Das bisschen rot tut nicht lange weh

Ich mag das Wort „Echolot“. Das Lied „Echolot“ von „Wir sind Helden“ höre ich gern wenn ich joggen gehe, am Zürichsee entlang – zur Roten Fabrik und wieder zurück. Dann schau ich auf das graue Wasser, fühle den Schnee unter meinen Füssen und mein Herz schlägt bis knapp zum Hals. Und in meinem Ohr das Lied:

Halt still
Das Bett ist ein Floss
Und ich will
Raus auf’s Meer komm schneid es
Los schau
Unter uns flüssiges Blei
Graue
Schatten ziehen träge vorbei

Sterne und Wasser
Und wir dazwischen
Komm, wir schwimmen
Mit den grossen Fischen

Ich seh dein Herz
Dein Echolot
Schlägt Wellen in die See
Ich seh dein Herz
Ich weiss wir gehen
Tiefer auf den Grund

Komm schau
Um uns tanzt glitzernder Staub
Wir
Sinken selig und taub
Stumm wartend und leise
Ziehen Schatten engere Kreise

Sterne und Wasser
Und wir dazwischen
Komm, wir schwimmen
Mit den grossen Fischen

Ich seh dein Herz
Dein Echolot
Schlägt Wellen in die See
Ich seh dein Herz
Das bisschen rot
Tut nicht lange weh
Ich seh dein Herz
Bleib noch nicht stehen
Ich häng an deinem Mund
Ich seh dein Herz
Ich weiss wir gehen
Tiefer auf den Grund

Izzie hat mich ja überredet am Silvesterlauf mitzumachen. Von der Strecke her und so kein Problem. Und trotzdem bin ich aufgeregt. Wir werden – auf meinen Wunsch hin – in der Kategorie „Happy Runners“ laufen. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob ich dann wirklich so „happy“ bin. Wir werden sehen…

Übrigens eine sehr interessante Woche – mal wieder. Am Dienstag war ich zusammen mit PMO im Casinotheater Winterthur das „Gipfeltreffen“ von  Jess Jochimsen und Andreas Thiel schauen. Hat mir sehr gefallen. Der Abend dauerte lang und hat grossen Spass gemacht. Am Mittwoch verbrachte ich zusammen mit Biene einen Abend mit unserem „Patenkind“ aus Afghanistan. Morteza (so heisst unser „Patenkind“) ist 17 Jahre alt und lebt in einem Asylantenheim im Thurgau. Da er keine Unterstützung von der Gemeinde bekommt (ich könnte mich zu Tode ärgern), haben wir uns ihm angenommen, bezahlen ihm einen Deutschkurs und schauen, dass er nicht auf die schiefe Bahn gerät. Er spricht schon wahnsinnig gut Deutsch und wir sind sehr, sehr stolz auf ihn. Was ich mich immer wieder frage: Wie kann man nur einen Minderjährigen in ein Heim stecken mit alles Erwachsenen und ihn dann sich selbst überlassen? Ich fasse es nicht… Morteza hat uns viele Geschichten aus seiner Heimat erzählt (wie er Steinigungen miterlebt hat, zum Beispiel) und wollte alles über die Schweiz wissen.

Manchmal braucht es nicht viel. Und das Bisschen hilft dann doch ne ganze Menge…

Noch nicht gefressen

Mal abgesehen davon, dass mich das Abstimmungsergebnis von gestern ziemlich ratlos und traurig macht, war dann der Sonntagabend ein sehr schöner. Ich war mit Häschen ins Casinotheater Winterthur und haben uns das neue Programm „Die Enden der Welt“ von Roger Willemsen angeschaut. Und wie immer war Roger fantastisch. Ich habe Tränen gelacht und mich köstlich amüsiert. Wirklich von Herzen schön war aber, dass Roger in der Bar plötzlich vor mir stand, mich anschaute, als wäre ich  nicht von dieser Welt – dabei hab ich die Welt gar nicht verlassen, wir haben uns lediglich zwei Jahre nicht mehr gesehen – und mich für Minuten in die Arme schloss. Ich mag die Umarmungen von Roger, er versteht etwas davon. Es gibt sie, die Menschen, die wissen, wie das mit dem Umarmen geht. Die sich nicht innerlich entfernen, wenn sie sich genötigt fühlen, jemanden in die Arme zu schliessen.

Am Samstagabend hatten wir Buchclub und bis Mitternacht eine sehr heftige und sehr gute Diskussion über „Der Vater“ von Strindberg. Danach tanzten wir noch in der zweiten Heimat. Morgens um 6 hab ich meinen Kopf auf den Küchentisch gelegt und bin im Sitzen eingeschlafen. Das Konzert von Isobel Campbell & Mark Lanegan am Freitag im Kaufleuten war eigentlich sehr schön. Leider hatte ich niemanden zum Küssen dabei und war zu müde, um mich wirklich einzulassen (oder jemanden zu suchen, der mich küsst).

Manchmal beginnt die Woche so, wie sie eben beginnt. Und der Schnee und die Zeit liegen klar vor einem. In etwa so:

Bei Gotte Miau

Jeder sollte ein Pferd in Frankreich haben.

Jeder sollte ein Pferd in Frankreich haben.

Ich hatte ein wunderschönes Wochenende. Zusammen mit Gotte Miau verbrachte ich zwei Tage in ihrem Haus in Frankreich. Und das war zauberhaft. Ich habe mich so richtig erholt, sehr fein gegessen, gute Gespräche geführt, ein neues Buch entdeckt: „Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon„. Dieses Buch gibt Einblicke in das japanische Hofleben des 11. Jahrhunderts und ist herrlich aktuell. Hier ein kleines Beispiel: „Es ist auch ernüchternd, wenn man jemanden sein Gedicht schickt, das man selber für wohlgelungen hält, und kein Antwortgedicht bekommt. Auf ein Liebesgedicht muss man nicht unbedingt antworten. Doch gehört es in diesem Fall zum guten Geschmack, ein unverfängliches Antwortgedicht über die Landschaften oder Jahreszeiten zu verfassen.“ Cool, oder?

Gestern Abend dann war ich noch in der zweiten Heimat und hab mit Badana über Gott und die Welt geredet. Also, in erster Linie über Gott und dann auch irgendwie über die Welt. Und das, weil wir einen Typen getroffen haben, der an Jesus glaubt. Die Kaulquappe war auch da und hat seltsame Sachen gesagt (irgendwas von „damals am Bürkliplatzfest“). Und dann hab ich endlich Mathis gefragt, ob er mir mal seine Geschichte erzählt und er hat – man höre und staune – ja gesagt. Morgens um halb eins dann strauchelten wir aus dem Klub und da ich – typisch – die letzte Tram verpasst hatte, suchte ich mir ein Taxi. Die Unterhaltung mit dem Taxifahrer war überraschenderweise eine sehr gute. Als wir wir am Ziel ankamen, haben wir noch gemeinsam eine Zigarette geraucht und geredet und geredet. Ich hab den Taxifahrer eine gefühlte Stunde zusammengeschissen, er solle gefälligst wieder studieren gehen und sein Leben nicht mit Zynismus vergeuden. Zum Schluss sagte er mir: „Du bist schuld, wenn ich morgen nicht mehr Taxi fahre.“

Wir fassen zusammen: Ein sehr erholsames, tolles, wunderschönes Wochenende. Habe viel gelernt, viel überwunden, viel verstanden. Und zum Schluss noch einen blinkenden Sonntagabend – ganz ohne „from Hell“.

Dilegua, o notte! Tramontate, stelle!

Heute Abend in meiner Küche. Ich warte auf ElfElf und auf Biene, freue mich auf einen Abend mit meinen Freundinnen. Gestern Abend war ich bei Gustavo in seinem verwunschenen Haus, habe einen Abend trinkend und rauchend in seiner Küche verbracht. Irgendwann haben wir uns ein Video angesehen, dass er in unseren Lenzerheide-Zeiten vor 9 Jahren gedreht hat. Ich hab das Video seit damals nicht mehr gesehen. Ich sass also da und starrte in den Bildschirm. Ich war fassungslos. Das da soll ich sein? Das kann ja wohl nicht sein, oder? Ich sehe da eine Frau – sehr kurze schwarze Haare – die mit glühenden Augen und Selbstverständlichkeit lacht und sich bewegt und redet und gestikuliert. Ich sehe Gustavo an und frage: „War ich wirklich so? So … so weiblich?“ Er antwortet mir lächelnd, ja, ich sei so gewesen und ganz nebenbei, ich sei noch immer so. Mir wurde vor Augen geführt, wie sich Fremdbild und Eigenbild voneinander unterscheiden. Und heute mit 9 Jahren Abstand sah ich mich und hatte plötzlich diese Fremdbild-Perspektive. Sehr, sehr faszinierend.

Ich höre gerade „Nessun Dorma“ von Puccini – ein wirklich schönes Stück – sowieso die ganze Oper – und denke über Erkenntnis nach. Darüber, dass viele Dinge verborgen bleiben, weil man nur gerade eine Zelle davon erfassen kann. Und ich möchte sagen – wie der Prinz Kalaf in seiner Arie: „Die Nacht entweiche, jeder Stern erbleiche! Jeder Stern erbleiche, damit der Tag ersteh und mit ihm mein Sieg.“ (Und vielleicht wird auch in meiner Geschichte ein Kuss das Schweigen brechen.)

Die Rückseite von allem

Neu gehöre ich ja wieder einer Lesegruppe an, über die ich nicht sprechen darf. Schreiben darf ich darüber und darum verrate ich hier, dass wir in dieser Lesegruppe, über die ich nicht spreche, „Der Vater“ von August Strindberg lesen. Bis jetzt gefällt es mir sehr gut!

Gestern Abend war ich in der Mars Bar zusammen mit Martin und Nina, beide aus Hamburg und mit M. und Luca aus Bologna. Sie haben ein bisschen Architekten-Talk gemacht und Martin (Physiker) und ich haben uns in den Giftschrank verzogen. War eine lustige Gruppe – die Deutschen (sehr pünktlich) und die Italiener (mit einer kleinen Verspätung von 60 Minuten) haben sich sehr gut verstanden. Mal abgesehen davon, dass es mir körperlich nicht gerade gut ging, ein sehr schöner Abend.

Manchmal kommt es mir vor, als wären die Strassen, durch die ich gehe, die Rückseite von allem. Oder um es mit Augustinus zu sagen: „Die Menschen reisen in fremde Länder und staunen über die Höhe der Berge, die Gewalt der Meereswellen, die Länge der Flüsse, die Weite des Ozeans, das Wandern der Sterne; aber gehen ohne Staunen aneinander vorüber.“

Trotzdem (oder: zum Trotz): Ich geniesse diese Zeit gerade sehr. Frei von Angst bin ich nicht, nein. Ich schliesse die Augen und bin sehr froh, dass ich hier bin. Und so hoffe ich, dass es mir nicht wie dem Polarforscher Robert F. Scott geht, der in seiner letzten Botschaft an die Nachwelt am 25. März 1912 folgende Zeilen eilig schrieb: „Wären wir am Leben geblieben, ich hätte eine Geschichte erzählen müssen von Kühnheit, Ausdauer und vom Mut meiner Gefährten, die das Herz jedes Briten gerührt hätte. Nun müssen diese hastigen Notizen und unsere toten Leiber davon berichten.“

Einem kaputten Kühlschrank nicht unähnlich

Da sagt man so Dinge leichtsinnig daher, zum Beispiel, dass man aufpassen sollte mit seinen Wünschen und dann das.

Die letzten Tage habe ich den „Lumpenroman“ von Roberto Bolaño gelesen. Fantastisch.

„Manchmal dachte ich, dass ich den Verstand verliere, dass das nicht normal sein könne, eine solche Helligkeit, aber im Grunde wusste ich, ich würde niemals den Verstand verlieren.“ (…) „Ich war nicht kopfscheu, im Gegenteil, eine seltsame Ruhe erfüllte mich, als wäre ich Monate oder Jahre gerannt und geflohen, bevor ich zu Macistes altem Haus in der Via Germanico kam , aber als hätte, kaum dass ich es betrat, kaum dass ich ihn nackt sah, weiss und riesig und einem kaputten Kühlschrank nicht unähnlich, alles angehalten (oder ich hätte jäh angehalten), und als geschähen die Dinge jetzt in einer anderen Geschwindigkeit, einer unmerklichen Geschwindigkeit, die der Ruhe gleichkam.“

Ich sag ja, fantastisch.

Am Samstag haben Badana und ich unser Theaterstücken aufgeführt und es ist gut gelaufen. Wir hatten Lampenfieber, das wir im Café Odeon mit Bier wegzuspühlen versuchten, was nur bedingt gelang. Nach der Aufführung hörte ich mir mit Suelo in „Dini Mueter“ das Konzert vom Kaleidoscope String Quartet an, was mich zurück auf den Boden holte.  Dort traf ich auf rzeng, den ich zu überreden versuchte, sich mit mir und Suelo in die Nacht zu stürzen. (Leider ohne Erfolg.) Danach – in der zweiten Heimat – lernten wir zwei Italiener aus Bologna kennen, die Suelo in eine politische Diskussion über die Zustände in Italien verwickelte, während ich das Blinzel-Spiel spielte. (Soviel zur Rollenverteilung.)

Und dann am Sontag… Ich zitiere dazu Bolaño:

„Besser man denkt über solche Dinge gar nicht nach. Sie geschehen, berühren uns, gehen vorbei oder kommen, berühren uns, hüllen uns ein, und das Beste ist immer nicht darüber nachzudenken. Aber ich dachte darüber nach, (…)“

Vormittagsgesten

Der König ist tot, lang lebe der König

Der König ist tot, lang lebe der König

Das war die traurigste Geste seit langem, die heute Morgen aus jeder Faser meines Körpers sprach. Da war der lange und unbewegte Blick, da waren meine Schultern, die zu meinem Kinn zeigten, da war mein Gang, der gleichmässig und langsam und zum Schluss dieses Nicken, das klein war aber eindringlich, dieses langgezogene Nicken, das Gesicht nicht ganz zugewandt. Ich habe schon lang keine so traurige Geste mehr durch meinen Körper gehen sehen. Und wie immer, wenn man abschliesst und dabei Abschied nimmt, fühle ich dieses Surren in mir, das von Sehnsucht spricht und von Langeweile. Zurück also in mein altes Leben? Nein. Man kehrt nie zurück. Man gleicht sich vielleicht an, man versucht den Himmel von Gestern zu erkennen, merkt aber bald, dass das Licht verändert, dass die Strassen ein bisschen mehr nach Links geneigt – im Grunde ist heute alles anders. Richtiger wäre: Zurück also in eine ungewisse Zukunft? Denn das ist sie, ungewiss. Wenn man ein paar Stunden, Tage vielleicht, die Hoffnung hatte, Heimat zu finden, dann ist das Ungewisse kälter und irgendwie auch schmerzlicher. Nun brauche ich ein paar Tage, um mich zurückzugewinnen. Die Lust und die Vorfreude und das kindliche Vergnügen, wenn ich an das Ungewisse der Zukunft denke. Und dann – noch ein paar Tage später – gewinne ich wohl auch die Hoffnung zurück, dass es ein Gegenüber gibt, das das Spiel versteht, das sich ausdrücken kann. Ein Gegenüber, das nicht von mir verlangt, langgezogene Gesten zu machen, um abzuschliessen, das meine Fähigkeiten Distanz zu fühlen nicht beanspruchen muss. Weil: Ja, ich kann es gut. Ich kann es sogar zu gut. Ich bin Profi darin und jedem, dem meine Fähigkeiten willkommen sind, weil er selbst in diesem Bereich unzureichend oder aber sogar schwach, möchte ich verfluchen, denn es langweilt mich. Es langweilt mich so sehr, dass ich daran denke Aquarelle zu malen oder Pferde zu züchten. Ich wünsche mir (und ich weiss, dass man vorsichtig sein soll mit seinen Wünschen), dass da jemand ist, der Offenheit besitzt, der sein Herz offen trägt und mit Klarheit auf Ungewissheit reagiert. Und in dieser ganzen Offenheit und Klarheit auch das Spiel versteht, der Neugierde nicht abgeneigt ist. Ich suche den König in dieser Disziplin und mühe mich derweil mit Schachspiel-Bauern ab. Mir ist bewusst, dass es diesen König vielleicht gar nicht gibt oder wenn doch, dass er gerade in einem andern Spiel verpflichtet.

Im eigentlichen Spiel – diese Königsdisziplin – geht es nämlich in keiner Weise um Nähe und Distanz. (Die Bauern glauben immer, es gehe um das Spiel von Nähe und Distanz.) In einem richtigen Spiel, eins, das beide gewinnen können, ist die Grundlage ultimative Nähe. Diese Form von Nähe, die in unseren Breitengraden fast ausgestorben, die Nähe, die wir aus Büchern kennen und sie für unwirklich halten. Die nichts-kommt-zwischen-uns-Nähe, die alle-für-einen-und-einer-für-alle-Nähe, diese unumstössliche Nähe, die keine Distanz zulässt. Und mit dieser Grundlage, die sozusagen das Spielbrett darstellt, lässt es sich in ungeahnte Räume vordringen und jeder ist sicher. Denn ein Spiel (und darum heisst es „Spiel“ und nicht „Krieg“) muss Spass machen und darf niemanden verletzen. Die Bauern aber spielen unermüdlich das Nähe-Distanz-Spiel (oder muss ich sagen: den Nähe-Distanz-Krieg?), metzeln links und rechts Mitspieler runter und lachen fürchterlich, wenn literweise Blut fliesst und glauben, sie hätten damit etwas gewonnen. Was bleibt ist ein Schlachtfeld und Menschen zurück, die dank diesen Verletzungen (die sie ja nicht mal zeigen dürfen, denn es war ja nur ein „Spiel“) noch viel weniger Nähe aufbauen können, als am Anfang ihres Lebens. Und diese blutenden Mitspieler werden zu Bauern und sie sinnen auf Rache und die nächsten „Spiele“ gewinnen sie, denn sie sind ja nicht blöd und so weiter und so fort.

So hoffe ich, dass mir in meiner Zeit, die auf Erden mir gegeben ist, ein König begegnet, der begriffen hat, dass Gewalt nichts in einem Spiel zu suchen hat, der mit mir die gefährlichsten Abenteuer erlebt, deren Gefahr aber von aussen und nie von innen kommt.

Der König ist tot, lang lebe der König.

Das Problem mit der Bodenhaftung

Das Problem, wenn man so wie ich zurzeit keine oder nur wenig Bodenhaftung zulässt, ist ja, dass man – während man über den Dingen schwebt und auf alles herabschaut – gewisse Sachen nicht so ernst nimmt, wie man sie sollte. Es könnten die Umstände – wie zum Beispiel Alter und Erfahrung – sein, die mich im Moment dazu bringen, den Versuch zu unternehmen, wie ein störrischer Hund rückwärtszerrend aus dem Leinenhalsband rauszukommen. Was erstens erbärmlich aussieht und zweitens wohl auch eher selten gelingt. Und montags schrammt man dann ein bisschen am Boden entlang, zieht sich hässliche Schürfwunden zu und entscheidet sich, schleunigst wieder an Höhe zu gewinnen. Das Problem ist nur, dass einem, wenn man über den Dingen schwebt, zwar die schlimmen, hässlichen Begebenheiten nicht berühren, die Schönen leider aber auch nicht. Und dann kann es sein, dass man vor etwas sehr, sehr Gutem steht und sich verhält wie der letzte Vollidiot. Halt wie jemand, der mit einem kalten Herzen durch die Welt zieht und durch nichts und wieder nichts berührt wird. Und im Nachhinein, wenn es einem dämmert, könnte man sich echt eine runterhauen. Leider nützt auch das wenig. So hoffe ich, dass mir das Glück hold ist und ich eine zweite Chance bekomme.

„Die Chance klopft öfter an als man meint, aber meistens ist niemand zu Hause.“ (Will Rogers)

Und heute mal aus der männlichen Perspektive

Sonntag. Schöner, geliebter Sonntag. Und dann erst noch ein Sonntag, wo man eine Stunde geschenkt bekommen hat. Ich arbeite an einem Theaterstückchen, das ich zusammen mit Badana schreibe. Hab grad einen inneren Monolog eines Mannes geschrieben, der völlig verloren einer Frau gegenübersitzt, die er keine Stunde kennt. Er fühlt sich unwohl in der Situation und weiss nicht, was er will, weiss nicht, was sie von ihm will. Das ist eine Situation, die wohl alle irgendwie kennen und wenn man so Texte schreibt, dann greift man natürlich auf Begebenheiten im eigenen Leben zurück, vermischt diese, ordnet sie neu an. Die Perspektive des Mannes ist für mich nicht ganz einfach, mir passiert ja eher, dass ich in der Perspektive der Frau gefangen bin. Ich schreibe also so Sätze:

Was hat sie denn? Hab ich was Falsches gesagt? Was will sie hören? Ich red halt über so Sachen nicht. Dass ich hier bin, bedeutet ja was. Aber was genau, weiss ich eben einfach noch nicht. Muss ich es denn wissen? Wer will schon wie ein Idiot sterben? Niemand. Jeder redet und versteht etwas anderes darunter. Die einen sagen „Ich mag Dich“ und meinen „Ich liebe dich“ und die anderen sprechen von Liebe und meinen damit Sympathie. Sie sagt zum Beispiel „granatrot“ und ich verstehe „grün“. Ich könnte jetzt ihre Hand halten, ich könnte aber auch aufstehen und gehen. Es kommt aufs Grosse an, passieren tut es aber im Kleinen. Ich hab es nicht so mit dem Kleinen. Die Feinheiten gehen mir ab und sie ist viel zu empfindlich. Hab ich was Falsches gesagt? Was will sie hören? Was soll ich denn noch sagen? Ich bin ja schliesslich hier und nur das zählt.

Und während ich schreibe, frage ich mich, ob diese Sätze männlich sind, ob sie männlich klingen, denn ich bin kein Mann und hab keine Ahnung, was in Männern so vorgeht, ob sie hart denken und fühlen oder vielleicht weich oder beides und ob vielleicht die Gedanken eines Mannes gar nicht so anders sind, wie die einer Frau.

Gestern war ich mit Chérie am Konzert von Schnuuz. Chérie und Schnuuz kenne ich seit meiner Lehre, also schon ne Weile und es war ausgesprochen schön wieder mal einen Abend mit den beiden zu verbringen. Irgendwann stand ich draussen mit einem Freund von Schnuuz, der dann eine auffordernde Bewegung mit seinem Kinn machte und sagte: „Komm, lass uns um die Ecke gehen, ein bisschen rummachen.“ Ich musste sehr lachen, denn es klang so, als wären wir 13 oder vielleicht 16. Und dann hab ich mich gefragt, ob das der Ton ist, der meine fiktive Figur vielleicht haben sollte. Dieser auffordernde Shir Khan-Kinn-Ton, der einerseits unglaublich unromantisch oder sogar unhöflich ist und doch irgendwie lustig, weil er mit grosser Offenheit gefärbt. Ich bin dann aber wieder davon abgekommen, denn meine Figur in diesem Stück ist einbisschen weniger von sich überzeugt, hat mehr Narben. Diese Entscheidung macht es nun nicht gerade einfacher, denn ich möchte ja nicht, dass er wie ich klingt.

Mistral

In Südfrankreich wird erzählt, dass Menschen, die einen Mord begehen während der Mistral weht, Strafmilderung erhalten, weil der Mistral – dieser warme und fiese Wind – verrückt macht. Gestern war ich an einem Kundenanlass im Rheintal und der Föhn – dieser warme und tückische Wind – hat geweht und wir sassen draussen auf einer Bank im Garten dieser Villa und die Stimmung war beängstigend und wunderschön. Es war sowieso ein sehr samtiger und überraschender Abend. Und zum Schluss sassen wir in einer Bar – Hagi, Zweigelt und ich – und wir tranken Irgendwas mit Cola. Es gibt sie, diese Abende, wo die Menschen, die aufeinander treffen, offen sind und wohlwollend und die Stimmung von Vertrauen geprägt. (Wer weiss, ob es am Föhn lag, diesem warmen und tückischen Wind.) Solche Abende sind die Essenz, solche Abende haben Kraft und lassen an Schönheit glauben. Kleine Wundertage – Spacedays. Als der Föhn bliess und die Herbstblätter durcheinanderwirbelten, kam mir das Gedicht in den Sinn, dass ich vor einiger Zeit geschrieben habe:

Eselzungenzart erscheinst du mir in Träumen,
hast alles gefressen und ich
wisch weg den Wind in den Bäumen,
der säuselt und streicht und spricht,
hast alles und alles gefressen,
mich gefressen hast du nicht.

Und heute Abend also ein Abend mit Chérie – endlich mal wieder, nach langer Zeit. Ich freue mich darauf.
Auf die Frage, wie es mir geht, würde ich heute so antworten, wie ich im Geschäft immer antworte: Es geht mir gut, ja, es geht mir gut. Ich bin glücklich, kann wirklich nicht klagen, nein, kann ich nicht.

PS: Erst wenn der erste Schnee fällt, montiert man Winterreifen.