Dodirni Mi Kolena

Es ist gut zu wissen, dass man ein Herz hat und Gefühle und auch Traurigkeit. Es ist gut zu wissen, dass man Freunde hat, mit denen man um einen Tisch sitzen kann. Es ist gut zu wissen, dass man lebt und atmet und hustet. Die Dinge verbringen Zeit und ich verlasse mich dabei. Rutschen wir nicht alle manchmal auf den Knien und flehen einen imaginären Gott an, er möge uns verzeihen? Absolution gibt es nicht. Für nichts. Und dann blick ich auf den See und weiss, dass alles gut wird.

Die Kälte hat uns eingeholt. Es war eben noch dreissig Grad warm und jetzt, jetzt ist es kalt. Ich höre eine sehr seltsame Techno-Version von „Dodirni mi kolena“ und find das grad gut. Es ist gut zu wissen, dass man Dinge, die einem nie im Leben gefallen würden, gerade gut finden kann.

Hej na sveze mleko mirise dan
ptice pevaju na sav glas
jutro njise vetar, dodirni mi kolena
to bih bas volela

Und die Tage, die riechen wirklich nach frischer Milch. Wenn ich mir das vorstelle, möchte ich lachen. Auf dass du noch oft meine Knie berühren magst, dass es nie vorbei geht, dass sich daraus die schnellste, längste und schönste Ewigkeit ergibt.

Meine Küchenuhr zeigt zehn nach zwei und die Kirchenuhr schlägt die volle Stunde. Wie lange kann man sein Herz offen tragen, ohne daran zu verzweifeln? Wie intensiv kann man sein Leben leben, ohne daran zu zerbrechen? Wie sehr kann man die Welt in sich aufsaugen, ohne alles zerstören zu wollen? Alles was ich weiss und was mir bleibt ist Folgendes:

Im Takt der Stunde fällt Schnee auf Grau.

Ich habe mich gefangen und gleichermassen befreit.

Ich seh mich, wie ich gehe, damals, als ich unglücklich war.

Und daneben stehe ich, jetzt, da ich glücklich bin

und hebe die Hand zum Gruss.

Scheu lächle ich und sehe, wie der Schnee auf Asphalt schmilzt.

Wenn ich du wäre, würde ich leben wollen –

schreie ich mir hinterher.

Ich aber bin längst um die Ecke gebracht.

In der Nase Theater spielen

Eigentlich hab ich ja gar keine Zeit. Eigentlich müsste ich ja duschen und so. Aber ich sitz in meiner Küche, etwas erschlagen vom Tag und den Tagen zuvor und plötzlich lach ich laut raus, pruste über den leeren Küchentisch. Ich hab mich gerade daran erinnert, dass Izzie – als wir in Riga in einem Restaurant sassen – sagte, der Typ hinter ihr rieche wie ihre erste Liebe, sie werde sozusagen gerade in der Nase entjungfert. Wir haben sehr gelacht und das Bild ist mir gerade wieder eingefallen. Vielleicht fiel es mir ein, weil ich heute im Büro (ich war für ein paar Stunden da, weil mein Chef eine Erziehungsmassnahme an mir ausprobierte und ich ihn dafür strafte, in dem ich zum Trotz hinging, womit er eigentlich gar nicht gerechnet hatte) die ganze Zeit über den Duft von einem Arbeitskollegen in der Nase hatte. Menschen die ich mag riechen immer gut (die Frage ist, ob sie gut riechen, weil ich sie mag oder ob ich sie mag, weil sie gut riechen) und manchmal nimmt man den Geruch besonders gut wahr, vielleicht wegen der Hitze oder vielleicht auch wegen anderen Verstrickungen, die ab und zu im Kopf Theater spielen. Wie auch immer. Ich hab in der Folge also über meinen Geruchsinn nachgedacht, der nachgewiesenermassen ziemlich gut ist. Zum Beispiel passiert es mir oft, dass ich die Ankunft eines Menschen zuerst mit der Nase wahrnehme.
Der Geruch geht direkt ins Hirn, da gibt es keine Filter wie zum Beispiel bei den Augen oder Ohren. Zack. Mitten in der Mitte. Und die Gefühle sind da, als wären sie Pan, der mit seiner Plötzlichkeit regelmässig seine armen Mitspieler zu Tode erschreckte. Wenn ich zum Beispiel bei Zeko alleine auf dem Sofa sitze – was in letzter Zeit doch ab und zu mal vorkommt – hüllt mich sein Geruch voll und ganz ein, einer Umarmung gleich. Das ist schön und ein schönes Beispiel für einen ausgeprägten Geruchsinn. Es gibt natürlich auch andere Beispiele. Zum Beispiel S12 fahren im Sommer und das Gefühl haben, man sässe in einem Openair-Dixie-Klo.

Plaudertaschen

Heute morgen bin ich von einem Helikopter geweckt worden, der über unserem Haus Kreise zieht. Ich schlug die Augen auf und stöhnte: „Ahhhhh. Streetparade.“ Zu allem Elend hab ich auch noch Kopfschmerzen. Um Abhilfe zu schaffen, holte ich mir einen Kaffee ins Bett, schmiss ein Schmerzmittel ein und hörte SoKos wunderbares Lied: shitty day. Dann ging es mir wieder gut und die Streetparade kann mich mal kreuzweise.

Gestern hab ich Dialoge schreiben geübt. Dialoge sind nicht ganz einfach, finde ich. Ich falle immer gleich aus dem Ton raus, wenn ich Dialoge einbaue. Und drum: Üben, üben, üben:

Was hast du vor?
Nichts.
Sieht mir aber nicht nach nichts aus.
Was denkst du denn, was ich vor habe?
Keine Ahnung. Darum frag ich ja.
Ach, so.
Hmm… Du, sag mal, wozu ist dieses weisse Pulver gut?
Keine Ahnung. Das lag schon da.
Ah. Und was tust du damit?
Och. Nichts.
Aber ich seh‘ doch, dass du vorhin…
Jetzt hör schon auf! Was ist denn los mit dir heute morgen? Hast deine Tage?
Nein! Nichts.
Na, also… Komm her.
Ich wollte doch nur wissen, was du so tust.
Aber das siehst du doch, Schatz. Nichts.
Dann ist ja gut.

Jetzt hört jemand ziemlich laut Ländler. Wahrscheinlich, um dem Uzuzuz… entgegenzuwirken. Am Streetparade-Wochenende werden alle hier in der Gegend irgendwie crazy. Wahrscheinlich weil die Parade gleich unter unserem Fenster durchgeht und unser Haus Tag und Nacht von pissenden, schlafenden, verwirrten, fröhlichen, komischen, schielenden, traurigen, ausgelassenen Menschen belagert wird. Und das immer schön mit Beat untermalt. Das hält niemand lange aus. Und auch ich flüchte heute Abend. Mitten ins „Rote-Lippen-Griechischer-Wein“-Stadtfest. Auch nicht besser. Aber immerhin ne Abwechslung. Und schlussendlich kommt es ja sowieso nur auf die Gesellschaft an, nicht wahr, Igor? Eben.

Als ich gestern Nacht nach Hause gekommen bin, sassen bei uns in der Küche vier Jungs und zwei Mädchen und sie spielten Gitarre und sangen lustige Lieder. Ich mag das, diese Küchenüberraschungen.

Jetzt auch noch die Kirchenglocke obendrauf. Na, super. Wir fassen zusammen: Uzuzuzuzuz… & Ländler & SoKo & Kirchenglocken. Ich glaub, ich hol mal den Pamir aus dem Keller. Shüzzle!

Dando gritos

Das passiert, wenn man mir einen Edding und Zeit zur Verfügung stellt.

Das passiert, wenn man mir einen Edding und Zeit zur Verfügung stellt.

Es gibt da eine Gedichtzeile von Pablo Neruda, die mir heute nicht aus dem Kopf geht: Venid conmigo al día blanco que se meuere dando gritos de novia asesinada. (Tretet ein mit mir in den weissen Tag, der da stirbt unter Schreien wie eine ermordete Braut.) Ein gutes Motto für diesen Tag.

„Ich liebe es, dich im Coop zu küssen.“, hab ich heute gesagt, zwischen Büchsenravioli und Petersilie. Mit meinen hohen Hacken (die ich heute trage, um mir zu beweisen, dass ich noch immer da bin und lebe) bin ich fast so groß wie du und schaue dir direkt in die Augen.

Vor zehn Jahren, als ich genau jetzt (exakt zu dieser Uhrzeit, exakt an diesem Tag) aus diesem Haus strauchle und völlig neben mir den Hügel hinab Richtung Limmat torkle, hätte ich nie gedacht, hätte es nicht für möglich gehalten, dass es je wieder möglich sein wird im Coop zwischen Büchsenravioli und Petersilie zu einem Menschen zu sagen: „Ich liebe es, dich im Coop zu küssen.“
Und darum nun das letzte Mal (und dann ist gut): Danke für dieses zweite Leben, danke für diese zusätzlichen zehn Jahre, danke für all die Freundschaft und Liebe, danke für die Schönheit und ganz besonders danke für den Schmerz (denn dieser zeigt mir, dass ich am Leben bin und noch immer atmen darf). Ich bin der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt. Auf weitere zehn Jahre!

Mit sehr viel Wasserspühlung

Am 1. August sass ich ziemlich unverhofft auf einem Sofa und trank türkischen Kaffee und Schnaps. Zuvor war ich sehr herzlich empfangen worden – ich bin mir das nicht gewohnt. Aber ich mag es, ich mag es sehr.

Eine Woche zuvor war ich mit meinen zwei WG-Hasis durch Rigas Gassen gestrauchelt. Welch schöne Stadt! Nach einem kurzen Abstecher in einen paradiesischen Garten im Tessin nun also wieder Alltag, der sich momentan so überhaupt nicht nach Alltag anfühlt. Mir kommen Dinge abhanden in dem Masse, wie ich andere Dinge dazugewinne. Und die Geschwindigkeit in der das geschieht, macht mich schwindeln. Leben auf der Achterbahn.

„Sie hören weit, Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen mordern.
Die Erde ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspühlung.“ (Erich Kästner)

Zwischen dem ganzen Atmen und Zähneputzen und Fernhören blicke ich mich im Spiegel an und erkenne mich nicht wieder.

Gekommen um zu bleiben

Ich sitze in einer fremden Wohnung, eine, die genau so ist, wie eine fremde Wohnung sein muss. Hinreichend fremd, seltsam vertraut, angenehm warm – so eine, wo einem das Herz aufgeht. Ich sitze also hier, bin ein Bisschen krank, meine Glieder schmerzen und doch bin ich innerlich ruhig.
Badana sagte letzthin mal, sie würde gern aus sich selbst auswandern. Diese Wohnung fühlt sich an, als wär sie der beste Ort, um zu rasten, für einen aus sich selbst Ausgewanderten. Und in einer Ecke meines Seins ist diese Wohnung auch Heimat für mich. Ankommen, bleiben, wachsen. Ich bin gerade gern, wo ich bin.

Das alles ist so anders. Anders, als alles zuvor. Ich sterbe tausend Tode und fürchte mich fürchterlich. Wenn Glück fassbar wäre, würde ich es jetzt in große Marmeladegläser einmachen, sie in den Keller stellen für schlechte Zeiten.
Es war nicht vorgesehen heimzukehren. Nun aber, da ich schon mal da bin, kann ich auch bleiben. Das nennt man dann wohl eine gelungene Überraschung.
xoxo

Notizen für Z.

Es sind die kleinen Dinge, die uns ausmachen, nicht wahr? Du öffnest das Tor des Ostens, senkst deinen Kopf matt auf das Kissen. Es riecht nach Fluss und ich flüstre zaghaft deinen Namen. Die Nacht erzählt deine ganze Geschichte. Die Morgenstunde aber legt einen Schleier auf das Kopfsteinpflaster. Ich möchte mich vor dir verbeugen, vor dem, was du getan und vor den Orten, die du hinter dir gelassen hast. Manchen Menschen, die deine Wege kreuzten, die ich nicht mal mit Namen kenne, an denen ich auf der Strasse arglos vorbeigehen würde, möchte ich die Faust ins Gesicht schlagen. Manchen aber möchte ich danken. Es sind die kleinen Dinge, nicht wahr? Und während du schläfst versuche ich zu verstehen, woher du kommst. Das Glänzen in deinen Augen, wenn du von deinen Leidenschaften sprichst, ist ein Geschenk. Es macht mir Mut und gibt mir Zuversicht. Deine langen Finger, die oft plötzlich in der Bewegung inne halten, dann für Sekunden in der Luft stehen bleiben, sind wie Boten einer fernen Zukunft. Du schiebst deine Arme unter das Kissen und von der Strasse dringt der neue Tag hinein. Ich bin mir sicher, dass deine Sicherheit tiefe Wurzeln schlägt. Es ist die Art, wie du über deine Gedanken sprichst. Du betrachtest das Leben mit Nachsicht. Die Unvollkommenheit nimmst du hin, als wäre sie ein kleines Kind, das es nicht besser weiss. Dein Handeln macht mich zu einem besseren Menschen und auch das verzeihst du mir. Ich ziehe meine Knie nah an den Körper, umschlinge sie mit den Armen und während du dich zur Seite drehst, zünde ich mir eine Zigarette an. Das Licht hat sich verändert, die Nacht hat sich soeben auf ihrem Totenbett ausgestreckt. Jemand lädt einen Lastwagen aus und ich frage mich, ob es Socken, Gurken oder Lampen sind. Es sind die kleinen Dinge, die uns ausmachen, nicht wahr? Deine Fröhlichkeit konkurrenziert deine Ernsthaftigkeit nicht. Und dein Lachen ist bezaubernd. Wenn du gehst, dich durch die Tür bückst, verstehe ich deine Klarheit, als ob sie greifbar wäre. Du hast die Gabe meine Bedenken vom Tisch zu fegen, so, dass mich ihre Lächerlichkeit nicht trifft. Würde ich dir danken wollen, ich wüsste nicht wie. Du atmest regelmässig und ich trete ans Fenster und fürchte mich vor dem Moment, da die Sonne hinter den Häusern aufgeht. So, als ob die Sonne dein Erwachen und damit das Ende darstellt. Ich strecke meine Hand aus und streiche dir die Haare aus dem Gesicht. Du erinnerst mich an die Ewigkeit des Augenblicks.

Es ist, wie es ist

Heute hab ich die Stadt zu meinem Wohnzimmer gemacht. Es war so ein Tag, an dem alles geschah. So viel Leid und so viel Freud. Wie sehr sich die Emotionen die Waage halten können! Da ist der Schock über die Endlichkeit. So sehr, dass ich mir verbitte darüber zu schreiben. Nur so viel: Es ist unendlich traurig. Mehr gibt es nicht zu sagen.

Dann – der Schock saß mir tief in den Knochen – ging ich raus und die Stadt begegnete mir mit so viel Wärme und Geborgenheit, ich hätte weinen mögen. Wir standen unter einem Fenster und riefen einer Freundin Namen, so, als wären wir Kinder auf dem Land.

Irgendwann am Nachmittag lag ich auf dem Sofa eines Freundes und lauschte seinem Klavierspiel. Unglaublich schön.

Und jetzt, jetzt bin ich bei Zauberlehrling, esse halbrohen Tintenfisch, lausche der Musik von Badana und fühle mich wohl. So sehr wohl, dass ich mich – angesichts der Umstände – dafür schäme. Und ich vermisse dich. Du hast gesagt: so ist das Leben. Und ich sage: Ja und nein. Ja und nein. Ja und nein. Manchmal muss man die Zwischenwelt, die sich auftut, wahrnehmen. So sehr es schmerzt. Man MUSS sie wahrnehmen.

Der Abend horcht an den Scheiben

Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot.

Es gibt Augenblicke, in denen eine Rose wichtiger ist als ein Stück Brot.

Letzthin hab ich mit einem dicken Edding das Sprichwort „Sicherheit ist des Unglücks erste Ursache“ auf einen Tisch geschrieben. Es war Nacht und vom Fenster her wehte kühle Luft herein. Und als ich so schrieb, der Edding quitschte über das Holz, wusste ich, dass dies einer der wenigen Augenblicke ist, in dem ich (und ich mir) voll und ganz und in aller Unausweichlichkeit sicher bin.

„Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“ (Joachim Ringelnatz)

Es gibt verschiedene Formen des Glücks. Diese Form gerade ist eine, die mich sprachlos macht. Ich möchte sagen: Zum Glück. Zum Glück hab ich diesen Blog zu schreiben begonnen. Zum Glück hab ich den Arzt damals nicht geheiratet. Zum Glück bin ich am Leben geblieben. Zum Glück.

Ein Tor geht irgendwo
draussen im Blütentreiben.
Der Abend horcht an den Scheiben. (…)
(Rilke)