Flieder nach Engelberg

Heute war ich in Engelberg und hab für unser Winterweekend der Firma rekognosziert. Der Tag war wunderbar. Ganz viel Sonne, blauer Himmel und sehr beeindruckende Berge. In der S-Bahn – schon wieder in Zürich – hab ich von einem Dachdecker eine Fliederblume geschenkt bekommen. Die steht nun hier in meiner Küche in der Vase und duftet sehr verführerisch. Mir passieren solche Sachen immer mal wieder. Solche Gänseblümchen-mitten-in-der-Grossstadt-Erlebnisse. Solche, mit denen man nicht rechnet.

Engelberg heute

Engelberg heute

Ich sitze also so in der S-Bahn, bin müde von der Sonne, dem Ausflug und da kommt der Dachdecker, setzt sich mir gegenüber, zückt eine Fliederblume aus einer Tüte, überreicht sie mir und sagt mit Blick auf die Blume: Ich habe sie gerettet. Am Montag machen sie dort alles platt und sie hat so schön geblüht.
Dann haben wir noch etwas über verschieden Düfte geredet, über Linden und Flieder und so. Und dann hab ich aussteigen müssen.

Heute Abend gehe ich ins Theater. Ins Sogar Theater das Stück „Das Jagdgewehr“ schauen.

«In sol­chen Augenblicken sehe ich immer, was hin­ter dem Jäger sich ausbreitet: nicht etwa die frühwinterliche Landschaft des Amagi-Bergs, sondern ein verödetes, weisses Flussbett. Das schimmernd geputzte Jagdgewehr drückt seine ganze Last tief in Seele und Leib des einsamen Mannes von mittleren Jahren, strahlt eine selt­same, blutbefleckte Schönheit aus, die, wenn das Gewehr auf Lebendes zielt, niemals er­scheint.»

Danke

Ich hab in meiner zweiten Heimat in meinen Geburtstag hineingefeiert. Mit Biene, Äph & Badana. Das war sehr schön. Es gab Schnaps und Ivan der Schreckliche hat mit seinem „cool.“ dem Abend eine absurde Note gegeben. Gestern dann mit Badana die Stadt unsicher gemacht und Abends hat Luki mit seinen Texten verzaubert. Und Zeko hat mich mit seiner frühen Anwesenheit überrascht. (Eine gelungene Überraschung, obwohl sich mein Schwager mit seinen Leuchtreklamebuchstaben auf der Stirn verraten hat. Hehe.)

Vielen Dank, liebe Freunde, für dieses unvergessliche Geburtstagswochenende! Danke für die vielen kleinen Zeichen, für die Nachrichten, die Geschenke. Ihr seid grossartig, ich fühle mich sehr geehrt. Fast so, als wär ich etwas aussergewöhnliches. Liebe euch!

Wohlan denn, Herz

Diese Woche war Abschiedswoche bei mir im Büro. Das war natürlich hoch emotional. Es gab einige Momente, wo ich am liebsten rausgelaufen wär. So im Stil von: Ich geh mal eben Zigaretten holen. Und zack… Weg für immer. Ausserdem hat heute auch noch Zitat gekündigt, mein Bürogschpänli. Was mich traurig macht. Nicht nur traurig. Es macht mich wütend. Das gemeine ist, dass ich jetzt mit Sicherheit weiss, dass sich niemand auch nur einen Deut um mich scheren würde, hätte ich ein Bedürfnis oder ein Problem. Das ist wohl eine Tatsache: niemand wird dir je dankbar sein.

Diesen Samstag hab ich Geburtstag und das ist ein guter Zeitpunkt, um sich um das Eigentliche zu kümmern. Ich freu mich auf dich, Badana! Auf unseren Tag und auf mein Geburtstagskonzert am Abend. Ich freu mich, falls du Zeko, es noch schaffen solltest zu kommen. Ich freu mich auf euch, meine Freunde. Denn ich weiss, dass ihr da seid, wenn ich Probleme habe oder Bedürfnisse. Weil ihr großzügig seid und gelassen. Eine fantastische Kombination.
Und jedem neuen Jahr wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Ich bin so jung, und die Welt ist so alt.

Otto Dix: Flanders

Otto Dix: Flanders

Otto Dix – einer meiner Lieblingsmaler – hat mal gesagt: „Der Maler ist das Auge der Welt.“ Wenn man seine Bilder betrachtet, die oft vom ersten Weltkrieg handeln, dann wird das Entsetzen plötzlich greifbar. Ganz ohne Worte. Wie da die Landschaft unter dem Kriegsächzen erwacht! Wie die Würmer über Leichen herfallen! Man kann das Grauen förmlich riechen.

Dinge mit ein paar Pinselstrichen zu erzählen, ist eine grosse Gabe, finde ich, die ich keine Begabung für Malerei habe. Einmal stand ich vor einem Gemälde von Klee und empfand plötzlich eine tiefe Trostlosigkeit. Es war ein sehr blaues Gemälde, das Fische unter Wasser darstellte. Die Tiefe und Unergründlichkeit, das dieses Gemälde ausstrahlte, riss in mir einen Abgrund auf. Ganz selten passiert es, dass mich Kunst so ergriffen macht, dass mir die Tränen kommen. Ich stand also da vor diesem Gemälde von Klee und weinte. Mitten im Museum.

Paul Klee: Fische

Paul Klee: Fische

Mit 16 Jahren passierte mir das das erste Mal. In Berlin in der Ausstellung „Entartete Kunst“ – eine Ausstellung über die Maler, die im 2. Weltkrieg als „entartet“ galten. Ich war eine Woche lang in Berlin und besuchte diese Ausstellung jeden Tag. Und jeden Tag sah ich mir dieses Gemälde von Schmidt-Rotluff an. Da war ein Weg, am Ende des Weges ein Haus und über allem stand ein Mond. Ich starrte und starrte und starrte. Sieben Tage lang. Und da wurde mir klar, dass diese Ausdrucksform grossartig ist. Dass Kunst immer berühren muss (egal ob negativ oder positiv). Es kann etwas noch so kunstvoll oder genial sein, löst es keine Emotionen aus, ist es für die Katz. Kunst ist immer körperlich. Höre ich Musik und die Melodie löst in mir einen körperlichen „Hüpfer“ aus, der in den Schläfen beginnt, einem Schauer ähnlich über das Gesicht in die Brustgegend läuft, dann im Magen endet und zum Schluss Tränen in die Augen treibt, weiss ich, dass mich die Melodie für immer berühren wird.
Und genau so gibt es Gemälde, Sätze in der Literatur oder aber Momente im Theater, etc. die diese Reaktion auslösen. Im Grunde könnte man sagen: Mich schaudert – es ist gut.

„Ich bin so jung, und die Welt ist so alt.“
(Leonce in Leonce und Lena von Georg Büchner)

Bern & ich

Am Dienstag hatte ich einen Kundenanlass in Bern. Wir haben alle zusammen eine Stadtführung gemacht. „Lust und Laster in Bern“. Das war sehr interessant. Zum Beispiel habe ich erfahren, dass die Frau des Scharfrichters die Hüterin über das Bordell war. Ein echt gutes Team, nicht wahr? Natürlich hat uns unsere Fremdenführerin – eine sehr süsse, ältere Dame – auch über den Umstand aufgeklärt, dass die schönsten Schweizer Frauen von Bern kommen. Da kann man ja nur von Glück reden, wenn man wie ich Berner Wurzeln hat. Da ist man wenigstens irgendwo tief drin irgendwie schön.

Bern und ich, das ist so ne Sache. Ich mag Bern irgendwie und hab da schon viel erlebt. Eigentlich schon ziemlich viel. Erste Küsse, tränenreiche Nächte, Verlorenheit, Angst und Schrecken, Liebe und Abenteuer – ich und Bern, das ist so ne Sache. Und trotz allem würde ich nie in Bern leben wollen. Keine Ahnung warum. Überall, aber nicht Bern. Seltsam eigentlich. Vielleicht ist einfach schon viel zu viel zwischen Bern und mir vorgefallen. Könnte ja sein. Das ist halt nicht mehr zu kitten. Sag ich jetzt mal.

Der kleine Unterschied

angela fensch: serie mann - frau / christina gerig (21), konditorin / markus bernau (29), student der betriebswirtschaft, berlin-lichtenberg, oktober 1990.

angela fensch: serie mann - frau / christina gerig (21), konditorin / markus bernau (29), student der betriebswirtschaft, berlin-lichtenberg, oktober 1990.

Diese Woche hatte ich eine Unterhaltung mit einem Arbeitskollegen. Es ging um Sex. Und zwar um den Unterschied zwischen Männer und Frauen. Er ist seit einiger Zeit Single und sagt, dass ihm der fehlende Sex an diesem Zustand störe. Es sei auch gar nicht einfach eine Frau abzuschleppen. Dann sei er halt irgendwann ins Puff gegangen. Er hätte halt auch Bedürfnisse und so. Ich hab meine Zigarette ausgedrückt und gesagt: Das ist schon lustig. Diese Probleme habe ich nie gehabt. Frauen haben dieses Problem grundsätzlich weniger – in der Regel. Aber es ist so, dass Frauen oft nicht an blossem Sex interessiert sind. Es geht um das Spiel, um die Möglichkeiten, um das Unausgesprochene. Und dann irgendwann auch um Sex. Aber das ist dann eher Nebensache. Oder das Sahnehäubchen. Macht ein Mann den Fehler, mitten im Spiel die Erwartung das Spiel mit Sex zu beschliessen, zu kommunizieren, verpufft die Lust augenblicklich. (Natürlich gibt es da auch Ausnahmen, wenn man es hinbekommt die Erwartung zum Spiel zu machen – aber das sind Ausnahmen.) Vielleicht ist es auch so, dass die Möglichkeit alleine reicht. Wenn ich als Frau weiss, dass ich bloss eine SMS schreiben muss, um zu Sex zu kommen, dann reicht dieser Umstand völlig. Ich muss nicht zur Tat schreiten, der Umstand es zu theoretisch tun zu können, ist bereits schon genug. Ich hab das den Herren immer wieder zu erklären versucht: Mach einen Schritt zurück, mach dich rar, sei aber trotzdem kein Arschloch, sei stets zum Spiel bereit. Aber eben. Irgendwie scheint da einer der Unterschiede zwischen Mann und Frau zu sein. Männer verstehen nicht, wie eine Frau ein gutes Essen stehen lassen kann – und das obwohl sie Hunger hat. Nur, weil sich das Essen zu sehr zum Essen anbietet. Wahrscheinlich gibt es Unterschiede im Jagdtrieb. Beide Geschlechter haben einen ausgeprägten Jagdtrieb – nur ist der von Frauen irgendwie ganz anders wie der von Männern.

Alle müden Äffli

Am Mittwoch hatten wir Sommerevent mit der Firma. Den Nachmittag verbrachten wir im Klettergarten. Zuerst fürchtete ich mich vor der Höhe und der wacklige Untergrund machte mir Angst. Dann aber stellte sich Vertrauen ein und ich hatte Spaß. So richtig Spaß. Die Aussicht direkt auf den Rheinfall war bezaubernd und meine Klettergruppe noch viel bezaubernder. Wir machten immer wieder Pause auf den Plattformen, schwatzten, genossen die Sonne, die luftige Höhe. Der ganze Tag war zwar anstrengend aber auch herrlich leuchtend. Schön war auch, dass ich merkte, wie sehr mir die körperliche Anspannung fehlt und dass ich dringend wieder mehr Sport machen möchte. Heute früh ging ich also joggen und der Zürichsee ist einfach die beste Kulisse, ich mag den Blick aufs Wasser und den Horizont.

Jetzt aber sind alle Äffli müde und ein Bisschen erschöpf und sehnen sich nach Nichts-tun. Alle müden Äffli halten heute noch durch und lassen dann die Seele baumeln. Es muss ja nicht immer der höchste Turm sein. Hab ich Recht, Igor? Natürlich hab ich Recht.

Lieber Gott, viel Spass!

Also ich süsse zwanzig war und im Diogenes Verlag in der Pressestelle arbeitete, nahm ich unter anderem auch Anrufe entgegen. Eines schönen Tages hatte ich einen Herrvonbülow am Apparat, der eine sehr angenehme Stimme hatte. Einige peinliche Missverständnisse später klärte er mich auf, dass er Loriot sei. Ich wär am liebsten in den Boden versunken. Er aber hat sein Kopfschütteln hinter Schmunzeln und Höflichkeit verborgen. Und heute nicht mehr als dies:

Eines meiner Lieblingsbilder von Loriot

Eines meiner Lieblingsbilder von Loriot

Der Boden, auf dem alles wächst

Das ist also so ein Abend, der in seiner Unzulänglichkeit trotzdem gelingt. Es war nicht einfach. Und du, Badana, hast es einfacher gemacht. Erträglicher. Ich lebe und liebe und hadere und bei allem, was ich tue oder eben nicht tue, bist du anwesend. Du bist sozusagen der Motor, das Herz, die innere Schlagader. Ich verzweifle manchmal an dir – wir erzeugen Wärme und genau diese Wärme lässt mich am Leben. Mich an dich zu krallen, wenn ich zu sinken drohe, mich an deiner Stärke aufzuladen, dich aus dem Abgrund zu ziehen, das alles gibt mir Sinn und Halt. Sei gewiss: ich bin da und gehe nicht weg. Du bist großartig. Du bist der Boden, auf dem alles wächst. Und ich danke dir dafür. Danke, Süße, du bist ein Geschenk. Ohne dich wären alle Ausschweifungen der bloße Gang zur Bank. Volim te.