten zerstöre ich ja meine eigenen Möglichkeiten.
Letzthin hat mir mal jemand gesagt: „Ich habe Dir sogar ein Weihnachtsgeschenk gekauft!“ Und was hab ich getan? Mit den Schultern gezuckt…

Überlass es der Zeit
(von Theodor Fontane)
Erscheint dir etwas unerhört,
Bist du tiefsten Herzens empört,
Bäume nicht auf, versuchs nicht mit Streit,
Berühr es nicht, überlass es der Zeit.
Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
Am zweiten lässt du dein Schweigen schon gelten,
Am dritten hast du’s überwunden;
Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Mein Freund der Psychokater

Hasenherz hat heute Psychokater. Nicht schlimm, nicht fest. Ein wenig aber schon. Ein Psychokater ist, wenn man am Abend vorher etwas zu sehr Gas gegeben hat und etwas heftig mit anderen Menschen interagiert hat. Seine Grenzen überschritten hat und zu wenig auf die Gefühle von anderen geachtet hat. Eigentlich war der Abend gestern ja harmlos. Ein sehr schöner Abend. Ein Abend mit Biene, der mir gut getan hat. Und ich bin morgens um 4 nach Hause gekommen und war nicht allzu sehr betrunken. Wir waren in unserer zweiten Heimat und die Stimmung war sehr offen und lustig. Ich habe mit sehr vielen verschiedenen Menschen geredet und viel gelacht. Habe einige gefragt, warum sie traurig sind und hab ehrliche Antworten erhalten. Hab dann aufzuheitern versucht und wurde selbst aufgeheitert. Wirklich, ein sehr schöner Abend. Die Grenzen sind ja fliessend. Es gibt diese klitzekleinen Augenblicke, wo man sich etwas zu sehr nach links oder rechts neigt und *zack* am nächsten Tag ist er dann da, der Psychokater.

Am Freitag hat Mamaquita geheiratet. Ein tolles Fest. Wir haben sehr gut gegessen und gut gefeiert. Schön!

Heute habe ich gearbeitet, aufgeräumt, Izzie ein Bisschen getröstet. Ein solider Tag. Wär da nicht der Psychokater, der alles einen Tick dunkler färbt.
„Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden als Freude zu gewinnen.“ (Sigmund Freud)
In diesem Sinne: Wer Freude gewinnt, muss auch den Schmerz aushalten. Willkommen also, Psychokater. Du sollst mir Freund sein.

Kurze Zündschnur

Ich hatte es ja bereits mal davon. Das von den Königen und dem Spiel und dem Schlachtfeld. Es geht mir extrem auf die Nerven, wenn Menschen unklar sind und dabei auch noch dumm. Ich meine: Wenn sie wählen könnten, würden sie lieber ein gütlich gestimmtes Gegenüber oder ein Gegenüber, das auf Rache sinnt haben? Wie dumm kann man sein, einen Löwen an einer Schnur anzubinden, und dauernd zu provozieren? In die Schnur hat man ja wohl kaum so grosses Vertrauen. Es kann nur fehlende Weitsicht sein. Was, wenn die Schnur reisst? Dann steht man plötzlich einer wütenden Raubkatze gegenüber. Und dann? Gut zureden hilft da dann bestimmt nicht.

Gut, ich kann verstehen, wenn jemand weniger Erfahrung hat oder weniger sensibel ist. Aber dieses „Hahahaha! Ich hab die Überhand gewonnen und jetzt würg ich Dir einen rein – ganz egal, ob das mit der Überhand von Dauer ist“ versteh ich einfach nicht. Kann ich nicht nachvollziehen. Direktheit, Ehrlichkeit und Nähe würden da ziemlich helfen und bessere Dienste leisten. Denn seinen Standpunkt darzulegen und sich zu erklären, ist meistens um einiges klüger.

Nun gut. In diesem Falle kann sich das Gegenüber glücklich schätzen. Ich bin kein rachsüchtiger Mensch. Im Moment hab ich nur gerade ne ziemlich kurze Zündschnur. Und auch die werde ich aussitzen.

Göttlicher Humor

Wenn ich an Gott glauben würde, würde ich ihm einen einigermassen unerbittlichen Humor attestieren. Da ich aber nun nicht an Gott glaube, werde ich wohl hinnehmen müssen, dass gerade niemand sehr über mich lacht. Werde es als retardierendes Moment in meinem Lebenstheater abbuchen müssen. Was mich an dieser Sache doch irgendwie ärgert, ist, dass ich mit meinen eigenen Waffen geschlagen wurde. Wie habe ich das letztens mal Zettel erklärt?

So: Der Mensch ist vergleichbar mit einem Haus. Es gibt grosse Häuser und kleine und solche mit dicken Mauern und gusseisernen Toren oder windschiefe Hütten mit verwitterten Gärten oder aber Wohnwagen mit Geranien am Fenstersims. Bei jedem Haus ist es so, dass die Vordertüre streng bewacht, verriegelt mit dicken Schlössern. Die Vordertür ist auch meist sehr repräsentativ, mit Schnörkeln und aus dicker Eiche. Manchmal gibt es Treppen zur Tür hinauf oder Wege, die verschlungen zum Haupttor führen. Fast jedes Haus hat aber auch eine Hintertür. Eine Küchentür mit Fliegengitter, die meistens nur angelehnt. Macht man sich die Mühe und geht ums Haus herum, lässt die Vordertür links liegen, findet man die Hintertür, betritt das Haus durch diese und steht direkt in der Küche, im Schlafzimmer oder im Bastelraum. Da steht man dann. Der Bewohner, der mit einem Zugang über die Haupttür gerechnet hat, blickt einen an, als wäre man den Teufel leibhaftig und stellt immer dieselbe Frage: „Wie – zum Henker – hast du dir so schnell Zugang verschafft?“ Es ist ganz einfach, man muss nur wissen wie. Und gerade mit diesem Wissen, ist es in der Regel ein Leichtes seine eigene Hintertür zu verschliessen. Wenn dann jemand plötzlich trotzdem Zugang findet, ist man sehr verwundert und auch etwas ärgerlich.
Gut ist, dass ich weiss, dass es vorüber gehen wird. Dass die Zeit mein bester Freund und ich bloss ein paar Tage warten muss. Jetzt aber schüttle ich gerade sehr den Kopf und versuche (und ich versuch es wirklich!) den Moment, wo ich mit meinen eigenen Waffen geschlagen wurde, zu geniessen.

Und heute mal aus der männlichen Perspektive

Sonntag. Schöner, geliebter Sonntag. Und dann erst noch ein Sonntag, wo man eine Stunde geschenkt bekommen hat. Ich arbeite an einem Theaterstückchen, das ich zusammen mit Badana schreibe. Hab grad einen inneren Monolog eines Mannes geschrieben, der völlig verloren einer Frau gegenübersitzt, die er keine Stunde kennt. Er fühlt sich unwohl in der Situation und weiss nicht, was er will, weiss nicht, was sie von ihm will. Das ist eine Situation, die wohl alle irgendwie kennen und wenn man so Texte schreibt, dann greift man natürlich auf Begebenheiten im eigenen Leben zurück, vermischt diese, ordnet sie neu an. Die Perspektive des Mannes ist für mich nicht ganz einfach, mir passiert ja eher, dass ich in der Perspektive der Frau gefangen bin. Ich schreibe also so Sätze:

Was hat sie denn? Hab ich was Falsches gesagt? Was will sie hören? Ich red halt über so Sachen nicht. Dass ich hier bin, bedeutet ja was. Aber was genau, weiss ich eben einfach noch nicht. Muss ich es denn wissen? Wer will schon wie ein Idiot sterben? Niemand. Jeder redet und versteht etwas anderes darunter. Die einen sagen „Ich mag Dich“ und meinen „Ich liebe dich“ und die anderen sprechen von Liebe und meinen damit Sympathie. Sie sagt zum Beispiel „granatrot“ und ich verstehe „grün“. Ich könnte jetzt ihre Hand halten, ich könnte aber auch aufstehen und gehen. Es kommt aufs Grosse an, passieren tut es aber im Kleinen. Ich hab es nicht so mit dem Kleinen. Die Feinheiten gehen mir ab und sie ist viel zu empfindlich. Hab ich was Falsches gesagt? Was will sie hören? Was soll ich denn noch sagen? Ich bin ja schliesslich hier und nur das zählt.

Und während ich schreibe, frage ich mich, ob diese Sätze männlich sind, ob sie männlich klingen, denn ich bin kein Mann und hab keine Ahnung, was in Männern so vorgeht, ob sie hart denken und fühlen oder vielleicht weich oder beides und ob vielleicht die Gedanken eines Mannes gar nicht so anders sind, wie die einer Frau.

Gestern war ich mit Chérie am Konzert von Schnuuz. Chérie und Schnuuz kenne ich seit meiner Lehre, also schon ne Weile und es war ausgesprochen schön wieder mal einen Abend mit den beiden zu verbringen. Irgendwann stand ich draussen mit einem Freund von Schnuuz, der dann eine auffordernde Bewegung mit seinem Kinn machte und sagte: „Komm, lass uns um die Ecke gehen, ein bisschen rummachen.“ Ich musste sehr lachen, denn es klang so, als wären wir 13 oder vielleicht 16. Und dann hab ich mich gefragt, ob das der Ton ist, der meine fiktive Figur vielleicht haben sollte. Dieser auffordernde Shir Khan-Kinn-Ton, der einerseits unglaublich unromantisch oder sogar unhöflich ist und doch irgendwie lustig, weil er mit grosser Offenheit gefärbt. Ich bin dann aber wieder davon abgekommen, denn meine Figur in diesem Stück ist einbisschen weniger von sich überzeugt, hat mehr Narben. Diese Entscheidung macht es nun nicht gerade einfacher, denn ich möchte ja nicht, dass er wie ich klingt.

Eine Nacht in Romoos

Ich liege in Romoos im oberen Bett eines Kajütenbettes, nach vier Stunden Schlaf und frage mich, was genau diese Nacht mal wieder passiert ist. Gut, ich habe keinen einzigen Kafi Chueschwanz getrunken, diesmal. (Dafür aber Züchter-Kafi.)

Heute Nacht kam ich mir vor wie der Apfel bei Adam und Eva. Nach einer Nacht des Gesprächs, des Feierns, der Ausgelassenheit gingen wir noch zu uns nach Hause auf ein Bier. (Wir hatten ja ne eigene Wohnung für diese Nacht, die Romooser sind wirklich unglaublich gastfreundlich.) Dahin kam – nennen wir ihn Paul – auch noch mit, warum auch nicht. Ich gehe mit ihm als letzte durch die Tür, er streckt seine Hand nach mir aus, zieht mich an sich. Das alles dauert nur ein paar Sekunden, ich sehe ihn an, fragend und er blickt einfach nur zurück.

Und dann: der andere Typ, der auch noch mitgekommen ist, macht eine riesen Szene, wirft mir Respektlosigkeit vor. Ich frage ihn, wie er darauf komme, Ansprüche geltend machen zu wollen. Früher in der Nacht, als ich mich mit Pascal an die Kirchenmauer lehnte und von ihm gebeten wurde noch nicht zu gehen, noch nicht, noch nicht, schien alles irgendwie einfacher…

Ich & Ich

Letzte Woche hab ich mein altes Ich gespiegelt gesehen. Mein Ich, das ich vor etwa vier oder fünf Jahren war. Ich hab in diesen grossartigen Spiegel geblickt, den man auch „Augen“ nennt. Hast du dir schon mal überlegt, dass der Spiegel aus „Schneewittchen“ (wer ist die Schönste im ganzen Land?) nicht wirklich ein Spiegel war, sondern zwei Augen? Nun? Genau. Leider ist es ja so, dass dieser grossartige Zauberspiegel lügt. Wie gedruckt. Er sieht, was er sehen möchte. Perfekte Projektion und so. Es gibt sie aber, die schwachen Stunden, wo man gerne glauben möchte, was der Zauberspiegel sagt. Wo man sich dreht und wendet und ganz verzückt. Nun? Genau.

Sowieso war das mal wieder eine sehr seltsame Woche. Am Freitag hatten wir WG-Hasi-Party. Grossartig. Viele Menschen da. Auch einige, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Und ich hab in den Spiegel geblickt und festgestellt: Wow, ich hab das vermisst. Unglaublich sehr vermisst. Es ist schon seltsam, dass man Menschen in ihrer Abwesenheit nicht vermisst und erst dann, in der kurzen Anwesenheit feststellt, wie sehr etwas gefehlt hat.

Und jetzt, da ich meiner bösen, ungehemmten Seite nachgegeben habe, sehe ich plötzlich auch die böse, ungehemmte Seite bei anderen. Ich hab ja schon viel erlebt und man würde mir wahrscheinlich eher nicht Naivität attestieren. Das ist aber falsch. Ich bin unglaublich naiv. Das ist eine sehr schöne Seite an mir, ich mag es naiv zu sein. Wenn man aber seine eigene Zwilicht-Seite mal wieder feststellt, öffnet das den Spiegel zum Gegenüber. Nun? Genau.

Die Sonne scheint. Und es ist Zeit für einen Ausflug. Ich schaue in den Spiegel und grinse einbisschen. Steht mir gut, so ein schiefes Grinsen. „Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein.“ (Rilke)
Nun? Genau.

Lucky me

Heute ist mein 9. Geburtstag. Ich kann es gar nicht fassen, bereits schon neun Jahre alt zu sein. Ich war in Frankreich und hab mit tollen Leuten in meinen 9. Geburtstag hineingefeiert. Natürlich hat niemand gewusst, dass ich heute Geburtstag habe – viel zu viel hätte ich erklären müssen. So hab ich mir also gestern um Mitternacht heimlich selbst zugeprostet und mir zu dieser ungewöhnlichen Tatsache, neun Jahre alt geworden zu sein, gratuliert. Und als ich heute im Garten in einer Hängematte sass, eingewickelt in eine Wolldecke, ein Buch auf dem Schoss und den anderen dabei zuschaute, wie sie rund um mich herum Cricket spielten, da fühlte ich einmal mehr deutlich, dass ich seit neun Jahren ein geschenktes Leben lebe, das mir sozusagen zugeflogen ist, das ich wohl nicht verdient und trotzdem dankbar angenommen habe. Neun Jahre. Wahnsinn. Neun Jahre. Ich kann es kaum glauben. Neun Jahre. Lucky me!
(Im Vergleich dazu, sagten sie, hätte ich Glück gehabt.)

Angriff ist die beste Verteidigung

Gestern Abend war ich mit Biene in der vom Gewitter gereinigten und gekühlten Stadt unterwegs. In der Mars Bar haben wir es uns dann gemütlich gemacht und über unser Glück geredet. Wir haben nämlich grosses Glück mit unserem Freundeskreis. Unser Freundeskreis besteht aus lauter Singles oder Menschen, die trotz Beziehung doch noch anzutreffen sind. Wir müssen uns also nicht mit dem Problem rumschlagen, dass wir mutterseelenallein an einem Samstagabend zu Hause sitzen weil unsere besten Freunde mal eben einen gemütlichen Päärli-Abend veranstalten. Auch hat in unserem Freundeskreis niemand Kinder, niemand ist verheiratet und niemand macht gerade Karriere. Die Menschen um uns rum haben alle ihre Eigenheiten, manchmal sind sie sogar ziemlich verrückt und genau das ist grosses Glück.
Heute aber wollte ich es wissen: Ich war zu einem Brunch eingeladen bei einem Paar, dass gerade bei mir um die Ecke wohnt. Die Gastgeberin kenne ich über einen Arbeitskollegen und fahre mit ihr gelegentlich Zug. Sprich: Ich kenne sie nicht. Trotzdem hat sich mich zu ihrem Brunch eingeladen, was ich sehr nett und offen von ihr fand. Und weil ich ein mutiger Mensch bin und Offenheit jederzeit gerne honoriere, bin ich heute alleine hingegangen. Kurz vor ihrer Haustür wollte ich eigentlich schon aufgeben, hab mich dann aber überwunden und stand eine Minute später bei ihr im Flur und musste feststellen, dass man für solche Unternehmungen eigentlich a.) mehr Schlaf und b.) bessere Laune braucht. Da ich aber nicht sonderlich viel geschlafen habe und meine Laune noch etwas im Keller war, fühlte ich mich schon in den ersten Sekunden unglaublich unwohl. Das hatte nichts mit den Gastgebern zu tun. Es ist aber so, dass der Gastgeber meistens keine Zeit für seine Gäste hat und so musste ich also auf „alleine-an-einer-Party-Überlebensmodus“ schalten. Ich stellte mich also in die Küche neben die Kaffeemaschine – ein guter Platz wie sicher alle wissen, die auch schon in meiner Situation waren. Nachdem ich drei Kaffees getrunken hatte, um mich auf Touren zu bringen, hab ich auf die Terrasse gewechselt – sozusagen mitten ins Herz der Party. Wenn man alleine wohin geht, wo sich alle kennen oder aber jemanden dabei haben, den sie gut kennen, muss man ein Auge für leichte Opfer haben. Heute gab es drei davon. 1. die schwangere russische Freundin von einem Freund der Gastgeber. Leider konnte sie fast kein Englisch und war auch ziemlich schüchtern. 2. der Single-Bruder der Gastgeberin, der wohl wenig Erfahrung im lockeren Umgang mit Frauen hat. Leider war er sehr gehemmt und wich während unseres kurzen Gesprächs stetig rückwärts gegen die Terrassentüre zurück, bis er in der Küche verschwand. (Ich hab mich schon gefragt, ob ich stinke…) 3. der Clown vom Dienst, der alle kennt und mit allen, die er nicht kennt, redet. Leider ist es schwierig mit dem Clown vom Dienst in ein wirkliches Gespräch zu kommen, weil er ja eben der Clown vom Dienst ist. Auf die Frage, was er denn so tue, antwortet er stets mich Sachen wie: „Atmen!“ (Nuuuuuuuuuuuunja.) Als der Clown vom Dienst mich dann auch noch aufforderte „einen Schwank aus meinem Leben“ zu erzählen, hab ich die Strategie gewechselt. Diese Strategie funktioniert eigentlich immer, sie braucht einfach n bisschen Mut und Forschheit. Es ist die „Angriff-ist-die-beste-Verteidigung“-Strategie. Sie geht so: Man suche sich die Alpha-Person des gleichen Geschlechts und gehe direkt auf sie zu. Ich setzte mich also neben die schillerndste und interessanteste Frau und verwickelte sie in eine Gespräch. Sie reagierte zuerst irritiert und abweisend (gerade bei Frauen ist das immer so – Frauen sind oft sehr zickig gegenüber anderen Frauen). Das Gespräch kam in Gang, ich erzählte ein paar Geschichten (die offensiven, lustigen Geschichten), die sie dazu brachte mir ebenfalls Geschichten zu erzählen, solche, die dann die ganze Aufmerksamkeit der übrigen Partygäste auf sich ziehen. Die schillerndste Frau geniesst das natürlich und man braucht ihr nur noch ein, zwei Vorlagen zu geben, bis man zur „Freundin“ der Schillernden wird. An diesem Punkt ist man dann gerettet. Auf einmal finden einem alle sehr interessant und lustig, man bekommt anständige Antworten auf seine Fragen, man ist nicht mehr allein und der Single-Bruder der Gastgeberin traut sich wieder aus der Küche und verflucht sich, dass er die Gelegenheit nicht ergriffen hat. Nach zwei Stunden hab ich dann aber einen Manson gemacht. Ich dachte mir: „Sooo, Süsse, das war jetzt genug. Du hast dir genug bewiesen.“ Ich ging also nach Hause und dachte an das Gespräch mit Biene zurück und war noch einmal sowas von froh, ihr könnt euch das nicht vorstellen. Und ich freue mich auf heute Abend, wo ich mitten in meinem Freundeskreis das Spiel schauen werde und ich glaube, ich werde all meinen Freunden ein peinliches Liebesgeständnis machen, so froh bin ich um sie. In diesem Sinne: Danke! Ich liebe euch!